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Neue

Abhandlungen

über

den menschlichen Verstand

von

G. W. v. Leibniz.

Ins Deutsche übersetzt, mit Einleitung, Lebensbeschreibung des Verfassers und erläuternden Anmerkungen versehen

von

CL Scliaarsch m i cLt-

Berlin, 1873.

L. Heimann's Verlag.

(Erich Koschny.)

4

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Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand.

Vorrede.

Da die von einem berühmten Engländer1) veröffentlichte Abhandlung über den menschlichen Verstand2) eines der schönsten und geschätztesten Werke unserer Zeit ist, so habe ich mich entschlossen, Bemerkungen dazu zu machen, weil ich, nach langem Nachdenken über denselben Gegen- stand und den grössten Theil der davon berührten Mate- rien, dies für eine gute Gelegenheit halte, darüber Etwas unter dem Titel „Neue Abhandlungen über den Verstand" erscheinen zu lassen und meinen Gedanken eine günsti- gere Aufnahme zu verschaffen, indem ich sie in so gute Gesellschaft bringe. Auch glaubte ich die Arbeit eines Andern dazu gebrauchen zu dürfen, (um nicht nur die meinige zu verringern, sondern um auch dem, was er ge- geben hat, Etwas hinzuzufügen. Es ist das leichter, als von vorn anzufangen und ganz von Neuem zu arbeiten.

Allerdings bin ich oft ganz anderer Ansicht als er; aber weit entfernt, das Verdienst jenes berühmten Schrift- stellers darum in Abrede zu steilen, lasse ich ihm viel- mehr Gerechtigkeit widerfahren, indem ich angebe, worin und warum ich mich von seiner Meinung entferne, wann ich es zu verhüten für nothwendig halte, dass sein An- sehen in einigen wesentlichen Punkten der Sache selbst Abbruch thue. Obgleich der Verfasser der Abhandlung ausserordentlich viel Gutes beibringt, dem ich beistimme, so sind doch in der That unsere Systeme bedeutend von einander verschieden. Das seinige hat mehr Verwandt- schaft mit Aristoteles, und das meinige mit Plato3), ob- wohl wir uns in vielen Stücken alle Beide von der Lehre dieser zwei Alten entfernen. Er ist allgemein verständ- licher, und ich für meinen Theil bin mitunter gezwungen,

8 « Vorrede.

ein wenig mehr akroamatisch4) und abstract zu sein, was für mich, zumal ich in einer lebenden Sprache schreibe, kein Vortheil ist. Indessen glaube ich dadurch, dass ich zwei Personen redend einführe, wovon die eine die aus der Abhandlung unseres Verfassers gezogenen Ansichten vorträgt, die andere meine Bemerkungen hinzufügt, die Parallele dem Leser gefälliger zu machen, als es ganz trockene Bemerkungen thun würden, deren Leetüre in jedem Augenblick durch die Notwendigkeit unterbrochen sein würde, auf sein Buch zurückzugehen, um das meinige zu verstehen. Es wird jedoch gut sein, mitunter unsere Schriften noch zu vergleichen und seine Ansichten nur aus seinem eigenen Werke zu beurtheilen, obgleich ich in der Regel dessen Ausdrücke beibehalten habe. Allerdings hat der durch den fremden Vortrag auferlegte Zwang, dass man mit seinen Bemerkungen dem Faden Jenes fol- gen muss, bewirkt, dass ich das Anmuthige des dialo- gischen Vortrags zu treffen nicht erwarten durfte, aber ich hoffe, dass der Inhalt selbst das Mangelhafte der Form gut machen wird.

Die Verschiedenheit unserer Ansichten betrifft gar wichtige Gegenstände. Es handelt sich darum, zu wissen, ob uach Aristoteles5) und dem Verfasser der Abhandlung die Seele an und für sich ganz leer ist, wie eine noch unbeschriebene Schreibtafel (tabula rasaj, und ob Alles, was darauf verzeichnet ist, einzig von den SiDnen und der Er- fahrung herrührt, Oder ob die Seele ursprünglich die Principien mehrerer Begriffe und Lehren, welche die äussern Gegenstände nur gelegentlich in ihr wecken, in sich enthält, wie ich es mit Plato und selbst mit der Schul- philosophie6) und mit allen Denen glaube, welche in dieser Bedeutung die Stelle des h. Paulus (Br. a. d. Rom. C. 2. v. 15) nehmen, worin er bemerkt, dass das Gesetz Gottes in die Herzen geschrieben sei. Die Stoiker nannten diese Principien Gemeinbegriffe (notiones communes, TTpoXr^eis) 7) d. h. Grundaunahmen oder das, was man von vom herein als zugestanden setzt Die Mathematiker nennen sie auch Gemeinbegriffe (notienes cemmunes, xoivàç èwoia?). Die neue- ren Philosophen geben ihnen andere schöne Namen, und Julius Scaliger insbesondere nannte sie semina aelemitaiis (Samenkörner der Ewigkeit), ebenso Zopyra, als ob er sagen wollte: lebendiges Feuer, leuchtende, in unserm

Vorrede. 9

Innern verborgene Züge, welche die Begegnung der Sinne mit den äussern Gegenständen gleich den aus einem Ge- wehr durch das Losdrücken springenden Funken hervor- bringt; und nicht ohne Grund glaubt man, dass diese Geistesblitze etwas Göttliches und Ewiges zu bedeuten haben, welches vor Allem in den nothwendigen Wahr- heiten8) erscheint. Daraus entsteht eine andere Frage, ob nämlich alle "Wahrheiten von der Erfahrung, d. h. von der Induction und den Beispielen abhangen, oder ob es deren giebt, welche noch einen andern Grund haben. Denn wenn manche Ereignisse ohne jede damit gemachte Probe vorher gesehen werden können, so ist offenbar, dass wir Etwas von unserer Seite dazu beitragen. Die Sinne mögen zwar für alle unsere thatsächlichen Erkenntnisse nothwen- dig sein, sind aber doch nicht ausreichend, um sie uns alle zu gewähren, weil sie, die Sinne, stets nur Beispiele, d. h. besondere oder individuelle Wahrheiten geben. Nun genügen aber alle Beispiele, die eine allgemeine Wahrheit bestätigen, mögen sie noch so zahlreich sein, nicht, um die allgemeine Notwendigkeit eben dieser Wahrheit darzuthun, denn es folgt nicht, dass das, was geschehen ist, immer ebenso geschehen werde. Die Griechen und Römer und alle übrigen Völker haben z. B. von jeher bemerkt, dass vor Ablauf von 24 Stunden der Tag sich in Nacht und die Nacht in Tag wandle. Man würde sich aber sehr geirrt haben, wenn man geglaubt hätte, dass dieselbe Regel überall zutrifft, da beim Besuch von Nova Zembla das Gegentheil bemerkt worden ist. Und auch derjenige würde sich sehr täuschen, der da glauben wollte, dass dies wenigstens in unserer Zone eine nothwendige und ewige Wahrheit sei, da man annehmen muss, dass die Erde und selbst die Sonne nicht nothwendig existiren, und vielleicht einmal eine Zeit kommt, wo dies schöne Gestirn mit seinem ganzen System, wenigstens in seiner gegen- wärtigen Gestalt, nicht mehr sein wird. Daraus erhellt, lass die nothwendigen Wahrheiten, wie man solche in 1er reinen Mathematik, besonders in der Arithmetik und in der Geometrie findet, auf Grundsätzen ruhen mssen, deren Beweis nicht von den Beispielen und folg- lich auch nicht vom Zeugniss der Sinne abhängt, obgleich îan ohne die Sinne niemals darauf gekommen sein würde, laran zu denken. Dies muss man also sorgfältig unter-

10 Vorrede.

scheiden; und das hat denn auch Euclid sehr wohl be- griffen, indem er das, was man durch die Erfahrung und die sinnlichen Bilder hinlänglich erkennen kann, aus der Vernunft beweist. Auch die Logik mit der Meta- physik und der Moral, wovon die erstere die natürliche Theologie, die andere die natürliche Rechtswissenschaft bildet, sind voll solcher Wahrheiten, und folglich kann deren Beweis nur aus inneren Grundsätzen, welche man angeboren nennt, stammen9). Allerdings darf man sich nicht einbilden, dass man diese ewigen Vernunftgesetze wie in einem offenen Buche lesen könne, so wie das Edict des Prätors sich ohne Mühe und Untersuchung aus sei- nem Album lesen lässt, aber es reicht hin, dass man sie mit Hülfe der Aufmerksamkeit in uns entdecken kann, wozu die Sinne die Gelegenheiten bieten. Das Resultat der Erfahrungen dient der Vernunft zur Bestätigung, un- gefähr so, wie die Proben in der Arithmetik dazu dienen, Rechnungsfehler besser zu vermeiden, wenn die Berech- nung lang ist.

Eben hierin unterscheiden sich denn auch die Er- kenntnisse der Menschen von denen der Thiere. Die Thiere sind blos auf die Erfahrung angewiesen und richten sich nur nach Beispielen ; denn soviel sich urtheilen lässt, kom- men sie niemals dahin, nothwendige Sätze zu bilden, wäh- rend die Menschen zu demonstrativen Wissenschaften fähig sind. Das Vermögen der Thiere, Folgerungen zu ziehen, ist etwas der den Menschen innewohnenden Vernunft nicht Ebenbürtiges. Die Folgerungen, welche die Thiere machen, sind gleichsam nur die einfacher Empiriker, welche behaupten, dass das, was einige Male geschehen ist, noch einmal geschehen werde, wo das ihnen Auffällige wieder- kehrt, ohne dass sie dabei beurtheilen können, ob wieder dieselben Ursachen obwalten 10). Das ist der Grund, warum es den Menschen so leicht ist, Thiere zu fangen, und warum es den einfachen Empirikern so leicht ist, Fehler zu machen. Selbst durch Alter und Erfahrung gewiegte Leute sind davon nicht frei, wenn sie- sich zu sehr auf ihre Erfahrung verlassen, wie dies Manchen in bürgerlichen und kriegerischen Dingen vorgekom- men ist. Man zieht alsdann nicht genug in Erwägung, dass die Welt sich ändert und die Menschen ge- schickter werden, indem sie tausend neue Kunstgriffe

Vorrede. 1 1

erfinden, während die Hirsche und Hasen der Gegenwart nicht schlauer sind, als die der Vergangenheit. Die Fol- gerungen der Thiere §ind nur ein Schatten von Vernunft- schlüssen, nämlich nur eine Verknüpfung in der Phantasie und der Uebergang von einem Bilde zum andern, indem sie bei einem neuen Falle, der dem vorhergehenden ähnlich scheint, wieder das erwarten, was sie vorhin damit ver- bunden gefunden haben, gleich als ob die Dinge in der Wirklichkeit mit einander verbunden wären, weil ihre Phantasiebilder es im Gedächtniss sind. Allerdings lässt uns die Vernunft erwarten, dass das, was einer langen Erfahrung der Vergangenheit entspricht, in der Regel zu- künftig wieder geschehe, aber dies ist darum doch keine noth wendige und untrügliche Wahrheit, und das Resultat kann ausbleiben, wo man es am wenigsten erwartet, wenn nämlich die Ursachen, welche es zu Tage gebracht haben, wechseln. Aus diesem Grunde verlassen sich die klügsten Leute nicht allzusehr darauf und suchen vielmehr wo möglich zur Ursache der Thatsache vorzudringen, um zu beurth eilen, wann man Ausnahmen machen muss. Denn die Vernunft allein ist im Stande, sichere Regeln aufzustellen und, was den als unsicher erfundenen fehlt, durch Beobachtung der Ausnahmen zu ergänzen, sowie endlich, gewisse Gedankenverbindungen von der Stärke nothwendiger Folgerungen zu finden, wodurch sie häufig das Mittel erhält, ein Ereigniss vorherzusehen, ohne über die sinnlichen Verbindungen der Bilder Versuche anstellen zu müssen, worauf die Thiere angewiesen sind. Dergestalt dient das, was die inneren Grundsätze der nothwendigen Wahrheiten rechtfertigt, auch zur Unterscheidung des Menschen vom Thiere.

Vielleicht möchte sich unser gelehrter Verfasser von meiner Ansicht nicht ganz entfernen. Denn nachdem er sein ganzes erstes Buch darauf verwendet hat, die ange- borenen Erkenntnisse, sofern man sie in einem gewissen Sinne nimmt, zu verwerfen, gesteht er gleichwohl zu An- fang des zweiten und in der Folge, dass diejenigen Vor- stellungen, welche nicht in der sinnlichen Empfindung ihren Ursprung haben, aus der Reflexion stammen. Nun ist aber die Reflexion nichts Anderes als die Aufmerk- samkeit auf das, was in uns vorgeht; die Sinne aber ge- währen uns das nicht, was wir schon bei uns haben. Ist

12 Vorrede.

dies so, kann man dann leugnen, dass es in unserem Geiste viel Angeborenes gebe, da wir so zu sagen uns selbst angeboren sind? Und dass es in uns giebt: Sein, Einheit, Substanz, Dauer, Veränderung, Thätigkeit, Wahr- nehmung, Vergnügen und tausend andere Gegenstände unserer intellectuellen n) Vorstellungen? Da eben diese Gegenstände unmittelbare und unserm Verstände stets gegenwärtige sind (obgleich wir uns wegen unserer Zer- streuungen und Bedürfnisse ihrer nicht immer bewusst sind), so kann man sich nicht wundern, wenn wir sagten, dass diese Vorstellungen mit Allem, was davon abhängt, uns angeboren sind. Ich habe mich auch der Vergleichung mit einem Stücke Marmor, das Adern hat, lieber bedient, als der mit einem ganz einartigen Marmorstücke oder einer leeren Tafel, nämlich einer solchen, welche bei den Philosophen tabula rasa heisst; denn wenn die Seele dieser leeren Tafel gliche, so würden die Wahrheiten in uns ent- halten sein, wie die Figur des Hercules im Marmor, wenn der Marmor vollständig gleichgültig dagegen ist, diese oder irgend eine andere Gestalt zu erhalten. Gäbe es aber in dem Stein Adern, welche die Gestalt des Hercules eher als andere Gestalten anzeigten, so würde dieser Stein dazu mehr angelegt sein, und Hercules wäre ihm in gewissem Sinne wie angeboren, wenn auch Arbeit nöthig wäre, um diese Adern zu entdecken und sie durch die Politur zu säubern, indem man Alles entfernt, was sie zu erscheinen hindert. In dieser Weise sind uns die Vorstellungen und Wahrheiten als Neigungen, Anlagen, Fertigkeiten oder natürliche Kräfte angeboren, nicht aber als Thätigkeiten, obgleich diese Kräfte immer von gewissen, oft unmerk- lichen Thätigkeiten, welche ihnen entsprechen, begleitet sind. —

Unser gelehrter Verfasser scheint zu behaupten, dass es in uns nichts Potentielles12) gebe und sogar nichts, dessen wir uns nicht immer thatsächlich bewusst seien. Aber er kann dies nicht ganz streng nehmen, sonst würde seine Ansicht zu paradox sein, da wir auch die erworbenen Fertigkeiten und Gedächtnissvorräthe, obgleich wir uns ihrer nicht immer bewusst sind, und sie uns nicht ein- mal immer nach Bedürf'iiss zu Hülfe kommen, häufig doch mit leichter Mühe bei irgend einer kleinen Gelegenheit, die uns dann erinnert, in den Geist zurückrufen, wie

Vorrede. 13

man z. B. nur den Anfang eines Liedes, um sich des Uebrigen wiederzuerinnern, nöthig hat. Auch schränkt er an andern Stellen seinen Satz durch die Bemerkung ein, es gebe in uns nichts, dessen wir uns zum wenigsten nicht früher bewusst gewesen wären. Ausserdem aber, dass Niemand durch die blosse Vernunft bestimmen kann, bis wie weit unsere ehemaligen Bewusstseinsacte, die wir möglicherweise vergessen haben, sich erstreckt haben mögen, — zumal wenn man der Wiedererinnerungstheorie der Platoniker 13) folgt, welche, so fabelhaft sie auch sein mag, mit der Vernunft, an und für sich genommen, nicht im Widerspruch steht, — ausser dem, sage ich, warum müssen wir denn Alles durch die Auffassungen äusserer Dinge und warum können wir Nichts in uns selbst innerlich entdeckt haben? Ist denn unsere Seele allein so leer, dass sie ohne die von aussen entlehnten Bilder nichts ist? Das ist doch sicherlich eine Ansicht, welche unser scharfsinniger Verfasser nicht billigen kann. Und wo kann man eine Tafel finden, die nicht in sich irgend eine Unebenheit bietet? Kann man jemals eine vollkommen einartige und gleich massige Fläche sehen? Warum sollten wir uns also nicht auch einige Gegenstände des Denkens aus unserm eigenen Grunde verschaffen kön- nen, wenn wir darin nachsuchen wollten? Im Grunde ge- nommen ist also, wie ich zu glauben geneigt bin, seine Ansicht über diesen Punkt von der meinigen oder viel- mehr von der allgemeinen Ansicht nicht verschieden, so- fern er zwei Quellen unserer Erkenntnisse annimmt, die Sinne und die Reflexion. 14)

Ich weiss nicht, ob es so leicht sein wird, jenen Autor mit uns und mit den Cartesianern in Ueberein- stimmung zu bringen, wenn er annimmt, dass der Geist nicht immer denke, und besonders, dass er ohne sinn- liche Empfindung sei, wenn man ohne Träume zu haben schläft. Er sagt, da die Körper ohne Bewegung sein können, könnten die Seelen ebenso gut ohne Denken sein. Aber da antworte ich ein Wenig anders, als gewöhnlich geschieht. Ich nehme nämlich an, dass eine Substanz von Natur nicht ohne Thätigkeit sein kann, und dass es selbst niemals einen Körper ohne Bewegung giebt. Schon die Erfahrung unterstützt mich, und man braucht nur das Buch des berühmten Herrn Boyle gegen die absolute

14 Vorrede.

Ruhe 15) zu Rathe zu ziehen, um sich davon zu überzeu- gen. Aber ich glaube auch, dass die Vernunft dafür ist. Und dies ist einer der Gründe, warum ich die Atome ver- werfe.16) Uebrigens giebt es gar viele Anzeichen, aus denen wir schliessen müssen, dass es in jedem Augen- blicke in unserm Innern eine unendliche Menge von Wahr- nehmungen, jedoch ohne Bewusstsein und Reflexion, d.h. Veränderungen in der Seele selbst giebt, deren wir uns nicht bewusst werden, weil diese Eindrücke entweder zu unbedeutend und zu zahlreich oder zu einförmig sind, so dass sie nichts besonders Unterscheidendes an sich haben, jedoch mit andern verbunden darum ihre Wirkung dennoch nicht verfehlen und in ihrer Gesammtheit wenigstens auf verworrene Weise empfunden werden. So bewirkt die Gewohnheit, dass wir auf die Bewegung einer Mühle oder eines Wasserfalles nicht Acht geben, wenn wir seit einiger Zeit ganz nahe dabei gewohnt haben. Dies geschieht nicht, weil jene Bewegung nicht immer unsere Sinnes- werkzeuge träfe und sich nicht auch in der Seele Etwas zutrüge, das vermöge der Harmonie der Seele und des Körpers dem entspricht, sondern die auf die Seele und den Körper geschehenden Eindrücke, wenn sie den Reiz der Neuheit verloren haben, sind nicht stark genug, um unsere Aufmerksamkeit und unser Gedächtniss, die sich nur mit fesselnderen Gegenständen befassen, auf sich zu ziehen. Jedwede Aufmerksamkeit verlangt Gedächtniss; und wenn wir, so zu sagen, nicht darauf hingewiesen werden, auf einige unserer eigenen Wahrnehmungen zu achten, so lassen wir sie ohne Reflexion und selbst ohne sie zu be- merken, vorübergehen; wenn uns jedoch Jemand sofort darauf hinweist und uns z. B. auf irgend einen Lärm auf- merksam macht, der sich gerade hören liess , so erinnern wir uns daran und sind uns bewusst, davon soeben eine Empfindung gehabt zu haben. Also waren es Wahrneh- mungen, deren wir uns nur nicht gleich bewusst waren, indem das Bewusstsein nur in diesem Falle des Hinge- wiesenwerdens, nach einer sei es auch noch so winzigen Zwischenzeit, uns kommt. Um die geringfügigen Wahr- nehmungen, die wir in der Menge nicht unterscheiden können, noch besser zu fassen, bediene ich mich gewöhn- lich des Beispiels vom Getöse oder Geräusch des Meeres, welches man vom Ufer aus vernimmt. Um dieses Geräusch,

Vorrede. 15

wie thatsächlich geschieht, zu hören, muss man sicherlich die dieses Ganze bildenden Theile, d. h. das Geräusch einer jeden Welle hören, obgleich jedes dieser geringen Geräusche nur in der verworrenen Gemeinschaft mit allen übrigen zusammen erkannt werden kann, und man es nicht bemerken würde, wenn die es verursachende Welle die einzige wäre. Denn man muss von der Bewegung dieser Welle ein wenig afficirt worden sein und von jedem dieser Geräusche, mögen sie auch noch so gering sein, einige Wahrnehmung haben, sonst würde man nicht die von hunderttausend Wellen haben, da hunderttausend Nichtse auch nichts wirken können. Uebrigens schläft man nie- mals so fest, dass man nicht irgend eine schwache und verworrene Empfindung hätte, und würde niemals durch das stärkste Geräusch der Welt erweckt werden, wenn man nicht eine gewisse Wahrnehmung seines Anfangs hätte, der freilich geringfügig ist; wie man auch niemals durch die grösstmögliche Anstrengung eine Schnur zer- reissen würde, wenn man sie nicht durch geringere An- strengungen ein wenig gespännt und verlängert hätte, mag auch diese kleine ins Werk gesetzte Spannung un- merklich sein.

Solche geringe Wahrnehmungen sind also von mehr Wirksamkeit, als man denken mag. Sie sind es, welche dies wunderbare Etwas, diese Geschmacksempfindungen, diese Bilder der sinnlichen Qualitäten erzeugen, die in ihrem Zusammensein klar, jedoch ihren einzelnen Theilen nach verworren17) sind, diese Eindrücke, welche die uns umgebenden Körper auf uns machen und die Unendliches in sich schliessen, diese Verknüpfung, welche jedes Wesen mit dem übrigen Universum hat. Man kann sogar sagen, dass in Folge dieser geringen Wahrnehmungen die Gegen- wart der Zukunft voll und mit der Vergangenheit erfüllt, dass Alles miteinander in Harmonie ist (öujxrcvota racvxa — wie Hippokrates sagte),18) und dass so durchdringende Augen, wie die Gottes, in der geringsten Substanz die ganze Reihenfolge der Begebenheiten des Universums: was ist, was war, und was die Zukunft bringt, lesen können. Diese unmerklichen Vorstellungen be- zeichnen auch und bilden das nämliche durch diejenigen Spuren bestimmte Individuum, die sie von den vergan- genen Zuständen desselben Individuums aufbewahren,

16 Vorrede.

indem sie die Verbindung mit seinem gegenwärtigen Zu- stand herstellen; sie können auch durch einen höheren Geist erkannt werden, selbst weDu dies Individuum sie nicht bemerkte, nämlich wenn die ausdrückliche Erinne- rung an sie nicht mehr da wäre. Sie geben sogar das Mittel ab, durch periodische Entwicklungen, die einmal eintreten können, im Nothfall das Andenken wieder zu finden. Dies ist der Grund, weshalb der Tod ein blosser Schlaf sein kann und nicht einmal ein solcher bleiben wird, indem die Wahrnehmungen nur hinlänglich 19) deut- lich zu sein aufhören und in einen Zustand der Ver- worrenheit bei den organisirten "Wesen gerathen, der das Bewusstsein zwar für eine Weile aufhebt, aber nicht immer dauern kann.

Durch die unmerklichen Wahrnehmungen erläutere ich auch jene wunderbare vorherbestimmte Harmonie der Seele und des Körpers und selbst aller Monaden oder einfachen Substanzen, die an die Stelle des unhaltbaren gegenseitigen Einflusses tritt. Diese erhöht nach dem Urtheil des Verfassers des trefflichsten Wörterbuches die Grösse der göttlichen Vollkommenheit weit über das hin- aus, was man je davon begriffen hat. 20) Ich muss dem noch hinzufügen, dass diese schwachen Wahrnehmungen es sind, die uns bei vielen Vorfällen, ohne dass man daran denkt, bestimmen und den grossen Haufen durch den Schein einer Gleichgewichtsindifferenz täuschen, wie wenn es uns beispielsweise gleichgültig wäre, ob wir uns zur Rechten oder zur Linken wenden. Es ist nicht nöthig, hier noch bemerklich zu machen, wie in dem Buch selbst ge- schehen ist, dass sie jene Unruhe verursachen, die, wie ich zeige, doch in Etwas besteht, vom Schmerz sich nur wie das Kleine vom Grossen unterscheidet und gleich- wohl oft unser Verlangen und selbst unser Vergnügen ausmacht, indem sie ihm gleichsam ein Salz als Reiz- mittel giebt. Eben diese unmerklichen Theile unserer sinn- lichen Wahrnehmungen sind es, welche die Vorstellungen der Farben, Wärmegrade und anderer sinnlichen Eigen- schaften mit den entsprechenden Bewegungen in den Körpern in Verbindung setzen, während die Cartesianer mit unserm Autor, so scharfsinnig er auch ist, die Wahr- nehmungen, welche wir von diesen Eigenschaften haben, als willkürliche betrachten , d. h. als ob Gott sie deshalb

Vorrede. 17

nach seinem Belieben ohne Rücksicht auf irgend eine wesentliche Beziehung zwischen den Wahrnehmungen und deren Gegenständen gegeben hätte: eine mich be- fremdende Ansicht, die mir der "Weisheit des Urhebers der Dinge, welcher nichts ohne Zusammenhang und ver- nünftige Absicht thut, wenig würdig erscheint.

Die unmerklichen Wahrnehmungen haben mit einem Worte in der Pneumatik (Lehre vom Geiste) 21) ebenso grossen Nutzen als die kleinsten Körper in der Physik; und es ist ebenso unvernünftig, die einen wie die andern unter dem Vorwande, dass sie ausserhalb des Gebietes unserer Sinne fallen, zu verwerfen. Nichts ge- schieht auf einen Schlag; und es ist einer meiner wichti- gen und entschiedensten Grundsätze, dass die Natur niemals Sprünge macht. Ich habe dies das Con- tinuHätsgesetz genannt, als ich einmal in den neuen Nachrichten aus der Gelehrtenrepublik 22) davon sprach ; und der Nutzen dieses Gesetzes in der Physik ist sehr bedeutend. Ihm zufolge geht man immer durch einen mittlem Zustand vom Kleinen zum Grossen und umge- kehrt, sowohl den Graden wie den Theilen nach; und entsteht eine Bewegung niemals unmittelbar aus der Kühe noch geht sie dazu anders über, als durch eine noch kleinere Bewegung, wie man niemals eine Linie oder Länge zu Ende läuft, ehe man eine kleinere Linie zurückgelegt hat. Diejenigen freilich, welche die Gesetze der Bewegung aufgestellt haben, haben dies Gesetz nicht bemerkt; sie glauben, dass ein Körper in einem Augen- blick eine der vorausgegangenen entgegengesetzte Bewe- gung annehmen kann. Alles dies berechtigt zu dem Schluss, dass die bemerkbaren Wahrnehmungen stufen- weise aus denjenigen entstehen, welche zu schwach sind, um bemerkt zu werden. Urtheilt man anders, so zeugt dies von geringer Erkenntniss der unendlichen Feinheit der Dinge, die stets und überall eine wirkliche Unendlich- keit in sich schliesst.

Ich habe ferner bemerkt, dass in Folge der un- merklichen Verschiedenheiten zwei Individuen nicht voll- kommen gleich sein können und sich durch mehr als die blosse Zahl unterscheiden müssen. 23) Dieser Satz hebt die leere Tafel der Seele, eine Seele ohne Gedanken, eine Substanz ohne Thätigkeit, den leeren Raum, die

Leibniz, Ueber d. menschl. Verstand. ^

18 Vorrede.

Atome und selbst die nicht wirklich geschiedenen Theilchen in der Materie, die völlige Einförmigkeit in einem Zeit- Orts- oder Stofftheile, die aus ursprünglichen vollkommenen Würfeln gewordenen, vollkommenen Kugeln des zweiten Elements und tausend andere Phantasiegebilde der Philo- sophen auf, die aus ihren unvollständigen Begriffen stammen. Davon will die Natur der Dinge nichts wissen, und nur unsere Unwissenheit und unsere geringe Auf- merksamkeit auf das Unmerkliche lässt dergleichen zu; man kann es nur erträglich machen , indem man es wenigstens auf blosse Abstractionen des Geistes beschränkt, der ausdrücklich erklärt, nicht zu leugnen, was er bei Seite legt und in irgend eine augenblickliche Erwägung eintreten zu lassen nicht für nöthig erachtet. 24) Sonst, wenn man es ganz als baare Münze annähme , dass I nämlich Alles, dessen man sich nicht bewusst ist, au^h I nicht in der Seele oder im Körper sei , würde man in I der Philosophie wie in der Politik einen Fehler begehen, indem man tô jj-txpèv^ die unmerklichen Fortschritte, ver- nachlässigte , während es als blosse Abstraction kein Irrthum ist, wenn man nur weiss, dass das doch wirklich da ist, was man verleugnet. Es verhält sich damit so, wie wmn die Mathematiker davon Gebrauch machen, wenn sie von den anzunehmenden vollkommenen Linien, gleichmässigen Bewegungen und andern regelrechten Wir- kungen reden, obschon die Materie d. h. die Mischung der Wirkungen des uns umgebenden Unendlichen immer eine gewisse Ausnahme macht. 25) Man verfährt aber so, um die einzelnen Beobachtungen von einander zu unterscheiden, um so viel als uns möglich ist, die Wirkungen auf die Ursachen zurückzuführen und um gewisse zukünftige Folgerungen daraus herzuleiten: denn je sorgfältiger man sich hütet, bei den Beobachtungen, welche methodisch angestellt werden können, nichts zu versäumen, desto mehr entspricht die Praxis der Theorie. Aber nur der höchsten Vernunft, welcher nichts entgeht, kommt es zu, die ganze Unendlichkeit, alle Ursachen und alle Folgen, deutlich zu begreifen. Alles, was wir über das Unendiichviele vermögen, ist, es verworren zu erkennen und das wenigstens bestimmt zu wissen, dass es da ist; sonst würden wir über die Schönheit und Grösse des Weltalls sehr falsch urtheilen und auch keine gute Physik,

Vorrede. 19

um die Natur der Dinge im Allgemeinen zu erklären, und noch weniger eine gute Lehre vom Geist besitzen, welche die Erkenntniss Gottes, der Seelen und der ein- fachen Substanzen überhaupt umfassen soll.

Eine solche Erkenntniss der unmerklichenWahrnehmun- gen dient ferner zu erklären, warum und wie zwei Menschen- seelen oder zwei Dinge derselben Gattung nie vollständig gleich aus den Händen des Schöpfers hervorgehen, und eine jede stets ihre ursprüngliche Beziehung zu ihrem künftigen Stand im Weltall habe. Dies folgt aber schon aus dem, was ich von den zwei Individuen bemerkt habe, dass nämlich ihr Unterschied stets mehr als ein bloss numerischer ist. Dabei ist noch ein anderer Punkt aufzufassen, in dem ich mich nicht allein von den Ansichten unseres Autors, sondern auch der meisten Neuern zu entfernen gezwungen bin: ich glaube nämlich mit den meisten Alten, dass alle Geister, alle Seelen, alle einfachen geschaffenen Substanzen stets mit einem Körper verbunden sind, und dass es niemals Seelen giebt, die gänzlich davon los sind" Ich habe dafür Gründe a priori. Aber man wird auch bei dieser Lehre den Vortheil finden, dass sie alle philosophischen Schwierig- keiten über den Zustand der Seelen, deren immerwährende Erhaltung, über deren Unsterblichkeit und Wirksamkeit auflöst, indem der Unterschied von dem einen ihrer Zu- stände gegen den andern immer nur der Unterschied eines mehr oder weniger sinnlichen oder mehr oder weniger vollkommenen oder umgekehrt ist oder gewesen ist, was ihren vergangenen oder zukünftigen Zustand ebenso erklärlich als ihren gegenwärtigen macht. Auch bei einer noch so geringen Ueberlegung merkt man hin- länglich, dass dies vernunftgemäss ist, und ein Sprung von dem einen Zustand zu einem andern unendlich davon verschiedenen nicht natürlich sein kann. Ich bin er- staunt, dass die Schulphilosophie ohne Grund die Natur verlassen hat, um sich recht muth willig in gewaltige Schwierigkeiten zu stürzen und dem Scheinsiege der starken Geister26) vorzuarbeiten, deren sämmtliche Gründe durch diese Erklärung der Dinge mit einem Male zu- sammenfallen, indem es so nicht mehr Schwierigkeit macht, die Erhaltung der Seelen (oder vielmehr nach meinem System des lebendigen Wesens) zu begreifen, als die der

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20 Vorrede.

