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GERMANIA.

VIERTELJAHRSSCHRIFT

DEUTSCHE ALTERTHUM8KUNDE

HEUAUSGEGEHEN

FRANZ PFEIFFER

ZEHNTER JAHRGANG.

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WIEN.

VEKLAG VON CAKL GEKOLD'Ö SOHN. 1865.

Buchdruckern von Carl Geiold'> Solm in Wien

INHALT.

Seite Der mythische Gehalt der Teilsage. Ein Beitrag zur deutsehen Mythologie von

Heino Pfannenschmid 1

Beiträge zur Geschichte und Kritik der Kudrun. I. II. Von K. Bartsch.... 41

Zur Kunde altdeutscher Personennamen. Von Franz Stark 92

Zeugnisse zur Heldensage. Von F. P 94

Das westfälische Bauernhaus ein altdeutsches Stallgebäude. Von Moritz Heyne 95

Getaufte Thiere. Von A. Lütolf 100

Zum Cato. Von Adolf Mussafia 101

Mailand. Von A. Lütolf 102

Zur Frau 'Selten' (Sselde). Von Demselben 103

Beiträge zur Sittengeschichte des Mittelalters. Von Rudolf Hildebrand .... 129

Antonius von Pforr. Von K. A. Barack 145

Rosengarten. Von A. Lütolf 147

Beiträge zur Geschichte und Kritik der Kudrun. III. Von K. Bartsch 148

Über den handschriftlichen Text der gothischen Übersetzung des Briefes an die

Römer. Von Leo Meyer 225

Neues Bruchstück von Albrecht von Halberstadt. Von A. Lübben 237

Ein Engel flog durchs Zimmer. Von Reinhold Köhler 245

Inschriften mit deutschen Runen auf den hannoverschen Goldbracteaten und auf

Denkmälern Holsteins und Schleswigs, entziffert von Franz E. Chr. Dietrich 257 Kleine Mittheilungen. Von C. W. M. Grein.

1. Das Reimlied des Exeterbuchs , 305

2. Zu den Räthseln des Exeterbuchs 307

3. Das Wessobrunner Gebet 310

Das Spiel von den zehen Jungfrauen. Herausgegeben von Max Rieger Sil

Zum Hildebrandsliede. Von J. La m bei 338

Zu Freidank. Von Demselben 339

Zum Märchen „Der Gaudieb und sein Meister". Von K. Schenkl 342

Erdichtete Liebesbriefe des 15. Jahrhunderts in niederdeutscher Sprache. Von

Gustav Schmidt 305

Kleine Beiträge von Fedor Bech 395

Zur Virgiliussage. Von Felix Liebrecht. 40ß

Zur Textkritik der angelsächsischen Dichter. Von C. W. M. Grein ||<i

Die ungleichen Kinder Adam's und Eva's. Von Franz llwof 42!)

Zur Wiener Meerfahrt. Von Adolf Mussafia I.;i

Caspar Lewenhagen 1443. Von Beinhold Bechstein 1.,

Fiölsvinnsmäl. Von Theophil llupp. . . . .' 433

Die Legende von den beiden treuen Jacobsbrüdern. Von Reinhold Köhler . . .447

Seite

Heimal and Dichter des Helmbrecht. Von Carl Schröder 455

Deutsche Predigten des l_. Jahrhunderts. Von K. A. Barack 464

Volkssagen aus dem Ober- Wallis. Von Franz Leibing 473

Zu Kudrun. Von I. V. Zingerle 475

LITTERATÜR.

Schriften über Mythologie (von Schwartz, Baumgarten, Grolnnann, Simroek). Von

Th. Vernaleken und Felix Liebrecht 103

K. F. A. Mahn, über den Ursprung und die Bedeutung des Namens Germanen.

Von A. Holtzraann 113

W. A. Jütting, biblisches Wörterbuch. Von Reinhold Bechstein 115

Barlaam und Josaphat , ein altfranzösisches Gedicht aus dem 13. Jahrhundert,

herausgegeben von II. Zotenberg und P. Meyer. Von A. Mussafia .... 115

Deutsche Bibliothek von H. Kurz. Bd. 3—7. Von J. Lambel 24b'

Zur Geschichte der Isländischen Litteratur. 1. Neu aufgefundene Bruchstücke des Hauksbök. 2. Eyrbyggjasaga, herausgegeben von Gudbrandr Vigfüssou. Von K. Maurer 476

BIBLIOGRAPHIE.

Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der deutschen Phi- lologie im Jahre 1864. Von Karl Bartsch..... 343

MISCELLEN.

J. G. L. Kosegarten's handschriftliches niederdeutsches Wörterbuch. Von Albert

Hoefer 121

Andreas Uppströin f. Von Leo Meyer 125

Aufruf zur Einsendung biographischer Notizen. Von Fr. Pfeiffer 126

Übersicht der Vorlesungen über deutsche Sprache und Litteratur, welche auf den Universitäten Deutschlands und der Schweiz im Jahre 1864— 1S65 sind ge- halten worden 253

Möhlmanns Liedersammlung 256

Bericht über die Sitzungen der germanistischen Section der XXIV. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Heidelberg , 27. 30. Sept. 1865. VouK. Bartsch 49S

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE.

EIN BEITRAG ZUR DEUTSCHEN MYTHOLOGIE

VON

HEINO PFANNENSCHMID.

Die Forschungen über den Urner Teil haben durch die verdienst- liehen Untersuchungen des Lucerner J. E. Kopp (namentlich im 1. und 2. Bande der Geschichtsblätter, Lucern 1854, 1856) vom historischen Standpunkte aus ihren relativen Abschluß erhalten. Teil ist keine ge- schichtliche Person, er hat mit dem Entstehen der eidgenössischen Freiheit gar nichts zu schaffen. Nach Kopp's Untersuchungen war ein Teil, den gewöhnlichen Angaben gemäß, weder zu Ende des drei- zehnten , noch zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts möglich ; hier waren alle Verhältnisse so sehr geschichtlich erhellt, daß für Teil und seine angeblichen Thaten, für die Vögte und deren Frevel, kein Raum mehr vorhanden war. Der Teil war somit aus dem Gebiete der Ge- schichte ein für allemal ausgewiesen und dem der Sage überantwortet worden. Darin war das Urtheil aller wahrhaft Geschichtskundigen einstimmig. Was aber sollte man nun mit diesem verstoßenen früheren Lieblingskinde der Geschichte anfangen ? War das alles nur Sage, war das alles nur erdichtet und erfunden, was man vom Teil bis- lang geglaubt hatte? Das konnte unmöglich so sein. Stand das doch alles wohlbeglaubigt in alten Schriften , und ihnen sollte man nicht mehr glauben dürfen? Das war zu viel. Am Vierwaldstättersee antworteten einige Fanatiker auf jenen ihren vermeintlichen Patriotis- mus verletzenden Urtheilsspruch redlicher und mühsamer Geschichts- forschung durch ein Autodafe, das in Wirklichkeit auf dem Rütli gegen Ende der fünfziger Jahre stattfand. Kopp wurde in effigie verbrannt,