Verwandlung der Raupe in den Schmetterling und die Erhaltung des Denkens im Schlafe, mit dem Jesus Christus den Tod göttlich schön verglichen hat. Auch habe ich schon gesagt, dass kein Schlaf immerfort dauern kann; und er wird kürzer oder fast gar nicht für die vernunft- begabten Seelen dauern, die stets dazu bestimmt sind, ihre Persönlichkeit und ihre Erinnerung, welche ihnen im Reiche Gottes verliehen ist, zu behalten, um eben dadurch für die Belohnungen und Strafen empfänglicher zu sein. Ich füge noch hinzu, dass überhaupt keine Un- ordnung in den sichtbaren Organen im Stande ist, eine gänzliche Verwirrung in einem lebenden Wesen hervor- gerufen, oder alle Organe zu zerstören und die Seele ihres ganzen organischen Körpers und der unauslösch- baren Reste aller früheren Spuren zu berauben. Die Leichtigkeit aber, mit der man die alte Lehre von den mit den Engeln verbundenen feinen Körpern verlassen hat, (welche man mit der Körperlichkeit der Engel selbst verwechselte) und das Einführen angeblicher unkörperlicher Geister unter den Kreaturen (wozu diejenigen, welche die Himmelsphären des Aristoteles sich bewegen lassen, viel beigetragen haben,) und endlich die übel verstandene Meinung, dass man die Seelen der Thiere nicht erhalten lassen werden dürfe, ohne in die Seelenwanderung zu verfallen, haben meiner Ansicht nach bewirkt, dass man die naturgemässe Art, die Erhaltung der Seele zu er- klären , vernachlässigt hat. Man ist damit auch der natürlichen Religion sehr zu nahe getreten und hat mehrere Leute glauben gemacht, dass unsere Unsterblich- keit, von der auch unser berühmter Autor, wie ich bald erwähnen werde, mit einigem Zweifel geredet hat, nur eine Gnade göttlichen Wunders sei. Aber es wäre zu wünschen, dass alle diejenigen, welche dieser Ansicht sind, sich ebenso vorsichtig und aufrichtig wie er, aus- gedrückt hätten, denn es ist zu fürchten, dass Mehrere, die von der Unsterblichkeit durch Gnade sprechen, es nur thun, um den Schein zu retten und sich im Grunde jenen Averroisten 27) und einigen schlechtgesinnten Quie- tisten annähern, die sich eine Auflösung und Wieder- vereinigung der Seele mit dem Ocean der Gottheit ein- bilden, eine Vorstellung, deren Unmöglichkeit mein System vielleicht allein klar zeigt.

Vorrede. 21

Auch in Hinsicht der Materie scheinen wir ver- schiedener Ansicht zu sein, indem der Verfasser urtheilt, dass der leere Raum für die Bewegung nöthig ist, weil er die kleinen Theile der Materie für unnachgiebig hält. Ich gebe zu, dass wenn die Materie aus solchen Theilen bestände, die Bewegung in vollem Räume unmöglich sein würde, wie wenn ein Zimmnr mit einer Masse kleiner Kieselsteine erfüllt wäre, ohne dass der geringste leere Platz darin bleibt. Aber man gebe doch nicht jene Voraussetzung zu, wozu es meiner Meinung nach gar keinen Grund giebt. Freilich versteigt sich unser ge- lehrter Autor bis zu dem Glauben, dass die Unnachgiebig- keit oder die Cohaesion der kleinen Theile das Wesen des Körpers ausmacht. Man muss sich den Raum viel- mehr als von einer ursprünglich flüssigen, jeder Theilung fähigen und in Wirklichkeit bis ins Unendliche der Thei- lungen und Untertheilungen unterworfenen Materie er- füllt vorstellen, jedoch mit diesem Unterschiede, dass sie in Folge der darin schon vorhandenen mehr oder weniger harmonischen Bewegungen an verschiedenen Punkten un- gleich theilbar und getheilt ist, was ihr überall einen gewissen Grad sowohl von Unnachgiebigheit als von Flüssigkeit giebt und macht, dass kein Körper im höchsten Grade hart oder flüssig ist, nämlich, dass man kein Atom von unüberwindlicher Härte darin findet, noch irgend eine gegen die Theilung vollkommen gleichgültige Masse. Auch hebt die Ordnung der Natur und besonders dasContinuitäts- gesetz in gleicher Weise das eine wie das andere auf.

Ich habe ferner gezeigt, dass die Cohaesion, wenn sie nicht selbst die Wirkung des Anstosses oder der Bewegung wäre, eine Anziehung, dieselbe ganz im eigentli- chen Sinne genommen, verursachen würde. Denn wenn es einen ursprünglich unnachgiebigen Körper gäbe z. B. ein Atom des Epikur, das einen hervorstehenden Theil in Gestalt eines Hakens hätte, (da man sich Atome von allen Arten Gestalt denken kann) so würde dieser Haken, wenn er angestossen würde, den übrigen Theil des Atoms nach sich ziehen, nämlich den Theil, der nicht angestossen wird und nicht in die Anstosslinie fällt. Indessen erklärt sich unser gelehrter Autor selbst gegen diese von der Philosophie angenommenen Anziehungen der Art , wie man sie sonst der Furcht vor dem leeren Raum zuschrieb;

22 Vorrede.

er bringt sie auf Anstösse zurück, indem er mit den Neueren daran festhält, dass ein Theil der Materie auf den andern unmittelbar nur dadurch wirkt, dass er ihn von nahe her anstösst. Ich gebe ihnen darin Recht, weil sich sonst bei der Wirkung nichts Verständliches denken lässt.

Gleichwohl darf ich nicht verhehlen, dass ich bei unserm trefflichen Autor eine Art von Widerruf in Bezug auf diesen Gegenstand bemerkt habe, und kann mich nicht enthalten, seine bescheidene Offenheit dabei zu preisen, ebenso wie ich bei andern Gelegenheiten seinen durchdringenden Geist bewundert habe. In der Antwort auf den zweiten Brief des verstorbenen Bischofs von Worcester 28), der im Juli 1699 gedruckt worden ist, sagt er, um die gegen diesen gelehrten Praelaten von ihm behauptete Meinung, dass die Materie nämlich denken könne, aufrecht zu erhalten, unter anderm Folgendes: „Ich gebe zu, behauptet zu haben (Buch II der Abhandlung über den Verstand Cap. 8 § 11), dass der Körper durch Anstoss und anders nicht wirke. Auch war dies meine Ansicht, als ich schrieb, und jetzt noch kann ich keine andere Art der Thätigkeit mir vorstellen. Aber ich bin seitdem durch das unvergleichliche Buch des scharfsinnigen Newton überzeugt worden, dass es zu viel Anmassung wäre, die Macht Gottes durch unsere beschränkten Be- griffe einengen zu wollen. Die Gravitation der einen Materie gegen die andere auf mir unbegreifliche Weise ist nicht allein ein Beweis, dass Gott, wenn es ihm gut scheint, in die Körper Kräfte und Wirkungsarten legen kann, die über das, was vielleicht aus unserer Vor- stellung des Körpers abgeleitet oder durch unsere Kennt- niss der Materie erklärt werden kann, hinausgehen, son- dern es giebt auch noch einen unbestreitbaren Umstand, dass er es wirklich gethan hat. Darum werde ich dafür sorgen, dass in der nächsten Ausgabe meines Buches jene Stelle verbessert werde". Ich finde denn auch, dass man sie in der französischen Uebersetzung dieses Buches 29), die zweifelsohne nach der letzten Ausgabe gemacht worden ist, im erwähnten § 11 folgendermassen geändert hat: „Wenigstens ist, so viel wir es begreifen können, ersichtlich, dass die Körper durch den Anstoss und nicht auf andere Weise auf einander wirken, denn es ist uns unmöglich

Vorrede. 23

zu begreifen, dass ein Körper auf das, was er nicht be- rührt, wirken könne, was so viel ist, als sich einbilden, er könne wirken, wo er nicht ist.44

Ich kann nicht umhin, diese bescheidene Frömmig- keit unseres berühmten Schriftstellers zu loben, der da aaerkennt, dass Gott über das hinaus, was wir verstehen können, wirken und es also in den Glaubensartikeln un- begreifliche Geheimnisse geben kann; aber ich möchte nicht, dass man im gewöhnlichen Lauf der Natur zu Wuadern seine Zuflucht zu nehmen und schlechthin un- erklärliche Kräfte und Wirkungsarten zuzulassen gezwungen wäre. Sonst würde man zu Gunsten dessen, was Gott thun kann, den schlechten Philosophen zu viel Spielraum geben, und wenn man diese centripetalen Kräfte ociar diese unmittelbaren Anziehungen aus der Ferne, ohne sie begreiflich machen zu können, zulassen wollte, so sehe ich nicht ein, wie man unsere Schulphilosophen verhindern will zu behaupten, dass Alles ganz einfach durch Vermögen geschieht, "und ihre „intentionellen Species" aufrechtzuerhalten, die von den Gegenständen her auf uns loskommen und bis in unsere Seelen ein- zudringen Mittel finden. "Wenn das angeht, so wird ge- schehen, was Alles mir unmöglich schien. 30) Dergestalt scheint es mir, dass unser Verfasser, so scharfsinnig er sein mag, hier von einem Extrem zu weit ins andere geht. Bei den Wirkungen der Seele macht er Schwierig- keiten, wo es sich bloss darum handelt, d?s, was nicht sinnlich ist, zuzulassen, und hier legt er nur den Körpern, was nicht einmal verständlich ist bei, indem er ihnen Kräfte und Thätigkeiten einräumt, die meiner Meinung nach über Alles, was ein erschaffener Geist thun und verstehen kann, hinausgehen. Denn er räumt ihnen An- ziehungskraft und zwar selbst auf grosse Entfernungen ein, ohne sich auf irgend eine Sphäre der Thätigkeit zu beschränken und zwar , um eine um nichts weniger erklärbare Ansicht aufrecht zu erhalten , nämlich die Möglichkeit, dass die Materie der Naturordnung gemäss denke. Die Streitfrage, welche er mit dem berühmten Praelaten, der ihn angegriffen hatte, verhandelt, ist, ob die Materie denken kann; und da es ein auch für das vorliegende Werk wichtiger Punkt ist, kann ich mich nicht enthalten, ein wenig darauf einzugehen und von

24 Vorrede.

ihrem Streit Notiz zu nehmen. Ich werde das "Wesentliche über diesen Gegenstand darlegen und was ich davon denke, mir zu sagen die Freiheit nehmen. In der Be- fürchtung, dass unseres Autors Lehre von den Vor- stellungen manchem dem christlichen Glauben schädlichen Missbrauche ausgesetzt sei, — wozu aber meiner Meinurg nach kein besonderer Grund vorliegt — unternahm (?er verstorbene Bischof von Worcester 31) einige Stellen des- selben in seiner Rechtfertigung der Dreieinigkeitslehre zu prüfen. Nachdem er diesem ausgezeichneten Schriftsteller für das Anerkenntniss, dass er das Dasein des Gastes für ebenso sicher als das des Körpers hält, obgleich die eine dieser Substanzen ebenso wenig bekannt sei als die andere, hat Gerechtigkeit widerfahren lassen, fragt er (pag. 241 u. ff.), wie die Reflexion uns vom Dasein des Geistes überzeugen kann , wenn Gott nach der Ansicht unseres Verfassers (Buch IV. Cap. 3) der Materie das Ver- mögen zu denken verleihen kann, weil auf diese Weise der Gedankengang, welcher zur Erwägung dessen dient, was der Seele und was dem Körper zukommt, unnütz würde, statt dass, wie er im 2. Buch der Abhandlung über den Verstand Cap. 23 § 15. 27. 28 gesagt hatte, die Verrichtungen der Seele uns die Vorstellung des freistes geben, und Verstand nebst Wille uns die Vorstellung des Geistes ebenso verständlich macht, wie das Wesen des Körpers uns durch Dichtigkeit und Anstoss verständlich gemacht wird. Darauf antwortet unser Verfasser in seinem ersten Brief (p. 65 ff.) in dieser Weise: „Ich glaube be- wiesen zu haben, dass wir eine geistige Substanz in uns haben, denn wir erfahren in uns das Denken; nun kann diese Verrichtung oder dieser Modus nicht der Gegenstand der Vorstellung eines für sich bestehenden Dinges sein, und folglich bedarf dieser Modus eines Trägers oder Sub- jects der Inhaerenz, und die Vorstellung eines solchen Trägers führt auf das, was wir Substanz nennen. Denu da die allgemeine Vorstellung der Substanz durchweg dieselbe ist, so folgt, dass wenn die Denken oder Denk- vermögen genannte Modification sich damit verbindet, dies einen Geist ausmacht, ohne dass man dabei noch irgend welche andere Modification in Betracht zu ziehen braucht, ob nämlich Dichtigkeit oder nicht damit ver- bunden ist, und auf der andern Seite wird die Substanz,

Vorrede. 25

welche die Dichtigkeit genannte Modification hat, Materie sein, mag damit das Denken verbunden sein oder nicht. Verstehen Sie aber unter einer geistigen Substanz eine im- materielle Substanz, so gebe ich zu, nicht bewiesen zu haben, dass sich eine solche in uns findet, und dass man sie nach meinen Grundsätzen nicht auf bündige Art er- weisen kann, obgleich das, was ich über die Systeme der Materie gesagt habe (Buch IV., Cap. 10 § 16), indem ich die Immaterialität Gottes darthat, es im höchsten Grade wahrscheinlich macht, dass die in uns denkende Substanz inmateriell ist ... . indessen habe ich gezeigt (fügt der Verfasser p. 68 hinzu) dass die grossen Zwecke der Religion und der Moral durch die Unsterblichkeit der Seele gesichert sind, ohne dass man ihre Immaterialität vorauszusetzen nöthig hat."

Um zu zeigen, dass unser Verfasser anders gedacht habe, als er das zweite Buch seiner Abhandlung schrieb, führt der gelehrte Bischof in. seiner Antwort auf diesen Brief p. 51 folgende daraus entlehnte Stelle (aus dem ge- nannten Buch C. 23 § 15) an, wo es heisst, „dass wir durch die einfachen Vorstellungen, welche wir von den Verrichtungen unseres Geistes abstrahirt haben, die zu- sammengesetzte Vorstellung eines Geistes bilden können und durch die Zusammenstellung der Vorstellungen des Denkens, der Wahrnehmung, der Freiheit und des Ver- mögens, unsern Körper zu bewegen, einen ebenso klaren Begriff von immateriellen als von materiellen Substanzen haben". Er führt noch andere Stellen an, um zu zeigen, dass der Verfasser den Geist dem Körper entgegengesetzte, und sagt (p. 54), dass der Zweck der Religion und der Moral besser gesichert ist, wenn man beweist, dass die Seele von Natur unsterblich, nämlich immateriell ist. Auch die Stelle führt er an (p. 70), dass alle Vorstellungen, welche wir von den einzelnen und bestimmten Arten der Substanzen haben, nichts Anderes, als verschiedene Ver- bindungen einfacher Vorstellungen sind, und dass unser Verfasser also geglaubt hat, die Vorstellungen des Denkens und Wollens ergäben eine andere und von der, welche die Vorstellung der Dichtigkeit und des Anstosses giebt, verschiedene Substanz, sowie dass er (p. 17) bemerkt, diese Vorstellungen bildeten den Körper im Gegensatz zum Geiste.

26 Vorrede.

Der Bischof von Worcester hätte noch hinzusetzen können, daraus, dass die allgemeine Vorstellung der Sub- stanz im Körper und im Geiste liege, folge noch nicht, dass ihre Verschiedenheiten Modifikationen desselben Dinges seien, wie unser Autor in der aus dem ersten Briefe von mir angezogenen Stelle eben gesagt hat. Man muss zwischen Modifikationen und Attributen wohl unterscheiden. Die Vermögen des Wahrnehmens und Handelns, die Aus- dehnung, die Dichtigkeit sind Attribute oder beständige und wesentliche Prädicate, aber das Denken, die Heftig- keit, die Gestalten, die Bewegungen sind Modifikationen dieser Attribute. Man muss ferner zwischen physischer oder vielmehr realer Art und logischer oder idealer Art unterscheiden. Die Dinge, welche zu derselben physischen Art gehören, sind so zu sagen von derselben Materie und können oft durch die Veränderung der Modification das eine in das andere verwandelt werden, wie die Kreise und die Vierecke. Aber zwei heterogene Dinge können doch dieselbe logische Art mit einander gemein haben, und dann sind ihre Verschiedenheiten nicht bloss zufällige Modifikationen desselben Subjects oder derselben meta- physischen oder physischen Materie. So sind Zeit und Raum sehr heterogene Dinge, und man würde Unrecht haben, sich irgend welches reale gemeinsame Subject zu denken, das nur die continuirliche Grösse überhaupt besässe und ans dessen Modifikationen Zeit oder Raum hervorgingen. Vielleicht könnte sich Jemand über diese philosophische Unterscheidung von zwei Arten lustig machen, wovon die eine bloss logisch, die andere auch real ist, und von zwei Materien, der einen physischen, welche die der Körper ist, und der andern nur meta- physischen oder allgemeinen, wie wenn Jemand sagte, dass zwei Theile des Raumes von derselben Materie, oder dass zwei Stunden auch unter sich von derselben Materie sind. Dennoch sind diese Unterschiede nicht allein Unter- schiede von Worten, sondern der Dinge selbst, und kommen hier augenscheinlich sehr gelegen, wo ihre Ver- wirrung eine falsche Consequenz ergeben würde. Diese beiden Arten haben einen gemeinsamen Begriff, und zwar ist der der realen Art den beiden Materien gemeinsam, so dass ihr Stammbaum folgender sein wird:

Art

Vorrede. 27

nur logische, nach einfachen Unterschieden vermannigfaltigt, ,

reale, deren Unterschiede

Modification©!! sind, ( bloss metaphysische, wo

!

nämlich Materie J Homogeneität stattfindet;

physische, wo sich eine solide homogene Masse findet.

Den zweiten Brief des Verfassers an den Bischof habe ich nicht gesehen. Die von dem Prälaten darauf gegebene Antwort berührt den Punkt nicht, der sich auf das Denken der Materie bezieht. Aber die Entgegnung unseres Autors auf diese zweite Antwort kehrt dazu zurück. „Gott (sagt er p. 397 ungefähr in diesen Ausdrücken) legt dem Wesen der Materie die Eigenschaften und Vollkommenheiten nach seinem Wohlgefallen bei; einigen Theilen die blosse Be- wegung, den Pflanzen aber die -Vegetation und den Thieren die Empfindung. Diejenigen, welche damit soweit über- einstimmen, sträuben sich sofort, wenn man noch einen Schritt weiter geht, um zu sagen, dass Gott der Materie Denken, Vernunft, Willen geben kann, wie wenn dies das We- sen der Materie zerstörte. Aber um dies zu beweisen, be- rufen sie sich darauf, dass das Denken und die Vernunft nicht im Wesen der Materie liege, was doch nichts aus- macht, da die Bewegung und das Leben ebensowenig darin liegen. Sie berufen sich ferner darauf, man könne nicht begreifen, dass die Materie denke. Aber unser Begreifen ist nicht das Mass der Macht Gottes". Darauf zieht er (p. 99) das Beispiel der Anziehungskraft der Materie herbei; aber besonders p. 408, wo er von der Gravitation der einen Materie gegen die andere, die Newton entdeckt haben soll, in den von mir oben schon erwähnten Ausdrücken spricht, indem er zugiebt, dass man davon das Wie niemals begreifen kann. Das heisst doch in der That zu den verborgenen oder was mehr sagen will, un- erklärlichen Eigenschaften 32) zurückkehren. Er fügt p. 401 hinzu, dass nichts geeigneter ist, die Denkweise der Skeptiker zu begünstigen, als das, was man nicht ver- steht, zu leugnen; und p. 402, dass man sogar nicht be- greift, wie die Seele denkt. Pag. 403 behauptet er, dass da die beiden Substanzen, die materielle und die im-

28 Vorrede.

materielle, in ihrem reinen Wesen ohne irgend eine Thätig- keit begriffen werden können, es von Gott abhänge, der einen und der anderen das Vermögen des Denkens zu geben, und will sich dabei das Zugeständniss seines Gegners zu Nutzen machen, welcher den Thieren zwar die sinnliche Empfindung zugestanden hatte, aber keine immaterielle Substanz zugestehen wollte. Er behauptet, dass die Freiheit, das Bewusstsein (p. 408) und das Vermögen des Abstrahirens (p. 409) der Materie verliehen werden können, aber nicht als der Materie, sondern so- fern sie durch eine himmlische Macht bereichert sei. Endlich bringt er p. 434 die Bemerkung eines so an- sehnlichen, scharfsinnigen Reisenden, wieHerrdelaLoubère, bei, dass die Heiden im Orient die Unsterblichkeit der Seele kennen, ohne deren Immaterialität begreifen zu können.

Ueber dies Alles will ich, ehe ich zur Darlegung meiner Meinung komme, bemerken, dass die Materie sicherlich ebenso wenig auf mechanischem Wege Empfin- dung hervorzubringen fähig ist, als Vernunft, wie unser Autor auch zugesteht; dass ich der Wahrheit gemäss anerkenne, man dürfe nicht leugnen, was man nicht ver- steht, aber hinzufüge, dass man gern wenigstens in der natürlichen Ordnung das, was schlechthin unverständlich und unerklärlich ist, zu leugnen das Recht hat. Auch halte ich den Satz aufrecht, dass die Substanzen (materielle wie immaterielle) in ihrem reinen Wesen ohne Thätigkeit nicht begriffen werden können, dass die Thätigkeit das Wesen der Substanz überhaupt ist, und dass endlich die Begriffe der Geschöpfe nicht das Mass für die Macht Gottes sind, sondern dass ihre Conceptivität oder Fassungs- kraft das Mass für die Macht der Natur ist, indem Alles, was der Naturordnung gemäss ist, durch irgend ein Ge- schöpf begriffen oder verstanden werden kann.

Wer mein System begreift, wird einsehen, dass ich mich nicht in allen Stücken dem Einen oder dem Andern dieser beiden ausgezeichneten Autoren anschliessen kann, deren Streit indessen sehr lehrreich ist. 33) Um mich jedoch deutlich zu erklären , so muss man vor allen Dingen erwägen, dass die Modifikationen, welche auf natürlicheWeise oder ohneWunder dem nämlichen Subject zu- kommen können, von den Beschränkungen oder den Abwand-

Vorrede. 29

hingen einer realen Art oder einer ursprünglichen stetigen und absoluten Wesenheit herstammen müssen, denn so unterscheidet man bei den Philosophen die Modi eines absoluten Wesens von diesem Wesen selbst, wie man weiss, dass die Grösse, die Gestalt und die Bewegung offenbar die Beschränkungen und Abwandlungen der körperlichen Natur sind. Es ist klar, wie eine beschränkte Ausdehnung die Gestalten ergiebt, und dass die dabei vor sich gehende Veränderung nichts als die Bewegung ist, und so oft man irgend eine Beschaffenheit an einem Subject findet, muss man glauben, dass wenn man die Natur dieses Subjects und dieser Beschaffenheit kennte, man auch begreifen würde, wie diese Beschaffenheit sich daraus ergiebt. So hängt es in der Ordnung der Natur (von den Wundern abgesehen) nicht von Gottes Willkür ab, den Substanzen diese oder jene Beschaffenheiten be- liebig zu verleihen, und er wird ihnen niemals andere verleihen, als die ihnen natürlich sind, d. h. solche, die aus ihrer Natur als erklärliche- Modifikationen hergeleitet werden können. So muss man annehmen, dass die Materie nicht von Natur die oben erwähnte Anziehung haben und nicht von selbst in krummer Linie sich bewegen wird, weil es nicht möglich ist zu begreifen, wie das ge- schehen sollte, d. h, es auf mechanischem Wege zu er- klären, während das, was natürlich ist, sich deutlich muss begreifen lassen können, wenn man in die verborgenen Tiefen der Dinge eindränge. Diese Unterscheidung zwischen dem, was natürlich und erklärlich, und dem, was unerklärlich und wunderbar ist, hebt alle Schwierigkeiten. Weist man sie zurück, so würde man etwas Schlimmeres, als die verborgenen Beschaffenheiten behaupten , und insofern der Philosophie und Vernunft absagen müssen, indem man der Unwissenheit und Trägheit durch ein dunkles System eine Freistätte eröffnete, welches nicht nur das Vorhandensein von unverständlichen Beschaffenheiten zu- lässt, deren es darin nur zu viele giebt, sondern auch derartige Beschaffenheiten, dass der grösste Geist, wenn ihm Gott alle mögliche Erleuchtung gäbe, sie nicht be- greifen könnte, d. h. die entweder wunderbar oder un- gereimt sein würden. Und selbst das wäre ungereimt, dass Gott für gewöhnlich Wunder thut. Somit würde diese faule Hypothese in gleicher Weise unsere Philosophie,

30 Vorrede.

welche die Gründe aufsucht, wie die göttliche Weisheit, welche sie ins Leben ruft, zerstören.

Was jetzt das Denken anbetrifft, so ist es sicher, und der Verfasser erkennt es mehr als einmal an, dass es keine begreifliche Modification der Materie sein kann, d. h. dass das empfindende oder denkende Wesen nicht eine Maschine, wie eine Uhr oder eine Mühle ist, so dass man die Grössen, Gestalten und Bewegungen begreifen könnte, deren mechanische Verknüpfung etwas Denkendes und selbst Empfindendes in einem Stoffe hervor brächte, in dem sonst nichts der Art wäre, und was denn auch von selbst durch die Unordnung dieser Maschine aufhören würde. Es ist also der Materie nicht natürlich, zu fühlen und zu denken, und es könnte dies bei ihr nur auf zwei Arten geschehen, davon die eine ist, dass Gott eine Sub- stanz damit verbindet, der zu denken natürlich ist, und die andere, dass Gott das Denken durch ein Wunder hineinlegt. In diesem Punkte bin ich also gänzlich der Ansicht der Cartesianer, ausgenommen, dass ich es bis auf die Thiere ausdehne und glaube, auch sie haben Empfindung und immaterielle (um eigentlich zu sprechen) und ebensowenig vergängliche Seelen, als die Atome bei Demokrit und Gassendi vergänglich sind. Die Cartesianer dagegen, ohne Grund über die Seelen der Thiere in Ver- legenheit und ungewiss, was sie bei deren Fortdauer daraus machen sollen (da sie an die Erhaltung des ins Kleine zurückgebrachten Thieres nicht denken) sind ge- zwungen gewesen, den Thieren selbst die Empfindung gegen allen Anschein und das allgemeine Urtheil der Menschen abzusprechen. Wenn aber Jemand entgegnete, dass Gott einer dazu vorbereiteten Maschine das Denkvermö- gen beilegen wenigstens könnte, so würde ich antworten, dass wenn dies geschähe und Gott der Maschine dieses Ver- mögen beilegte, ohne zugleich eine Substanz ihr einzu- fügen, welche Subject und Träger eben dieses Vermögens wäre, wie ich es verstehe, d. h. ohne ihr eine immaterielle Seele beizufügen, so müsste die Materie, um eine Kraft, deren sie von Natur nicht fähig ist, zu empfangen, durch ein Wunder erhöht werden. Einige Scholastiker haben etwas dem sich Annäherndes behauptet, dass nämlich Gott das Feuer so weit erhöhe, um ihm die Kraft zu geben, un- mittelbar die von den Körpern geschiedenen Geister zu

Vorrede. 31

brennen, was doch ein ganz reines Wunder sein würde 34). Ebenso wenig kann man behaupten, dass die Materie denkt, ohne eine unvergängliche Seele oder doch ein Wunder hinzuzuthun, und somit folgt die Inimaterialität unserer Seelen aus dem, was natürlich ist, weil man deren Untergang nur durch ein Wunder aufrecht erhalten kann, sei es durch Erhöhung der Materie, sei es durch Vernichtung der Seele, denn wir wissen wohl, dass die Macht Gottes unsere Seelen sterblich machen kann, so immateriell (oder durch die Natur allein unsterblich) sie immer sein mögen, weil er sie vernichten kann.

Nun ist diese Wahrheit von der Immaterialität der Seele ohne Zweifel von Wichtigkeit. Denn es ist zumal in der Zeit, wo wir leben, für die Religion und die Moral unendlich viel vorteilhafter zu zeigen, dass die Seelen vcn Natur unsterblich sind, und dass es ein Wunder sein würde, wenn sie es nicht wären, als zu behaupten, dass unsere Seelen von Natur sterben müssen, aber kraft einer wunderbaren, allein auf, die Verheissung Gottes ge- gründeten Gnade nicht sterben. Auch weiss man längst, dass diejenigen, welche die natürliche Religion zerstören und Alles auf die geoffenbarte zurückführen wollten, wie wenn die Vernunft uns darüber nichts lehrte, als ver- dächtig gegolten haben, und dies nicht immer ohne Grund. Aber unser Autor gehört nicht zu ihnen. Er hält den Beweis für das Dasein Gottes aufrecht und erkennt der Immaterialität der Seele den höchsten Grad von Wahrscheinlichkeit zu, der folglich als eine moralische Gewissheit gelten darf; daher ich glaube, dass er bei seiner ebenso grossen Aufrichtigkeit als Scharfsinnigkeit sich mit der von mir soeben auseinandergesetzten Lehre wohl einverstanden erklären könnte, die für die gesammte Vernunftwissenschaft grundlegend ist. Sonst sehe ich nicht, wie man sich davor schützen wollte, entweder der Lehre der Schwärmer zu verfallen, wie etwa der mosaischen Philosophie Fludd's, der alle Erscheinungen Gott unmittel- bar und als Wunder zuschreibt, um sie aufrecht zu er- halten, 35) oder der barbarischen Philosophie, wie die gewisser Philosophen und Aerzte der Vergangenheit war, die noch nach der Barbarei ihres Jahrhunderts schmeckte, heut zu Tage aber mit Recht verachtet ist — der Lehre derer, welche um die Erscheinungen zu retten, geheime Be-

32 Vorrede.

schaffenheiten oder Vermögen besonders ersannen, welche sie sich in der Phantasie kleinen Dämonen oder Kobolden, die ohne Weiteres alles Verlangte zu thun im Stande wären, ähnlich dachten 36). Letzteres klingt so, wie wenn die Taschenuhren die Stunde durch ein stundenzeigendes Vermögen angeben, ohne Räder nöthig zu haben, oder wie wenn die Mühlen das Korn durch ein „Mahlvermögen " klein machten, ohne Etwas, was einem Mühlstein gleicht, zu brauchen.

Was die Schwierigkeit mancher Völker im Begreifen einer immateriellen Substanz anbetrifft, so wird diese, wenigstens zu einem grossen Theil, aufhören, wenn man nicht Substanzen verlangen wird, die von der Materie getrennt sind; wie ich denn in der That glaube, dass es deren vonNaturunter den geschaffenen Wesen niemals giebt.

Erstes Buch.

Von den angeborenen Vorstellungen.

Capitel I.

Ob es im menschlichen Geiste angeborene Vorstel- lungen giebt.

Philalethes. Nach Beendigung meiner Geschäfte in England und Rückkehr von dort habe ich gleich daran gedacht, Sie, mein Herr, zu besuchen, um unsere alte Freundschaft fortzusetzen und uns über die Dinge zu unterhalten, welche uns so sehr am Herzen liegen und über die ich während meines Aufenthalts in London neue Aufschlüsse erlangt zu haben glaube. Als wir einst zu Amsterdam ganz nahe wohnten, machte es uns allen Bei- den viel Vergnügen, Untersuchungen über die Grundsätze und Mittel anzustellen, um in das Wesen der Dinge ein- zudringen. Waren unsere Ansichten auch oft verschieden, so vermehrte diese Verschiedenheit eben nur unsere Be- friedigung, wenn wir mit einander verhandelten, ohne dass der Gegensatz, der sich mitunter zeigte, etwas Un- angenehmes einmischte. Sie waren für Descartes und für die Meinungen des berühmten Verfassers der „Erfor- schung der Wahrheit", 37) und ich für meinen Theil fand die durch Bernier erläuterten Ansichten Gassendi's leich- ter fasslich und natürlicher. 38) Gegenwärtig fühle ich mich durch das ausgezeichnete Werk ganz besonders be- stärkt, welches ein berühmter Engländer, den ich per-

Leibniz, Ueber d. menschl. Verstand. ^

Irstes Buch.

sönlich zu kennen die Ehre habe, seitdem veröffentlicht hat, und welches mehrmals in England unter dem be- scheidenen Titel der „Abhandlung über den menschlichen Verstand" wieder gedruckt worden ist. Man versichert sogar, dass es binnen Kurzem in Latein und Französisch erscheint, worüber ich mich sehr freue, denn es kann so von ausgebreiteterem Nutzen sein. Ieh habe aus der Leetüre dieses Werkes und selbst aus der Unterhaltung mit dem Verfasser grossen Nutzen gezogen: oft bin ich mit ihm zu London und mitunter zu Oates bei Mylady Masham 39) zusammengetroffen, der würdigen Tochter des berühmten Cudworth, eines grossen englischen Philosophen und Theologen und Verfassers des Intellectual Systems, 40) dessen speculativen Geist und dessen Liebe zu höherer Erkenntniss sie geerbt hat, welche besonders in der mit dem Verfasser der besagten Abhandlung unterhaltenen Freundschaft erscheint — und als er von einigen ver- dienstvollen Gelehrten angegriffen worden ist, habe ich auch mit Vergnügen die Verteidigungsschrift gelesen, welche eine sehr gescheute und geistreiche Dame für ihn verfasst hat, ausser denen, welche er selbst verfasst hat. Im Ganzen folgt er dem System Gassendi's, welches im Grunde das des Democrit ist. Er ist für den leeren Raum und für die Atome; er glaubt, dass die Materie denken könne; dass es keine angeborenen Vorstellungen gebe; dass unser Geist eine Tabula rasa sei, und dass er nicht beständig denke; auch bezeigt er sogar Lust, die Einwürfe, welche Gassendi gegen 41) Descartes erhoben, grösstenteils zu billigen. Er hat dies System mit zahl- reichen vortrefflichen Bemerkungen bereichert und ver- stärkt, und ich zweifele nicht, dass gegenwärtig unsere Partei über ihre Gegner, die Peripatetiker und Cartesianer, den entschiedenen Sieg davontrage. Dies ist der Grund, warum ich Sie, wenn Sie dieses Buch noch nicht gelesen haben, dazu auffordere, und wenn Sie es gelesen haben, mir Ihre Ansicht darüber zu sagen inständig bitte.

Theophilus. Ich freue mich, Sie nach langer Ab- wesenheit wieder zurückgekehrt zu sehen, nach glück- lichem Ablauf Ihres wichtigen Geschäftes, gesund, in Ihrer Freundschaft für mich beständig und immer mit gleichem Eifer auf die Erforschung der wichtigsten Wahr- heiten gerichtet. Ich habe mein Nachdenken nicht min-

Von den angeborenen Vorstellungen. 35

der in demselben Geiste fortgesetzt, und glaube (ohne mir zu schmeicheln), ebenso weit und vielleicht weiter als Sie gekommen zu sein. Es war auch für mich nöthi- ger, als für Sie, denn Sie waren mir voraus. Sie hatten mehr Umgang mit den speculativen Philosophen und ich mehr Neigung zur Moral. 42) Aber ich habe mehr und mehr gelernt, wie viel Stärke die Moral aus den wohl- befestigten Grundsätzen der wahren Philosophie empfängt. Darum habe ich sie seitdem mit grösserem Eifer stadirt, und bin auf ganz neue Gedanken gekommen. Es wird uns also ein gegenseitiges und langdauerndes Vergnügen machen, wenn wir uns einander die erhaltenen Auf- klärungen mittheilen. Ich muss Ihnen aber als etwas Neues mittheilen, dass ich nicht mehr Cartesianer bin43) und gleichwohl mehr als jemals von Ihrem Gassendi mich entfernt habe, dessen Wissen und Verdienst ich übrigens anerkenne. Ich bin auf ein neues System ge- stossen, wovon ich Etwas in den gelehrten Zeitschriften von Paris, Leipzig und Holland44) und in dem bewun- dernswürdigen Wörterbuch Bayle's art. Rorarius gelesen habe. 45) Seitdem glaube ich einen neuen Anblick des inneren Wesens der Dinge gewonnen zu haben. Dies System scheint Plato mit Democritus, Aristoteles mit Descartes, die Scholastiker mit den Neueren, die Theo- logie und Moral mit der Vernunft zu versöhnen. Von allen Seiten scheint es das Beste zu nehmen und dann weiter zu kommen, als man jemals gekommen ist. 46) Ich habe darin eine verständliche Erklärung der Einheit von Seele und Leib gefunden, Etwas, an dem ich bisher verzweifelt war. 47) Die wahren Gründe der Dinge finde ich in der von diesem System eingeführten Einheit der Substanzen und in deren durch die Ursubstanz vorher- bestimmten Harmonie. Ich habe darin eine so erstaun- liche Einfachheit und Uebereinstimmung gefunden, dass man sagen kann, es sei Alles und immer nach verschie- denen Graden der Vollkommenheit dasselbe. Jetzt be- greife ich, was Plato darunter verstand, wenn er die Materie für ein unvollkommenes und wandelbares Wesen nahm, was Aristoteles durch seine Entelechie sagen wollte, was jenes Versprechen eines anderen Lebens sagen will, das nach Plinius selbst Democritus machte, wie weit die Skeptiker Recht hatten, wenn sie sich gegen die Sinne

3*

36 Erstes Buch.

aassprechen, wie die Thiere nach Descartes Automaten sind, und wie sie nach der allgemeinen Meinung der Menschen doch Seelen und Empfindung haben; wie man diejenigen, welche allen Dingen Leben und Wahrnehmung verliehen haben, vernunftgemäss erklären kann, wie Car- dan, Campanella und besser als sie die verstorbene Gräfin von Connaway, 48) eine Anhängerin Plato's, und unser verstorbener Freund Franz Mercurius van Helmont, der übrigens freilich durch viele unverständliche und paradoxe Meinungen dunkel bleibt, mit seinem verstorbenen Freund Heinrich Morus;49) wie die Gesetze der Natur, wovon man vor der Entstehung dieses Systems einen guten Theil nicht kannte, ihrem Ursprung nach aus Grund- sätzen hergeleitet werden müssen, welche über das Ma- terielle hinausgehen, wenn sich gleich im Materiellen Alles auf mechanische Weise vollzieht. Im letzteren Punkte haben die spiritualisirenden Schriftsteller, die ich

eben genannt habe, mit und selbst mit den

Cartesianern gefehlt, indem sie glaubten, dass die im- materiellen Substanzen, wo nicht die Kraft, so doch we- nigstens die Richtung und Bestimmung der Bewegung der Körper änderten, während nach dem neuen System die Seele und der Körper ihre Gesetze, jedes von beiden die seinigen, vollkommen einhalten und nichts desto weniger doch, so viel es nöthig ist, einander folgen. 50) Endlich hat mich das Nachdenken über dies System aufzufinden veranlasst, wie die Annahme von Seelen und sinnlichen Empfindungen bei den Thieren gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele nicht spricht, oder vielmehr, wie nichts geeigneter ist, unsere natürliche Unsterblichkeit zu sichern, als die Annahme, dass alle Seelen unvergänglich sind (morte carent animae), ohne dass wir deshalb doch die Seelenwanderungen zu fürchten hätten, da nicht allein die Seelen, sondern auch die Thiere lebend, empfindend, handelnd bleiben und bleiben werden. Es ist überall, wie hier, und immer und überall, wie bei uns, gemäss dem, was ich Ihnen schon gesagt habe; nur dass die Zustände der Thiere mehr oder weniger vollkommen und entwickelt sind, ohne dass man je ganz und gar vom Körper getrennte Seelen anzunehmen braucht, während wir nichtsdesto- weniger immer eine so viel als möglich reine Geistigkeit haben, unbeschadet unserer Organe, die durch keinen

Von den angeborenen Vorstellungen. 37

Einfluss die Gesetze unserer Spontaneität stören können. 51) Ich finde den leeren Raum und die Atome ganz anders, als durch den Trugschluss der Cartesianer ausgeschlossen, welcher sich auf die angebliche Gleichbedeutung der Vor- stellung des Körpers und der Ausdehnung gründet. Ich erblicke Alles in Ordnung und Harmonie, mehr als man es bis jetzt jemals begriffen hat: überall organische Ma- terie, nichts Leeres, Unfruchtbares und Vernachlässigtes, nichts zu Einförmiges, Alles mannichfaltig, aber in Ord- nung, und, was über die Phantasie hinausgeht, das ganze Weltall im Kleinen, 52) jedoch von einem ganz verschie- denen Anblick in jedem seiner Theile und selbst in jeder seiner substantiellen Einheiten. Ausser dieser neuen Analyse der Dinge habe ich die der Begriffe oder Vor- stellungen und der Wahrheiten besser begriffen. Ich verstehe, was eine wahre, klare, bestimmte und, wenn ich dies Wort gebrauchen darf, adäquate Vorstellung ist. Ich verstehe, welches die ursprünglichen Wahrheiten und die wahren Grundsätze sind, die Unterscheidung der notwendigen und der thatsächlichen Wahrheiten, des Vernunftgebrauchs der Menschen und der Folgerun- gen der Thiere, die nur ein Schatten von jenem sind. Kurz, Sie werden erstaunt sein, Alles zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe, und vor allen Dingen zu erfahren, wie die Erkenntniss der Grösse und der Vollkommenheit Gottes dadurch erhöht wird. Denn ich kann Ihnen nicht verhehlen, da ich vor Ihnen kein Geheimniss habe, wie ich gegenwärtig von Bewunderung und (wenn wir uns dieses Ausdruckes zu bedienen wagen) von Liebe für diese oberste Quelle aller Dinge und Schönheiten durch- drungen bin, nachdem ich gefunden habe, dass diejenigen Vollkommenheiten Gottes, welche dieses System enthüllt, Alles übertreffen, was man bis jetzt davon begriffen hat. Sie wissen, dass ich ehemals ein wenig zu weit gegangen bin und mich auf die Seite der Spinozisten zu schlagen an- fing, 53) die Gott nur eine unendliche Macht beilegen, ohne Vollkommenheiten und Weisheit bei ihm anzuerkennen und, indem sie die Erforschung der Zweckursachen ver- nachlässigen, Alles von einer blinden Notwendigkeit ab- leiten. Aber diese neue Aufklärung hat mich davon geheilt, und seitdem nehme ich mitunter den Namen Theophilus an. Ich habe das Buch jenes berühmten Engländers gelesen,

38 Erstes Buch.

wovon Sie eben gesprochen haben. Ich schätze es sehr und habe Vortreffliches darin gefunden; man muss aber weiter gehen und sich selbst seiner Ansichten entschla- gen, weil er oft solche angenommen hat, welche uns mehr als nöthig beschränken und nicht allein die Stellung des Menschen, sondern auch die des Weltalls ein wenig zu sehr herabsetzen.

Philal. Sie setzen mich in der That durch alle die Wunder in Erstaunen, von denen Sie mir Bericht ab- statten; er klingt etwas zu günstig, als dass ich so leicht daran glauben könnte. Indessen will ich hoffen, dass unter so viel Neuem, von dem Sie mich unterrichten wollen, etwas Haltbares sein wird. In diesem Falle wer- den Sie mich ganz gelehrig finden. Sie wissen, dass es immer meine Neigung war, mich an die Vernunft zu halten, und ich mir mitunter den Namen Philalethes gab. Deswegen wollen wir uns jetzt, wenn es Ihnen recht ist, dieser beiden Namen, die so viel Beziehung haben, be- dienen. Um zum Ziele zu gelangen, schlage ich Ihnen ein Mittel vor. Da Sie das Buch des berühmten Eng- länders gelesen haben, welches mir so viel Befriedigung gewährt, und er darin die Gegenstände, wovon wir eben gesprochen haben, grossentheils behandelt, und vor Allem die Analyse unserer Vorstellungen und Erkenntnisse, so wird es das Kürzeste sein, dem Faden desselben zu fol- gen und zuzusehen, was Sie zu bemerken haben.

Theoph. Ich billige Ihren Vorschlag. Hier ist das Buch.

§. 1. Philal. Ich habe es so oft gelesen, dass ich es bis auf die Ausdrücke im Gedächtnisse habe, denen ich sorgfältig folgen werde. Ich werde also nur nöthig haben, bei gewissen Streitfragen, wo wir es für noth- wendig erachten werden, nachzuschlagen. Zuerst wollen wir von dem Ursprung der Vorstellungen oder Begriffe reden (erstes Buch); darauf von den verschiedenen Arten der Vorstellungen (zweites Buch) und der Worte, deren wir uns, um sie auszudrücken, bedienen (drittes Buch); endlich von den Erkenntnissen und Wahrheiten, die daraus folgen (viertes Buch); und zwar wird dieses letzte Buch uns am meisten beschäftigen.

Was den Ursprung der Vorstellungen betrifft, so glaube ich mit diesem Schriftsteller und vielen anderen

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Gelehrten, dass es ebenso wenig angeborene Vorstellun- gen als angeborene Grundsätze giebt. Und um den Irr- thum derjenigen, welche solche annehmen, zu widerlegen, genügt es, wie in der Folge sich zeigen wird, nachzu- weisen, dass man derselben gar nicht bedarf, und dass die Menschen alle ihre Erkenntnisse ohne die Hülfe irgend eines angeborenen Eindrucks erlangen können.

Theoph. Sie wissen, Philalethes, dass ich seit lan- ger Zeit anderer Meinung bin; dass ich beständig, wie auch jetzt noch, für die angeborene Vorstellung Gottes bin, wie sie Descartes aufrecht erhalten hat, und folglich auch für andere angeborene Vorstellungen, die von den Sinnen nicht stammen können. Gegenwärtig gehe ich im Anschluss an das neue System noch viel weiter und glaube sogar, dass alle Gedanken und Thätigkeiten un- serer Seele aus ihrem eigenen Innern stammen, da sie ihr, wie Sie in der Folge sehen werden, nicht durch die Sinne gegeben werden können. 54) Gegenwärtig jedoch will ich diese Untersuchung bei Seite setzen und mich den einmal angenommenen "Ausdrücken anbequemen, da sie in der That gut und erträglich sind, und man in einem gewissen Sinne sagen kann, dass die äusseren Sinne zum Theil Ursache unserer Gedanken sind, — um zu prüfen, wie man meiner Ansicht nach auch bei dem ge- wöhnlichen System (indem man von der Thätigkeit der Körper auf die Seele redet, wie die Anhänger des Co- pernicus mit den übrigen Menschen von der Bewegung der Sonne, und zwar mit Grund, reden) 55) sagen muss, dass es Vorstellungen und Grundsätze giebt, die nicht von den Sinnen stammen und welche wir in uns, ohne sie zu bilden, vorfinden, wenn gleich die Sinne uns Ge- legenheit geben, uns derselben bewusst zu werden. Wie ich mir denke, hat unser gelehrter Schriftsteller die Be- merkung gemacht, dass man unter dem Namen ange- borener Grundsätze häufig seine Vorurtheile festhält und sich damit der Mühe der Untersuchungen überheben will; und dieser Missbrauch wird seinen Eifer gegen jene Voraussetzung entzündet haben. Er wird die Trägheit und oberflächliche Denkungsart Derer haben bekämpfen wollen, die unter dem gleissenden Vorwand angeborener Vorstellungen und dem Geiste von Natur eingeprägter Wahrheiten, denen wir ohne Schwierigkeit beistimmen,

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sich nicht die Mühe nehmen, die Quellen, Verbindungen und die Gewissheit dieser Kenntnisse zu erforschen und zu untersuchen. Darin bin ich ganz seiuer Ansicht und gehe sogar noch weiter. Ich wünschte, dass man unsere Analyse gar nicht beschränkte, von allen Bezeichnungen, die dessen fähig sind, die Begriffsbestimmungen gäbe, und alle Grundsätze, die nicht fundamental sind, bewiese oder zu beweisen Anstalt machte, ohne auf die Meinung der Menschen darüber zu sehen und sich darum zu be- kümmern, ob sie damit übereinstimmen oder nicht. Da- mit würde mehr Nutzen verbunden sein, als man denkt. Mir scheint aber, dass der Verfasser durch seinen sonst sehr löblichen Eifer zu weit nach der anderen Seite ge- führt worden ist. Er hat meiner Ansicht nach den Ur- sprung der nothwendigen Wahrheiten, deren Quelle im Verstände ist, nicht genug von den thatsächlichen unter- schieden, die man aus den Erfahrungen der Sinne und selbst aus den in uns vorhandenen verworrenen Wahr- nehmungen gewinnt. 56) Sie sehen also, ich gebe nicht zu, was Sie als Thatsache hinstellen, dass wir alle un- sere Erkenntnisse, ohne angeborene Eindrücke nöthig zu haben, erlangen können, und die Folge wird zeigen, wer von uns Recht hat.

§. 2. Philal. Das werden wir in der That sehen. Ich gebe Ihnen zu, lieber Theophil, dass es keine allge- meiner angenommene Meinung giebt als die, wonach gewisse Grundsätze der Wahrheit vorhanden sind, über welche die Menschen allgemein übereinkommen; darum werden sie Gemein begriffe (xoival Iwoeai) genannt; man schliesst daraus, dass diese Grundsätze ebenso viel Ein- drücke seien, welche unsere Seelen mit dem Dasein em- pfangen.

§. 3. Aber falls die Thatsache sicher wäre, dass es von dem ganzen Menschengeschlecht angenommene Grund- sätze giebt, so würde diese allgemeine Uebereinstimmung doch nicht beweisen, dass sie angeboren sind, wenn man, wie ich glaube, einen anderen Weg zeigen kann, auf dem die Menschen zu dieser Uebereinstimmung in ihrer Ansicht haben gelangen können.

§. 4. Was aber noch viel schlimmer ist, diese allge- meine Uebereinstimmung findet gar nicht statt, selbst nicht in Bezug auf jene beiden berühmten Grundsätze

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der Spéculation (denn von denen der Praxis werden wir nachher sprechen), dass Alles, was ist, ist, und dass Etwas zur selben Zeit unmöglich sein und nicht sein kann; denn einem grossen Theil des Men- schengeschlechts sind diese beiden Grundsätze, die Ihnen ohne Zweifel als nothwendige Wahrheiten und Grund- sätze gelten, nicht einmal bekannt.

Theoph. Ich gründe die Gewissheit der angeborenen Grundsätze nicht auf die allgemeine Uebereinstimmung, denn ich habe Ihnen schon gesagt, Philalethes, dass man meiner Meinung nach darauf hinarbeiten müsse, alle Grundsätze, die nicht fundamentale sind, beweisen zu können. Auch gebe ich Ihnen zu, dass eine sehr allge- meine Uebereinstimmung, die aber nicht ganz durchgängig ist, aus einer über das ganze Menschengeschlecht ver- breiteten Ueberlieferung stammen könne, wie die Sitte des Tabakrauchens von fast allen Völkern in weniger als einem Jahrhundert angenommen worden ist, obgleich man einige Inselbewohner gefunden hat, dje, da sie, nicht einmal das Feuer kannten, auch nicht rauchen konnten. So haben einige Gelehrte selbst unter den Theologen, jedoch von der Secte des Arminius , geglaubt 57) , dass die Gottes- erkenntniss aus einer sehr alten und sehr allgemeinen Ueberlieferung stammte, und ich bin in der That zu glauben geneigt, dass der Unterricht diese Kenntniss be- festigt und berichtigt hat. Gleichwohl scheint es, dass die Natur auch ohne Lehre dazu anleite; die Wunder des Weltalls sind die Ursache gewesen, an eine höhere Macht zu denken. Man hat ein taubstumm geborenes Kind dem Vollmond seine Anbetung bezeugen gesehen, und Völker gefunden, die nichts Anderes kannten, und wieder andere Völker, welche sich vor unsichtbaren Mächten fürchteten. Ich gebe Ihnen zu, lieber Philalethes, dass dies noch nicht die Idee Gottes sei, wie wir sie haben und fordern, diese Idee ist jedoch nichtsdestoweniger im Grunde unserer Seele, ohne, wie wir sehen werden, hineingebracht zu sein. Auch die ewigen Gesetze Gottes sind zum Theil auf eine noch lesbarere Art und durch eine Art von Instinkt derselben eingeprägt. Aber dies sind Grundsätze des Handelns, von denen wir noch zu reden Gelegenheit haben werden. Man muss indessen gestehn, dass unsere Neigung zur Anerkennung der Idee Gottes in der mensch-

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lichen Natur liegt. Und wenn wir den ersten Unterricht darin auch der Offenbarung zuschreiben wollten, so kommt doch immer die Leichtigkeit, welche die Menschen in der Annahme dieser Lehre gezeigt haben, aus der Natur- anlage ihrer Seele. Aber wir werden in der Folge zu dem Urtheil gelangen, dass die äussere Lehre dabei das, was in uns ist, hier nur erwecke. Ich schliesse also, dass eine allgemeine Uebereinstimmung unter den Menschen ein Zeichen und nicht ein Beweis für einen angeborenen Grundsatz ist, der strikte und entscheidende Beweis dieser Grundsätze aber darin besteht, aufzuzeigen, dass deren Gewissheit nur von dem uns Innewohnenden stammt. Um noch auf das zu antworten, was Sie gegen die allgemeine Zustimmung zu den beiden grossen Grundsätzen der Spé- culation geltend machen, die doch aufs Beste festgestellt sind, so kann ich Ihnen sagen, dass sie, selbst wenn sie nicht bekannt wären, doch angeboren wären, weil man sie anerkennt, sobald man sie vernommen hat. Aber ich will noch hinzufügen, dass im Grunde genommen Jeder- mann sie kennt, und man sich z. B. jeden Augenblick des Grundsatzes des "Widerspruchs, ohne besonders darauf Acht zu haben, bedient. Kein Mensch ist so roh, dass er nicht in einer ernsten Sache von dem Betragen eines Lügners, der sich selbst widerspricht, verletzt werden sollte. So erkennt man diese Grundsätze an, ohne sie ausdrücklich ins Auge zu fassen, und das ist ungefähr, wie wenn man in den Enthymemen 58) die nicht ausge- drückten Vordersätze nur der Möglichkeit nach im Geiste hat, indem man sie nicht nur im Ausdruck, sondern selbst im Denken bei Seite lässt.

§. 5. Philal. Was Sie von diesen möglichen Kennt- nissen und dem inneren Unterdrücken derselben sagen, überrascht mich; denn zu behaupten, dass es in die Seele geprägte Wahrheiten giebt, deren sie sich nicht bewusst ist, das scheint mir wahrlich ein "Widerspruch.

Theoph. "Wenn Sie in diesem Vorurtheil befangen sind, so wundere ich mich nicht, dass Sie die angebore- nen Erkenntnisse verwerfen. Aber ich bin erstaunt, wie es Ihnen noch nicht eingefallen ist, dass wir unendlich viele Erkenntnisse haben, deren wir uns nicht immer be- wusst sind, selbst nicht, wenn wir sie brauchen; das Gedächtniss muss sie aufbewahren und die Wiedererinne-

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rung sie uns darbieten, wie nach Bedürfniss oft, aber nicht immer geschieht. Man nennt dies sehr gut „bei- kommen" 59), denn die Wiedererinnerung verlangt Beistand. Und sicherlich müssen wir bei dieser Menge unserer Er- kenntnisse durch Etwas bestimmt werden, eine davon eher als die andere wieder zu erwecken, weil es unmög- lich ist, an Alles, was wir wissen, ganz zu derselben Zeit deutlich zu denken.

Philal. Darin, glaube ich, haben Sie Recht, und diese zu allgemeine Versicherung, dass wir uns immer aller Wahrheiten, die in unserer Seele sind, be- wusst seien, ist mir entgangen, ohne dass ich hinläng- lich Aufmerksamkeit darauf gehabt habe. Aber Sie werden etwas mehr Mühe haben, auf das, was ich Ihnen jetzt vorlegen will, zu erwidern. Wenn man nämlich von einem einzelnen Satz sagen kann, dass er angeboren ist, so wird man mit demselben Grunde behaupten können, dass alle Sätze, welche vernunftgemäss sind und die der Geist jemals als solche wird betrachten können, der Seele bereits eingeprägt sind.

Theoph. Ich gebe Ihnen dies hinsichtlich der reinen Vorstellungen zu, die ich den phantastischen Erscheinun- gen der Sinne entgegensetze, sowie in Betreff der not- wendigen oder Vernunftwahrheiten, welche ich den that- sächlichen Wahrheiten entgegensetze. In diesem Sinne muss man sagen, dass die ganze Arithmetik und die ganze Geometrie angeboren und auf eine potentielle Weise in uns sind, dergestalt, dass man sie, wenn man aufmerksam das im Geiste schon Vorhandene betrachtet und ordnet, darin auffinden kann, ohne sich irgend einer durch die Erfahrung oder Ueb erlief er ung von einem Andern erlern- ten Wahrheit zu bedienen, wie Plato dies in einem Ge- spräch gezeigt hat, wo er den Sokrates ein Kind durch blosse Fragen, ohne es Etwas zu lehren, zu fernliegen- den Wahrheiten führen lässt. 60) Man kann also diese Wissenschaften in seinem Zimmer und sogar mit ge- schlossenen Augen sich bilden, ohne durch das Gesicht oder selbst das Gefühl die nöthigen Wahrheiten zu lernen, obgleich man allerdings die Vorstellungen, um die es sich handelt, nicht gewahr werden würde, wenn man niemals Etwas gesehen oder berührt hätte. Denn durch eine be- wunderungswürdige Einrichtung der Natur geschieht es,

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dass wir niemals abstracte Gedanken haben können, ohne dazu etwas Sinnliches zu bedürfen, wären es auch nur solche Zeichen, wie die Gestalten der Buchstaben oder die Töne sind, wenngleich zwischen solchen willkürlichen Zeichen und jenen Gedanken keine noth wendige Ver- knüpfung besteht. Und wenn die sinnlichen Spuren nicht erforderlich wären, so würde die vorherbestimmte Har- monie zwischen der Seele und dem Körper, womit ich Sie noch weiter zu unterhalten Gelegenheit haben werde, nicht stattfinden. Dies hindert aber keineswegs den Geist, die notwendigen Wahrheiten aus sich selbst zu schöpfen. Auch sieht man mitunter, wie weit er ohne irgend eine Hülfe durch eine rein natürliche Logik und Arithmetik kommen kann, wie jener schwedische Knabe durch Aus- bildung der seinigen bis zu grossen Rechnungen, die er sofort im Kopfe macht, gekommen ist, ohne die gewöhn- liche Rechenkunst, noch selbst lesen und schreiben ge- lernt zu haben, wenn ich mich dessen, was man mir davon erzählt hat, recht erinnere. Allerdings könnte er nicht mit der Auflösung solcher Probleme fertig werden, welche das Ausziehen der Wurzeln erfordern. Aber das hindert nicht, dass er sie nicht durch irgend einen neuen Kunstgriiï des Geistes aus sich selbst hätte lösen können. Also beweist das nur, dass es in der Schwierigkeit, sich dessen, was in uns ist, bewusst zu werden, verschiedene Grade giebt. Es giebt angeborene Grundsätze, die Allen bekannt und sehr leicht fasslich sind; es giebt Lehrsätze, die man auch gleich entdeckt, und aus denen die natür- lichen Wissenschaften bestehen, welche bei dem Einen ausgebreiteter sind, als bei dem Andern. Endlich können in einem noch weiteren Sinne, den anzuwenden gut ist, um umfassendere und bestimmtere Begriffe zu haben, alle diejenigen Wahrheiten angeborene genannt werden, die man aus den ursprünglichen angeborenen Erkenntnissen ziehen kann, weil der Geist sie aus seinem eigenen In- nern zu schöpfen vermag, was freilich oft keine leichte Sache ist. Wenn aber Jemand den Ausdrücken einen anderen Sinn beilegt, so will ich nicht mit ihm über Worte streiten.

PhilaL Ich habe Ihnen zugegeben, dass man in der Seele Manches, dessen man sich nicht bewusst ist, haben kann, denn man erinnert sich nicht immer, wenn es

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grade sein muss, Alles dessen, was man weiss. Aber man muss es doch einmal gelernt und vordem ausdrücklich gekannt haben. Wenn man also sagen kann, dass Etwas in der Seele ist, obgleich diese es noch nicht gekannt hat, so kann dies nur dadurch sein, dass sie die Fähigkeit oder das Vermögen, es zu erkennen, besitzt.

Theoph. Warum könnte dies nicht noch eine an- dere Ursache haben, nämlich die, dass die Seele Etwas in sich haben kann, ohne dass man sich desselben be- wusst wäre? Denn da eine erworbene Erkenntniss mit- telst des Gedächtnisses darin verborgen sein kann, wie Sie es zugeben, warum sollte auch nicht die Natur eine ur- sprüngliche Erkenntniss darin haben verbergen können? Muss denn Alles, was einer sich erkennenden Substanz natürlich ist, sogleich wirklich von ihr erkannt werden? Kann und muss nicht eine Substanz, wie unsere Seele, verschiedene Eigenschaften und Regungen haben, welche alle sofort und allzumal gewahr zu werden unmöglich ist? Die Platoniker meinten, dass alle unsere Erkenntnisse aus der Erinnerung und zwar so herrühren, dass die Wahr- heiten, welche die Seele mit der Geburt des Menschen auf die Welt gebracht hat und die man angeborene nennt, die Reste einer bestimmten vorhergegangenen Erkenntniss sein müssen. Aber diese Meinung ist ohne Grund, und es ist leicht einzusehen, dass die Seele schon in dem vor- hergegangenen Zustand (wenn die Praeexistenz stattfand), so entfernt er auch sein mochte, ganz wie hier bereits angeborene Erkenntnisse haben musste; diese müssten sich also auch aus einem vorhergegangenen Zustand her- schreiben, wo sie am Ende angeboren oder wenigstens mitanerschaffen sein würden; oder aber man müsste bis ins Unendliche gehen und die Seele als von Ewigkeit her annehmen, in welchem Falle diese Kenntnisse in der That angeboren sein würden, weil sie dann in der Seele nie- mals einen Anfang würden gehabt haben. Wollte Jemand noch behaupten, dass jeder frühere Zustand Etwas von einem noch früheren gehabt habe, was er dem folgenden nicht zurückgelassen hat, so würde man ihm antworten, dass offenbar gewisse evidente Wahrheiten allen diesen Zuständen hätten zukommen müssen, und dass, wie man die Sache auch nehme, in allen Zuständen der Seele die notwendigen Wahrheiten ganz gewiss angeboren seien

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und von innen heraus bewiesen werden, da sie durch Erfahrungen, wie man durch solche die thatsächlichen Wahrheiten begründet, nicht begründet werden können. "Waruni sollte man denn auch in der Seele nichts besitzen können, wovon man niemals Gebrauch gemacht hat? Ist es denn einerlei, Etwas haben, ohne es zu gebrauchen, und nur das Vermögen, es sich anzueignen, besitzen? Wäre dies der Fall, so würden wir immer nur das be- sitzen, was wir gebrauchen. Statt dessen weiss man, dass ausser dem Vermögen und dem Gegenstande oft eine gewisse Anlage in der Fähigkeit oder in dem Ge- genstande, oder in allen beiden nöthig ist, damit die Fähigkeit sich auf den Gegenstand anwenden lasse.

Philal. Wenn man es auf diese Art nimmt, wird man behaupten können, es seien der Seele gewisse Wahr- heiten eingeprägt, welche sie gleichwohl niemals gekannt hat und sogar niemals erkennen mag, was mir befremd- lich erscheint.