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2 II KINO PFANNKNS0HM1D

der Teil durch Machtspruch gerettet. Auch auf den» Papiere wurden die Angrifl'e und Machtsprüche gegen Kopp's Forschungen oft mit kindischem Trotz und in nicht sehr geziemender Weise fortgesetzt. Jetzt scheinen die Waffen der Gegner stumpf geworden zu sein. Alle Trümpfe sind ausgespielt, und das Spiel ist jedesmal verloren worden. Trotzdem haben einzelne Versuche, den Teil zu retten, noch immer nicht aufgehört. Den jüngsten Beitrag hiezu hat Herr Dr. v. Liebenau zu Lucern gemacht. Doch hat auch er in vielen nicht unwichtigen Punkten die alte Position als unhaltbar aufgegeben. Er stellt sich auf einen andern Standpunkt: er verlegt den Hergang der Sage in eine frühere Zeit. Denn unmöglich, so meint er, könne die Sage vom Teil eines gewissen historischen Grundes entbehren ; wenn auch nicht Alles, so sei doch die Hauptsache gewiss geschichtlich. Da nun die bisherigen Zeitangaben über Tell's angebliches Leben und Wirken nicht passten, so schien es nicht unmöglich, ihn dennoch retten zu können, wenn man eine solche Zeit auffinden würde, wo er sich, ohne mit der beglaubigten Geschichte in Widerspruch zu gerathen und bei Um- gehung und Beseitigung der bisherigen Einwände, besser und sicherer unterbringen ließe. Gern wollte man sich dabei um diesen Preis zu einigen Concessionen herbeilassen. Die allergröbsten und handgreif- lichsten Unmöglichkeiten opferte man, so die bisherigen Zeitangaben über den Aufstand der drei Waldstätte, den Geßler und Landenberg, die unverständliche Stange mit dem Hut, die Fahrt nach Küssnacht. Anderes dagegen mußte man mit versessener Hartnäckigkeit zu schir- men suchen , sonst gab man alles verloren , so den berühmten Apfel- schuß, den Sprung auf die Platte und die Tödtung des Vogtes: das erste, weil die Unmöglichkeit eines solchen Schusses nicht bezweifelt werden konnte; das zweite, weil es ein Wunder war; das dritte, weil es den Sitten einer früheren Zeit so angemessen und zugleich so alter- thümlich und menschlich erschien. Aber Niemand wird doch aus der bloßen Möglichkeit auch die Wirklichkeit folgern; Niemand, der die Felsplatte am Fuße des Axenberges je sah, wird die Realität eines Sprunges unter den Umständen, wie ihn die Sage schildert, behaupten (vgl. Lütolf, Germ. 9, 219); Niemand wird, weil eine Erzählung so romantisch ist, sie um deswillen für buchstäblich wahr nehmen wollen. Wie aber, wenn man einen Namen auffand, der etwa wie Geßler lau- tete, ja dessen Träger sogar ein tyrannischer habsburgischer Untervogt über Schwyz und Uri war? Wie, wenn man nachweisen konnte, daß wirklich Burgen gebrochen und zerstört waren? Würde hiermit nicht der Teil besser beglaubigt, dessen Existenz als historische Person man

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 3

einmal nicht beweisen konnte, aber doch so gern der Schweiz retten wollte? Herr Dr. v. Liebenau hat in einer kleinen Schrift „Die Tell- sao-e zum Jahre 1230" diesen Beweis so eben zu fuhren gesucht. Allein sein Beweisverfahren ist in allen Punkten verfehlt (vgl. meinen Aufsatz „Der gegenwärtige Stand der Teilsage" in der Allg. Ztg. 1864, Beilage Nr. 140, 141, und Alois Lütolf in der Germania 9, 217 ff.), und lässt unzweideutig erkennen, daß er von dem, was eine historische Sage ist, gar keine wissenschaftliche Vorstellung hat. Kopp's Zweifel an der Existenz des Teil als einer historischen Person bleiben also auch für diese frühere Zeit in voller Kraft. Um die Erzählung vom Teil zu begreifen, hat man sich daher einzig und allein nur noch auf den Standpunkt der Sage und Mythologie zu stellen. Von diesen Dingen scheint Hr. v. Liebenau freilich nichts zu wissen, sonst hätte er nicht mit beinahe völligem Schweigen über alle andern Tellsagen so leicht hinwegschlüpfen können. Ich hoffe in folgender Auseinander- setzung ein für alle Mal denen die Lust zu benehmen, welchen es in ihrer naiven Unwissenheit noch einfallen sollte, angesichts des heutigen Standes der Sagen- und Mythenforschung nur vom historischen Stand- punkte aus jemals wieder eine Rettung des Teil zu versuchen.

Bei der nachfolgenden, sich in gemessenen Grenzen bewegenden Untersuchung habe ich die Kenntniss des gesamraten hier einschla- genden Materials, namentlich auch der verschiedenen Sagen, welche den Apfel- und Meisterschuß zum Inhalt haben, voraussetzen zu dürfen geglaubt. Die betreffende Litteratur ist mit ausreichender Genauigkeit bei Huber (die Waldstätte etc. mit einem Anhang über Wilhelm Teil Innsbr. 1861) gegeben, und die neu hinzugekommene von mir im oben angeführten Aufsatze der Allg. Ztg. Daselbst hätte ich noch nennen können die von Henne 1861 besorgte Ausgabe der über die Teilsage keinerlei Ausbeute gewährenden „Klingenberger Chronik", über die mir noch vor der Publication derselben, soweit es den Teil betraf, Herr Decan Pupikofer zu Bischofszell am 23. April 1861 bereits dankens- werthe Mittheilung gemacht hatte. Zur Kritik dieser vielberufenen Chronik vgl. Waitz in den Nachrichten von der G. A. Universität und der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 1862 Nr. 5, S. 73 90, und Gustav Scherer in: Mittheilungen zur vaterl. Geschichte, herausgegeben von dem bist. Verein in St. Gallen 1862, 1, 65 109. In Betracht kommen hier nur die Notizen, welche Henne auf S. 44 unter Anm. rr zusammengestellt hat, und worin er seinen bekannten traditionstreuen Standpunkt festzuhalten sucht. Hinzugekommen sind seitdem noch folgende Aufsätze: „Eine religiöse Erklärung der Tell-

1*

4 HEINO PFANNENSCHMID

sa-^c" unter dein Zeichen C in der Allg. Ztg. 1864, Beil. Nr. 174; „Ein historischer Gesichtspunkt bei der Tellsage" in derselben Zeitung 1864, Beil. Nr. 206 von A. Heusler in Basel; ferner: „Ist der Versuch einer mythologischen Erklärung der Tellsage unstatthaft" von Alois Lütolf, und eine Notiz von mir: „Die Tellsage bei den Persern", beide letzteren Arbeiten in der Germania 9, 217 ff', u. das. 234 ff". Genannt zu weiden verdient noch eine populäre Darstellung von Dr. Wilhelm Zimmermann „Der Teil des deutschen Nordens", in der Illustr. Welt 1864. 4. Hft. S. 145 148. Endlich mögen noch zwei Abhandlungen erwähnt sein, die sich mit der dramatischen Tell-Litteratur vor Schiller beschäftigen, und von denen die letztere die bedeutendste und ausfähr- liebste ist : „Die Vorläufer von Schiller's Teil" von Aug. Kahlert in Prutz, d. Mus. 1862 Nr. 3, S 101—111, und „die Teilenschauspiele in der Schweiz vor Schiller", von E. L. Rochholz, in den Grenzboten 1864, Nr. 30—33.

Die nachfolgende Abhandlung, die es sich zum Vorwurf genom- men hat, den mythischen Gehalt der Teilsage zu erforschen, wird von der durch den Gang der Untersuchung selbst gerechtfertigten Annahme ausgehen, daß sämmtliche Tellsagen zusammengehören und aus gemein- samer arischer Wurzel stammen. Die Folgerung, die sich daraus er- gibt, ist die, daß sich alle einzelnen Teilsagen gegenseitig ergänzen und auf einander aufklärendes Licht wrerfen. Dies thun sie aber nicht nur in den verschiedenen Relationen, welche über die verschiedenen und sich von einander unabhängig entwickelt habenden Localisationen der Sage vorliegen, sondern auch in den Sprösslingen, die sie später getrieben haben. Aus dem gesammten Teilsagenkreise treten nun ins- besondere vier Erzählungen bedeutsamer hervor: die persische, die isländische, die dänische und die schweizerische. Unter diesen hat aber die letztere alle Elemente der Tellsage in reinster Gestalt bewahrt. Diese nehmen wir deshalb zum Zettel, jene und alle übrigen zum Ein- schlag. Doch wird nicht die Reihenfolge der Begebenheiten, wie sie die Urner Tellsage bietet, eingehalten werden. Zweckmäßigkeitsgründe empfehlen eine andere Ordnung Diese ist bedingt durch den Nach- weis über die Natur und die Identität des Schützen Eigil-Toko-Tell mit dem Pfeilkönig und Schützengott Indra - Odhin - Wodan. Dieser Nachweis bildet die Hauptuntersuchung; alles Andere schließt sich wie von selbst an.

Die Teilsage findet sich bei verschiedenen Völkern indo-germani- schen Stammes, bei den Schweizern bei weitem noch nicht einmal

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 5

zuerst. Der Apfelschuß bildet das gemeinsame Charakteristicum aller Tellsagen. Er findet sich in Persien , Westphalen , Island , Norwegen und später in Schweden (Kaßmann, deutsche Heldensage 2, XXXII und S. 261), in Dänemark, in England, Holstein, am Oberrhein und in der Schweiz ; Verwandtes bei den Ehsten auf der Insel Osel im Busen von Riga, sogar der Apfelschuß, Felsensprung und Tyrannenmord bei den uns nicht stammverwandten Finnen und Lappen (Eduard Pabst, Hamb. litt. krit. Blätter 1856, Nr. 82). Die älteste litterarische Aufzeichnung der Sage vom Apfelschuß ist die persische; sie fällt schon um 1175 unserer Zeitrechnung (s. Germania 9, 224); dann folgt in Europa die dänische des Saxo, der um 1204 starb. Die beiden norwegischen Sagen wie die isländische vom Eigil sind gegen und um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, die schweizerische vom Teil um mehr als zweihundert Jahre später, im Jahre 1471, aufgezeichnet worden. Die übrigen Sagen sind noch jüngeren Datums. Der Schuß des Toko beim Saxo soll um 986, der der beiden Norweger beziehungsweise 50 Jahre vor und nach 1000, der des Eigil sogar um's Jahr 500 in Jätland, der des Teil um 1308 gefallen sein. Man sieht, welche gewaltigen Zeiträume überall zwischen dem angeblich wirklichen Vorgefallensein des Schußes und der schriftlichen Aufzeichnung liefen. Die Wurzel sämmtlicher nordischen Tellsagen lässt sich aber bis in das graueste germanische Alterthum hinein verfolgen. Der Ursitz derselben ist Westphalen. Es ist bekannt, daß sich der Bericht über den Schützen Eigil (oder in nordischer Schreibweise Egil) und seiner Kunstfertigkeit im Bogenschießen in der Saga von Welent dem Schmied vorfindet. Diese Saga gehört zu dem großen Sagenkreise der Thidreksaga oder wie sie die Schweden seit dem. 17. Jahrhundert nennen, der Wilkina- saga (Raßmann, a. a. O. 2, XXVIII). Diese wird gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts (das. 2, XXIII) in Island von einem unbekann- ten Isländer in altnordischer Sprache abgefasst, geht von Island nach Norwegen, 1449 nach Schweden und wird seit 1476 von schwedischen Chronisten benutzt. Der Ursitz dieser Saga, zu der die Sage von Welent und Egil gehört, ist Deutschland, insonderheit Sachsenland. Die Heimat Welents war das Land südlich der oberen Eder bei Siegen in Westphalen. Schon im sechsten Jahrhundert muß diese Sage von hier aus über die jütische Halbinsel nach dem Norden ausgewandert sein. Daselbst localisiert sie sich und dehnt sich aus auf Jütland, Seeland und Fühnen, die dänischen Inseln, den Norden und die Ost- seeländer. Im Prolog zur Thidreksaga erzählt der unbekannte Ver- fasser, daß seine Sage, und somit auch die Sage von Welent und Egil,

HEINO PFANNEN8CHMID

aus dem Munde deutscher Männer stamme (Ausführliches bei Kaßmann 2, 213. 214. 264 fi'.). Die Kunde, welche also seit den Zeiten ihrer Auswanderung aus Deutschland die Isländer von dieser Sage noch hatten, wie das aus der ältesten Nachricht über Wieland und Eigil, in dem eddischen Völundsliede hervorgeht (s. unten S. 8) , wurde aus Deutschland her wieder aufgefrischt. Zugleich sehen wir hier- aus, daß dieselbe Sage, die schon so früh nach dem Norden aus- gewandert, noch im 13. Jh. in Deutschland lebendig geblieben war. Diese Auffrischung aus der Urheimat haben die beiden norwegischen Aufzeichnungen über Eindride und Hemming in der großen Olav Tryggvasonsaga und die dänische des Toko beim Saxo nicht erlitten. Sie haben sich eigenartiger erhalten, jene freilich nicht ohne Spuren christlicher Einwirkung, diese in vollständigster Gestalt, die der Schweizersage am nächsten kommt. Die Sage von dem Schützen Eigil muß allen Stämmen der Germanen bekannt gewesen sein, wie dies das so überaus häufige Vorkommen des Namens Eigil beweist*). Die mit dieser nachweislich identische ursprüngliche Form dieses Namens ist Agila, Agilo. Seit dem vierten Jahrhundert finden wir sie bei den Gothen, Langobarden, Quaden, Alamannen; dann die daraus durch Umlaut entwickelten Formen Aigil , Eigil, Aegil, Egil bei fast allen anderen germanischen Stämmen. Sämmtliche Formen gehen zurück auf die Wurzel A G (Förstemann , altd. Namenbuch 1 , 9 u. 22 ff.), welche etwas Scharfes, Schneidiges, Spitzes bedeutet.