Theoph. Ich sehe darin nichts Widersinniges, ob- gleich man auch nicht versichern kann, dass es solche Wahrheiten giebt. Denn es möchten sich dereinst noch erhabenere Dinge, als wir im gegenwärtigen Lebenslauf erkennen können, in unseren Seelen entwickeln, wenn sie in einem anderen Zustande sein werden.

Philal. Gesetzt nun, es gebe Wahrheiten, welche dem Verstände, ohne dass er sich ihrer bewusst ist, ein- geprägt sein können, so sehe ich nicht ein, wie sie hin- sichtlich ihrer Entstehung von den Wahrheiten, welche zu erkennen er allein fähig ist, verschieden sein können.

Theoph. Der Geist ist nicht nur fähig, sie zu er- kennen, sondern auch, sie in sich aufzufinden, und hätte er nur die blosse Fähigkeit, die Erkenntnisse in sich auf- zunehmen oder die leidende Kraft dazu, die so unbestimmt wäre, als * die des Wachses, Formen anzunehmen, und die der leeren Tafel, Buchstaben aufzunehmen, so würde er nicht die Quelle der nothwendigen Wahrheiten sein, wie er sie doch nach meinem eben gelieferten Beweis ist; denn es ist unbestreitbar, dass die Sinne nicht ausreichen, um deren Notwendigkeit einzusehen, und dass also der Geist eine sowohl thätige als leidende Anlage hat, sie aus sei- nem eigenen Innern selbst zu schöpfen, wenn auch die Sinne nothwendig sein mögen, um ihm Gelegenheit dazu

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und Aufmerksamkeit dafür zu geben und ihn auf die einen eher als auf die anderen zu lenken. Sie sehen also, dass diejenigen sonst sehr gescheuten Leute, welche anderer Ansicht sind, nicht genug über die Tragweite des Unter- schiedes nachgedacht zu haben scheinen, der, wie ich schon bemerkt habe, und wie unser ganze Streit zeigt, zwischen den nothwendigen oder ewigen Wahrheiten und den Erfahrungs- Wahrheiten obwaltet. Der ursprüngliche Beweis der nothwendigen Wahrheiten kommt allein vom Verstände, und die übrigen Wahrheiten stammen aus den Erfahrungen oder Beobachtungen der Sinne. Unser Geist ist fähig, die einen und die anderen zu erkennen; aber er ist die Quelle der ersteren, und so zahlreiche einzelne Erfahrungen man von einer allgemeinen Wahrheit haben mag, so kann man sich doch derselben durch Induction nicht für immer versichern, ohne ihre Notwendigkeit durch die Vernunft zu erkennen.

Philal. Wenn aber diese Worte im Verstände sein etwas Positives in sich schliessen, müssen sie dann nicht so viel bedeuten als: der Verstand ist sich bewusst und begreift?

Theoph. Sie bedeuten für uns etwas ganz Anderes; es genügt, dass das, was im Verstände ist, auch darin gefunden werden könne, und dass die ursprünglichen Be- weise der Wahrheiten, um die es sich handelt, nur im Verstände seien; die Sinne können diese Wahrheiten an- regen, rechtfertigen und bestätigen, aber nicht ihre un- fehlbare und immerwährende Gewissheit beweisen.

Philal. Gleichwohl werden Alle die, welche sich die Mühe geben, mit einiger Aufmerksamkeit auf das Ver- fahren des Verstandes zu achten, finden, dass diese vom Geiste ohne Weiteres gewissen Wahrheiten ertheilte Zustimmung von dem Vermögen des menschlichen Geistes abhängt.

Theoph. Ganz recht; aber eben dieses besondere Verhältniss des menschlichen Geistes zu diesen Wahrhei- ten macht die Anwendung des Vermögens auf sie leicht und natürlich, und bewirkt, dass man sie angeborene nennt. Es ist also kein nacktes Vermögen, welches in der blossen Möglichkeit, sie zu begreifen, besteht; es ist eine Anlage, eine Fertigkeit, eine Keimbildung, welche unsere Seele bestimmt, und bewirkt, dass sie aus ihr ge-

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wonnen werden können. Ganz so, wie es zwischen den Gestalten, welche man dem Stein oder dem Marmor will- kürlich giebt, und zwischen denen, welche seine Adern schon bezeichnen oder zu bezeichnen angelegt sind, wenn der Künstler davon Gebrauch machen will, einen Unter- schied giebt.

Philal. Ist es aber nicht wahr, dass die Wahrheiten den Vorstellungen, aus denen sie hervorgehen, nachfol- gen? Es stammen also die Vorstellungen von den Sin- nen ab.

Theoph. Die intellectuellen Vorstellungen, welche die Quelle der nothwendigen Wahrheiten sind, stammen nicht von den Sinnen ab, und Sie müssen anerkennen, dass es Vorstellungen giebt, welche der Reflexion des Geistes verdankt werden, wenn er über sich selbst nach- denkt. Es ist übrigens wahr, dass die deutliche Erkennt- niss der Wahrheiten der deutlichen Erkenntniss der Vor- stellungen (tempore vel natura, nach Zeit und Wesen) erst folgt, wie das Wesen der Wahrheiten von dem der Vor- stellungen abhängt, ehe man die einen und die anderen deutlich bildet, und wie die Wahrheiten, zu denen die aus den Sinnen stammenden Vorstellungen mitwirken, we- nigstens zum Theil von den Sinnen abhängen. Es sind aber die aus den Sinnen stammenden Vorstellungen ver- worren und die davon abhängigen Wahrheiten, zum Theil wenigstens, auch, während die intellectuellen Vorstellun- gen und die davon abhängigen Wahrheiten deutlich be- stimmt sind und weder die einen, noch die anderen ihren Ursprung aus den Sinnen haben, obgleich wir allerdings ohne die Sinne niemals an sie denken würden.

Philal. Nach Ihrer Meinung haben jedoch die Zahlen intellectuelle Vorstellungen, und dennoch hängt die dabei vorkommende Schwierigkeit von der deutlichen Bildung der Vorstellungen ab. Ein Erwachsener z. B. weiss, dass 18 und 19 zusammen gleich 37 sind, mit derselben Evi- denz, wie er weiss, dass 1 und 2 zusammen 3 machen; gleichwohl erkennt aber ein Kind den ersteren Satz nicht so leicht als den zweiten, weil es die Vorstellungen nicht so schnell gebildet hat als die Worte.

Theoph. Ich kann Ihnen zugeben, dass die Schwie- rigkeit in der deutlichen Bildung der Wahrheiten oft von der abhängt, welche man bei der deutlichen Bildung der

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Vorstellungen hat. Gleichwohl glaube ich, dass es in Ihrem Beispiel sich darum handelt, schon gebildete Vor- stellungen anzuwenden, denn die, welche bis 10 zu zählen und die Art, mittelst einer gewissen Verdoppelung der Zehner weiter zu gehen, gelernt haben, verstehen ohne Mühe, dass 18 und 19 = 37 ist, nämlich ein-, zwei- oder dreimal 10 mit 8 oder 9 oder 7; aber um daraus zu schliessen, dass 18 und 19 37 macht, bedarf es mehr Aufmerksamkeit, als um zu wissen, dass 1 und 2 = 3 sind, was im Grunde nur die Definition von 3 ist.

§. 18. Philal. Es ist kein den von Ihnen intellec- tuell genannten Zahlen oder Vorstellungen anhaftendes Vorrecht, Sätze zu liefern, denen man, sobald man sie hört, unfehlbar beistimmt. Es giebt deren auch in der Physik und in allen anderen Wissenschaften, und selbst die Sinne liefern uns solche. So z. B. ist der Satz: Zwei Körper können nicht zugleich an demsel- ben Orte sein, eine Wahrheit, von der man auf keine andere Weise überzeugt ist, als von folgenden Grund- sätzen: Unmöglich kann Etwas zu der nämlichen Zeit sein und nicht sein; Weiss ist nicht Roth; ein Viereck ist kein Kreis; die gelbe Farbe ist nicht die Süssigkeit.

Theoph. Diese Sätze erhalten doch Unterschiede. Der erste, welcher die Unmöglichkeit der Durchdringlich- keit der Körper ausspricht, bedarf eines Beweises. In der That verwerfen ihn Alle die, welche, wie die Peripatetiker und der verstorbene Ritter Digby 61), an wirkliche und im eigentlichen Sinn genommene Verdichtungen und Ver- dünnungen glauben, ohne von den Christen zu sprechen, welche meistens das Gegentheil glauben, dass nämlich die Durchdringung des Ausgedehnten für Gott möglich sei; die anderen Sätze aber sind identische oder doch bei- nah, und die identischen oder unmittelbaren bedürfen keines Beweises. Was diejenigen betrifft, welche von den Sinnen geliefert werden, wie der, welcher aussagt, dass die gelbe Farbe nicht die Süssigkeit ist, so wenden diese nur den allgemeinen Identitätssatz auf besondere Fälle an.

Philal. Jeder aus zwei verschiedenen Vorstellungen gebildete Satz, deren eine die andere aufhebt, wie z. B. dass das Viereck kein Kreis ist, dass Gelbsein nicht Süss-

Leibniz, Ueber d. menschl. Verstand.

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sein ist, wird ebenso sicher als unzweifelhaft angenommen werden, sobald man die Ausdrücke darin versteht, wie jener allgemeine Grundsatz: „Unmöglich kann Etwas zur nämlichen Zeit sein und nicht sein".

Theoph. Dies kommt daher, dass der eine (nämlich der allgemeine Grundsatz) und der andere (nämlich die Aufhebung einer Vorstellung durch eine andere entgegen- gesetzte) davon die Anwendung ist.

Philal. Mir scheint vielmehr, dass der Grundsatz von jener Aufhebung, welche ihn begründet, abhängig ist, und dass er wieder leichter zu verstehen ist als der Satz: "Was dasselbe ist, ist nicht verschieden, oder der Grundsatz des aufzuhebenden Widerspruches. Auf diese Weise würde man ja eine zahllose Menge von Sätzen dieser Art, welche eine Vorstellung der anderen ab- sprechen, ohne von den übrigen Wahrheiten zu reden, als angeborene Wahrheiten annehmen müssen. Dazu kommt, dass, weil kein Satz angeboren sein kann, wenn nicht die ihn bildenden Vorstellungen angeboren sind, man voraussetzen muss, dass alle Vorstellungen, welche wir von Farben, Tönen, Geschmäcken, Gestalten u. s. w. haben, angeboren sind.

Theoph. Ich sehe gar nicht ein, wie der Satz: „Einerlei ist nicht verschieden" der Ursprung des Grundsatzes des Widerspruches und leichter begreiflich, als er, sein sollte; denn mir scheint, man nimmt sich mehr Freiheit, wenn man behauptet, dass A nicht B ist, als wenn man sagt, dass A nicht A ist. Der Grund, der A, B zu sein hindert, ist, dass B nicht A in sich ent- hält. Uebrigens ist nach dem Sinne, welchen wir diesem Ausdruck „angeborene Wahrheit" gegeben haben, der Satz: „Das Süsse ist nicht das Bittere" nicht an- geboren. Denn die Empfindungen des Süssen und des Bitteren stammen von den äusseren Sinnen. Also ist es ein gemischter Schluss (hybrida conchtsio), wo der Grund- satz auf eine sinnliche Wahrheit angewendet worden ist. Was aber jenen Satz anbetrifft: „Das Viereck ist kein Kreis", so kann man sagen, dass er angeboren ist; denn indem man ihn ins Auge fasst, macht man eine Sub- sumtion oder Anwendung des Grundsatzes des Wider- spruchs auf das, was der Verstand seibst liefert, sobald man sich bewusst ist, dass diese angeborenen Vorstellun-

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gen Begriffe in sich schliessen, die miteinander unverträg- lich sind.

§. 19. Philal. Wenn Sie annehmen, dass diese be- sonderen und durch sich selbst evidenten Sätze, deren Wahrheit man erkennt, sobald man sie aussprechen hört, wie z. B. dass das Grüne nicht das Rothe ist, als Folge- rungen jener anderen noch allgemeineren Sätze, welche man als ebenso viele angeborene Grundsätze betrachtet, angenommen werden, so scheinen Sie nicht in Erwägung zu ziehen, dass diese besonderen Sätze von Denen, welche keine Erkenntniss jener allgemeineren Grundsätze haben, als unzweifelhafte Wahrheiten angenommen werden.

T h e o p h. Darauf habe ich bereits vorhin geantwortet : man beruft sich auf diese allgemeinen Grundsätze, wie man sich auf die Obersätze beruft, welche man beim Schliessen durch Enthymeme voraussetzt; denn obgleich man gar häufig beim Schliessen nicht deutlich an das, was man thut, denkt, ebensowenig wie an das, was man beim Gehen und beim Springen thut, so ist doch immer wahr, dass die Kraft des Schlusses zum Theil in dem besteht, was man unterdrückt, und was nirgends sonst her gewonnen werden kann, — wie man finden wird, wenn man ihn zu rechtfertigen hat.

§.20. Philal. Es scheint aber, dass die allgemeinen und abstracten Vorstellungen unserem Geiste fremder sind, als die besonderen Begriffe und Wahrheiten; also müssen diese besonderen Wahrheiten dem Geiste natür- licher sein, als der Grundsatz des Widerspruchs, von dem sie Ihrer Meinung nach nur die Anwendung sein sollen.

Theoph. Allerdings beginnen wir früher der beson- deren Wahrheiten uns bewusst zu sein, sowie wir mit den zusammengesetzteren und gröberen Vorstellungen begin- nen; dies hindert aber nicht, dass die Ordnung der Natur mit dem Einfachsten beginne und die Begrün- dung der besonderen Wahrheiten von den allgemeineren abhänge, wovon sie auch die Beispiele sind. Und wenn man in Betracht ziehen will, was in uns der Anlage nach und jedwedem Bewusstsein voraus liegt, so hat man Ursache, mit dem Einfachsten anzufangen. Denn die all- gemeinen Grundsätze sind in unserem Denken enthalten und bilden deren Seele und Zusammenhalt. Sie sind so noth wendig, wie die Muskeln und Sehnen zum Gehen

4*

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sind, wenn man auch nicht daran denkt. Der Geist stützt sich jeden Augenblick auf diese Grundsätze; aber es ge- lingt ihm nicht so leicht, sie sich klar zu machen und sich deutlich und gesondert vorzustellen, weil dies eine grosse Aufmerksamkeit auf sein Thun erfordert, welche die meisten Menschen, zum Nachdenken wenig gewöhnt, nicht besitzen. Haben nicht die Chinesen articub'rte Laute wie wir? Und dennoch sind sie bei ihrer Gewöhnung an eine andere Schreibweise noch nicht darauf gekommen, von diesen Tönen ein Alphabet zu machen. So haben wir Vieles in unserem Besitz, ohne es zu wissen.

§.21. Philal. Wenn der Geist gewissen Wahrheiten so schnell zufällt, könnte das nicht eher von der Betrach- tung der Natur der Dinge selbst herkommen, die ihm anders zu urtheilen nicht erlaubt, als davon, dass diese Sätze von Natur unserem Geist eingepflanzt sind?

Theoph. Eines und das Andere ist richtig. Die Natur der Dinge und die Natur des Geistes tragen dazu bei. Und wenn Sie die Betrachtung der Sache dem Be- wusstsein des unserm Geist Eingepflanzten entgegensetzen, so zeigt dieser Einwand selbst, dass Die, deren Partei Sie ergreifen, unter den angeborenen Wahrheiten nur das verstehen, was man von Natur wie durch Instinkt und sogar bei nur verworrener Erkenntniss gut heissen würde. Es giebt Wahrheiten von dieser Art, und wir werden davon zu sprechen noch Gelegenheit haben; was man jedoch das natürliche Licht62) nennt, setzt eine deutliche Erkenntniss voraus, und sehr oft ist die Be- trachtung des Wesens der Dinge nichts Anderes, als die Betrachtung des Wesens unseres Geistes und jener ange- borenen Vorstellungen, die man auswärts zu suchen nicht nöthig hat. Also nenne ich diejenigen Wahrheiten ange- boren, welche nur einer solchen Inbetrachtnahme bedürfen, um als wahr anerkannt zu werden. 63) Auf den §. 22 gemachten Einwurf habe ich schon im 5. §. geantwortet. Dieser Einwurf besagt, dass, wenn man behauptet, die angeborenen Begriffe seien implicite im Geiste, dies nur bedeuten dürfe, er habe sie zu erkennen das Vermögen; ich habe dagegen die Bemerkung gemacht, dass er ausser- dem sie in sich zu finden das Vermögen und, wenn er sie gehörig denkt, sie anzuerkennen die Neigung hat.

§.23. Philal. Wie es scheint, nehmen Sie also an,

Von den angeborenen Vorstellungen. 53

dass Diejenigen, welchen man jene allgemeinen Grund- sätze zuerst vorträgt, Nichts erfahren, was ihnen völlig neu ist. Es ist aber klar, dass sie zuerst die Bezeich- nungen und darauf die Wahrheiten und selbst die Vorstellungen, von denen diese Wahrheiten abhängen, lernen.

Theoph. Es handelt sich hier nicht um die Be- zeichnungen, welche gewissermassen willkürlich sind, während die Vorstellungen und die Wahrheiten natürlich sind. Was aber diese Vorstellungen und Wahrheiten an- betrifft, so messen sie uns eine Lehre bei, von der wir weit entfernt sind; denn ich gebe zu, dass wir die ange- borenen Vorstellungen und Wahrheiten, sei es durch Auf- merken auf ihre Quelle, sei es durch Bestätigung aus der Erfahrung, kennen lernen. Ich mache also gar nicht die von Ihnen erwähnte Voraussetzung, als ob wir in dem von Ihnen besprochenen Fall nichts Neues lernten, und würde auch den Satz: „Alles, was man lernt, ist nicht angeboren" nicht zugeben. Die arithmetischen Wahrheiten sind in uns, und dennoch lernt man sie, in- dem man sie entweder aus ihrer Quelle auf dem Wege demonstrativen Nachweises herleitet (was ihr Angeboren- sein zeigt) oder durch Beispiele erhärtet, wie die gewöhn- lichen Rechner es thun, die, weil sie die Gründe nicht wissen, ihre Regeln nur durch Ueberlieferung lernen und höchstens, ehe sie sie lehren, durch die Erfahrung recht- fertigen, welche sie so weit treiben, als sie für angemes- sen erachten. Und mitunter ist selbst ein sehr geschickter Mathematiker, wenn er die Quelle der Entdeckung eines Anderen nicht kennt, gezwungen, sich zu ihrer Prüfung mit dieser Inductionsmethode zu begnügen. So verfuhr ein berühmter Schriftsteller zu Paris, als ich dort war, der die Untersuchung meines arithmetischen Tetragonis- mus durch Vergleichung mit den Ludolph' sehen Zahlen in dem Glauben sehr weit trieb, einen Fehler darin zu finden; und er hatte auch Grund zu zweifeln, bis ihm der Beweis davon mitgetheilt wurde, der uns solcher Unter- suchungen, die man immer fortsetzen könnte, ohne jemals vollkommen sicher zu sein, überhebt. Und selbst das Letztere, nämlich die Unvollkommenheit der Inductionen, kann man noch durch die Beispiele aus der Erfahrung ausgleichen; denn es giebt Progressionen, in denen man

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sehr weit vorwärts gehen kann, ehe man die darin vor- kommenden Veränderungen und Gesetze bemerkt.

Philal. Wäre es aber nicht möglich, dass nicht allein die Ausdrücke oder Worte, deren man sich bedient, sondern auch die Vorstellungen uns von aussen kommen?

Theoph. Dann müssten wir ja selbst ausser uns sein, da die intellectuellen oder Réflexions -Vorstellungen aus unserem Geiste hergeleitet werden; und ich möchte wohl wissen, wie wir die Vorstellung des Seins haben könnten, wenn wir nicht selbst Seiendes wären und so das Sein in uns fänden.

Philal. Was sagen Sie aber zu dieser Herausforde- rung eines meiner Freunde? Wenn Jemand, so sagt er, einen Satz finden kann, worin die Vorstellungen angebo- rene sind, so nenne er ihn mir; er könnte mir keinen grösseren Gefallen beweisen.

Theoph. Ich würde ihm die Sätze der Arithmetik und Geometrie nennen, welche alle von dieser Art sind, und auf dem Gebiete der nothwendigen Wahrheiten würde man gar keine anderen finden.

§. 25. Philal. Das wird vielen Leuten sonderbar vorkommen. Kann man sagen, dass die schwierigsten und tiefsten Wissenschaften angeboren sind?

Theoph. Ihre wirkliche Erkenntniss ist es nicht, wohl aber das, was man die mögliche Erkenntniss nennen kann, wie die durch die Adern des Marmors vorgezeich- nete Gestalt im Marmor ist, ehe man sie beim Arbeiten entdeckt.

Philal. Aber ist es möglich, dass die Kinder, wenn sie die ihnen von aussen kommenden Begriffe empfangen und ihnen zustimmen, keine Erkenntniss von denjenigen haben, welche man als ihnen angeboren und gleichsam einen Theil ihres Geistes bildend voraussetzt, wo sie — so sagt man — in unauslöschlichen Zügen, um als Grund- lage zu dienen, eingeprägt sind? Wäre das der Fall, so hätte sich die Natur unnütze Mühe gegeben oder wenigstens diese Züge schlecht eingeprägt, da sie von Augen, die Anderes doch sehr gut sehen, nicht bemerkt werden können.

Theoph. Das Bewusstsein dessen, was in uns liegt, hängt von einer bestimmten Aufmerksamkeit und Ordnung ab. Nun ist es nicht aliein möglich, sondern selbst an-

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gemessen, dass die Kinder mehr Aufmerksamkeit den Begriffen der Sinne schenken, weil die Aufmerksamkeit durch das Bedürfniss geleitet wird. Indessen zeigt die Erfahrung in der Folge, dass die Natur sich nicht unnütz die Mühe gegeben hat, uns angeborene Erkenntnisse ein- zuprägen, da es ohne diese kein Mittel geben würde, zur wirklichen Erkenntniss der notwendigen Wahrheiten in den demonstrativen Wissenschaften und zu den Erkennt- nissgründen der Thatsachen zu gelangen; und wir würden nichts den Thieren voraus haben.

§. 26. Philal. Wenn es angeborene Wahrheiten giebt, muss es dann [nicht auch angeborene Gedanken geben?

Theoph. Durchaus nicht, denn die Gedanken sind Handlungen und die Erkenntnisse oder die Wahrheiten, sofern sie selbst dann in uns sind, wenn man nicht an sie denkt, sind nur Fertigkeiten oder Anlagen; und gar viele Dinge wissen wir, an die wir nicht denken.

Philal. Es ist schwer zu begreifen, dass im Geiste eine Wahrheit sei, wenn er an diese Wahrheit niemals gedacht hat.

Theoph. Das ist ebenso, wie wenn Jemand sagen wollte, es ist schwer zu begreifen, dass es im Marmor Adern giebt, bevor man sie entdeckt. Dieser Einwurf scheint sich auch einem Zirkelschluss allzusehr zu nähern. Alle Diejenigen, welche angeborene Wahrheiten annehmen, ohne sie auf die Platonische Wiedererinuerung zu be- gründen, nehmen auch solche an, an die man noch nicht gedacht hat. Uebrigens beweist dieser Schluss zu. viel; denn wenn die Wahrheiten Gedanken sind, so wird man nicht nur der Wahrheiten, an die man niemals gedacht hat, sondern auch deren beraubt werden, an die man gedacht hat und an die man gegenwärtig nicht mehr denkt, und wenn die Wahrheiten nicht Gedanken, son- dern natürliche oder erworbene Fertigkeiten oder Ge- schicklichkeiten sind, so hindert nichts, dass solche in uns seien, an die man niemals gedacht hat, noch jemals denken wird.

Philal. Wenn die allgemeinen Grundsätze ange- boren wären, so müssten sie im Geiste gewisser Menschen mit grösserer Helligkeit erscheinen, wo wir doch davon keine Spur sehen — ich meine der Kinder, Einfältigen

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und Wilden — denn von allen Menschen ist bei die- sen der Geist am wenigsten durch die Gewohnheit und den Eindruck fremder Meinungen angekränkelt und ver- dorben.

Theoph. Man muss, glaube ich, hier ganz anders urtheilen. Die angeborenen Grundsätze treten nur durch die Aufmerksamkeit, welche man ihnen schenkt, ans Licht, aber die haben jene Menschenklassen nicht, oder haben sie nur für etwas ganz Anderes. Sie denken fast nur an die körperlichen Bedürfnisse, und es ist vernunft- gemäss, dass die reinen und übersinnlichen Gedanken der Preis edlerer Bemühungen seien. Allerdings ist in Kindern und "Wilden der Geist durch die Gewohnheiten weniger verderbt, aber dafür auch durch die geistige Bildung, welche Aufmerksamkeit verleiht, weniger ge- hoben. Es würde sehr ungerecht sein, wenn die leben- digsten Erkenntnisse in denjenigen Geistern mehr glänz- ten, welche sie weniger verdienen und in dickeren Nebel gehüllt sind. Ich wünschte also nicht, dass man der Unwissenheit und Rohheit so viel Ehre anthäte, wenn man so gescheut ist, wie Sie, Philaleth, und wie unser trefflicher Autor. Das würde die Gaben Gottes erniedri- gen heissen. Sonst würde man sagen können, je unwis- sender Einer ist, desto mehr nähert er sich dem Vorzug eines Marmorblockes oder eines Stückes Holz, die unfehl- bar und sündlos sind. Aber unglücklicher Weise nähert man sich auf diese Weise jenen Eigenschaften nicht und sündigt, insofern man der Erkenntniss fähig ist, dadurch, dass man sie zu erwerben vernachlässigt, und wird, je weniger man unterrichtet ist, es desto leichter darin fehlen lassen.

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Capitel IL

Dass es keine angeborenen praktischen Grund- sätze giebt.

Philal. Die Moral ist eine demonstrative Wissen- schaft, hat aber dennoch keine angeborenen Grundsätze. Es würde sogar schwer sein, eine moralische Vorschrift von der Art aufzustellen, dass sie mit einer so allge- meinen und so schnellen Zustimmung, wie der Satz: Was da ist, ist, aufgenommen würde.

Theoph. Es ist schlechthin unmöglich, dass es so evidente Vernunftwahrheiten, wie die identischen oder unmittelbaren, gebe. Und obgleich man in Wahrheit sagen kann, dass die Moral unerweisbare Grundsätze hat und davon einer der ersten und der brauchbarsten der ist, dass man die Lust suchen und die Unlust fliehen solle, so muss man doch hinzufügen, dass dies keine durch die Vernunft allein erkannte Wahrheit ist, da sie sich auf die innere Erfahrung oder auf verworrene Er- kenntniss gründet, denn was Lust und Unlust ist, lässt sich nicht empfinden. 64)

Philal. Nur durch Vernunftbetrachtungen, Unter- redungen und eine gewisse Geistesau strengung kann man sich der praktischen Wahrheiten versichern.

Theoph. Wenn dies der Fall wäre, so würden sie darum nicht weniger angeboren sein. Indessen scheint die Maxime, welche ich eben angezogen habe, von einer andern Art zu sein; man kennt sie nicht durch die Ver- nunft, sondern, so zu sagen, durch einen Instinkt. Es ist ein angeborener Grundsatz, aber er macht keinen Theil des natürlichen Lichtes aus, denn man kennt ihn nicht auf eine lichtvolle Art. Ist dieser Grundsatz ein- mal aufgestellt, so kann man wissenschaftliche Folgerun- gen daraus ziehen, und ich stimme dem, was Sie soeben von der Moral, als einer demonstrativen Wissenschaft, ge- sagt haben, durchaus bei. Wie wir denn auch sehen, lehrt sie so evidente Wahrheiten, dass Räuber, Piraten

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und Banditen sie unter sich zu beobachten gezwungen sind.

§.2. Philal. Aber die Banditen beobachten unter sich die Regeln der Gerechtigkeit, ohne sie als angebo- rene Grundsätze zu betrachten.

Theoph. Was liegt daran? Kümmert sich die Welt etwa um diese theoretischen Fragen?

Philal. Jene beobachten die Gesetze der Gerech- tigkeit nur als angemessene Regeln, deren Ausübung für die Erhaltung ihrer Gemeinschaft schlechthin nothwen- dig ist.

Theoph. Sehr richtig. Man kann sich hinsichtlich aller Menschen im Allgemeinen gar nicht besser aus- drücken. Also sind diese Gesetze der Seele eingeprägt, nämlich als Folgerungen aus unserer Selbsterhaltung und unseren wahren Gütern. Soll man nun die Annahme machen, dass in unserem Verstände die Wahrheiteu wie unabhängig von einander sich vorfinden und gleichsam so, wie die Edicté des Praetors in seinem Anschlag oder Album verzeichnet waren? Ich setze dabei den sogleich zu besprechenden Instinkt, welcher den einen Menschen treibt, den andern zu lieben, bei Seite, denn jetzt will ich nur von den Wahrheiten reden, insofern sie von der Vernunft erkannt werden. Auch erkenne ich an, dass gewisse Regeln der Gerechtigkeit in ihrer ganzen Aus- dehnung und Vollkommenheit nur unter der Voraus- setzung des Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der Seele bewiesen werden können; und diejenigen, zu denen der Instinkt der Menschlichkeit uns nicht anhält, sind der Seele nur wie andere abgeleitete Wahrheiten einge- prägt. Diejenigen indessen, welche die Gerechtigkeit nur auf die Notwendigkeiten dieses Lebens und das Bedürf- niss gründen, statt auf die Lust, welche sie darin finden sollen, eine Lust, welche, wenn Gott den Grund davon bildet, eine der grössten ist — die freilich sind einiger- massen mit der Gesellschaft der Banditen zu vergleichen. Sit spes fallendi, miscebunt sacra prqfanis. (Das Heilige mit Gemeinem mischend, hofft man zu täuschen. — )

§. 3. Philal. Ich gebe zu, dass die Natur in alle Menschen den Wunsch, glücklich zu sein, und eine starke Abneigung gegen das Elend gelegt hat. Das sind also

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wahrhaft angeborene praktische Grundsätze, welche nach der Bestimmung aller praktischen Principien einen be- ständigen Einfluss auf alle unsere Handlungen haben. Aber sie sind doch Neigungen der Seele gegen das Gute und nicht Eindrücke irgend einer unserem Verstand ein- geprägten Wahrheit.

Theoph. Ich freue mich ausserordentlich, zu sehen, dass Sie in der That, wie ich gleich erläutern werde, angeborene Wahrheiten anerkennen. Jener Grundsatz kommt mit dem, dessen ich eben erwähnt habe, wohl überein, demgemäss wir der Lust nachzugehen und die Unlust zu meiden getrieben werden. Denn das Glück ist nichts Anderes, als eine beständige Lust. Indessen geht unsere Neigung nicht eigentlich auf das Glück, son- dern auf die Lust, d. h. in der Gegenwart, während uns die Vernunft auf die Zukunft und das Beständige richtet. Nun geht die durch den Verstand sich ausdrückende Neigung in eine Vorschrift oder in eine praktische Wahr- heit über, und wenn die Neigung angeboren ist, ist es also die Wahrheit auch, da es in der Seele nichts giebt, das sich nicht im Verstände ausdrückte, wenn auch nicht immer mittelst einer thatsächlichen, deutlich bestimmten Betrachtung, wie ich schon genugsam gezeigt habe. Auch sind die Instinkte nicht immer praktischer Art; einige davon enthalten theoretische Wahrheiten, und dieser Art sind die inneren Grundsätze der Wissenschaften und des Vernunftgebrauchs, wenn wir sie, ohne den Grund davon zu erkennen, aus natürlichem Instinkt anwenden. Und in diesem Sinne können Sie sich der Anerkennung ange- borener Grundsätze nicht entschlagen, selbst wenn Sie leugnen wollten, dass die abgeleiteten Wahrheiten ange- boren sind. Aber das würde nach der von mir gege- benen Erklärung, was ich angeboren nenne, nur ein Streit um Worte sein. Und will Jemand diese Bezeich- nung nur denjenigen Wahrheiten geben, welche man so- fort durch Instinkt empfängt, so würde ich ihm nicht widersprechen.