Diese auf Förstemann's Auctorität sich stützende Annahme bedarf einer weiteren Ausführung. Einmal kommt es auf die Identität jener Formen an, sodann auf die Erklärung des Umlautes, endlich auf die Deutung der Wurzel.

Die Identität jener Formen ergibt sich erstens aus Paul. Diac. lib. IV. init. , wo es heißt: Aigilolfus qui et Ago dicitur (Förstemann a. a. O. 1, 31). Hier liegt es klar vor, daß der Stamm Agil von der Wurzel A G herzuleiten ist. Ferner findet sich bei Greg. Tour, (f 594), dem ältesten Geschichtsschreiber der Franken, die Form des Genitivs Agilanis neben Aegilanis in verschiedenen Handschriften (Förstemann 1, 23. Mone, Heldensage 138): also Agil = Aegil. Endlich beweisen dies unter anderen folgende bei Förstemann (a. a. O.) angeführte iden- tische Formen: Agilpert, Aegilperht, Aegilbert, Aigelüert, Aigilbert, Eigil-

*) Über die weite Verbreitung des Namens Eigil in Orts- und Eigennamen bei allen germanischen Stämmen, über alle sonstigen Beziige des Eigil zu der deutschen Sage, insbesondere über die sogen. Eigilsteine, soll ein anderes Mal gehandelt werden.

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 7

berht, Eigilbert, Egilpert; Agilbure, Egilburc; Agilfrid, Eigilfrid, Egil- frid; Agilmar, Eigilmar, Egilmar ; Agilmund, Egilmund; Agilward, Eigil- xoard, Egilward ; Agilolf, Eigdolf, Egilolf u. a. m.

Aus diesen Formen ersieht man, daß AG die Wurzel, und ferner daß Agil eine Weiterbildung dieser Wurzel ist (Förstemann a. a. O. 1, 22). Aus dem Stamme Agil haben sich nun die Formen Aigil, Eigil, Aegil, Egil durch Umlaut entwickelt. Der Umlaut von kurz a ist kurz e (J. Grimm, d. Gram. 3. Aufl. 1, 72); er wird durch ein in der Flexion oder Ableitung folgendes i verursacht, das auf die Reinheit des in der Wurzelsilbe vorangehenden a wirkt und sie trübt (das. S. 74). Der Um- 1 aut e entsteht aber aus ä durch folgende Zwischenstufen. Hierüber sagt J. Grimm (Gram. 1, 555; vgl. auch dens. in Aufrecht u. Kuhn, Ztschr. ], 438): Der Umlaut e müsse auf a -f- i zurückgeführt werden, d. h. auf di, das zwar diphthongisch, nur qualitativ kurz zu nehmen sein werde. Aus Agil erhalten wir also zunächst durch Umlaut die Form Aigil, wobei, ai (ei) kurz ist wie der Wurzelvocal a (vgl. auch Mone, a. a. O. 149). Aber das dem a der Wurzel nun unmittelbar folgende i bewirkt auch ferner, daß das a zu e wird: so entsteht aus ai das ei in Eigil (J. Grimm, Gram. 1, 106). Somit entwickelt sich aus dem ahd. ai (= goth. di, Grimm das. 103, 104) das ahd. ei. Förstemann (in Aufrecht u. Kuhn, Zeitschr. 2, 340) hat in Bezug auf unseren spe- cialen Fall dargethan, daß ai, ei in Aigil, Eigil, ahd. Umlaut aus a in Agil vor dem mit i auch sonst so befreundeten g sei. Derselbe weist ferner nach (das. 2, 348), daß ae ebenfalls als Umlaut von a auftritt (z. B. Agilperht, Aegilperht) ; dieses ae stehe dem unorganischen späteren ei gleich. Wir erkennen demnach in allen jenen Formen neben der historischen Entwickelung des Umlautes von ä durch äi, ei, äe zu e zugleich die Identität derselben.

Mit diesem Beweise über die Entstehung der ahd. Formen Aigil, Eigil, Aegel, Aegil, Egil (angels. Aegel, altn. Egil oder Egill) aus dem Stamme Agil, der auf die Wurzel AG zurückweist, verbindet sich nun die Frage nach der Bedeutung derselben. Man hat zur Erklärung von AG das ahd. ekka, ecke in dem Sinne von Schwertesschärfe, heran- gezogen (Förstemann, Namenb. 1, 9), dagegen eine Beziehung zu ahd. egel (hirudo) abgewiesen (Mone, a. a. O. 147. Förstemann das. 1, 22 Pott, Personennamen, 1. Aufl. 204). Auch das nordische egg, Eisenspitze, Bergspitze, ist hier anzuführen (Chr. Andr. Holmboe, det norske Sprogs Wien 1852, S. 121). Grimm (Wörterb. 3, 33; vgl. Myth. 353) stellt den alten Mannesnamen Egill, dat. Agit, vergleichend zu Egel, f., aristo, palea, festuca (das e in Egel = ä aus a entstanden), ags. egle, arisia

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HEINO PFANNENSCHMID

ahd. agaleia, rhamnus, Aglei. Einen Zusammenhang zwischen Egel, m., ericiw, erinaceus für Igel, ahd. igil, ags. igil, altn. igull*), und Egel festuca weist auch Grimm ab (Wörterb. 3, 33"). Mone (a. a. O. 150) denkt an Age, Aegel, Aegnen, Ährenspitzen und leitet diese Wörter von dem alten Diebsgotte Age* ab, in welchem Worte der Begriff des Spitzigen und Schneidigen liege. Konrad Schwenck (Deutsch. Wörterb. s. v. Ähre) stellt zu der Wurzel Ar, Ag das griechische axtg und das lateinische ac-ies, angs. egh. altn. und dän. ax. Nach Zyro (Aufrecht u. Kuhn, Zeitsch. 2, 447) ist im Berner Oberlande agla, agne = Granne der Ähre, die kleinen Dingelreste im Gespinnst, gleich Nadeln (vgl. über agna Aufrecht in Aufrecht u. Kuhn, Zeitschr. 1, 353); schwäbisch: <iege, achel, der spitzige Abfall vom Flachs, vgl. lat. aculeus. Die Wurzel ist nach ihm ag, griechisch an (axpog) = das Aufwärtsstrebende, Zugespitzte. Zu dieser Wurzel ac, die, wie H. Schweizer (Aufrecht u. Kuhn, Zeitschr. 1, 152) bemerkt, im Griechischen und Lateinischen frisch und kräftig in axgog, caxvg , acer, acuo, aqua, aquilu , auch in eguus treibe, biete das Sanskrit noch ein lebendiges Verbum ac mit dem unendlich häufigen Wechsel von c in p dar; ap heiße „durchdringen, hingelangen, erreichen". Ähnlich vergleicht Holmboe (a. a. O.) zu dem nordischen egg das sanskr. agra, n. , Spitze und asri, f., Schwertes- schneide, wie das bengalische dg, Spitze.

Hiernach dürfte es wohl feststehen, daß die Wurzel A G den Be- griff des Scharfen, Schneidigen, Spitzigen enthält, womit sich vielleicht der weitere Begriff des Schnelldurchdringenden verbinden mag. Weiter

O DO

unten wird sich zeigen, wie diese etymologische Deutung des Namens Eigil der mythischen Natur desselben entspricht.

Auf diese Ausführungen gestützt dürfen wir mit Sicherheit an- nehmen, daß einmal der älteste Name des Schützen überall bei den germanischen Völkern ursprünglich Agila, Aigil, Eigil u. s. w. geheißen hat, und daß zweitens der Name selbst mythisch ist wie sein Träger. Das letztere erhellt mit vollkommener Evidenz aus dem, was wir vom Schützen Eigil und seinem noch berühmteren Bruder Wieland wissen. Über beide und den dritten Bruder, Slagfidr, besitzen wir zwei ver- schiedene Überlieferungen, die sich gegenseitig ergänzen. Die eine, die älteste, gibt ein altes Volkslied, das eddische Wölundslied (die Völundar- Quida), welches dem sechsten Jahrhundert angehört (in der Edda Sae- mundar T. II, S. 3 24); die andere, die jüngere, erzählt die Sage von

*) l'l>er <1 1 « - Ableitung von ahd, igil (echinus) egala (sanguisuga) und äl (anguilla) f-irli Adolphe Pictel in Aufrecht u. Kuhn, Zeitschr. (j, 185 ff.

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 9

„Welent dem Sehmied" in der Thidrecksaga (s. Raßmann, d. Heldensage 2, 212 bis 272). Alle drei Brüder, Wölundr (Welent, Wieland), Eigil und Slagfidr waren mit drei Walkyren oder Schwanjungfrauen vermählt, und waren Söhne des Riesen Wade, eines Sohnes des Königs Wilkinus und eines Meerweibes. Sämmtlicbe Glieder der Sippe Eigils sind Wesen göttlicher Art, göttliche und heroische Gestalten der germani- schen Mythologie. Sie alle sind auf die vielfachste Weise tief mit der nordischen und deutschen Mythologie und Sage verflochten und lassen sich meistens und vorzugsweise als odhinisch -wodanische Wesen er- weisen. Bevor dies aber geschehe, wird es zweckmäßig sein, diejenigen Eigenschaften des üdhin- Wodan ans Licht zu stellen, welche haupt- sächlich zur Feststellung der Identität des Eigil mit jener Gottheit erforderlich sind. Dabei werden wir uns zunächst an die indische Mythologie und insbesondere an diejenigen göttlichen Figuren der- selben halten müssen, welche dem Odhin-Wodan selbst zur Grundlage gedient haben;

Die Vorstellung von Wodan als göttlichen Bogenschützen ist uralt, aber später verdunkelt worden. Das zeigt sowohl eine Verglei- chung mit dem Indra als auch mit dem Rudra der indischen Mytho- logie, die beide dem germanischen Wodan zu Grunde liegen (Mannhardt, Götterwelt 1, 183). Indra, der Gott des blauen Himmels, führt zur Vernichtung der feindlichen Dämonsgewalt den Donnerkeil. Dieser hatte die Gestalt eines aus den Wolken geschleuderten Keiles, Streit- hammers oder Speeres, und er kehrte stets in die Hand des Gottes zurück. Aber Indra führte auch Bogen und Pfeile. Sein heilbringender Bogen, der zahllose Schüsse thut, ist mit Kunst geformt; sein gol- dener Pfeil ist sicher treffend (Mannhardt, Germ. Mythen 105. 107). Rudra, der Sturmesgott, heißt wie Indra, der Donnerkeilträger, und ist mit dem verderbenbringenden Speer wie Odhin und Pallas ausge- stattet, nämlich mit dem Blitze (Kuhn, Herabkunft des Feuers 202). Oben vom Himmel herab schleuderte er den glänzenden Pfeil zur Erde (H. Leo. in Wolf, Zeitschr. 1, 57). Aus der Sturmeswolke sandte er Pfeile von starkem Bogen, bald den Speer, bald den Donnerkeil her- nieder (Mannhardt, Götterw. 1, 66).

Die Begleiter beider Götter sind sowohl die Maruts als die Ribhus. Ursprünglich sind diese Geisterscharen selig verstorbener Menschen ganz identisch; im vedischen Glauben erscheinen sie schon getrennt, und man dachte sie sich in allem Leben der Natur als Elementar- geister thätig (Kuhn, Zeitschr. f. vgl. Sprachf. 4, 102 ff., bes. S. 115. Mannhardt, Genn. Mvth. 43). Waffengesehmückt fahren die Marutjä

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durch die Luft, ihr lauter Gesang, das Sturmgebraus, macht Himmel und Erde erbeben, Berge erzittern, Bäume stürzen und die Wolken zerstieben (Mannhardt das. 38 ff.). Von ihren ferntreffenden Bogen heißen sie Sudhanvanäs, d. i. Bogenschützen (Kuhn, das. 4, 103). Die Maruts entsprechen in der deutschen Sage den Geistern der Gestor- benen, die im wüthenden Heer oder in der wilden Jagd mit Wodan einherfahren (Kuhn, in Haupt's Zeitschr. f. d. d. Alterth. 5, 488 ff.). Als Personificationen der Sturmwinde heißen sie Söhne (der l'ricni, ihrer Mutter, s. Benfey, Übers, des Rig-Veda in Orient und üeeident 2, 252 Anm. 911; sie ist im Naturmythus = Wolke, der sie als Blitz entflieht, das. 1, 388 Anm. 334, und) des Rudra, und deshalb stehen sich in dieser Hinsicht Rudra und Wodan gleich (Mann- hardt, Germ. Myth. 44). Wie den Rudra, so begleiten sie aber auch den Indra (Mannhardt, das 38 ff.). Der furchtbare und gewal- tige Widersacher des Indra (in älterer Zeit des Trita) ist der verhül- lende Wolkendämon Vritra. Dieser raubt die himmlischen Kühe, d. i. die lichtweißen Regenwolken und die Lichtstrahlen, den reichen Schatz der Regennässe und des Sonnengoldes und birgt dies in seiner finsteren Höhle, der schwarzen Gewitterwolke (Mannhardt, Germ. Myth. 75 ff., 154 ff). Während des Winters hält der Dämon die geraubten Him- melskühe (Wolken und Sonnenstrahlen) und Wasserfrauen oder Jung- frauen in seiner Höhle, seinem Berge oder seiner Burg, worin sie wie verzaubert liegen, zurück. Statt einer Burg werden auch sieben oder mehrere genannt. Die sieben Burgen entsprechen dann den sieben Wintermonaten, während welcher die Wasser, die Wasserfrauen, der Schatz des Goldes, die Lichtstrahlen, eingeschlossen und gefangen gehal- ten werden (Mannhardt, Germ. Myth. 153, 160. Götterwelt 1,55.56). Gegen diesen Wolkendämon kämpft Indra mit Pfeil und Bogen (Kuhn, Haupt's Zeitschr. 5, 488 Anm.*) unter dem Beistande seiner Maruts. Blitze sind die Waffen beider Feinde. Von allen Göttern verlassen steht Indra allein in diesem Kampfe gegen Vritra und seine Dämonen, und nur die Maruts leisten ihm Beistand und helfen und folgen ihm zum Siege (vgl. Schwarz, Naturansch. 1, 222); d. h. durch Blitz und Sturm wird der Gewitter- oder Wolkendämon verjagt, seine Burgen gebro- chen, sein Raub ihm abgenommen, er selbst erlegt : die Gewitterwolke wird vertrieben. Indra's Macht, der blaue Himmel, wiederhergestellt und der Sommer ist da (Kuhn, Zeitsch. 4, 115; vgl. auch dens. in Haupt's Zeitschr. 5, 485).