Philal. Ich bin damit zufrieden. Wenn es aber in unserer Seele gewisse von Natur eingeprägte Züge als ebenso viele Erkenntnissgrundsätze gäbe, so würden wir uns derselben nur bewusst werden, wenn sie in uns wirken, wie wir den Einfluss der beiden Grundsätze,

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welche beständig in uns wirken, nämlich den Wunsch, glücklich zu sein, und die Furcht, elend zu sein, em- pfinden.

Theoph. Es giebt Erkenntnissgrundsätze, welche ebenso beständig auf unsern Vernunftgebrauch Einfluss haben, als die praktischen auf unsern Willen: so wendet z. B. Jedermann die Regeln des Schliessens durch eine natürliche Logik an, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Philal. Die Moralgesetze müssen bewiesen werden; also sind sie nicht angeboren, wie jenes Gesetz, welches die Quelle aller gesellschaftlichen Tugenden ist: Was Du nicht willst, das Dir geschieht, das thue auch dem Andern nicht.

Theoph. Sie wiederholen immer den von mir schon widerlegten Einwand. Ich gebe Ihnen zu, dass es Moral- gesetze giebt, welche keine angeborenen Grundsätze sind, aber das hindert sie nicht, angeborene Wahrheiten zu sein; denn eine abgeleitete Wahrheit ist angeboren, wenn wir sie aus unserem Geiste schöpfen können. Es giebt aber angeborene Wahrheiten, welche wir auf zwei Arten in uns finden, durch das Licht der Vernunft und durch Instinkt. Die, welche ich soeben bezeichnet habe, wer- den aus unsern Vorstellungen bewiesen, welches Sache des natürlichen Lichtes ist. Aber es giebt Folgerungen aus dem natürlichen Lichte, welche in Beziehung auf den Instinkt Grundsätze sind. 65) So werden wir zu Handlungen der Menschlichkeit durch den Instinkt getrieben, weil uns dies angenehm ist, und durch die Vernunft, weil es recht ist. Es giebt in uns also in- stinktmässige Wahrheiten, welche angeborene Grundsätze sind, die man, auch ohne den Beweis dafür zu haben, empfindet und anerkennt, welchen Beweis man gleich- wohl aber erhält, wenn man sich von diesem Instinkt Rechenschaft ablegt. So bedient man sich der Gesetze des Schliessens in Folge einer verworrenen Erkenntniss und gleichsam aus Instinkt; die Logiker aber zeigen den Grund derselben auf, wie auch die Mathematiker von dem, was man beim Gehen und Springen, ohne daran zu denken, thut, den Grund angeben. Was jenes Gesetz anbetrifft, wonach man den Andern nur das anthun darf, was man von ihnen gethan haben mag, so bedarf dies nicht allein eines Beweises, sondern auch noch

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einer Erklärung. Wenn man Herr wäre, würde man von den Andern zu viel verlangen; sind wir ihnen dann aber auch zu viel schuldig? Man wird mir einwenden, dass dies Gesetz nur von einem gerechten Willen zu ver- stehen ist. Dann wäre es aber weit entfernt, in einem andern Verhältniss als Maassstab zu dienen. Der wahre Sinn desselben ist, dass, um billig zu urtheilen, der Platz des Andern der wahre Gesichtspunkt ist, auf den man sich stellen muss.

§. 9. Philal. Man begeht oft schlechte Handlungen ohne Gewissensbisse, z. B. wenn man Städte mit Sturm nimmt, begehen die Soldaten, ohne sich zu bedenken, die schlimmsten Handlungen. Gebildete Völker haben ihre Kinder ausgesetzt; einige Caraibenstämme kastriren die ihrigen, um sie zu mästen und zu verzehren. Garci- lasso de la Vega 66) erzählt, dass gewisse Völker in Peru Weiber gefangen nehmen, um sie zu Concubinen zu machen, und die Kinder bis zum 13. Jahre erzögen, worauf sie sie verzehrten und e"s mit den Müttern ebenso machten, sobald sie nicht mehr Kinder bekämen. In Baumgarten's Reise ist erzählt, dass es in Aegypten einen Derwisch gegeben habe, der für einen Heiligen galt, weil er sich niemals zu Weibern oder Knaben, sondern nur zu Eselinnen und Mauleselinnen gehalten habe. 67)

Theoph. Die Moralwissenschaft (die Instinkte aus- genommen, wie den, der Lust nachzutrachten und die Unlust zu fliehen) ist nicht auf andere Weise als die Arithmetik angeboren, denn auch sie hängt von Beweisen ab, welche das innere Licht darbietet. Und da die Be- weise nicht sofort ins Auge springen, so ist es kein grosses Wunder, wenn die Menschen nicht immer und sofort sich Alles dessen, was sie in sich besitzen, bewusst sind, und nicht immer schnell genug die Züge des natürlichen Gesetzes, welches Gott, nach St. Pau- lus, in ihr Herz gegraben hat,68) lesen. Da indessen die Moral wichtiger als die Arithmetik ist, hat Gott dem Menschen Instinkte gegeben, die ihn sofort und ohne vernünftige Ueberlegung auf das Vernunftgemässe leiten. So gehen wir auch nach den Gesetzen der Mechanik ein- her, ohne dieser Gesetze zu gedenken, und essen nicht allein, weil das uns nöthig ist, sondern auch und erst

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recht darum, weil das Essen uns Vergnügen macht. Aber diese Instinkte treiben uns nicht auf eine unwidersteh- liche Weise zum Handeln; man leistet ihnen durch die Leidenschaften Widerstand, man verdunkelt sie durch die Vorurtheile und verderbt sie durch widrige Ge- wohnheiten. Indessen erkennt man diese Instinkte des Bewusstseins meistens an und folgt ihnen sogar, wenn nicht stärkere Eindrücke sie überwinden. Der grösste und sittlich gesundeste Theil des menschlichen Geschlechts zeugt für sie. Orientalen und Griechen oder Römer, Bibel und Alkoran stimmen darin überein; die Polizei der Mohammedaner bestraft gewöhnlich das, was Baumgarten erzählt, und man müsste ebenso verthiert wie die wil- den Amerikaner sein, um ihre Sitten, deren Grausamkeit selbst die der Thiere übertrifft, gut zu heissen. Gleich- wohl fühlen diese Wilden bei andern Gelegenheiten recht gut, was Gerechtigkeit ist, und mag es vielleicht auch« keine schlimme Handlungsweise geben, die nicht irgendwo und bei gewissen Vorfällen Billigung erfährt, so giebt es doch deren wenige, welche nicht in den meisten Fällen und von dem grössten Theil der Menschheit verurtheilt werden. Das geschieht zwar nicht ohne Vernunft; da es aber nicht durch den blossen Gebrauch derselben ge- schieht, muss es zum Theil natürlichen Instinkten zuge- schrieben werden. Die Gewohnheit, die Ueb erlief er ung, die Erziehung tragen dazu bei, aber das Naturell ist die Ursache, dass die Sitte sich in Bezug auf diese Pflichten allgemeiner nach dem Rechten wendet. Das Naturell ist auch Ursache, dass die Ueberlieferung vom Dasein Gottes entstanden ist Nun giebt die Natur dem Men- schen und selbst den meisten Thieren Liebe und Sanft- muth gegen die, welche ihres Geschlechts sind. Selbst der Tiger „partit cognatis macidis* (schont seines Glei- chen). Daher kommt das schöne Wort eines römischen Juristen: quia inter omnes homines natura cognationem constituit, inde hominem homini insidiari nefas esse (weil die Natur unter den Menschen Verwandtschaft gestiftet hat, ist es Unrecht, dass ein Mensch dem andern Nach- stellungen bereite). Fast die Spinnen allein machen da- von eine Ausnahme und fressen sich unter einander auf, so zwar, dass das Weibchen das Männchen frisst, nach-

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dem es mit ihm der Lust gepflogen hat. Nach diesem allgemeinen Social-Instinkt, welchen man beim Men- schen Menschenliebe nennen kann, giebt es noch be- sondere, wie die Liebe zwischen Mann und Weib, die Liebe der Väter und Mütter gegen ihre Kinder, welche die Griechen axopy^v nennen, und andere ähnliche Neigun- gen, welche jenes natürliche Recht oder vielmehr jenes Bild des Rechts bilden, das dem römischen Juristen zu- folge die Natur die lebendigen Wesen gelehrt hat. Aber besonders im Menschen findet sich eine gewisse Sorge um Würde und Anstand, welche uns antreibt, das, was uns erniedrigt, zu verbergen, schamhaft zu sein, gegen Blutschande Widerwillen zu haben, die Leichname zu be- graben, Menschen überhaupt nicht und keine lebendigen Thiere zu essen. Man ist auch geneigt, für seinen Ruf Sorge zu tragen, selbst über Bedürfniss und Leben hinaus, Gewissensbissen unterworfen zu sein und jene laniatm et ictus, jene Martern und Schmerzen, von denen Tacitus nach Plato's Vorgange spricht, wzu fühlen — ausserdem noch Furcht vor der Zukunft und einer höchsten Macht, die gleichfalls ganz natürlich entsteht. In dem Allen ist etwas Wirkliches; aber im Grunde sind diese Eindrücke, so natürlich sie auch sein können, nur Hülfen für die Vernunft und Zeichen eines von der Natur erth eilten Rathes. Die Gewohnheit, die Erziehung, die Ueberlie- ferung, die Vernunft tragen viel dazu bei; aber die Natur hat dann nicht weniger Theil daran. Allerdings würden diese Hülfen ohne die Vernunft nicht hinreichen, um der Moral eine vollständige Gewissheit zu verleihen. 69) Will man endlich leugnen, dass der Mensch von Na- tur getrieben werde, z. B. von hässlichen Dingen sich fern zu halten — unter dem Vorwande, dass es Leute giebt, die nur gern von unfläthigen Dingen reden, dass es selbst solche giebt, deren Lebensberuf sie veranlasst, mit Unrath umzugehen, und dass es Völker in Butan giebt, welche die Excremente des Königs für wohlriechend halten? Ich denke mir, dass Sie in Hinsicht dieser natür- lichen Instinkte für das sittlich Gute der Ehrbarkeit im Grunde meiner Ansicht sind, wenn Sie vielleicht auch, wie Sie in Hinsicht auf den Instinkt des Glücks erklärt haben, sagen werden, dass jene Eindrücke nicht ange- borene Wahrheiten sind. Aber ich habe schon darauf

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geantwortet, dass jedes Gefühl die Wahrnehmung einer "Wahrheit ist, und dass das natürliche Gefühl das einer angeborenen, aber sehr oft verworrenen Wahrheit ist, 70) wie die Erfahrungen der äusseren Sinne auch: man kann also die angeborenen Wahrheiten von dem natür- lichen Licht (welches nur deutlich Erkennbares ent- hält) so unterscheiden, wie der Geschlechtsbegriff vom Artbegriff unterschieden werden muss, da die angebo- renen Wahrheiten sowohl die Instinkte als das na- türliche Licht in sich begreifen.

§. 11. Philal. Wer die natürlichen Grenzen von Recht und Unrecht kennte und sich dennoch nicht ent- hielte, sie unter einander zu wirren, der könnte nur als ein erklärter Feind der Ruhe und des Glücks der Gesell- schaft, an welcher er theilnimmt, betrachtet werden. Da aber die Menschen sie in jedem Augenblick verwirren, kennen sie sie also nicht.

Theoph. Das heisst die Sachen doch ein wenig zu theoretisch nehmen. Täglich geschieht es, dass die Men- schen ihren Erkenntnissen, indem sie dieselben vor sich selbst verbergen, zuwider handeln, wenn sie, um ihren Leidenschaften zu folgen, ihrem Geist eine andere Rich- tung geben. Sonst würden wir niemals die Leute das essen und trinken sehen, was ihnen doch, wie sie wis- sen, Krankheiten und selbst den Tod bringen muss; sie würden ihre Geschäfte nicht vernachlässigen, sie würden nicht handeln, wie in mancher Hinsicht doch ganze Na- tionen gethan haben. Die Zukunft und die Vernunft haben selten so viel Gewalt über uns, als die Gegenwart und die Sinne. Das wusste jener Italiener sehr wohl, welcher, als er auf die Tortur gebracht werden sollte, sich vornahm, beständig den Galgen vor Augen zu hal- ten, und den man öfter sagen hörte: Jo ti vedo (ich sehe dich), was er nachher, als er frei gekommen war, erklärte. Ohne den festen Entschluss zu ergreifen, das wahrhaft Gute und das wahrhaft Schlechte immer ins Auge zu fassen, um ihnen nachzustreben oder sie zu vermeiden, findet man sich fortgerissen und erfährt in Hinsicht der wichtigsten Aufgaben dieses Lebens dasjenige, was in Hinsicht auf Paradies und Hölle Denen begegnet, welche am meisten daran glauben:

Von den angeborenen Vorstellungen. 65

Cantantur haec, laudantur haec,

Dicuntur, audiuntur; Scribuntur haec, leguntur haec

Et lecta — negliguntur.

Man singt es und man lobt es viel, Man sagt's und hört's in jedem Stil; Man schreibt davon und liest es, Man liest's und doch — vergisst es.

Philal. Jeder Grundsatz, welchen man als ange- boren voraussetzt, muss von einem Jeden als recht und vortheilhaft erkannt worden.

Theoph. Das heisst ja immer auf die von mir so oft widerlegte Voraussetzung zurückkommen, dass jede angeborene Wahrheit immer und allgemein bekannt sein müsse.

§.12. Philal. Aber eine öffentliche Erlaubniss, das Gesetz zu verletzen, beweist, dass dies Gesetz nicht an- geboren ist: so ist z. B. das Gesetz, die Kinder zu lieben und zu erhalten, bei den Alten verletzt worden, als sie die Aussetzung derselben erlaubten.

Theoph. Auch diese Verletzung einmal vorausge- setzt, folgt daraus nur, dass man jene in unsere Seelen gegrabenen, aber mitunter durch unsere Uebertretungen ganz verhüllten Züge der Natur nicht recht gelesen hat; ausserdem muss man, um die Notwendigkeit der Pflich- ten auf unüberwindliche Art wahrzunehmen, deren Be- weis ins Auge fassen, was nicht ganz gewöhnlich ist. Wenn die Geometrie unseren Leidenschaften und gegen- wärtigen Interessen ebenso wie die Moral zuwider liefe, würden wir sie nicht weniger bestreiten und verletzen, trotz aller Beweise des Euklides und Archimedes, die man als Träumereien behandeln und als voll von logi- schen Fehlern ansehen würde; und Joseph Scaliger, Hobbes und Andere, die gegen Euklides und Archimedes geschrieben haben, würden nicht so wenige Nachfolger finden, als es der Fall ist. Nur die Ruhmsucht, welche diese Schriftsteller in der Quadratur des Kreises und an- deren schwierigen Aufgaben zu befriedigen glaubten, war es, was Männer von so grossem Verdienst bis zu solchem Grade verblenden konnte. Und wenn Andere dasselbe Interesse hätten, würden sie es ebenso machen.

Leibniz, Ueber d. mensch] . Verstand. «5

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Phil al. Jede Pflicht führt auf die Vorstellung des Gesetzes zurück, und wie man annimmt, kann es nicht ein Gesetz ohne einen Gesetzgeber geben, der es vorge- schrieben hat, ebensowenig, wie ohne Belohnung und Strafe.

Theoph. Es kann natürliche Belohnungen und Strafen ohne Gesetzgeber geben; so wird die Unmässig- keit z. B. durch Krankheiten bestraft. Wie sie indessen nicht Allen sogleich schadet, gebe ich auch zu, dass keine Vorschrift, an die man unwiderruflich gebunden wäre, bestehen könnte, wenn es nicht einen Gott gäbe, der kein Verbrechen ungestraft und keine gute Handlung unbelohnt lässt.

Philal. Also müssen die Vorstellungen von Gott und einem zukünftigen Leben auch angeboren sein.

Theoph. In dem von mir schon erklärten Sinne bin ich damit einverstanden.

Philal. Aber diese Ideen sind so weit entfernt, von Natur in den Geist aller Menschen eingegraben zu sein, dass sie selbst nicht einmal klar und deutlich in dem Geiste mancher Gelehrten und solcher Männer erscheinen, die ein Geschäft daraus machen, die Dinge genau zu untersuchen; so viel fehlt daran, dass sie jedem mensch- lichen Wesen bekannt seien.

Theoph. Das heisst wieder auf dieselbe Voraus- setzung zurückkommen, nach deren Vorgeben das, was nicht bekannt ist, auch nicht angeboren sein soll, die ich indessen schon oft widerlegt habe. Das Angeborene ist nicht von vornherein klar und deutlich als solches bekannt; man hat oft viel Aufmerksamkeit und Methode nöthig, um sich desselben bewusst zu werden. Solche wird aber nicht immer von den Gelehrten angewendet und von den andern Menschen noch weniger.

§.15. Philal. Wenn aber die Menschen das, was angeboren ist, ignoriren oder bezweifeln können, so redet man vergebens von angeborenen Grundsätzen und giebt vergebens deren Notwendigkeit zu zeigen vor. Weit entfernt, dass sie dazu dienen könnten, uns, wie man vorgiebt, von der Wahrheit und Gewissheit der Dinge zu unterrichten, würden wir mit diesen Grundsätzen uns in demselben Zustand von Ungewissheit befinden, als wenn wir sie gar nicht in uns hätten.

Von den angeborenen Vorstellungen. 67

Theoph. Man kann gar nicht alle angeborenen Grundsätze in Zweifel ziehen. Sie haben dies hinsicht- lich der identischen oder des Grundsatzes vom Wider- spruch zugegeben, indem Sie gestanden, dass es unbe- streitbare Grundsätze gebe, obgleich Sie dieselben damals nicht als angeboren anerkannten; aber es folgt daraus nicht, dass Alles, was angeboren und mit diesen ange- borenen Grundsätzen nothwendig verbunden ist, auch so- fort von zweifelloser Evidenz sei.

Philal. So viel ich weiss, hat noch Niemand unter- nommen, von diesen Grundsätzen ein genaues Verzeich- niss zu entwerfen.

Theoph. Hat man uns dann etwa ein vollständiges und genaues Verzeichniss der Grundsätze der Geometrie entworfen?

§. 15. Philal. Lord Herbert 71) hat einige dieser Grundsätze aufzeichnen wollen, nämlich folgende: 1) es giebt ein höchstes göttliches Wesen; 2) man muss die- sem dienen; 3) die mit der Frömmigkeit verbundene Tugend ist der beste Gottesdienst; 4) man muss seine Sünden bereuen; 5) es giebt Belohnungen und Strafen nach diesem Leben. — Ich gebe zu, dies sind Wahrheiten von Evidenz und von solcher Art, dass, wenn man sie recht erklärt, kein vernünftiges Geschöpf umhin kann, ihnen zuzustimmen. Aber nach unserer Ansicht fehlt noch viel daran, dass sie ebenso viel angeborene Ein- drücke sind. Und wenn diese fünf Sätze allgemeine Be- griffe sind, welche Gottes Finger in unsere Herzen prägte, so giebt es deren noch andere, welchen man gleichen Rang zuerkennen muss.

Theoph. Ich gebe dies zu, denn ich halte alle nothwendigen Wahrheiten für angeboren und füge sogar die Instinkte hinzu. Aber ich gestehe, dass jene fünf Sätze keine angeborenen Grundsätze sind; denn ich halte dafür, dass man sie beweisen kann und muss.

§.18. Philal. Im dritten Satz, dass die Tugend der Gott angenehmste Dienst ist, bleibt es dunkel, was man unter Tugend versteht. Versteht man sie in dem Sinne, welchen man ihr am gewöhnlichsten giebt, ich meine von dem, was nach den verschiedenen Meinungen, die in verschiedenen Ländern herrschen, für löblich gilt, so ist dieser Satz so weit entfernt, evident zu sein, dass

5*

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er nicht einmal wahr ist. Nennt man Tugend die Hand- lungen, welche dem Willen Gottes gemäss sind, so wäre dies fast ein idem per idem (dasselbige für dasselbige), und wir würden aus dem Satze nicht viel lernen; denn er würde nur besagen, dass Gott das angenehm ist, was seinem Willen gemäss ist. Es verhält sich dies mit dem Begriff der Sünde im vierten Satze ebenso.

Theoph. Ich erinnere mich nicht, bemerkt zu ha- ben, dass man das Wort Tugend gemeiniglich für etwas von den Meinungen Abhängiges annimmt; wenigstens nehmen es die Philosophen nicht so. Allerdings hängt der Name Tugend von der Meinung Derer ab, welche ihn verschiedenen Fertigkeiten oder Handlungsweisen beilegen, je nachdem sie sie für gut oder schlimm erachten und von ihrer Vernunft Gebrauch machen; aber Alle stimmen über den Begriff der Tugend im Allgemeinen genugsam überein, wenn sie auch in dessen Anwendung verschie- dener Meinung sind. Nach Aristoteles 72) und mehreren Andern ist die Tugend eine Fertigkeit, die Leidenschaften durch die Vernunft zu massigen, und noch einfacher, eine Fertigkeit, nach der Vernunft zu handeln. Und dies ist ohne Zweifel Demjenigen angenehm, welcher die oberste und letzte Ursache der Dinge ist, dem nichts gleichgültig ist und die Handlungen aller vernünftigen Geschöpfe we- niger als aller übrigen gleichgültig sind.

§. 20. Philal. Man sagt gewöhnlich, dass die Sit- ten, die Erziehung und die allgemeinen Meinungen Derer, mit denen man verkehrt, diese als angeboren vorausge- setzten Grundsätze der Moral verdunkeln können. Ist aber dieser Satz richtig, so vernichtet er den Beweis, den man aus der allgemeinen Zustimmung zu ziehen vor- giebt. Das Beweisverfahren vieler Leute lässt sich auf Folgendes zurückbringen. Die Grundsätze, welche Men- schen von gesundem Verstände anerkennen, sind ange- boren; wir und die von unserer Partei sind Leute von gesundem Verstände, also sind unsere Grundsätze ange- boren. Eine lustige Manier, Schlüsse zu machen, welche auf Unfehlbarkeit grade losgeht.

Theoph. Was mich anbetrifft, so bediene ich mich der allgemeinen Zustimmung nicht als eines eigentlichen Beweises, sondern nur als einer Bestätigung; denn die angeborenen Wahrheiten, sofern man sie für das natür-

Von den angeborenen Vorstellungen. 69

liehe Licht der Vernunft nimmt, tragen ihre Charakter- züge, wie die Geometrie, mit sich; denn sie sind in den unmittelbaren Grundsätzen, welche Sie selbst als unbe- streitbar betrachten, gleichsam eingehüllt. Ich gestehe aber, dass es schwerer ist, die Instinkte und einige andere natürliche Fertigkeiten von den Gewohnheiten zu unterscheiden, obgleich dies meistentheils möglich zu sein scheint. Mir scheinen übrigens die Völker, welche ihren Geist ausgebildet haben, Grund zu haben, sich den Ge- brauch des gesunden Menschenverstandes vor den rohen Völkern zuzuschreiben, da sie durch deren fast ebenso leichte Unterwerfung, als die der Thiere, ihre Ueberlegen- heit zeigen. Wenn man mit ihnen nicht immer zum Ziele kommen kann, so geschieht dies, weil sie sich wie die wilden Thiere in dichte Wälder retten, wo es schwer ist, sie zu bezwingen, und der Preis nicht die Mühe lohnt. Ohne Zweifel ist es ein Vortheil, seinen Geist ausgebildet zu haben, und wenn es erlaubt ist, für die Rohheit gegen die Cultur zu sprechen, so- wird man auch das Recht haben, die Vernunft zu Gunsten der wilden Thiere zu bekämpfen und die geistreichen Scherze Despréaux' in einer seiner Satiren für baare Münze zu nehmen, wo er, um dem Menschen seinen Vorzug vor den Thieren streitig zu machen, fragt:

Flieht wohl der Bär den Wanderer oder die- ser ihn? Und würden auf Befehl der Hirten Lybiens Die Löwen aus Numidiens Wäldern weichend ziehn? 73) Man muss indessen zugeben, dass in wichtigen Stücken die rohen Völker uns überlegen sind, vor Allem in Be- tracht der körperlichen Stärke, und selbst in Bezug auf die Seele kann man sagen, dass in gewisser Hinsicht ihre praktische Moral besser ist als die unserige, weil sie weder den Geiz, zusammen zu scharren, noch die Lust, zu herrschen, haben. Man kann sogar noch hinzufügen, dass der Verkehr mit den Christen sie in vielen Dingen schlimmer gemacht hat. Man hat sie, indem man ihnen Branntwein zuführte, sich zu betrinken, zu schwören, zu lästern und andere Laster gelehrt, die ihnen wenig be- kannt waren. Bei uns giebt es mehr Gutes und mehr Schlimmes als bei ihnen; ein schlechter Europäer ist

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schlimmer als ein Wilder, da er das Böse durch Ver- feinerung erhöht. Indessen hindert nichts die Menschen, die Vortheile, welche die Natur jenen Völkern giebt, mit denen, welche die Vernunft verleiht, zu verbinden.

Philal. Aber wie wollen Sie folgendem Dilemma eines meiner Freunde antworten: Ich wünschte, sagt er, dass die Verfechter der angeborenen Vorstellungen mir sagten, ob diese Grundsätze durch Erziehung und Ge- wohnheit vertilgt werden können oder nicht? Können sie es nicht, so müssen wir sie bei allen Menschen finden, und sie müssen im Geiste eines jeden Menschen im Be- sonderen klar erscheinen; können sie aber durch fremde Begriffe verderbt werden, so müssen sie deutlicher und glänzender erscheinen, wenn sie noch ihrer Quelle näher sind, ich meine bei den Kindern und Unwissenden, auf welche die fremden Meinungen am wenigsten Eindruck gemacht haben. Welche Partei sie auch ergreifen wollen, so werden sie schliesslich klar sehen, dass sie durch die immer gleichen Thatsachen und eine beständige Erfah- rung Lügen gestraft wird.

Theoph. Ich bin erstaunt, dass Ihr scharfsinniger Freund verdunkeln und vertilgen mit einander ver- wechselt hat, wie man auf Ihrer Seite nicht sein und nicht erscheinen mit einander verwechselt. Die ange- borenen Vorstellungen und Wahrheiten können nicht ver- tilgt, aber bei allen Menschen, wie sie gegenwärtig sind, durch ihre Neigung zu körperlichen Bedürfnissen und oft noch mehr durch die dazukommenden schlimmen Ange- wohnheiten verdunkelt werden. Diese Züge inneren Lich- tes würden den Verstand immer erleuchten, den Willen immer erwärmen, wenn die verworrenen Wahrnehmungen der Sinne sich nicht unserer Aufmerksamkeit bemäch- tigten. Das ist jener Streit, von dem die heilige Schrift nicht weniger als die alte und neuere Philosophie redet.

Philal. Wir befinden uns also in ebenso dichter Finsterniss und in einer ebenso grossen Ungewissheit, als wenn es eine solche Erleuchtung gar nicht gäbe.

Theoph, Gott bewahre! wir würden dann weder Wissenschaften noch Gesetze, und würden sogar keine Vernunft haben.

§§. 21. 22. Philal. Hoffentlich werden Sie wenig- stens die Macht der Vorurtheile zugeben. Diese lassen

Von den angeborenen Vorstellungen. 71

oft das als natürlich erscheinen, was von schlechtem Unterricht, dem man die Kinder ausgesetzt hat, oder von schlechten Gewohnheiten, welche die Erziehung und der Umgang ihnen gegeben haben, herrührt.

Theoph. Ich gebe zu, dass der vortreffliche Autor, dem Sie folgen, darüber viel Schönes und, wenn man es richtig nimmt, Werth volles sagt; aber ich glaube nicht, dass es der recht verstandenen Lehre vom Naturell oder den angeborenen Wahrheiten widerspricht. Und sicher- lich wird er mit seinen Bemerkungen nicht zu weit gehen wollen, wie ich denn ebenso überzeugt bin, dass viele Meinungen als Wahrheiten gelten, die nur die Wirkungen der Gewohnheit und Leichtgläubigkeit sind, als dass es auch deren viele giebt, welche gewisse Philosophen als Vorurtheile gelten lassen wollen, und welche gleichwohl in der gesunden Vernunft und in der Natur begründet sind. Man hat ebenso viel oder mehr Ursache, sich vor Denen zu hüten, welche meist aus Ehrgeiz Neuerungen anstreben, als die, gegen al.te Eindrücke Misstrauen zu hegen. Und nachdem ich lange genug über das Alte und das Neue nachgedacht habe, habe ich gefunden, dass die meisten angenommenen Lehren einen guten Sinn zu- lassen. u) Ich wünschte daher, die geistreichen Leute möchten ihren Ehrgeiz lieber damit zu befriedigen suchen, dass sie sich mit Bauen und Vorwärtsgehen, als mit Zu- rückschreiten und Zerstören beschäftigten. Mich verlangt auch, dass man mehr den Römern, die so schöne öffent- liche Bauwerke errichteten, als jenem Vandalen- Könige gleichen möchte, dem seine Mutter empfahl, da er nicht auf den Ruhm rechnen könne, diese grossen Bauwerke zu erreichen, sie lieber zu zerstören zu suchen. 75)

Philal. Der Zweck derjenigen Gelehrten, welche die angeborenen Wahrheiten bekämpft haben, ist gewe- sen, zu verhindern, dass man unter diesem schönen Na- men Vorurtheile gewähren lasse und die Trägheit damit zu verdecken trachte.

Theoph. Ueber diesen Punkt sind wir einig; denn weit entfernt, zu billigen, dass man sich zweifelhafte Grundsätze bilde, wünsche ich, dass man mit den Be- weisen bis zu Euklides' Axiomen zu gelangen suche, wie einige Alte auch gethan haben. Und wenn man nach dem Mittel fragt, die angeborenen Grundsätze zu erkennen

72 Erstes Buch.

und zu prüfen, so antworte ich gemäss dem schon vor- hin Bemerkten, dass man sie mit Ausnahme der Vernunft- Instinkte, deren Grund unbekannt ist, auf erste Grund- sätze, d. h. auf identische oder unmittelbare Axiome mittelst der Definitionen zurückzuführen suchen müsse, welche Definitionen nichts anderes als eine deutliche Aus- einandersetzung der Vorstellungen sind. Ich zweifle selbst nicht, dass Ihre Freunde, welche bisher den angeborenen Vorstellungen entgegen waren, diese Methode billigen, welche ihrem Hauptzweck zu entsprechen scheint.

Capitel III.

Fernere Betrachtungen über die angeborenen Grund- sätze, sowohl die, welche die Theorie betreffen, als die, welche der Praxis angehören.

§.3. Philal. Sie wollen die Wahrheiten auf die ersten Grundsätze zurückgeführt haben, und ich gestehe, dass, wenn es einen Grundsatz giebt, es ohne Widerrede folgender ist: Ein Ding kann zur nämlichen Zeit unmöglich sein und nicht sein. Indessen scheint es schwierig, zu behaupten, dass er angeboren ist, da man zugleich überzeugt sein muss, dass die Vorstellungen der Unmöglichkeit und der Identität angeboren seien.

Theoph. Freilich müssen Diejenigen, welche für die angeborenen Wahrheiten sind, behaupten und überzeugt sein, dass diese Vorstellungen es auch sind; und ich ge- stehe, ihrer Ansicht zu sein. Die Vorstellung des Seins, des Möglichen, des Selbigen sind so sehr angeboren, dass sie an allen unseren Gedanken und Schlüssen Theil haben, und ich betrachte sie als unserem Geiste wesent- lich; aber ich habe schon gesagt, dass man ihnen nicht immer eine besondere Aufmerksamkeit schenkt und sie nur mit der Zeit unterscheiden lernt. Ich habe schon

Von den angeborenen Vorstellungen. 73

ausgesprochen, dass wir so zu sagen uns selbst angeboren sind, und dass die Erkenntniss des Seins in derjenigen, welche wir von uns selbst haben, eingewickelt ist. 76) Etwas Aehnliches findet bei andern Gemeinbegriffen statt.