In ähnlich nahem Verhältniss wie die Maruts stehen auch die Ribhus (d. i. „die Künstler" Benfey, Übers, des Rig-Veda, in Orient

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. ] 1

und Occident 1, 27, Anm. 103) zu Indra, die ebenfalls im griechischen und germanischen Mythus nachgewiesen sind. Die Verrichtungen der Maruts und der Ribhus sind häufig vertauscht, in so naher Verwandt- schaft stehen sie miteinander (Kuhn, in Haupt's Zeitschr. 5, 490; Mannhardt, Germ. Myth. 41, 44). Die Ribhus walten wie jene auch im Winde und ihr Gesang ist das brausende Sturmlied (Mannhardt, Götterwelt 1 , 49). Doch scheint ihr Element mehr das Gebiet der Sonnenstrahlen und des Blitzes zu sein (Mannhardt, G. M. 41). Sie sind, wie Kuhn (Zeitschr. f. vgl. Spracht". 4, 120) bemerkt, bereits von Yäska für die Sonnenstrahlen erklärt, wie auch Säyana (in R. 6, 3, 8) das Wort rbhuh geradezu durch sürya deute (vgl. auch Mannhardt, G. M. 141). Sürya ist aber der Sonnengott Savitar (Benfey, Übers, des Rig-Veda, in Orient und Occident 1, 29, Anm. 114), Tvashtar (d. i. „Bildner, Schöpfer", Benfey a. a. O., Anm. 116). Selbst mit Agni stehen die Ribhus im Zusammenhange (Kuhn, das. 4, 108). Als berühmte Schmiede- künstler, die den Göttern wunderbare Kleinode, so dem Indra den Donnerkeil, verfertigt haben, stehen die Ribhus auch unter der Herr- schaft des Tvashtar. Sachlich und etymologisch entsprechen die Ribhus den germanischen Eiben (Kuhn, Zeitschr. 4, 110; Schweitzer das. I, 562; Mannhardt, G. M. 46). Hier liegt ihre Verwandtschaft mit den Zwergen; denn diese und die Eiben sind ursprünglich dasselbe (Grimm, Myth. 412: Kuhn, das. 4, 110; vgl. Mannhardt, G. M. 472 ff.). Doch gleichen die Eiben mehr den Maruts, die Zwerge mehr den Ribhus (Kuhn, das. 4, 109). Als treffliche Bogenschützen heißen die Ribhus Söhne des Angirasen Sudhanvan, d. i. dessen mit dem trefflichen Bogen (Kuhn, das. 4, 111). Aus der Schaar der Ribhus ragen nun durch ihre Thaten besonders drei hervor (vgl. Benfey in Orient und Occident 1, 106, Anm. 440), die deshalb in die unmittelbare Gemeinschaft der Götter aufgenommen wurden : Väja wurde der Künstler der Götter, Ribhuxäs des Indra, Vibhvan des Varuna" (Kuhn, das. 4, 111). Aus- drücklich werden diese drei Brüder nach demselben Forscher (das. 4, 103) Ribhus, Vibhvä und Väjas genannt oder mit allgemeiner Be- zeichnung der älteste, jüngere und jüngste; der mittlere der Brüder werde nur selten erwähnt. Daß diese drei Brüder in der germanischen Mythologie genau Wieland, Slagfidr und Eigil sind, hat Kuhn zur Evi- denz nachgewiesen (das. 4, 95 ff., bes. S. 110 ff.). Weiter unten wird der Ort sein, hierauf zurückzukommen.

Aus vorstehenden Bemerkungen ergibt sich nebenbei für unseren Zweck soviel, daß wir es hier jedenfalls mit den ältesten Elementen alles mythischen Empfindens und Anschauens zu thun haben. Die

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Bilder sind noch außerordentlich flüssig; deshalb können sie auch im weiteren Process der Verdichtung in der germanischen Mythologie bald dem Thor-Donar, bald dem Odhin-Wodan zugeschrieben werden. Hier kommt es nur darauf an, wie ferner noch erhellen wird, die Beziehung zu Wodan hervorzukehren. In der unserer germanischen zu Grunde liegenden indischen Mythologie befinden wir uns in Betreff obiger my- thischen Anschauungen auf dem Boden des Sturmes , des Gewitters, des Kampfes zwischen zwei feindlichen Naturgewalten, aus welchem die eine, deren Repräsentant der Himmelsgott Indra ist, siegreich her- vorgeht. Seine Waffen sind Blitz und Sonnenstrahlen, seine Gehülfen Sturm-, Blitz- und Sonnen wesen. Daß hiernach neben dem Gewitter, Blitz und Sturm, auch die Gestirne des Himmels, namentlich die Sonne, der mythenbildenden Phantasie den ersten physikalischen Stoff boten, dürfte kaum abzuweisen sein. Aber diese Naturvorgänge konnte man nur nach menschlicher Art und Weise denken: man übertrug die nächstliegenden menschlichen Verhältnisse mit den Na- turvorgängen vergleichend auf diese. Aus der Verschmel- zung dieser beiden Elemente entstehen durchweg die verschiedenen ältesten Mythen. Dabei spielen hervorragende Menschen und ihre Thaten eine wichtige Rolle , wie wir das an den mit den Maruts ursprünglich identischen Ribhus sehen , die aus sterb- lichen Menschen zu göttlichen Wesen erhoben und von denen besonders drei unter die Zahl der Götter aufgenommen wurden. Unter diesen Dreien erkennen wir den Einen als den göttlichen Bogenschützen: dieser war also ursprünglich ein Mensch. Wir brauchen gar nicht ausdrücklich zu lesen, welches seine Thaten gewesen; sie spiegeln sich ab in den großen Naturkämpfen. Der von allen Göttern verlassene, fast schon besiegte Indra erlegt mit sicher treffendem Geschoß im Sturm- gebraus den Wolken- oder Gewitterdämon: der menschliche Schütz erlegt, fast schon überwunden, durch sichern Schuß seinen Gegner. Das ist der menschlich-sagengeschichtliche Gehalt der Mythe. Mensch- licher Zweikampf wird das Bild für den Naturvorgang; aus diesen bei- den Elementen setzt sich der Urmythus zusammen. Auf dieser Stufe liegt demnach auch , um dies hier gleich anzudeuten , die Urform der Tellsage: der Meisterschuß und die Tödtung des Tyrannen. Die Be- rechtigung aber statt von jenem Ribhu-Schützen von Indra zu sprechen, liegt darin, daß, obwohl sich die Anschauung von jenem Naturkampfe aus ursprünglich verschiedenen Elementen zusammensetzt, der Natur- vorgang selbst als ein Ganzes gefasst werden muß. Was die Maruts und die Ribhus, die heulenden Sturmwinde und die sichertreffenden

DEB MYTHISCHE GEHALT DEE TELLSAGE. 13

Bogenschützen im Kleinen thun, das verrichten ihre Väter, der Rudra und Indra, im Großen (vgl. Schwarz, Näturansehauungen 1, 224). Im Verfolg des auf anthropologischer Grundlage sich weiter entwickelnden mythischen Processes sind Rudra und Indra der Inbegriff aller jener, diese hinterher so zu sagen Personificationen jener beiden Götter gewor- den. Auch sind beide in Betrefi des Pfeiles und des Bogens, welches sie führen, identisch: ihr gemeinsamer Feind ist der Wolken- oder Ge- witterdämon, den der zu höherer Bedeutung gelangte Indra erlegt.

Was sind aber des Rudra und des Indra Pfeile? Es sind so- wohl Blitze als Sonnenstrahlen. Sind die Pfeile in Rudra's Hand nur die Blitze, so sind sie als Indra's Geschoß beides, entweder Blitze oder Sonnenstrahlen. Jenes ist unzweifelhaft; dieses bedarf noch einer kurzen Bemerkung. Indra ist Gott des blauen Himmelsgewölbes, also zunächst nicht Sonnengott. Doch berührt er* sich mit diesem auf's engste. Es wurde schon angedeutet, daß die Ribhus, deren Herr- scher Indra ist, auch als Sonnenstrahlen gelten. Heißt es doch vom Indra, daß er seine Feinde, des Vritra Vasallen, durch das Sonnen- licht überwunden habe (Rigv. Rosen XXXIII, 8 bei Mannhardt, G. M. 141, Anm 1). Deshalb wird auch Indra bisweilen mit der Sonne selbst identificiert, wras auch seine häufige Verbindung mit dem Sonnengotte Vlshnu ausdrückt (die Beweisstellen des Sämaveda bei Mannhardt das. S. 141, Anm. 2 u. ff.). Auch ist der Wagen oder das Falbengespann, auf welchem Indruh sthätd (für Dyaush pitä sthätä = Juppiter stutor') steht, die Sonne selbst (Benfey, Orient und Occident 1, 200 u. S. 414, Anm. 513). Die Sonnenstrahlen hängen, wie oben ebenfalls gesagt wurde, mit dem Sonnengotte Süry<i oder Savitar zusammen. Und ist es nicht Indra, welcher der feindlichen Dämonenwelt das ihm geraubte Sonnengold wieder abzwingt? Im Gewitter geschieht dies durch Donner und Blitz', bei finsterem Regen durch die Sonnenstrahlen. Indra muß also nach dieser Seite hin mit dem Savitar identisch, er muß als Him- melsgott auch Sonnengott sein. Es sind aus ganz verschiedenen und sich von einander ursprünglich völlig selbstständig entwickelt haben- den Vorstellungskreisen, dem des Rudra und dem des Savitar, die sich auf den Kampf mit dem Gewitter- und Wolkendämon bezüglichen Seiten in die Gestalt des mächtigen Indra zusammengeflossen. Als solcher ist er denn auch der Urschütz, der Blitz und Sonnenstrahlen von seinem Bogen, der zuweilen auch als Regenbogen erscheint, ab- sendet. Daß man aber „die Strahlen der Sonne, des Mondes, der Ge- stirne als Geschütz und Waffen, insbesondere als Pfeile dachte, ist ein altes und in der Mythologie weitverbreitetes Biid" (Prellcr, gr.

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Myth. 1, 222; Welcker, gr. Götterlehre 1, 537; Schwarz, Natur- anschauungen 1, 93. 94. Über das Geschrniedetwerden des Blitzes s. das. 104). Auch des Apollon Pfeile sind ebensowohl Sonnenstrahlen als Blitze (s. Preller u. Welcker a. a. O. , Pott in Kuhn's Zeitschrift 7, 95, Schwarz, Ursp. der Myth. 101 ff.). Wie nun die Sonne sich in den Mythus von Indra einflicht, ja mit ihm identificiert werden konnte, so gelten auch Blitze wie Sonnenstrahlen als seine Waffen unter dem bereits bezeichneten Bilde des Pfeiles.

Nach diesen Ausführungen wird es gewiss nicht mehr befremden, wenn wir schließen dürfen, daß auch der mit dem Indra in mehr als einer Hinsicht (vgl. Kuhn in Haupt's Zeitschrift 5, 487 ff.) identische Odhin - Wodan Pfeil und Bogen geführt habe. Diese Meinung wird denn auch wirklich bestätigt. Kuhn hat in Haupt's Zeitschr. 5, 474 ff. u. S. 488) bereits den Nachweis geliefert, daß Odhin einst durch Pfeil und Bogen berühmt war (vgl. Menzel, Odin 161). Simrock (Myth. 1. Aufl. 567), Felix Liebrecht (Gervasius v. Tilbury 176, Anm. 7) und Mannhardt (Götterwelt 1, 183) stimmen zu. Nur Wolf (Beiträge z. d. Myth. 1, 12, Anm. 2) kann ich nicht beipflichten , wenn er unter Bezugnahme auf Kuhn's so eben citierten Aufsatz meint, daß Wodan's Speer in Eng- land erst zum Pfeile geworden zu sein scheine. Beide Vorstellungen, meine ich, sind gewiss gleich alt. Als Robin Hood kämpft Wodan mit Bogen und Pfeil gegen die Macht des bösen Winters (Mannhardt, Götterw. 1, 144. 156). Wodan's Pfeil ist aber dasselbe wie sein Speer, und dieser ist ein Symbol des Blitzes (vgl. Wilh. Müller, Gesch. und System d. altd. Rel. 193, Anm. 3. Schwarz, Ursprung der Myth. 68 u. a. a. Stellen). Der Pfeil bedeutet aber hinwieder soviel wie Sonnen- strahl; denn der einäugige Odhin -Wodan ist auch die Sonne (vergl. Mannhardt, Götterw. 1, 133 u. 156; Schwarz, Volksglaube S. 103), er ist Himmelsgott wie der griechische Apollon, und auch in der ger- manischen Mythologie werden überhaupt die Sonnenstrahlen häufig als Pfeile gedacht (Mannhardt, Götterw. 1, 258. 263). Wann aber des Wodan Pfeile als Blitze oder Sonnenstrahlen zu fassen sind, lässt ganz einfach die Scenerie des jedesmaligen Mythus erkennen. Bei Gewitter- mythen wird man vorzugsweise an Blitze, bei Mythen, die es nur mit der Regenwolke zu thun haben, an Sonnenstrahlen denken müssen. Wodan ist nicht nur Gewittergott, wie Simrock (Myth. 241, 286) und Schwarz (der heutige Volksglaube S. 31) nachgewiesen; er ist auch der Sonnengott (Simrock, Myth. 255). Sein Widersacher und finsterer Feind ist der Gewitter- oder Wolkendämon oder auch der Winterriese. Diesen erlegt er durch seine Pfeile, sei es im Gewitter, im Sturm und