§. 4. Philal. "Wenn die Vorstellung der Identität natürlich und folglich so evident und dem Geiste so gegenwärtig ist, dass wir sie von der Wiege an kennen müssten, so möchte ich gern von einem Kinde von 7 Jah- ren und selbst von einem Greise von 70 Jahren hören, ob ein Mensch, der ein aus Leib und Seele zusammen- gesetztes Geschöpf ist, derselbe bleibt, wenn sein Körper gewechselt hat, und ob, die Seelenwanderung vorausge- setzt, Euphorbus derselbe ist wie Pythagoras.

Theoph. Ich habe schon hinlänglich erklärt, dass das, was uns natürlich ist, uns darum nicht von der Wiege an bekannt ist, und eine Vorstellung uns selbst bekannt sein kann, ohne dass wir sogleich alle Fragen, die man daran knüpfen kann, zu beantworten im Stande wären. Das wäre so, als wenn Jemand behauptete, ein Kind könne nicht wissen, was das Quadrat und seine Diagonale sei, weil es zu erkennen Mühe haben wird, dass die Diagonale mit der Seite des Quadrates incom- mensurabel ist. Was die Frage an sich selbst betrifft, so scheint sie mir durch die Monadenlehre, die ich vor- dem deutlich gemacht habe, auf dem Wege des Beweises gelöst zu sein. Von diesem Gegenstande werden wir in der Folge weitläuftiger sprechen.

Philal. Ich sehe wohl, dass ich Ihnen vergeblich den Einwurf machen würde, der Grundsatz: das Ganze ist grösser als sein Theil, sei nicht angeboren, weil die Vorstellungen des Ganzen und des Theiles relativ und von denen der Zahl und der Ausdehnung abhängig sind — da Sie sicherlich behaupten werden, dass es an- geborene Relativvorstellungen giebt, und auch die der Zahlen und der Ausdehnung angeboren sind.

Theoph. Sie haben Recht, und ich glaube sogar, dass der Vorstellung der Ausdehnung die des Ganzen und des Theiles vorausgeht.

§. 8. Philal. Was sagen Sie von der Wahrheit, dass Gott verehrt werden müsse? Ist sie angeboren?

Theoph. Meines Erachtens bedeutet die Pflicht der Gottesverehrung, dass man bei jeder Gelegenheit bemer-

74 Erstes Buch.

ken muss, wir ehren ihn mehr als jeden andern Gegen- stand; und dies ist eine noth wendige Folge aus seiner Vorstellung und seinem Dasein, was bei mir das Ange- borensein dieser Wahrheit bedeutet.

Philal. Die Atheisten scheinen durch ihr Beispiel zu beweisen, dass die Vorstellung Gottes nicht angeboren ist. Und von Denen nicht zu sprechen, deren die Alten erwähnt haben, hat man nicht ganze Völker entdeckt, die von Gott keine Vorstellung hatten und auch nicht Worte, Gott oder die Seele zu bezeichnen, wie im sol- danischen Meerbusen, in Brasilien, auf den caraibischen Inseln, in Paraguay? 77)

Theoph. Der selige Fabricius, ein berühmter Hei- delberger Theologe, hat eine Apologie des Menschen- geschlechts geschrieben, 78) um es vcn dem Vorwurfe des Atheismus zu reinigen. Es war das ein Schriftsteller von vieler Genauigkeit und über viele Vorurtheile weit erhaben; indessen will ich auf diese Untersuchung von Thatsachen mich nicht einlassen. Meinetwegen mögen ganze Völker niemals an das höchste Wesen, noch an das, was die Seele ist, gedacht haben. Und ich erinnere mich, dass, als man auf meine von dem berühmten Wits unterstützte Bitte in Holland für mich eine Uebersetzung des Vaterunsers in der Sprache von Barantola anfer- tigen wollte, man bei der Stelle: Dein Name werde geheiligt, stecken blieb, weil man den Barantolern nicht begreiflich machen konnte, was „heilig" bedeuten solle. Auch erinnere ich mich, dass in dem für die Hottentotten gefertigten Glaubensbekenntniss man den heiligen Geist durch die Worte der Landessprache auszudrücken ge- zwungen war, welche einen sanften und angenehmen Wind bezeichnen, was nicht ohne Grund war; denn un- sere griechischen und lateinischen Worte itweSp«, anima, spiritus, bezeichnen ursprünglich nur die Luft oder den Wind, den man einathmet, als einen der feinsten durch die Sinne uns bekannten Stoffe; und durch die Sinne beginnt man die Menschen nach und nach zu dem, was über die Sinne hinausgeht, zu führen. Diese ganze Schwierigkeit indessen, zu abstrakten Erkenntnissen zu gelangen, spricht nicht gegen die angeborenen Erkennt- nisse. Es giebt Völker, welche kein dem Sein ent- sprechendes Wort haben; zweifelt man nun, dass sie

Von den angeborenen Vorstellungen. 75

wissen, was das Sein ist, obgleich sie nicht besonders daran denken? Uebrigens finde ich das, was ich bei unserm vortrefflichen Autor über die Idee Gottes gelesen habe, so schön und mir zusagend (Abh. über den Ver- stand B. I, c. 3, §. 9), dass ich es anzuführen nicht umhin kann. Es lautet: „Die Menschen können nicht umhin, eine gewisse Vorstellung von dem zu haben, womit Die, mit denen sie umgehen, sie unter gewissen Namen oft zu unterhalten Gelegenheit haben, und wenn dies Etwas ist, das die Vorstellung der Vortrefflichkeit, Grösse oder irgend einer andern ausserordentlichen Eigenschaft mit sich bringt, das irgendwie interessirt und sich dem Geiste unter der Vorstellung einer absoluten und unwidersteh- lichen Macht einprägt, die man zu fürchten nicht umhin kann (ich füge hinzu: und unter der Vorstellung einer allergrössten Güte, die man zu lieben nicht umhin kann), so muss eine solche Vorstellung allem Anschein nach die stärksten Eindrücke liefern und sich weiter als irgendwelche andere verbreiten, zumal wenn "es eine Vorstellung ist, welche sich mit den einfachsten Vernunft- Ansichten verträgt und aus jedem Theile unserer Erkenntniss auf natürliche Weise folgt. Nun ist die Vorstellung von Gott eine solche, denn die in die Augen springenden Merkmale einer ausserordentlichen Weisheit und Macht erscheinen in allen Werken der Schöpfung so sichtlich, dass jedes vernünftige Geschöpf, welches sein Nachdenken darauf richtet, den Urheber aller dieser Wunder zu ent- decken nicht verfehlen kann, und der Eindruck, welchen die Entdeckung eines solchen Wesens naturgemäss auf die Seele aller Derer machen muss, die ein einziges Mal davon sprechen gehört haben, ist so gross und bringt Gedanken von so grossem Gewicht und so allgemeiner Verbreitungsfähigkeit mit sich, dass es mir ganz sonder- bar vorkommt, wenn sich auf der Erde ein ganzes Volk von so geistesarmen Menschen finden soll, dass sie keine Vorstellungen von Gott haben. Dies, sage ich, scheint mir ebenso erstaunlich, als sich Menschen zu denken, die keine Vorstellung von den Zahlen oder dem Feuer haben." Ich wünschte, dass es mir stets vergönnt wäre, Wort für Wort eine Anzahl anderer vortrefflicher Stel- len unseres berühmten Autors abzuschreiben, die wir zu übergehen gezwungen sind. Ich will hier nur sa-

V] Erstes Buch.

gen, da ss der Verfasser, wenn er von den einfach- sten Vernunftwahrheiten spricht, die mit deil Vorstellung von Gott sich vertragen, und von dem.1 was naturgemäss daraus folgt, sich von meiner An-I sieht über die angeborenen Wahrheiten nicht zu entfernen! scheint; und darüber, dass es ihm ebenso sonderbar er-j scheint, dass es Menschen ohne eine Vorstellung vonl Gott giebt, als es überraschend sein würde, Menschen zul finden, die keine Vorstellung von den Zahlen oder demi Feuer haben, will ich bemerken, dass die Einwohner derl marianischen Inseln, denen man den Namen der Königin! von Spanien, welche die Mission dort begünstigte, gegeben! hat, keine Kenntniss vom Feuer hatten, als man sie ent-l deckte, wie dies aus dem Bericht hervorgeht, den P. Go-I bien, ein französischer, mit der Sorge für die entfernten! Missionen betrauter Jesuit veröffentlicht und mir zuge-l sandt hat.

§. 16. Philal. Wenn man daraus, dass alle ver-J ständigen Leute die Vorstellung Gottes gehabt haben, zu| schliessen das Recht hat, dass diese Vorstellung ange- boren ist, so muss die Tugend auch angeboren sein, weil die vei ständigen Leute davon stets eine wahrhaftige Vor- stellung gehabt haben.

Theoph. Nicht die Tugend, sondern die Vorstellung der Tugend ist angeboren, und vielleicht wollen Sie nur das sagen.

Philal. Dass es einen Gott giebt, ist ebenso ge- wiss, als es gewiss ist, dass die durch das Sichschneiden zweier graden Linien entstehenden Winkel einander gleich sind. Auch hat es niemals ein vernünftiges Geschöpf gegeben, welches sich aufrichtig mit der Prüfung der Wahrheit dieser beiden Sätze abgegeben und ihnen seine Zustimmung zu geben verfehlt hat. Gleichwohl ist es ausser Zweifel, dass es viele Menschen giebt, welchen, da sie ihre Gedanken nicht dahin gerichtet haben, diese bei- den Wahrheiten in gleicher Weise unbekannt sind.

Theoph. Ich gebe es zu; doch hindert dies nicht, dass sie angeboren sind, ohne dass man sie in sich fin- den kann.

§. 18. Philal. Es würde auch erspriesslich sein, eine angeborene Vorstellung von der Substanz zu haben; aber es zeigt sich, dass wir sie weder als angeboren,

Von den angeborenen Vorstellungen. 77

noch als erworben besitzen, da wir sie weder durch die Sinnlichkeit, noch aus der Reflexion haben.

Theoph. Ich bin der Meinung, dass die Reflexion hinreicht, um die Vorstellung der Substanz in uns selbst zu finden, die wir ja Substanzen sind. Und zwar ist dieser Begriff einer der wichtigsten. Wir werden aber vielleicht in der Folge unserer Zusammenkunft noch wei- ter davon sprechen.

§. 20. Philal. Giebt es angeborene Vorstellungen, die im Geiste sein sollen, ohne dass der Geist wirklich daran denkt, so müssen sie wenigstens im Gedächtniss sein, aus dem sie mit Hülfe der Wiedererinnerung gezogen werden, d. h. — wenn man sich ihr Andenken zurückruft, — als ebenso viel Wahrnehmungen erkannt werden müssen, die vordem in der Seele gewesen sind; sonst müsste die Wiedererinnerung ohne Wiedererinnerung sein können. Denn diese innerlich vorhandene Ueber- zeugung, dass die und die Vorstellung vordem in unserem Geiste gewesen ist, unterscheidet recht eigentlich die Wie- dererinnerung von jeder andern Art des Denkens.

Theoph. Es ist gar nicht nothig, dass, damit die Erkenntnisse, Vorstellungen oder Wahrheiten in unserem Geiste seien, wir jemals wirklich an sie gedacht haben; es sind nur natürliche Fertigkeiten, d. h. thätige und leidendliche Anlagen und Zustände, jedoch mehr als eine tabula rasa. Die Platoniker haben allerdings geglaubt, dass wir schon wirklich einmal das gedacht hätten, was wir in uns vorfinden, und um sie zu widerlegen, genügt nicht, zu sagen, dass wir uns nicht daran erinnern; denn es kehren uns sicherlich unendlich viele Gedanken ins Bewusstsein zurück, die wir gehabt zu haben vergessen haben. Es ist vorgekommen, dass Jemand einen neuen Vers zu machen geglaubt hat, von dem sich fand, dass er ihn lange vorher Wort für Wort in irgend einem alten Dichter gelesen hatte. Und oft haben wir eine unge- wöhnliche Leichtigkeit, Dinge zu begreifen, weil wir sie früher, ohne dass wir uns dessen erinnern, begriffen hatten. So kann ein blindgewordenes Kind das Licht und die Farben jemals gesehen zu haben vergessen, wie es im Alter von 21/2 Jahren durch die Blattern dem be- rühmten Ulrich Schönberg geschah, der zu Weide in der Oberpfalz gebürtig, im Jahre 1649 zu Königsberg in

78 Erstes Buch.

Preussen starb, wo er die Philosophie und die mathe- matischen Wissenschaften zur Bewunderung aller Welt gelehrt hatte. Einem solchen können auch die Wirkun- gen der alten Eindrücke verbleiben, ohne dass er sich daran erinnert. Ich glaube, dass die Träume auf diese Weise uns oft alte Gedanken wieder erneuern. Als Julius Scaliger die berühmten Männer Verona's in Versen ver- herrlicht hatte, erschien ihm ein gewisser Brugnolus mit Namen, der, von Geburt ein Baier, später in Verona sich niedergelassen hatte, im Traume und beklagte sich, ver- gessen worden zu sein. Julius Scaliger erinnerte sich zwar nicht, von ihm vorher reden gehört zu haben, un- terliess aber nicht, auf diesen Traum hin zu seiner Ehre elegische Verse zu machen. Endlich erfuhr sein Sohn Joseph Scaliger auf einer Reise durch Italien das Nähere, dass es ehemals zu Verona einen berühmten Grammatiker oder gelehrten Kritiker dieses Namens gegeben habe, der zur Wiederherstellung der schönen Wissenschaften in Ita- lien beigetragen. Diese Geschichte findet sich in den I Gedichten des Scaliger Vater mit der Elegie und in den Briefen des Sohnes. Auch ist sie in den Scaligerana, welche aus den Unterhaltungen des Joseph Scaliger ge- sammelt worden sind, angeführt. 79) Wahrscheinlich hatte Julius Scaliger vom Brugnolus etwas gewusst, dessen er sich nicht mehr erinnerte, und war der Traum zum Theil nur die Wiedererinnerung einer alten Vorstellung, ob- gleich nicht eine eigentlich sogenannte Wiedererinnerung dabei stattgefunden hatte, welche uns kundgiebt, dass wir schon diese nämliche Idee gehabt haben; wenigstens sehe ich keine Notwendigkeit, welche uns zu glauben zwingt, dass von einer Vorstellung keine Spur übrig bleibt, wenn nicht mehr so viel davon da ist, um sich zu erinnern, dass man sie schon gehabt hat.

§. 24. Philal. Ich muss anerkennen, dass Sie den Schwierigkeiten, die wir gegen die angeborenen Wahr- heiten aufgestellt haben, auf recht natürliche Weise be- gegnen. Vielleicht bestreiten auch die Schriftsteller un- serer Partei dieselben nicht in dem Sinne, in welchem Sie sie behaupten. Ich komme also nur darauf zurück, Ihnen zu sagen, dass man zu befürchten Ursache hat, die Meinung von den angeborenen Wahrheiten werde den Trägen zum Vorwand dienen, sich der Mühe der Unter-

Von den angeborenen Vorstellungen. 79

suchungen zu entschlagen, und Lehrern und Schulmeistern die Bequemlichkeit verschaffen, als Grundsatz hinzu- stellen, dass die Grundwahrheiten nicht in Frage gestellt werden dürfen.

Theoph. Ich habe schon bemerkt, dass, wenn es der Vorsatz Ihrer Gesinnungsgenossen ist, zu verlangen, dass man Beweise für diejenigen Wahrheiten sucht, welche solche zulassen, ohne Unterschied, ob sie angeboren sind oder nicht, wir mit einander vollkommen einig sind. Die Annahme angeborener Wahrheiten in der Weise, wie ich sie verstehe, darf Niemand davon abwendig machen; denn ausserdem, dass man gut daran thut, die Ursache der Instinkte aufzusuchen, ist es für mich eine maassgebende Maxime, dass die Beweise auch der ersten Grundsätze aufzusuchen wichtig ist; und ich erinnere mich, dass, als man sich zu Paris über den seligen, damals schon alten Herrn Roberval deswegen lustig machte, weil er nach dem Beispiele des Apollonius und des Proclus die Grund- sätze des Euklides beweisen wollte, ich den Nutzen dieser Untersuchung zeigte. Was den (Grundsatz Derjenigen be- trifft, welche sagen, dass man gegen den die Grundsätze Leugnenden nicht streiten müsse, so findet er nur hin- sichtlich derjenigen Principien statt, die weder Zweifel noch Beweis zulassen. Allerdings kann man, um Aerger- nisse und Unordnungen zu vermeiden, Regeln für öffent- liche Disputationen und anderweitige Conferenzen auf- stellen, auf Grund derer es verboten ist, gewisse an- erkannte Wahrheiten zum Gegenstand des Streites zu machen. Aber das gehört mehr in das Gebiet der Polizei als der Philosophie.

Zweites Buch.

Von den Vorstellungen.

Capitel L

Worin von den Vorstellungen im Allgemeinen ge- handelt und gelegentlich untersucht wird, ob die Seele des Menschen immer denke.

§. 1. Philal. Nachdem wir untersucht haben, ob die Vorstellungen angeboren sind, wollen wir ihr Wesen und ihre Unterschiede betrachten. Nicht wahr, die Vor- stellung ist der Gegenstand des Denkens?

Theoph. Ich gebe es zu, wenn Sie hinzufügen, dass es ein unmittelbarer innerer Gegenstand, und dieser Ge- genstand ein Ausdruck des Wesens oder der Eigenschaften der Dinge ist. Wenn die Vorstellung die Form des Den- kens wäre, so würde sie mit den wirklichen Gedanken, die ihr entsprechen, wachsen und aufhören; aber indem sie deren Gegenstand ist, wird sie den Gedanken voraus- gehen und nachfolgen können. Die äusseren sinnlichen Gegenstände sind nur mittelbare, weil sie nicht un- mittelbar auf die Seele wirken können. 80) Gott allein ist der unmittelbare äussere Gegenstand. Man könnte sagen, dass die Seele selbst ihr unmittelbarer innerer Gegenstand ist; aber sie ist dies, insofern sie die Vorstel- lungen oder das, was den Dingen entspricht, enthält,

Von den Vorstellungen. 81

denn sie ist eine kleine Welt, worin die deutlichen Vor- stellungen ein Bild Gottes und die verworrenen ein Bild des Universums sind. 81)

§. 2. Philal. Unsere Partei fragt in der Voraussetzung, dass die Seele zu Anfang eine tabula rasa ist, leer von allen Schriftzügen und ohne irgend eine Vorstellung, wie sie dazu komme, Vorstellungen zu enthalten und durch welches Mittel sie deren eine so ausserordentliche Menge erwerbe? Darauf antwortet sie mit einem Worte: durch die Erfahrung.

Theoph. Diese tabula rasa, von der man so viel spricht, ist nach meiner Meinung nichts als ein Phantasie- gebilde, das in der Natur nicht vorkommt und nur in den unvollständigen Begriffen der Philosophen gegründet ist, ebenso wie der leere Raum, die Atome, die unbedingte oder die relative Buhe zweier Theile eines Ganzen zu ein- ander, oder ebenso wie die erste Materie, die man sich ohne Formen denkt. Das Einförmige und keine Mannich - faltigkeit in sich Schliessende ist immer nur eine Abstrac- tion, wie die Zeit, der Raum und die übrigen Wesen der reinen Mathematik. Es giebt keinen Körper, dessen Theile in Ruhe sind, und es giebt keine Substanz, die sich nicht in irgend Etwas von jeder andern unterschiede. Die menschlichen Seelen sind nicht allein von den Seelen an- derer Wesen, sondern auch untereinander verschieden, obgleich dieser Unterschied nicht von derjenigen Art ist, welchen man specifisch nennt. Und nach den Beweisen, welche ich zu haben glaube, hat jedes substantielle Wesen, es sei Seele oder Körper, zu allem Uebrigen ein ihm eigenthümliches Verhältniss, und das eine muss sich von dem andern immer durch innerliche Bestimmungen82) unterscheiden. Diejenigen aber, welche von jener tabula rasa reden, können, nachdem sie ihr die Vorstellungen genommen haben, nicht sagen, was ihr dann noch bleibt, wie die Schulphilosophen ihrer ersten Materie auch nichts übrig lassen. Man wird mir vielleicht entgegnen, diese tabula rasa der Philosophen wolle sagen, dass die Seele von Natur und ursprünglich nur nackte Vermögen habe. Aber die Vermögen ohne irgend eine Handlung, mit einem Worte, die blossen Möglichkeiten S3) der Schule sind auch nur Fabeln, von welchen die Natur nichts weiss und die man nur durch Abstractionen erhält. Denn wo wird

Leibniz, Ueber d. menschl. Verstand, t)

82 Zweites Buch.

man jemals in der Welt ein Vermögen finden, das die blosse Möglichkeit, ohne irgend eine Handlung auszuüben, in sich enthält? Es giebt immer eine besondere Anlage zur Handlung, und zwar zu einer Handlung mehr als zu einer andern. Und ausser der Anlage giebt es noch eine Strebung zum Handeln, deren es sogar stets eine unendliche Menge in jedem Subjekte zugleich giebt; und diese Strebun- gen sind niemals gänzlich ohne Wirkung. Ich gebe zu, dass die Erfahrung nothwendig ist, damit die Seele zu diesen oder jenen Gedanken bestimmt werde und auf die in uns vorhandenen Vorstellungen Acht habe; aber wie können denn Erfahrung und Sinnlichkeit Vorstellungen geben? Hat die Seele Fenster? gleicht sie einer Tafel? ist sie wie WTachs? Es ist einleuchtend, dass Alle die, welche so von der Seele denken, sie im Grunde für körperlich halten. Man wird mir den von den Philosophen angenommenen Grundsatz entgegenhalten, dass in der Seele Nichts sei, das nicht von den Sinnen kommt. Aber man muss die Seele und ihre Zustände selbst davon ausneh- men. Nihil est in intellectu quod non fuerit in sensu, excipe: nisi ipse intellectus (das Denken selbst ausgenommen). Die Seele enthält also das Sein, die Substanz, das Eine, das Selbige, die Ursache, die Wahrnehmung, die Vernunft und eine Menge anderer Vorstellungen, welche die Sinne nicht verleihen können. Dies stimmt recht gut mit Ihrem Ver- fasser der Abhandlung, welche einen guten Theil der Vor- stellungen in der Reflexion des Geistes über sein eigenes Wesen sucht.

Philal. Ich denke doch, Sie werden diesem gelehr- ten Schriftsteller zugeben, dass alle Vorstellungen aus der Sinnlichkeit oder aus der Reflexion stammen, d. h. aus den Beobachtungen, die wir entweder über die äusseren und sinnlichen Gegenstände oder über die inneren Ver- richtungen unserer Seele machen.

Theoph. Um einen Streit, der uns schon allzulange aufgehalten hat, zu vermeiden, erkläre ich Ihnen zum Voraus, dass, wenn Sie sagen, die Vorstellungen stammen aus der einen oder andern dieser Ursachen, ich dies von ihrer wirklichen Wahrnehmung verstehe, da ich gezeigt zu haben glaube, dass sie in uns sind, ehe man sich ihrer, sofern sie nur einigermassen Deutlichkeit haben, bewusst ist.

Von den Vorstellungen. 83

§.9. Philal. Hierauf wollen wir zusehen, wann man sagen müsse, dass die Seele anfange, Wahrnehmung zu haben und wirklich an die Vorstellungen zu denken. Ich weiss wohl, dass die Behauptung aufgestellt wird, die Seele denke immer, und dass das wirkliche Denken von der Seele ebenso untrennbar sei, als die wirkliche Aus- dehnung untrennbar vom Körper. (§. 10.) Aber ich kann nicht begreifen, dass es für die Seele noth wendiger sein soll, immer zu denken, als für die Körper, immer in Be- wegung zu sein, sofern nämlich die Wahrnehmung für die Seele das ist, was die Bewegung für den Körper. Dies scheint mir wenigstens sehr vernünftig, und ich möchte gern Ihre Ansicht davon wissen.

Theoph. Sie haben sie eben ausgesprochen. Die Thätigkeit ist nicht mehr mit der Seele als mit dem Körper verknüpft, und ein Zustand ohne Denken in der Seele und eine unbedingte Ruhe im Körper scheint mir gleich sehr naturwidrig und beispiellos in der Welt. Eine Substanz, die einmal in Thätigkeit ist, wird es immer sein, denn alle Eindrücke dauern fort und vermischen sich nur mit anderen neuen. Wenn man einen Körper anstösst, so erregt man oder bringt man vielmehr zum Ausdruck eine unendliche Menge von Wirbelbewegungen, wie in einer Flüssigkeit, denn im Grunde hat jeder feste Körper einen Grad von Flüssigkeit und jede Flüssigkeit einen Grad von Festigkeit, und man kann diese inneren Wirbelbewegungen niemals ganz aufhören machen. Man kann daher glauben, dass, wenn der Körper niemals in Ruhe ist, die ihm entsprechende Seele auch niemals ohne Wahrnehmung sein werde.

Philal. Vielleicht ist es aber ein besonderes Vor- recht des Urhebers und Erhalters aller Dinge, dass er, als in seinen Vollkommenheiten unendlich, niemals schläft und schlummert. Einem endlichen Wesen, oder wenigstens einem solchen Wesen, wie der Seele des Menschen, kommt dies aber nicht zu.

Theoph. Sicherlich schlafen und schlummern wir, und Gott nicht; aber daraus folgt nicht, dass wir im Schlummer ohne irgend welche Wahrnehmung seien. Vielmehr findet, wenn man wohl darauf achtet, das Ge- gentheil statt. M)

Philal. Es giebt in uns Etwas, was das Vermögen

6*

84 Zweites Buch.

zu denken hat, aber daraus folgt nicht, dass wir stets in wirklicher Denkthätigkeit seien.

Theoph. Die wahren Vermögen sind niemals blosse Möglichkeiten. Mit ihnen ist immer Strebung und Thä- tigkeit verbunden.

Philal. Aber dieser Satz: Die Seele denkt im- mer, ist nicht an sich selbst evident.

Theoph. Das sage ich auch nicht. Man hat, ihn zu finden, ein wenig Aufmerksamkeit und Nachdenken nöthig. Der gemeine Mann ist sich desselben ebenso wenig bewusst, als des Drucks der Luft oder der Kugel- gestalt der Erde.

Philal. Ich zweifle daran, dass ich in der verflos- senen Nacht gedacht habe: Es handelt sich dabei um eine Untersuchung der Thatsache; man muss darüber durch sinnliche Erfahrungen entscheiden.

Theoph. Man entscheidet darüber, wie man be- weist, dass es nicht wahrnehmbare Körper und unsicht- bare Bewegungen giebt, obgleich gewisse Leute dies als lächerlich betrachten. Ebenso giebt es unklare Wahr- nehmungen, welche sich nicht so viel von einander un- terscheiden, dass man sich derselben bewusst werden oder erinnern könnte; aber durch gewisse Resultate werden sie erkannt.

Philal. Ein gewisser Schriftsteller85) hat uns den Vorwurf gemacht, dass wir behaupteten, die Seele höre auf zu sein, weil wir ihr Dasein während des Schlafes nicht fühlen; aber dieser Einwurf kann nur aus einem seltsamen Vorurtheil entspringen, denn wir sagen nicht, dass der Mensch keine Seele in sich habe, weil wir ihr Dasein während des Schlafes nicht empfinden, sondern behaupten nur, dass der Mensch nicht denken kann, ohne sich desselben bewusst zu sein.

Theoph. Ich habe das Buch nicht gelesen, welches diesen Einwurf enthält; aber man würde nicht Unrecht daran haben, ihn zu machen, weil daraus, dass man sich des Denkens nicht bewusst ist, nicht folgt, dass es darum aufhöre, denn sonst könnte man mit demselben Grunde sagen, es gebe keine Seele, so lange man sich derselben nicht bewusst ist. Und um diesen Vorwurf zurückzuwei- sen, miisste man besonders vom Denken zeigen, dass es ihm wesentlich ist, ins Bewusstsein zu fallen.

Von den Vorstellungen. 85

§.11. Philal. Est ist nicht leicht, sich vorzustellen, dass ein Wesen denken kann und nicht merkt, dass es denkt.

Theoph. Darin steckt ohne Zweifel der Knoten der Frage und die Schwierigkeit, welche auch gescheute Leute in Verlegenheit gesetzt hat. Aber nun auch das Mittel, herauszukommen: Man muss erwägen, dass wir an eine Menge Dinge zugleich denken, aber nur auf die- jenigen Gedanken, welche am meisten hervortreten, Acht haben; und anders kann es sich nicht verhalten, denn wenn wir auf Alles Acht gäben, müssten wir an unend- lich Vieles zu gleicher Zeit mit Aufmerksamkeit denken, was wir Alles empfinden und was auf unsere Sinne Ein- druck macht. Ich behaupte noch mehr: von allen un- seren vergangenen Gedanken bleibt Etwas übrig, und keiner derselben kann jemals vollständig ausgelöscht werden. Wenn wir also ohne Traum schlafen oder durch einen Schlag, Fall, Krankheitszustand oder anderen Zu- fall betäubt sind, so bildet sich in uns eine unendliche Menge von kleinen verworrenen Empfindungen, und der Tod selbst könnte auf die Seelen der Thiere keine andere Wirkung hervorbringen, da sie ohne Zweifel früher oder später, denn in der Natur geht alles ordentlich zu, zu deutlich bestimmten Wahrnehmungen zurückkehren müs- sen. Indessen gebe ich zu, dass in jenem Zustand von Verwirrung die Seele ohne Lust und ohne Schmerz sein wird; denn das sind merkbare Wahrnehmungen.

§.12. Philal. Nicht wahr, Diejenigen, mit welchen wir gegenwärtig zu thun haben, nämlich die Cartesianer, die da glauben, dass die Seele immer denke, gestehen allen vom Menschen verschiedenen Thieren das Leben zu, ohne ihnen eine erkennende und denkende Seele zu geben, und finden ebenso keine Schwierigkeit darin, zu behaup- ten, dass die Seele, ohne an einen Körper gebunden zu sein, denken könne.

Theoph. Ich für meinen Theil bin anderer Ansicht; denn obgleich ich darin der der Cartesianer folge, inso- fern sie behaupten, die Seele denke beständig, entferne ich mich doch von ihnen in zwei anderen Punkten. Ich glaube, dass die Thiere unvergängliche Seelen haben, und dass die menschlichen Seelen, wie die andern alle, nie- mals ohne allen Körper sind; ich nehme sogar an, dass

86 Zweites Buch.

Gott allein, da er reine Thätigkeit ist, davon gänzlich be- freit ist.

Philal. Wenn Sie der Ansicht der Cartesianer wären, so hätte ich in Ihrem Sinne geschlossen, dass die Körper des Kastor und Pollux, da sie bald mit, bald ohne Seele sein können, obwohl sie immer leben bleiben und ihre Seele bald in einem Körper und bald ausser demselben sein kann, nur eine einzige Seele hätten, die abwechselnd den Körper dieser beiden Menschen, da sie umwechselnd einschlafen und erwachen, regierte; folglich würden sie zwei so verschiedene Personen, wie Kastor und Hercules sein könnten, ausmachen dürfen. 86)

Theoph. Ich will Ihnen meinerseits eine viel natür- licher scheinende Annahme vorschlagen. Nicht wahr, man muss immerhin zugeben, dass man nach irgend einer Zwischenzeit oder einer grossen Veränderung in ein voll- ständiges Vergessen sinken kann? So sagt man, dass Sleidan vor seinem Tode Alles, was er wusste, vergass. Und es giebt noch andere zahlreiche Beispiele dieses traurigen Falles. Nehmen wir nun an, dass ein solcher Mensch wieder jung würde und Alles von Neuem kennen lernte. Wird er dann ein anderer Mensch sein? Das Gedächtniss also ist es nicht, was grade denselbigen Men- schen ausmacht. Indessen ist die phantastische Annahme einer Seele, die abwechselnd verschiedene Körper belebt, ohne dass das, was ihr in dem einen dieser Körper be- gegnet, den andern angeht, eine jener naturwidrigen Er- dichtungen, die aus den unvollständigen Begriffen der Philosophen stammen, wie der Raum ohne Körper und der Körper ohne Bewegung. Sie verschwinden, wenn man ein wenig tiefer eindringt; denn man muss wissen, dass jede Seele alle vergangenen Eindrücke bewahrt und sich auf eben berührte Art nicht zweitheilen kann. In jeder Substanz hat die Zukunft eine vollständige Verbin- dung mit der Vergangenheit. Darin besteht die Identität des Individuums; indessen ist sich zu erinnern gar nicht nöthig, wegen der Menge der gegenwärtigen und ver- gangenen Eindrücke, welche mit unseren gegenwärtigen Gedanken sich verbinden, und selbst nicht immer möglich, denn es giebt meiner Ueberzeugung nach im Menschen keine Gedanken, die nicht irgend eine wenigstens ver- worrene Wirkung haben und einen den folgenden Ge-

Von den Vorstellungen. 87

danken beigemischten Rest bilden. Man kann wohl Et- was vergessen, aber man kann sich auch immer aus noch so weiter Ferne wieder daran erinnern, wenn man in der richtigen Weise darauf zurückgeführt wird.

§.13. Philal. Wer ohne irgend welchen Traum ge- schlafen hat, wird sich niemals überzeugen lassen, dass seine Gedanken in Thätigkeit gewesen seien.

Theoph. Man ist niemals ohne irgend eine schwache Empfindung, wenn man schläft; selbst wenn man dabei nicht träumt. Dies zeigt selbst das Erwachen; und je näher man dem Erwachen ist, desto mehr Empfindung hat man von dem, was sich ausser uns zuträgt, obgleich diese Empfindung nicht immer stark genug sein mag, uns zu erwecken.

§. 14. Philal. Es erscheint mir sehr schwer begreif- lich, dass die Seele in diesem Augenblick in einem schla- fenden und im nächsten Augenblick in einem wachenden Menschen denke, ohne sich daran zu erinnern.

Theoph. Das ist nicht n*ir sehr leicht zu begreifen, sondern es lässt sich tagtäglich, während man wacht, etwas Aehnliches beobachten; denn alsdann wirken fort- während Gegenstände auf unsere Augen oder Ohren, und folglich ist, ohne dass wir darauf Acht geben, auch die Seele davon berührt, weil unsere Aufmerksamkeit von andern Gegenständen in Anspruch genommen ist, bis der Gegenstand mächtig genug wird, sie durch Verstärkung seiner Thätigkeit oder durch irgend eine andere Ursache auf sich zu ziehen; das wäre gleichsam ein theilweiser Schlaf in Bezug auf solchen Gegenstand, und dieser Schlaf wird ein allgemeiner, wenn unsere Aufmerksamkeit in Bezug auf alle Gegenstände zusammen aufhört. Es ist ja auch ein Mittel, sich einzuschläfern, dass man die Aufmerksamkeit vertheilt, um sie zu schwächen.

Philal. Ich habe von einem Menschen gehört, der sich in seiner Jugend dem Studium gewidmet und ein sehr glückliches Gedächtniss gehabt hatte — dass diesem, ehe er das Fieber gehabt hatte, niemals geträumt habe; und davon war er in der Zeit, als ich mit ihm sprach, im Alter von etwa 25 oder 26 Jahren grade geheilt worden.

Theoph. Man hat mir auch von einem Gelehrten von noch viel vorgerückterem Alter erzählt, der niemals

88 Zweites Bach.

einen Traum gehabt hatte. Aber man muss nicht auf die Träume allein die Ununterbrochenheit der Wahrnehmung der Seele gründen, da ich schon gezeigt habe, wie sie selbst im Schlaf eine gewisse Wahrnehmung dessen, was ausser ihr vorgeht, besitzt.

§. 15. Philal. Oft denken und nicht einen einzigen Augenblick das Andenken dessen, was man denkt, sich erhalten, heisst recht unnütz denken.

Theoph. Alle Eindrücke haben ihre Wirkung, aber nicht alle Wirkungen sind immer bemerkbar; wenn ich mich eher nach der einen Seite wende als nach der an- dern, so geschieht dies wohl häufig durch die Verkettung kleiner Eindrücke, deren ich mir nicht bewusst bin und welche die eine Bewegung ein wenig unbequemer als die andere machen. Alle von uns ohne Ueberlegung ausge- führten Handlungen sind Resultate eines Zusammenwir- kens schwacher Wahrnehmungen, und selbst unsere Gewohnheiten und Leidenschaften, die auf unsere Ent- schlüsse so viel Einfluss haben, stammen daher; denn diese Angewöhnungen entstehen nach und nach, und man würde folglich ohne die schwachen Wahrnehmungen zu merklichen Neigungen gar nicht kommen. Ich habe schon einmal bemerkt, dass, wenn man diese Wirkungen in der Moral leugnen wollte, man den schlecht unterrichteten Leuten gleichen würde, die in der Physik die unsichtbaren Körperchen leugnen; und gleichwohl giebt es darunter, wie ich bemerke, solche, welche, ohne auf diese unmerk- lichen Eindrücke Acht zu haben, die doch im Stande sind, die Wage nach einer Seite zu neigen, von der Frei- heit sprechen, indem sie phantastischer Weise eine voll- ständige Indifferenz in den moralischen Handlungen an- nehmen, wie die des Buridan'schen Esels zwischen seinen zwei Wiesen ist. 87) Ueber diesen Punkt werden wir in der Folge noch mehr reden. Ich gebe allerdings zu, dass diese Eindrücke nach einer Seite uns nur neigen machen, ohne Zwang auszuüben.

Philal. Vielleicht wird man sagen, dass in einem wachen Menschen, der denkt, der Körper etwas dabei leistet, und das Gedächtniss durch die Spuren im Gehirn sich erhält, dass aber, wenn er schläft, die Seele ihre Gedanken für sich allein hat.

Theoph. Dies zu behaupten, bin ich weit entfernt,

Von den Vorstellungen. 89

da ich vielmehr glaube, dass stets eine genaue Ueberein- stimmung zwischen Körper und Seele stattfindet, und ich mich der Eindrücke des Körpers, deren man weder im Erwachen noch im Schlaf sich bewusst ist, bediene, um zu beweisen, dass die Seele ähnliche hat. Ich halte so- gar dafür, dass in der Seele etwas der Blutcirculation und allen inneren Bewegungen der Eingeweide Entspre- chendes geschieht, dessen man sich freilich gar nicht be- wusst ist, ganz so, wie Diejenigen, welche neben einer Wassermühle wohnen, des Lärmes, den sie macht, sich auch gar nicht bewusst sind. Gäbe es in der That Ein- drücke im Körper während des Schlafens oder Wachens, wovon die Seele überhaupt gar nicht berührt oder ge- troffen würde, so müsste man die Einheit der Seele und des Körpers beschränken, wie wenn die körperlichen Eindrücke eine bestimmte Gestalt und Grösse haben müssten, damit die Seele dieselben bemerken könnte; dies ist aber, wenn die Seele unkörperlich ist, nicht auf- recht zu erhalten, denn zwischen einer unkörperlichen Substanz und dieser oder jener Modification der Materie eciebt es kein Proportionsverhältniss. Mit einem Worte, der Glaube, dass es in der Seele keine andern Wahr- nehmungen giebt, als die, deren sie sich bewusst ist, ist eine grosse Quelle von Irrthümern.

§. 16. Philal. Die meisten Träume, deren wir uns erinnern, sind unordentlich und schlecht verbunden. Man müsste also behaupten, dass die Seele das Vermögen, vernünftig zu denken, dem Körper verdankt oder von ihren vernünftigen Selbstgesprächen nichts behält.

Theoph. Der Körper entspricht allen Gedanken der Seele, mögen sie vernünftig sein oder nicht. Und die Träume haben ebenso gut ihre Spuren im Gehirn, als die Gedanken der Wachenden.

§.17. Philal. -Da Sie so sicher sind, dass die Seele wirklich immer denkt, so möchte ich von Ihnen hören, welches denn die Vorstellungen sind, die in der Seele eines Kindes, ehe sie mit dem Körper verbunden ist, oder gerade in der Zeit ihrer Verbindung mit ihm, ehe sie irgend eine Vorstellung auf dem Wege der sinnlichen Empfindung erhalten hat, vorkommen.

Theoph. Nach unseren Principien ist es leicht, Ihnen zu genügen. Die Wahrnehmungen der Seele ent-

90 Zweites Buch.

sprechen natürlicherweise immer der Verfassung des Kör- pers, und wenn es im Gehirn eine Menge verworrener und wenig deutlicher Bewegungen giebt, wie bei Denen der Fall ist, welche wenig Erfahrung haben, so können die Gedanken der Seele nach der Ordnung der Dinge nicht deutlicher sein. Die Seele ist indessen der Unter- stützung durch die Sinnlichkeit niemals beraubt, weil sie immer ihren Körper ausdrückt und dieser Körper stets durch andere Körper, die ihn umgeben, auf unendlich mannichfache Weise, aber oft nur mit der Wirkung eines verworrenen Eindrucks in Bewegung gesetzt wird.

Philal. Aber da wirft der Verfasser der Abhand- lung noch eine andere Frage auf. Ich möchte gerne, sagt er, von Denen, welche mit so viel Zuversicht be- haupten, dass die Seele des Menschen oder, was das- selbe ist, der Mensch immer denkt, erfahren, woher Sie das wissen.

Theoph. Ich weiss nicht, ob man nicht mehr Zu- versicht bedarf, um zu leugnen, dass sich in der Seele etwas zuträgt, dessen wir uns nicht bewusst sind; denn damit etwas bemerkbar sei, muss es aus Theilen be- stehen, die nicht bemerkbar sind, weil nichts, der Ge- danke so wenig wie die Bewegung, auf einmal entstehen kann. Uebrigens klingt dies, als wenn heut zu Tage Jemand fragte, wie wir die unsichtbaren Körperchen er- kennen.

§. 19. Philal. Ich erinnere mich nicht, dass Die- jenigen, welche behaupten, dass die Seele immer denke, uns jemals sagen, dass der Mensch immer denke.

Theoph. Ich meine, dies geschieht, weil sie es auch von der vom Körper gesonderten Seele verstehen. Indessen werden sie leicht zugeben, dass während der Vereinigung beider der Mensch immer denkt. Ich für meinen Theil, der ich daran festzuhalten Gründe habe, dass die Seele niemals von aller Körperlichkeit geschieden ist, glaube, man könne schlechthin sagen, dass der Mensch denkt und immer denken wird.

Philal. Zu sagen, dass der Körper ausgedehnt sei, ohne Theile zu haben, und dass ein Ding denke, ohne sich seines Denkens bewusst zu sein, sind zwei Behauptungen, welche mir gleich sehr unverständlich scheinen.

Von den Vorstellungen. 91

Theoph. Verzeihen Sie mir, ich bin gezwungen, Ihnen zu sagen, dass, wenn Sie behaupten, es gebe in der Seele nichts, dessen sie sich nicht bewusst sei, dies ein Zirkelschluss ist, 88) der schon während unserer gan- zen ersten Zusammenkunft geherrscht hat, wo er zur Widerlegung der angeborenen Vorstellungen und Wahr- heiten dienen sollte. Geben wir dies Princip zu, so wür- den wir nicht nur gegen Erfahrung und Vernunft zu Verstössen glauben, sondern auch ohne Grund unserer Ansicht entsagen, die ich doch hinreichend verständlich gemacht zu haben glaube. Ausserdem aber, dass unsere Gegner trotz aller ihrer Geschicklichkeit keinen Beweis dessen beigebracht haben, was sie in dieser Hinsicht so oft und so positiv behaupten, ist es auch leicht, ihnen das Gegentheil zu zeigen, d. h. dass es für uns nicht möglich ist, über alle unsere Gedanken immer ausdrück- lich zu reflectiren: sonst würde der Geist über jede Re- flexion eine neue Reflexion bis ins Unendliche anstellen, ohne jemals zu einem neuen . Gedanken übergehen zu können. Indem ich mir z. B. irgend einer gegenwärtigen Empfindung bewusst wäre, müsste ich immer denken, dass ich daran denke, und wieder auch denken, dass ich daran zu denken denke, und so bis ins Unendliche. Aber ich muss wohl über alle diese Reflexionen zu re- flectiren aufhören und endlich einmal einen Gedanken haben, den man, ohne daran zu denken, vorüberlässt; sonst würde man immer bei derselben Sache bleiben.

Philal. Würde es dann aber nicht ebenso wohl begründet sein, zu behaupten, dass der Mensch immer hungert, indem man sagt, es sei möglich, zu hungern, ohne sich dessen bewusst zu sein?

Theoph. Dabei ist ein grosser Unterschied: der Hunger hat besondere Gründe, die nicht immer obwalten. Gleichwohl ist es doch wahr, dass man auch Hunger haben kann, ohne jeden Augenblick daran zu denken; aber, wenn man daran denkt, ist man sich dessen be- wusst, da er eine sehr bemerkbare Stimmung ist. Es giebt immerfort Irritationen im Magen; aber sie müssen ziemlich stark werden, um den Hunger zu verursachen. Dieselbe Unterscheidung muss man zwischen dem Denken überhaupt und den merkbaren Gedanken machen. So

92 Zweites Buch.

dient das, was man vorbringt, um unsere Ansicht ins Lächerliche zu ziehen, dazu, sie zu bestätigen.

§. 23. Philal. Man kann nun fragen, wann der Mensch in seinem Denken Vorstellungen zu haben an- fange? Und mir scheint, man muss antworten, es ge- schehe, sowie er Empfindung hat.

Theoph. Ich bin derselben Ansicht; aber das ist ein etwas eigentümlicher Grundsatz: ich glaube näm- lich, dass wir niemals ohne Denken und auch niemals ohne Empfindung sind. Ich unterscheide nur zwischen Empfindungen und Gedanken; denn wir haben stets alle unsere Gedanken rein oder von den Sinnen abhängig bestimmt, 89) aber die Gedanken entsprechen immer irgend einer Empfindung.

§.25. Philal. Leidend aber ist der Geist doch nur in der Wahrnehmung der einfachen Vorstellungen, welche die Fundamente oder Materialien der Erkenntniss sind, während er thätig ist, wenn er zusammengesetzte Vor- stellungen bildet.

Theoph. Wie kann er denn nur hinsichtlich der Wahrnehmung aller einfachen Vorstellungen leidend sein, da es nach Ihrem eigenen Geständniss einfache Vorstel- lungen giebt, deren Wahrnehmung aus der Reflexion stammt, und der Geist sich also wenigstens die Gedan- ken der Reflexion selbst giebt, denn er ist es ja doch, welcher reflektirt? Ob er sie sich versagen kann, das ist eine andere Frage; ohne Zweifel kann er es nicht ohne irgend einen Grund, der ihn auf gegebene Veran- lassung davon entfernt.

Philal. Bis jetzt haben wir, wie es scheint, ex professo90) verhandelt. Nunmehr, wo wir zu den Vor- stellungen im Einzelnen kommen wollen, hoffe ich, wer- den wir mit einander einiger sein und nur in gewissen Besonderheiten von einander abweichen.

Theoph. Mich soll es freuen, gescheute Männer an den Ansichten, welche ich für wahr halte, Theil neh- men zu sehen; denn sie sind dazu angethan, jenen Gel- tung zu verschaffen und sie in das rechte Licht zu setzen.

Von den Vorstellungen. 93

Capitel IL

Von den einfachen Vorstellungen.

Philal. Ich hoffe also, Sie werden mir darin bei- stimmen, dass es einfache and zusammengesetzte Vor- stellungen giebt; so liefern uns Wärme und Weichheit im Wachs und Kälte im Eise einfache Vorstellungen, denn die Seele hat davon einen einförmigen Begriff, der nicht in verschiedene Vorstellungen zerlegt werden kann.

Theoph. Man kann, glaube ich, sagen, dass diese empfindbaren Vorstellungen dem Anscheine nach einfach sind, weil sie dem Geiste nicht das Mittel bieten, das Verworrene zu unterscheiden, was sie enthalten. Das verhält sich so, wie wenn uns das Entfernte rund er- scheint, weil man die Ecken daran nicht unterscheiden kann, da man einen verworrenen Eindruck davon em- pfängt. Es ist z. B. offenbar, dass das Grüne aus der Mischung des Blauen und Gelben entsteht; so kann man also glauben, dass die Vorstellung des Grünen auch aus diesen beiden Vorstellungen zusammengesetzt ist. Und doch erscheint uns die Vorstellung des Grünen ebenso einfach, als die des Blauen oder die des Warmen. Also ist zu glauben, dass diese Vorstellungen des Blauen oder des Warmen auch nur dem Anscheine nach einfach sind. Gleichwohl will ich gern dem zustimmen, dass man diese Vorstellungen als einfache behandelt, weil unser Bewusst- sein wenigstens sie nicht theilt; man muss aber in dem Maasse, als man sie verständlicher machen kann, aus anderen Erfahrungen und Gründen zu ihrer Analyse schreiten.

94 Zweites Buch.

Capitel III.

Von den Vorstellungen, welche wir durch einen einzigen Sinn erhalten.

Man kann nun die einfachen Vorstellungen nach den Mitteln ordnen, welche uns ihre Wahrnehmung gewähren, denn dies geschieht entweder 1) mittelst eines Sinnes, oder 2) mittelst mehr als eines Sinnes, oder 3) durch die Reflexion, oder 4) auf allen Wegen der Sinnlichkeit so gut wie durch die Reflexion. Was die anbetrifft, welche durch einen einzigen Sinn uns zukommen, der besonders dazu angelegt ist, sie aufzunehmen, so kommen uns das Licht und die Farben einzig durch die Augen zu; alle Arten Geräusch, Klänge und Töne durch die Ohren, die verschiedenen Geschmäcke durch den Gaumen und die Gerüche durch die Nase. Die Organe oder Nerven brin- gen sie zum Gehirn, und wenn das eine oder andere die- ser Organe zerstört worden ist, können diese sinnlichen Empfindungen nur durch eine Hinterthür eingelassen werden. Die wichtigsten Beschaffenheiten für das Gefühl sind die Kälte, die Wärme und die Dichtigkeit. Die andern bestehen entweder in der Anordnung der sinn- lich empfindbaren Theile, die das Glatte und das Rauhe, oder in ihrer Verbindung, die das Feste, Weiche, Harte, Zerbrechliche ausmacht.

Theoph. Ich gebe, was Sie sagen, bereitwillig zu, obgleich ich bemerken könnte, dass es nach dem Expe- riment des verstorbenen Mariotte über das Fehlen des Sehens an der Stelle des Gesichtsnerven 91) scheint, dass die Membranen mehr als die Nerven die sinnliche Em- pfindung erhalten, sowie, dass es für das Hören und für den Geschmack eine Hinterthür giebt, da die Zähne und der Scheitel dazu beitragen, einen Ton vernehmlich zu machen, und die Geschmäcke sich wegen der inneren Verbindung dieser Organe einigermassen durch die Nase erkennen lassen. 92) Aber dies Alles ändert hinsicht- lich der Erklärung der Vorstellungen im Grunde nichts. Und was die fühlbaren Beschaffenheiten angeht, so kann

Von den Vorstellungen. 95

"O

man sagen, dass das Glatte oder Rauhe, und das Harte oder Weiche nur Modifikationen des Widerstandes oder der Dichtigkeit sind.

Capitel IV.

Von der Dichtigkeit.

Philal. Sie werden zweifelsohne auch zugeben, dass die Empfindung der Dichtigkeit durch den Widerstand verursacht wird, den wir an einem Körper finden, bis er die von ihm eingenommene Stelle verlassen hat, wenn ein anderer Körper wirklich dieselbe einnimmt. Also nenne ich Dichtigkeit das, was das Nachgeben zweier Körper, wenn sie sich gegen einander bewegen, verhin- dert. Findet Jemand es passender, es Undurchdringlich- keit zu nennen, so habe ich auch nichts dagegen. Aber ich glaube, dass der Ausdruck Dichtigkeit etwas Be- stimmteres bedeutet. Diese Vorstellung scheint die we- sentlichste und dem Körper am engsten verbundene, und man kann sie nur in der Materie finden.

Theoph. Allerdings finden wir bei der Berührung Widerstand, wenn es einem andern Körper Mühe kostet, dem unserigen Platz zu machen, und es widerstrebt aller- dings auch den Körpern, an einem und demselben Orte zusammen zu sein. Dennoch zweifeln Manche an der Unüberwindlichkeit dieses Widerstandes, und freilich ist es nicht unwichtig, zu bemerken, dass der Widerstand, den die Materie leistet, von verschiedener Art sein und aus sehr verschiedenen Ursachen herrühren kann. Ein Körper leistet dem andern Widerstand, wenn er entweder den schon eingenommenen Platz räumen muss, oder wenn er einen Platz, in welchen er zu treten bereit war, des- wegen nicht einnehmen kann, weil auch ein anderer in ihn zu treten sich bestrebt; in welchem Falle es sich ereignen kann, dass, wenn der eine dem andern nicht

96 Zweites Buch.

weicht, sie beide stille stehen oder sich einander zurück- stossen. Der Widerstand wird in der Veränderung des- sen erkannt, dem Widerstand geleistet wird, sei es, dass er von seiner Kraft verliert, sei es, dass er seine Rich- tung ändert, sei es, dass beides zu gleicher Zeit eintritt. Nun kann man im Allgemeinen sagen, dass dieser Wider- stand daher kommt, dass zwischen zwei Körpern ein Widerstreben, an demselben Orte zu sein, stattfindet, welches man Undurchdringlichkeit nennen könnte. Wenn also der eine in einen Ort zu treten sich bestrebt, so bestrebt er sich zugleich, den andern daraus zu verdrän- gen oder ihn am Eintritt zu hindern. Aber diese Art von Unverträglichkeit, welche den einen vor dem andern oder beide zusammen weichen macht, einmal vorausge- setzt, giebt es ausser diesem noch mehrere andere Gründe, aus welchen ein Körper dem, welcher ihn zu verdrängen strebt, Widerstand leistet. Sie liegen entweder in ihm selbst oder in den benachbarten Körpern. Deren, die in ihm selbst liegen, giebt es zwei: der eine ist passiv und immerwährend, der andere thätig und wechselnd. Der erste ist das, was ich nach Kepler und Descartes die Trägheit nenne, welche Ursache ist, dass die Materie der Bewegung widersteht, und man Kraft verlieren muss, um einen Körper zu bewegen, wenn weder Schwere noch Anhaften dabei stattfände. So muss ein Körper, welcher einen andern zu verdrängen strebt, deswegen einen solchen Widerstand erfahren. Die andere Ursache, welche thätig und wechselnd ist, besteht in der Impe- tuosität (Bewegungsdrang) des Körpers selbst, der nicht weicht, ohne in dem Augenblick, dass seine eigene 1m- petuosität ihn in einen Ort treibt, Widerstand zu leisten. Dieselben Gründe finden auch für die benachbarten Kör- per statt, wenn der Körper, welcher widerstrebt, nicht weichen kann, ohne noch andere weichen zu machen. Aber dabei kommt dann noch eine andere Beobachtung in Betracht, nämlich die der Festigkeit oder des üm- standes, dass ein Körper dem andern anhaftet. Dies Anhaften ist häufig die Ursache, dass man einen Körper nicht forttreiben kann, ohne zu gleicher Zeit einen an- dern ihm anhaftenden mit zu bewegen, was hinsichtlich dieses andern eine Art von Anziehung ergiebt. Dies Anhaften macht auch, dass selbst dann noch, wenn man

Von den Vorstellungen. 97

die bemerkbare Trägheit und Impetuosität bei Seite setzen wollte, Widerstand da sein würde, denn hat man sich den Raum von einer vollkommen flüssigen Materie voll gedacht und setzt einen einzigen festen Körper hinein (voraus- gesetzt, dass in der Flüssigkeit weder Trägheit noch Im- petuosität statt hat), so wird er ohne irgend einen Wi- derstand zu finden darin bewegt werden; war aber der Raum voll kleiner Würfel, so würde der Widerstand, den der feste, zwischen den Würfeln zu bewegende Körper finden würde, daher kommen, dass die kleinen harten Würfel, eben ihrer Härte wegen oder wegen des Anhaf- tens ihrer Theile aneinander, sich nur mühsam so viel als nöthig ist, theilen würden, um einen Bewegungskreis zu bilden und den Platz des beweglichen Körpers, sobald er weiter rückt, auszufüllen. Wenn aber beide Körper zu gleicher Zeit in eine zu beiden Seiten offene Röhre an den beiden Enden einträten und die Höhlung gleich- massig erfüllten, so würde die in dieser Röhre befind- liche Flüssigheit, so flüssig sie a;uch sein möchte, durch ihre Undurchdringlichkeit allein Widerstand leisten. Also muss man in dem Widerstand, um den es sich hier han- delt, die Undurchdringlichkeit der Körper, die Trägheit, die Impetuosität und das Anhaften in Betracht ziehen. Allerdings kommt dies Anhaften der Körper meiner Meinimg nach aus einer feineren Bewegung des einen Körpers gegen den andern her; aber da dies ein bestreitbarer Punkt ist, muss man ihn nicht von vornherein voraussetzen. Und aus demselben Grunde darf man eben so wenig von vornherein voraussetzen, dass es eine ursprüngliche we- sentliche Dichtigkeit giebt, welche dem Körper den (von ihm eingenommenen) Raum immer gleich macht, d. h. dass die Unverträglichkeit oder, um richtiger zu reden, die Unmöglichkeit der Körper, an demselben Ort zu sein, eine vollständige Undurchdringlichkeit ist, welche kein Mehr und keiu Weniger zulässt, während Mehrere behaupten, dass die sinnlich empfindbare Dichtigkeit von dem Widerstreben der Körper, sich an demselben Orte zu befinden, kommen kann, die aber nicht unüber- windlich zu sein braucht. Denn alle die gewöhnlichen Peripatetiker und manche Andere glauben, dass eine und dieselbe Materie mehr oder weniger Raum einnehmen kann, was sie Verdünnung und Verdichtung nennen, und

Leibniz, Ueber d. menschl. Verstand. (

98 Zweites Buch.

zwar nicht bloss eine scheinbare (wie wenn man durch das Zusammendrücken eines Schwammes das Wasser heraustreibt), sondern eine ganz eigentliche, wie die Schule sie sich hinsichtlich der Luft denkt. 93) Ich bin zwar nicht dieser Ansicht, finde aber nicht, dass man von vornherein die entgegengesetzte Ansicht voraussetzen darf, da die Sinne ohne Vernunftgebrauch nicht hin- reichen, um diese vollständige Undurchdringlichkeit aus- zumachen, welche ich wohl für richtig in der Ordnung der Natur halte, die man aber durch die sinnliche Em- pfindung allein nicht kennen lernt. Auch könnte Jemand behaupten, dass der Widerstand der Körper beim Zu- sammendrücken von einer Anstrengung herkomme, mit welcher die Theile, wenn sie nicht ihre ganze Freiheit haben, sich auszudehnen streben. Um diese Eigenschaf- ten noch zu beweisen, helfen übrigens die Augen viel, indem sie dem Gefühl zu Hülfe kommen. Und im Grunde begreift man die Dichtigkeit, sofern sie einen deutlich bestimmten Begriff giebt, durch die blosse Vernunft, ob- gleich die Siune der Vernunft das Beweismittel liefern, dass sie in der Natur vorkommt.

Philal. Wir sind wenigstens darüber einig, dass die Dichtigkeit eines Körpers bedeutet, er erfülle den von ihm eingenommenen Platz dergestalt, dass er jeden an- dern Körper schlechthin davon aussçhliesst (wenn er nicht einen Platz finden kann, wo er vorher nicht war), Avährend die Härte oder vielmehr die Consistenz, welche Einige Festigkeit nennen, eine enge Vereinigung ge- wisser Theile der Materie ist, die in der Weise Haufen von sinnlich wahrnehmbarem Umfang bilden, dass die ganze Masse ihre Gestalt nicht leicht verändert.

Theoph. Diese Consistenz, wie ich bereits be- merkt habe, ist eigentlich das, was einen Theil eines Körpers ohne den andern zu bewegen erschwert, derge- stalt, dass, wenn man den einen anstösst, es vorkommt, dass der andere, der nicht angestossen ist, und gar nicht in die Richtungslinie fällt, nichtsdestoweniger auch nach derselben Seite hin durch eine Art von Anziehung sich zu bewegen veranlasst ist; und ferner, wenn dieser letz- tere Theil einem Hinderniss begegnet, das ihn zurückhält oder zurückstösst, so zieht oder hält er auch den erstem zurück; und zwar ist dies stets wechselseitig. Dasselbe

Von den Vorstellungen. 99

begegnet mitunter zweien Körpern, die sich nicht be- rühren und keinen zusammenhängenden Körper bilden, wovon sie zusammenhängende Theile wären; und den- noch macht der Anstoss des Einen, dass der Andere ohne Anstoss sich bewegt, soweit die Sinne es erkennbar machen. Davon geben der Magnet, die elektrische und diejenige Anziehung, welche man früher der Furcht vor dem leeren Raum 94) zuschrieb, Beispiele ab.

Philal. Wie es scheint, sind das Harte und das Weiche Bezeichnungen, welche wir den Dingen nur hin- sichtlich unserer besonderen Körperbeschaffenheit bei- zu legen pflegen.

Theoph. Auf diese Art würden aber viele Philo- sophen ihren Atomen nicht die Härte zuschreiben. Der Begriff der Härte hängt nicht von den Sinnen ab, und man kann deren Möglichkeit durch die Vernunft begrei- fen, obgleich wir auch durch die Sinne überzeugt werden, dass sie sich thatsächlich in der Natur vorfindet. Indes- sen würde ich den Ausdruck Festigkeit (wenn es mir erlaubt wäre, mich desselben in diesem Sinne zu be- dienen) dem der Härte vorziehen, denn es giebt immer noch einige Festigkeit auch in den weichen Körpern. Ich suche sogar ein noch bequemeres und allgemeineres Wort, wie Consistenz oder Cohaesion. Also würde ich das Harte dem Weichen und das Feste dem Flüssigen gegenüber setzen; denn das Wachs ist weich, aber ohne durch die Hitze geschmolzen zu werden, ist es nicht flüssig und bewahrt seine Gestalt, und in den Flüssigkeiten sogar giebt es gewöhnlich Cohaesion, wie die Wasser- und Quecksilbertropfen zeigen. Ich bin auch der Meinung, dass alle Körper einen gewissen Grad von Cohaesion haben, ebenso wie ich glaube, dass es keine Körper giebt, welche nicht eine gewisse Flüssigkeit enthalten und deren Cohaesion unüberwindlich wäre; so dass nach meiner Ansicht die Atome Epikurs, deren Härte als unüberwindlich vorausgesetzt wird, eben so wenig statt haben können, als die vollständig flüssige, feine Materie der Cartesianer. Aber es ist hier nicht der Ort, diese Ansicht zu rechtfertigen oder die Ursache der Cohaesion aufzuklären.

Philal. Die vollkommene Dichtigkeit der Körper scheint sich aus der Erfahrung rechtfertigen zu lassen.

n *

100 Zweites Buch.

So drang das Wasser, da es nicht ausweichen konnte, durch die Poren einer hohlen goldenen Kugel, worin man es eingeschlossen, hindurch, als man diese Kugel zu Florenz unter die Presse brachte.

Theoph. Ueber die Folgerung, welche Sie aus die- sem Experiment und dem ziehen, was dem Wasser ge- schehen ist, lässt sich noch etwas sagen. Auch die Luft ist ein Körper, so gut, wie das Wasser, und ist gleich- wohl, wenigstens ad sensum (für den Sinn), zusammen- drückbar; und diejenigen, welche eine eigentliche Ver- dünnung und Verdichtung aufrecht erhalten wollen, wer- den sagen, dass das Wasser schon zu sehr zusammen- gedrückt ist, um unsern Maschinen zu weichen, wie eine sehr zusammengedrückte Luft auch einer weiteren Pres- sung Widerstand leisten würde. Ich gestehe andererseits dennoch zu, dass, wenn man eine kleine Veränderung des Volumens am Wasser bemerken würde, man sie der darin eingeschlossenen Luft zuschreiben müsste. Ohne auf die Streitfrage, ob das reine Wasser nicht selbst zu- sammendrückbar ist, wie man es ausdehnbar findet, wenn es verdunstet, gegenwärtig einzugehen, bin ich im Grunde doch der Ansicht Derer, welche glauben, dass die Körper vollkommen undurchdringlich sind, und dass alle Ver- dichtung und Verdünnung nur scheinbar ist. Aber Ex- perimente dieser Art sind so wenig im Stande, es zu beweisen, wie die Röhre Toricelli's 95) oder die Maschine Guericke's 96) genügen, um einen vollkommen leeren Raum nachzuweisen.

Philal. Wäre der Körper im eigentlichen Sinne verdünnbar und verdichtbar, so könnte er sein Volumen oder seine Ausdehnung ändern, aber da dies nicht der Fall ist, so wird er immer in demselben Räume gleich und seine Ausdehnung dennoch stets von der des Raumes bestimmt unterschieden sein.

Theoph. Der Körper könnte eine ihm eigene Aus- dehnung haben, aber daraus folgt nicht, dass sie immer bestimmt oder demselben Räume gleich wäre. Obgleich man indessen, wenn man den Körper denkt, Etwas mehr als den blossen Raum denkt, so folgt daraus doch keines- wegs, dass es zwei Ausdehnungen giebt, die des Raumes und die des Körpers, denn das wäre, als wenn man, in- dem man mehrere Dinge zugleich denkt, noch etwas

Von den Vorstellungen. - 101

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mehr als die Zahl, nämlich die res numérotas (gezählten Dinge) begriffe, während es doch nicht zwei Mehrheiten giebt, die eine abstracte, nämlich die der Zahl, die an- dere concrète, nämlich die der gezählten Dinge. Ebenso kann man sagen, dass man sich nicht zwei Ausdehnun- gen in der Einbildung vorstellen darf, die eine abstracte des Raumes und die andere concrète des Körpers, indem die concrète nur durch die abstracte eine solche ist. Und wie die Körper von einer Stelle des Raumes zur andern übergehen, nämlich in ihrer Ordnung* unter einan- der wechseln, so gehen auch die Dinge von einer Stelle der Ordnung oder der Zahl zur andern über, wenn z. B. das erste das zweite wird und das zweite das dritte u. s. w. In der That sind Zeit und Raum nur Weisen der Ord- nung, und in diesen Ordnungen würde der freie Platz, (den man in Bezug auf den Raum das Leere nennt), wenn es einen solchen gäbe, nur die Möglichkeit dessen bezeichnen, welches in Bezug auf die Wirklichkeit 97) fehlt.

Philal. Ich bin immer sehr erfreut, wenn Sie mit mir im Grunde darin eins sind, dass die Materie im Vo- lumen sich nicht verändert. Sie scheinen mir aber zu weit zu gehen , wenn Sie nicht zwei Ausdehnungen anerkennen, und den Cartesianern sich zu nähern, welche den Raum von der Materie gar nicht unterscheiden. 98) Wenn sich nun Leute fänden, welche diese deutlichen Vorstellungen (vom Räume und der ihn füllenden Dich- tigkeit) nicht hätten, sondern sie vermischten und daraus nur eine machten, so sehe ich nicht, wie dieselben sich mit den Andern verständigen könnten. Sie verhielten sich wie der Blinde in Hinsicht auf einen andern Men- schen, der ihm von der Scharlachfarbe spricht, sich ver- halten würde, während dieser Blinde glaubte, sie gleiche dem Ton einer Trompete.

Theoph. Ich nehme aber zugleich an, dass die Vorstellungen der Ausdehnung und der Dichtigkeit nicht, wie die des Scharlachs, in einem undenkbaren Etwas bestehen. Gegen die Ansicht der Cartesianer unterscheide ich Ausdehnung und Materie. Indessen glaube ich nicht, dass es zwei Ausdehnungen giebt, und da Diejenigen, welche über die Verschiedenheit der Ausdehnung und der Dichtigkeit mit einander streiten, über diesen Gegenstand

102 Zweites Buch.

in mehreren Wahrheiten übereinkommen und bestimmte Begriffe haben, so können sie dadurch das Mittel finden, ihre Uneinigkeit fahren zu lassen. ") So sollte die an- gebliche Misshelligkeit über die Vorstellungen ihnen nicht zum Vorwande dienen, die Streitigkeiten zu verewigen, wie ich weiss, dass einige Cartesianer, die doch sonst recht gescheut sind, sich hinter ihren vermeinten Vorstel- lungen verschanzen. Wenn sie sich jedoch des von mir vordem angegebenen Mittels bedienen wollten, um die Richtigkeit und Unrichtigkeit der Vorstellungen zu erken- nen, wovon wir auch in der Folge reden werden, so wür- den sie ihren unhaltbaren Standpunkt verlassen.

Capitel V.

Von den einfachen Vorstellungen, welche aus ver- schiedenen Sinnen stammen.

Philal. Die Vorstellungen, deren Wahrnehmung aus mehr als einem Sinne stammt, sind die des Raumes, der Ausdehnung, der Gestalt, der Bewegung und Ruhe.

Theoph. Diese Vorstellungen, von denen man sagt, dass sie aus mehr als einem Sinne stammen, wie die des Raumes, der Gestalt, der Bewegung, stammen für uns vielmehr aus dem Gemeinsinn her, d. h. aus dem Geiste selbst, denn sie sind Vorstellungen des reinen Verstandes, die sich aber auf das Aeussere beziehen und deren wir durch die Sinne uns bewusst werden, auch sind sie fähig, definirt und bewiesen zu werden. 10°)

Von den Vorstellungen. 103

Capitel VI.

Von den einfachen Vorstellungen, welche aus der Reflexion stammen.

Philal. Die einfachen Vorstellungen, welche aus der Reflexion stammen, sind die Vorstellungen des Ver- standes und des Willens, denn wir werden uns ihrer nur bewusst, indem wir über uns selbst reflectiren.

Theoph. Man kann zweifeln, ob alle diese Vorstel- lungen einfach sind, denn es ist z. B. klar, dass die Vor- stellung des "Willens die des Verstandes in sich schliesst, und die Idee der Bewegung die der Gestalt enthält.

Capitel VII.

Von den Vorstellungen, die aus der sinnlichen Em- pfindung und der Reflexion stammen.

§ 1. Philal. Es giebt einfache Vorstellungen, welche im Geiste auf allen Wegen der sinnlichen Empfindung und auch der Reflexion zum Bewusstsein gelangen, näm- lich die Lust, der Schmerz, die Kraft, das Dasein und die Einheit.

Theoph. Die Sinne scheinen uns ohne die Hülfe der Vernunft nicht von dem Dasein der sinnlichen Dinge überzeugen zu können. Auch möchte ich glauben, dass die Inbetrachtnahme des Daseins aus der Reflexion stammt. 101) Die der Kraft und der Einheit stammen auch aus der nämlichen Quelle, und wie mir scheint, sind diese Vor- stellungen von einem ganz andern Wesen, als die Wahr- nehmungen der Lust und des Schmerzes.

104 Zweites Buch.

Capitel VIII.

Weitere Betrachtungen über die einfachen Vor- stellungen.

§ 2. Philal. Was werden wir von den Vorstellun- gen der negativen Eigenschaften sagen? Mir scheint, dass die Vorstellungen der Ruhe, der Finsterniss und der Kälte eben so positiv sind, wie die der Bewegung, des Lichtes und der Wärme. Wenn man indessen diese Ne- gationen als Ursachen der positiven Vorstellungen hin- stellt, bin ich der gewöhnlichen Meinung; aber im Grunde wird es zu bestimmen schwer sein, ob wirklich eine Vor- stellung dabei ist, welche aus einer negativen Ursache stammt, bis man nämlich bestimmt hat, ob die Ruhe eher als die Bewegung eine Negation ist.

Theoph. Ich hätte nicht geglaubt, dass man an dem negativen Wesen der Ruhe zu zweifeln Veranlassung haben könnte. Es genügt dazu, dass man die Bewegung beim Körper aufhebt, aber zur Bewegung genügt nicht, dass man die Ruhe aufhebt, denn man muss noch etwas Anderes hinzufügen, um den Grad der Bewegung zu be- stimmen, weil es zu ihrem Wesen gehört, deren mehr oder weniger zu erhalten, während alle Arten Ruhe gleich sind. Etwas Anderes ist es, von der Ursache der Ruhe zu reden, welche in der zweiten Materie oder Masse 102) positiv sein muss. Ich möchte auch glauben, dass selbst die Vorstellung der Ruhe negativ ist, d. h. dass sie nur in einer Negation besteht. Allerdings ist die Handlung des Verneinens etwas Positives.

§ 9. Philal. Da die Eigenschaften der Dinge die Vermögen sind , in uns die Wahrnehmung der Vorstellungen hervorzubringen, ist es zweckmässig, sie von einander zu unterscheiden. Es giebt erste und zweite Eigenschaften. Die Ausdehnung, die Dichtigkeit, die Ge- stalt, die Zahl, die Beweglichkeit sind ursprüngliche und vom Körper untrennbare Eigenschaften, welche ich erste nenne.

§ 10. Aber zweite Eigenschaften nenne ich die Vermögen oder Kräfte des Körpers, gewisse sinnliche

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Empfindungen in uns oder gewisse Wirkungen in anderen Körpern hervorzubringen, wie z. B. das Feuer im Wachs hervorbringt, indem es dasselbe schmilzt.

Theoph. Man könnte, glaube ich, sagen, dass, wenn die Kraft wohl zu verstehen ist und deutlich er- klärt werden kann, sie unter die ersten Eigenschaften gerechnet werden müsse; wenn sie aber nur sinnlich ist und nur eine verworrene Vorstellung bietet, wird man sie unter die zweiten Eigenschaften setzen müssen.

§ 11. Philal. Diese ersten Eigenschaften zeigen, wie die Körper auf einander wirken. Nun wirken die Kör- per nur durch Anstoss, wenigstens so weit, als wir es begreifen können, denn unmöglich ist zu begreifen, dass die Körper auf das, was sie nicht berühren, wirken kön- nen, was eben so viel wäre, als sich einbilden, der Kör- pei könne wirken, wo er nicht ist.

Theoph. Ich bin auch der Ansicht, dass die Kör- per nur durch Anstoss wirken. Indessen liegt in dem soeben vernommenen Beweis ^noch eine Schwierigkeit, denn die Anziehung findet nicht immer durch Berührung statt, und man kann berühren und fortbewegen ohne sichtbaren Anstoss, wie ich oben, als ich von der Härte sprach, gezeigt habe. 103) Wenn es die Atome des Epikur gäbe, so würde ein angestossener Theil den andern mit sich fortbewegen und ihn berühren, indem er ihn ohne Anstoss in Bewegung setzte; und bei der gegenseitigen Anziehung der einander naheliegenden Dinge kann man nicht sagen, dass das, was ein Anderes mii sich fortbe- wegt, da, wo es nicht ist, wirkt. Dieser Grund würde nur gegen die Anziehung aus der Ferne streiten, wie auch hinsichtlich dessen, was man die vires centripetas (centripetalen Kräfte) nennt, die von einigen Gelehrten vorgebracht worden sind.

§ 13. Philal. Gewisse Theile, die auf eine gewisse Art unsere Organe treffen, verursachen in uns gewisse Empfindungen von Farben oder Geschmäcken oder an- deren secundären Eigenschaften, welche das Vermögen haben, diese Empfindungen hervorzubringen. Und es ist nicht schwerer zu begreifen, dass Gott solche Vorstellun- gen (wie die der Wärme) mit Bewegungen verknüpfen könne, mit denen sie keine Aehnlichkeit haben, als zu begreifen schwer ist, dass er die Vorstellung des Schmer-

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zes mit der Bewegung eines Stückes Eisen verbunden hat, das unser Fleisch zertheilt, einer Bewegung, der der Schmerz in keiner Weise gleicht.

Theoph. Man darf sich nicht einbilden, dass diese Vorstellungen der Farbe oder des Schmerzes willkürlich und ohne Beziehung oder natürliche Verbindung mit ihren Ursachen sind: mit so wenig Ordnung und Vernunft zu handeln, ist nicht Gottes Gewohnheit. Ich möchte vielmehr sagen, dass dabei eine Art vou Aehnlichkeit ist, keine gänzliche und so zu sagen in termims, aber eine in Ausdruck zu fassende oder eine Art von Beziehung der Anordnung, wie eine Ellipse und selbst eine Parabel oder Hyperbel in gewisser Beziehung dem Kreise gleichen, dessen Projection auf der Ebene sie sind, da zwischen dem, was projicirt wird, und der Projection, die davon gemacht wird, jeder Punkt des einen jedem Punkte der andern nach einer gewissen Beziehung entspricht. Dies beachten die Cartesianer nicht genug; und Sie haben diesmal ihnen mehr als gewöhnlich nachgegeben und mehr als Grund dazu war.

§ 15. Philal. Ich nehme an, was mir richtig er- scheint und der Augenschein lehrt, dass die Vorstellun- gen der ersten Eigenschaften der Körper diesen Eigen- schaften gleichen, aber dass die in uns durch die zweiten Eigenschaften erzeugten Vorstellungen ihnen in keiner Weise gleichen.

Theoph. Ich habe eben bemerkt, wie in Hinsicht der zweiten eben so gut , als in Hinsicht der ersten Eigenschaften Aehnlichkeit und genaue Beziehung statt- findet. Es ist ganz vernünftig, dass die Wirkung ihrer Ursache entspreche, und wie kann man das Gegentheil versichern, da man weder die sinnliche Empfindung des Blauen, noch die Bewegungen, welche sie hervorrufen, genau kennt? Allerdings gleicht der Schmerz nicht den Bewegungen einer Nadel, er kann aber sehr wohl den Bewegungen, welche diese Nadel in unserem Körper ver- ursacht, gleichen und diese Bewegungen in der Seele darstellen, wie ich gar nicht zweifle, dass es der Fall ist. Deswegen sagen wir auch, dass der Schmerz in unserem Körper und nicht in der Nadel ist. Wir sagen aber, das Licht ist im Feuer, weil es im Feuer Bewegungen giebt, die nicht auf bestimmte Art besonders wahrnehmbar sind,

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aber deren Vermischung oder Verbindung wahrnehmbar wird und durch die Vorstellung des Lichtes sich uns darstellt.

§ 21. Philal. Wenn aber die Beziehung zwischen Object und sinnlicher Empfindung natürlich wäre, wie könnte es doch geschehen, dass, wie wir in der That wahrnehmen, das nämliche Wasser der einen Hand warm und der andern kalt erscheinen kann? Was auch zeigt, dass die Wärme nicht mehr im Wasser ist, als der Schmerz in der Nadel.

Theoph. Das Angeführte zeigt höchstens, dass die Wärme keine sinnlich empfindbare Qualität oder Kraft ist, welche ganz und gar für sich empfunden werden kann, sondern dass sie sich auf ihre angemessenen Or- gane bezieht: denn eine eigene Bewegung in der Hand kann sich damit verbinden und ihre Erscheinung ändern. Auch erscheint das Licht Augen von schlechter Beschaf- fenheit nicht, und wenn sie selbst schon von starkem Licht erfüllt sind, ist ein schwächeres für sie nicht mehr empfindbar. Selbst die nach Ihrer Bezeichnung ersten Eigenschaften, z. B. die Einheit und die Zahl, braucheu nicht immer in gehöriger Weise zu erscheinen. Denn, wie schon Des Cartes erwähnt hat, erscheint eine mit den Fingern auf eine gewisse Art berührte Kugel dop- pelt, und die facettirt geschliffenen Spiegel oder Gläser vervielfältigen den Gegenstand. Es folgt daraus also nicht, dass das, was immer ebenso erscheint, eine Be- schaffenheit des Gegenstandes sei und dass sein Bild ihm gleiche. Und was die Wärme anbetrifft, so lässt sich, wenn unsere Hand sehr heiss ist, die mittlere Wärme des Wassers nicht bemerken und mässigt vielmehr die der Hand, und das Wasser erscheint uns folglich kalt, wie das Salzwasser des baltischen Meeres, wenn es mit dem Wasser des portugiesischen Meeres gemischt wird, dessen specifischen Salzgehalt vermindert, obgleich das erstere selbst salzhaltig ist. So kann man in einer Hin- sicht sagen, dass die Wärme dem Wasser eines Bades angehört, obgleich es Jemanden kalt erscheinen kann, wie der Honig schlechthin süss genannt wird und das Silber weiss, obgleich manchem Kranken das eine bitter, das andere gelb erscheint, denn die Bezeichnung geschieht

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nach dem Gewöhnlichen. Dennoch bleibt es wahr, dass, wenn das Organ und das Mittel gehöriger Massen be- schaffen sind, die inneren Bewegungen und die der Seele sie darstellenden Vorstellungen den Bewegungen des Ge- genstandes gleichen, welche die Farbe, den Schmerz u. s. w. bewirken , oder , was hierbei dasselbe ist , ihn durch einen ganz genauen Rapport ausdrücken, obgleich dieser Rapport uns nicht deutlich erscheint, weil wir jene Menge kleiner Eindrücke weder in unserer Seele, noch in un- serem Körper, noch in dem, was ausser uns ist, von einander unterscheiden können.

§ 24. Philal. Die Eigenschaften der Sonne, das Wachs zu bleichen und zu erweichen oder den Roth zu verhärten, betrachten wir nur als einfache Kräfte, ohne in der Sonne etwas vorzustellen, das- dieser Weisse oder dieser Weichheit oder dieser Härte gleicht: die Wärme aber und das Licht werden gemeiniglich als wirkliche Eigenschaften der Sonne betrachtet. Erwägt man indes- sen die Sache wohl, so sind diese Eigenschaften des Lichts und der Wärme, welche in mir Wahrnehmungen sind, auf keine andere Art in der Sonne, als die im Wachs hervorgebrachten Veränderungen, wenn es gebleicht oder geschmolzen wird.

Theoph. Diese Lehre haben Einige so weit getrie- ben, dass sie uns haben überreden wollen, Jemand, der die Sonne berühren könne, würde darin, gar keine Wärme linden. Die nachgeahmte Sonne, welche sich im Focus eines Spiegels oder eines Brennglases fühlbar macht, kann diesen Irrthum widerlegen. Was aber die Ver- gleichung zwischen dem Vermögen des Erwärmens und dem des Schmelzens anbetrifft, so wage ich zu behaup- ten, dass, wenn das geschmolzene oder gebleichte Wachs Empfindung hätte, es auch etwas dem Aehnliches em- pfinden würde, was wir empfinden, wenn die Sonne uns wärmt, und, wenn es könnte, würde es sagen, dass die Sonne heiss sei — nicht, weil seine Weisse der Sonne ähnlich ist, denn, wenn die Gesichter von der Sonne gebräunt werden, würde deren dunkle Farbe ihr auch gleichen müssen, sondern weil im Wachs Bewegun- gen geschehen, welche zu den sie verursachenden der Sonne eine Beziehung haben. Seine Weisse könnte aus

Von den Vorstellungen. 109

einer andern Ursache stammen, aber nicht die Bewe- gungen, welche es gehabt hat, als es jene von der Sonne empfing.

Capitel IX.

Von den Wahrnehmungen.

§ 1. Philal. Wir wollen jetzt zu den Reflexions- Vorstellungen im Besondern kommen. Die Wahrneh- mung ist das erste Vermögen der mit unsern Vorstellun- gen beschäftigten Seele. Sie ist auch die erste und ein- fachste Vorstellung, die wir von der Reflexion empfangen. Das Denken bezeichnet oft die Wirkung des Geistes auf seine eigenen Vorstellungen, wenû er thätig ist und Etwas mit einem gewissen Grad freiwilliger Aufmerksamkeit betrachtet, aber in dem, was man Wahrnehmung nennt, verhält der Geist sich gewöhnlich rein leidend, da er sich dessen bewusst zu sein nicht vermeiden kann, wessen er sich augenblicklich bewusst ist.

Theoph. Vielleicht könnte man hinzufügen, dass die Thiere Wahrnehmungen haben und dass sie nicht nothwendiger Weise denken, d. h. Reflexion oder das haben, was deren Gegenstand sein kann. Wir haben auch selber schwache Wahrnehmungen, deren wir uns in unserem gegenwärtigen Zustand nicht bewusst werden. Allerdings könnten wir t uns sehr wohl derselben bewusst werden und darauf reflectiren, wenn wir nicht durch deren Menge, die uns zerstreut macht, davon abgelenkt, oder wenn sie nicht durch stärkere verwischt oder vielmehr verdun- kelt würden.

§ 4. Philal. Ich gestehe, dass, wenn der Geist stark damit beschäftigt ist, gewisse Gegenstände zu be- trachten, er sich in keiner Weise des Eindruckes bewusst wird, den gewisse Körper auf das Gehörorgan machen, obgleich dieser Eindruck ziemlich stark sein mag; er bringt aber keine Wahrnehmung hervor, wenn die Seele nicht davon Notiz nimmt.

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Theoph. Ich würde vorziehen, zwischen Wahr- nehmung und Bewusstsein zu unterscheiden. Die Wahrnehmung des Lichts oder der Farbe z. B., deren wir uns bewusst siud, ist aus einer Menge kleiner Wahr- nehmungen zusammengesetzt, deren wir uns nicht be- wusst sind, und ein Geräusch, von dem wir Wahrneh- mung haben, aber auf das wir nicht Acht geben, wird durch eine kleine Zugabe oder Vermehrung fähig, in' s Bewusstsein zu fallen. Denn wenn das, was vorher- geht, nicht auf die Seele wirkte, so würde diese kleine Zugabe auch nicht darauf wirken, und das Ganze auch nicht. Ich habe diesen Punkt schon § 11, 12, 15 u. s. w. des zweiten Capitels dieses Buches berührt.

§ 8. Philal. Es ist angemessen, hier zu bemerken, dass die Vorstellungen, welche aus der Sinnlichkeit stam- men, bei Erwachsenen oft durch das Urtheil des Geistes, ohne dass sie sich dessen bewusst sind, verändert wer- den. Die Vorstellung einer Kugel von gleichmässiger Farbe stellt einen flachen Kreis von verschiedener Schat- tirung und Beleuchtung dar. Aber da wir die Bilder der Körper und die Veränderungen der Lichtreflexe nach der Gestaltung ihrer Oberfläche zu unterscheiden gewohnt sind, so setzen wir an Stelle dessen, was uns erscheint, die Ursache des Bildes selbst und verwechseln so das Urtheil mit dem Anblick.

Theoph. Dies ist vollkommen wahr und darin be- steht das Mittel der Malerei, uns durch den Kunstgriff einer richtig verstandenen Perspective zu täuschen. Wenn die Ränder des Körpers platt sind, so kann man sie dar- stellen, ohne Schatten anzuwenden, indem man sich nur der , Conturen bedient und die Malereien einfach nach der Weise der Chinesen, aber mit besserer Proportion, als jene, entwirft. Auf eben diese Art pflegt man Medaillen zu zeichnen, damit der Zeichner sich weniger von den genauen Zügen der Antiken entferne. Aber genau lässt sich das Innere eines Kreises von dem Innern einer von diesem Kreise begränzten sphärischen Fläche ohne Hülfe von Schatten nicht unterscheiden, da das Innere des Einen wie der Andern weder hervorstehende Punkte noch unterscheidende Züge hat, obgleich zwischen ihnen freilich ein sehr grosser, bemerkenswerther Unterschied stattfindet. Herr v. Argues hat deswegen über die Stärke

Von den Vorstellungen. 111

der Farbentöne und Schatten eigene Vorschriften gegeben. Wenn uns also ein Gemälde täuscht, so irren wir auf zweifache Art in unserem Urtheil. Zuerst nämlich setzen wir die Ursache für die Wirkung und glauben das, was die Ursache des Bildes ist, unmittelbar zu sehen, worin wir ein wenig jenem Hunde gleichen, welcher gegen einen Spiegel anbellt. Denn eigentlich sehen wir nichts weiter, als das Bild, und werden nur von den Strahlen afficirt. Da nun die Lichtstrahlen eine, wenn auch nur geringe Zeit bedürfen, so ist es möglich, dass der Gegen- stand in dieser Zwischenzeit zerstört und nicht mehr da ist, wenn der Strahl zum Auge gelangt; was aber nicht mehr ist, kann auch nicht ein dem Gesichte gegenwär- tiger Gegenstand sein. Zweitens täuschen wir uns auch, indem wir die eine Ursache für die andere setzen und etwa glauben, dass das, was nur von einem flachen Ge- mälde kommt, von einem Körper abgeleitet sei, derge- stalt, dass in diesem Falle unsere Urtheile zugleich eine Metonymie und eine Metapher begehen, denn auch die rhetorischen Figuren werden zu Sophismen, wenn sie uns täuschen. Diese Verwechslung der Wirkung mit der Ursache, sei sie die wahre oder die vorgebliche, kommt auch sonst noch bei unseren Urtheilen vor. So glauben wir, wenn wir unseren Körper oder das, was ihn berührt, fühlen, oder wenn wir durch einen unmittelbaren physi- schen Einfluss unsere Arme bewegen, dass darin die Verbindung der Seele mit dem Körper erscheine, während wir in Wahrheit nur das dabei fühlen und verändern, was in uns selbst enthalten ist.

Philal. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen ein Problem vorlegen, welches der gelehrte Molin eux, der seinen herrlichen Geist so nützlich dem Fortschritt der Wissenschaften widmet, dem berühmten Locke mitgetheilt hat. Folgendes sind ungefähr seine eigenen Worte: 104) Denken wir uns einen Blindgeborenen, der jetzt erwachsen ist. Diesen hat man gelehrt, durch Berührung einen Würfel von einer Kugel desselben Metalls und fast von gleicher Grösse zu unterscheiden, so dass er, wenn er den einen oder die andere berührt, sagen kann, was der Würfel und was die Kugel ist. Man nehme nun an, dass, wenn der Würfel und die Kugel auf einen Tisch gesetzt sind, dieser Blinde plötzlich das Gesicht erhalte.

112 Zweites Buch.

Es fragt sich, ob er sie nun, wo er sie sieht, ohne sie zu berühren, unterscheiden und sagen kann, dies ist der Würfel, dies ist die Kugel. Ich bitte Sie, mir Ihre Mei- nung darüber zu sagen.

Theoph. Diese Frage zu überdenken, die mir sehr merkwürdig erscheint, würde ich mir Bedenkzeit ausbitten müssen; da Sie mich aber sofort zu antworten drängen, will ich Ihnen auf's Gradewohl unter vier Augen als meine Ansicht bekennen, dass der Blinde, wenn er weiss, dass die von ihm erblickten zwei Figuren die des Würfels und der Kugel sind, sie wird unterscheiden und ohne sie zu berühren sagen können, dies ist die Kugel, dies der Würfel.

Philal. Ich fürchte, man wird Sie unter diejenigen zählen müssen, welche Herrn Molineux falsch geantwortet haben. Denn in dem diese Frage enthaltenden Schreiben bemerkt er, dass, nachdem er sie bei Gelegenheit der Locke'schen Schrift über den menschlichen Verstand ver- schiedenen höchst scharfsinnigen Männern vorgelegt habe, kaum einer ihm darauf so geantwortet habe, wie seiner Meinung nach darauf geantwortet werden muss, wenn gleich sie sich, nachdem sie die Gründe vernommen, von ihrem Irrthum überzeugt hätten. Die Antwort dieses scharf- sinnigen und durchdringenden Schriftstellers ist verneinend, denn, fügt er hinzu, mag auch jeder Blinde durch Er- fahrung gelernt haben, auf welche Weise die Kugel und der Würfel seinen Tastsinn afficiren, so weiss er doch noch nicht, dass das, was den Tastsinn auf diese oder jene Weise afficirt, den Augen so oder so erscheinen müsse, noch, dass die vorspringende Ecke eines Würfels, welche seine Hand auf ungleiche Weise drückt, seinen Augen so erscheinen müsse, wie sie am Würfel erscheint. Der Verfasser des Versuchs erklärt, dass er ganz dersel- ben Ansicht ist.

Theoph. Vielleicht sind Molineux und der Verfasser des Versuchs über den menschlichen Verstand von meiner Meinung nicht so weit entfernt, als es von vornherein scheint; und die Gründe ihrer Ansicht, in dem Briefe des Ersteren offenbar enthalten, der sich derselben mit Erfolg bedient hat, um die Leute von ihrem Irrthum zu über- zeugen, sind im zweiten ausdrücklich unterdrückt worden, um den Lesern Uebung im Nachdenken zu verschaffen.

Von eleu Vorstellungen. 113

Wenn Sie meine Antwort erwägen wollen, so werden Sie finden, dass ich eine Bedingung hinzugefügt habe, welche man als in der Frage inbegriffen betrachten kann, dass es sich nämlich nur um die Unterscheidung handele, und dass der Blinde wisse, dass die beiden Körper, die er unterscheiden soll, vor ihm seien, und dass somit von den beiden Erscheinungen, welche er sieht, die eine die des Würfels oder die andere die der Kugel sei. In diesem Falle scheint es mir unzweifelhaft, dass der Blinde, welcher blind zu sein aufgehört hat, sie durch die Grundsätze der Vernunft unterscheiden kann, wenn er diese mit dem, was ihm an sinnlicher Erkenntniss der Tastsinn vorher geliefert hat, verbindet. Denn ich rede nicht von dem, was er in der That und auf der Stelle thun wird, da er vielleicht durch die Neuheit geblendet und verwirrt oder sonst wenig daran gewöhnt ist, Schlüsse zu ziehen. Der Grund meiner Ansicht ist, dass bei der Kugel an ihrem Rande keine hervortretenden Punkte vorkommen, da alles daran einförmig und ohne Ecksen ist, während an dem Würfel acht von allen andern unterschiedene Punkte sind. Gäbe es nicht dies Mittel, die Gestalten zu unterscheiden, so könnte einBlinder nicht die Anfangsgründe der Geometrie durch den Tastsinn lernen. Gleichwohl sehen wir, dass die geborenen Blinden im Stande sind, die Geometrie zu erlernen und sogar immer gewisse Anfangsgründe einer natürlichen Geometrie besitzen, und dass man meistens die Geometrie bloss durch den Blick erlernt, ohne sich des Tastsinns zu bedienen, wTie ein Gelähmter oder Jemand, dem das Tasten so gut wie versagt ist, es machen könnte und müsste. Und diese zwei Arten der Geometrie nun, die des Blinden und des Gelähmten, müssen sich begegnen und zueinander stimmen und sogar auf dieselben Vor- stellungen zurückkommen, obgleich sie keine gemeinsamen Bilder haben. Dies lässt erkennen, wie man die Bilder und die in Definitionen gefassten genau bestimmten Vorstellungen unterscheiden muss. Es würde in der That etwas sehr Merkwürdiges und Unterrichtendes sein, die Vorstellungen eines blind Geborenen wohl zu untersuchen und die Beschreibungen, die er von den Gestalten macht, zu vernehmen. Denn so weit kann er kommen und selbst die Wissenschaft der Optik verstehen, insofern sie von deutlichen und mathematischen Vorstellungen abhängig

Leibniz, Ueber d, liieusß&jl Vetstand. *

114 Zweites Buch.

ist, obschon er nicht dazu gelangen kann zu begreifen, was gebrochenes Licht ist, d. h. das Bild des Lichts und der Farben. Deshalb antwortete ein gewisser blind Geborener, nachdem er Unterricht in der Optik gehabt hatte, den er wohl zu verstehen schien, Jemanden, der ihn nach seiner Meinung über das Licht fragte, dass er sich einbilde, es müsse etwas Angenehmes sein, wie der Zucker. Es würde sogar sehr wichtig sein, die Vorstellungen zu prüfen, welche ein taubstumm Geborener von den nicht mit Gestalt versehenen Dingen haben kann, von denen wir die Beschreibung gewöhnlich in Worten haben, und die er auf eine durchaus verschiedene Art haben muss, obgleich sie mit der unsrigen gleiche Geltung haben mag, wie die Schrift der Chinesen eine unserm Alphabete gleiche Bedeutung hat, obgleich sie davon unendlich ver- schieden ist und durch einen Tauben erfunden zu sein scheinen könnte. Ich erfahre durch die Güte eines grossen Fürsten, dass in Paris ein geborener Taubstummer, der endlich den Gebrauch der Ohren wiedererlangt und gegen- wärtig das Französische gelernt hat (denn man hat ihn vor Kurzem von Seiten des französischen Hofes kommen lassen), sehr merkwürdige Dinge über die Vorstellungen, die er in seinem früheren Zustand hatte, und über die Veränderung seiner Vorstellungen , als der Gehörsinn geübt zu werden anfing, erzählen kaum Diese geborenen Taubstummen können weiter kommen, als man denkt. Es gab einen solchen zu Oldenburg zur Zeit des letzten Grafen, der ein guter Maler geworden war und sich auch sonst sehr intelligent zeigte. Ein grosser Gelehrter,