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 15

Regen oder in den Frühlingswettern. Als Pfeilkönig sind dem Odhin- Wodan von den germanischen Göttern Hoenir (Schwenk, Myth. der. Germanen 117 ff., vgl. Weinhold in Haupt, Zeitschr. 7, 24; W. Müller in Schambach u. Müller, Nieders. Sagen 416, Anm. 2; Mannhardt, Götterw. 1, 257) und Ullr identisch (Simrock, Myth. 336 ff.; Weinhold a. a. O. S. 26; Mannhardt das. 1, 258). Wie Indra in den Maruts und Ribhus Gehülfen in diesem Kampfe hat, so gewiss werden auch in demselben Kampfe Eiben und Zwerge dem Odhin- Wodan Beistand geleistet haben, obwohl diese Beziehung später sehr verblasst ist (vgl. Grimm, Myth. 432). Aber sie erhält neues Licht, wenn wir erwägen, daß jener Ribhu-Schütz mit dem germanischen Eigil wesensgleich ist: beide sind Schmiedekünstler, der indische Väja- Teil als Ribhu, der germanische Eigil-Tell als Bruder des Alfenfürsten Welent. Und wie jener Ribhu-Schütz mit Indra, so ist dieser germanische Schütz Eigil mit Odhin-Wodan identisch. Es wird nöthig sein, dies näher darzuthun. Die Urahnmutter Eigils des Schützen ist Frau Wächilt (Käm- pferin der Wogen), ein Meerweib, eine Wasserfrau (W. Grimm, d. Heldens. 209; Raßmann a. a. O. 2, 157), im Naturmythus nichts anderes als die Wolke (Mannhardt, G. M 726; Schwarz, Natur- anschauungen 1, 117). Ihr Gemahl, der mythische König Wilkinus, ist eine Hypostase des Gottes Wodan. Denn Wodan ist es, der auf der Insel Moen als Grönjette sieben Jahre, d. i. die sieben Winter- monate lang die Meerfrau jagt, und auf Fühnen als Palnajäger mit Köcher und Bogen bewaffnet , ein Weib hetzt und erlegt (Grimm, Myth. 896; Mannhardt, Götterw. 1, 154; Schwarz, Volksglaube 24). Der mit dem Eigil ohne Frage identische dänische Meisterschütz heißt Toko, der Sohn des Paine, woraus Palnatoke geworden ist. Dieser Palnajäger der späteren Sage ist aber wie der bärtige Riese Grönjette anerkanntermaßen Gott Wodan. Das Weib oder die Meerfrau, welche er jagt, ist seine Gattin, die Göttin Freyja-Frigg, d. i. ursprünglich die Wolkenfrau, die Wolke, welche (vom W'interdämon) sieben Winter- monate eingefroren war, durch Wodan den Sturmgott aber im Früh- ling erreicht und zerrissen, und der Erde ihren Segen zu spenden ge- zwungen whd (Mannhardt, G. M. 291; Schwarz, Urspr. der Myth. 5; der Volksglaube 22 ff. u. 25). Auch des Schützen Eigil Weib ist eine Walkyre oder Schwanjungfrau , im Naturmythus soviel wie Wolke (Mannhardt a. a. O. 564). Es sind demnach Eigil und sein Weib iden- tische Figuren mit ihren Ureltern, alle diese aber Hypostasen des Wodan und der Frigg. Da nun der Sturmgott Wodan durch die Ge- stalt des Palnajägers, der als Meisterschütz mit dem Meisterschütz

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Eigil wesensgleich ist, Daher als göttlieber Bogenschütz charakterisiert wird , so gelangen wir dadurch einlach und folgerichtig zu dem Ge- danken: des Sturm- und Sonnengottes Wodan Strahlen oder Pfeile treffen die Wolke, die nun im Regen das Erdreich befruchtet. Hier liegt demnach auch der ursprünglich physikalische Gehalt des Eigil- mythus klar vor Augen. Eigil , der heroisierte göttliche Bogenschütz, ist Gott Wodan selbst. In ähnlicher Weise dürfte die Figur des Schützen Eigil beleuchtet werden durch den mythischen König Eigil von Trier, dessen Sohn Orendel identisch ist mit dem nordischen Or- vandill (d. i. Strahl), der mit der Groa (d. i. Saaten- oder Pflanzengrün) den Frühlingschmuck der Pflanzenwelt erzeugt (Mannhardt, Götterw. 1,261; vgl. dagegen Simrock, Orendel, Einl. XI ff. , Ettmüller, Oren- del 147 ff.). Was nun vom Sohne gilt, darf auch mythologisch vom Vater ausgesagt werden.

Ein helleres Licht auf die Wesensgleichheit des Eigil mit Wodan wirft die Identität seines Bruders Wieland mit Wodan. Eigils weit- berühmter Bruder, Wieland der Schmied (die Welentsage s. b. Raß- mann, Heldensage 2, 212 ff.)r ist schon längst als eine göttliche Heroen- gestalt in der germanischen Mythologie anerkannt*); ebenso der Riese Wade, der Vater beider. Der letztere trägt freilich neben seinen un- verkennbar wodanischen Zügen (W. Müller, in Schambach u. Müller, Nieders. Sagen 412, Anm. 4) auch unleugbar thunarisches Gepräge (s. Mannhardt in seiner ausgezeichneten Abhandlung über Wato in Wolf, Zeitschrift f. d. Myth. 2, 296 ff., 3, 1 17 u. 394, Germ. Myth. 147), jener dagegen entschieden odhinisch-wodanische Natur an sich. Denn Wielaud war ebenfalls wie seine zwei andern Brüder mit einer Walkyre vermählt; später nahm er eine andere Gattin: er erscheint als Odhin in seiner Verbannung, als winterlicher und sommerlicher Gott (die weitere Ausführung s. b. W. Müller a. a. O. 389 ff.). Er bringt, da er bei den Zwergen (im Naturmythus = Gewitterwesen, WTolkendämonen) die Schmiedearbeit gelernt hat, auch die künstlichsten Gebilde (= Pflan- zenreichthum) hervor (Unland, Mythus vom Thor S. 18. 77; Mannhardt, G, M. 472. 473). „Er ist der göttliche Knecht, der unter der Erde die Hufeisen des weißen Lichtrosses, die Sonnenpfeile, das Sonnenschwertj den Hammer des Blitzes, die Rüstung des künftigen Frühlings schmie- det, oder auch zierliche Kleinode arbeitet, den Schmuck der Saaten,

*) Über seine Verwandtschaft mit Prometheus, Hephästos, Erichthonius und Dä- dalus, s. Grimm, Myth. 351. W. Müller, Gesch. der altd. Rel. 314. Welcker, gr. Götter- lehre 1, 6Gö. Raßmann a. a. O. 2, 272. Kuhn, Zeitschr. f. Tgl. Sprachf. 4, 95 ff. Vgl. Jul. Braun, Naturgesch. der Sage. 1, 360, 370.

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des Laubes und der Blumen, endlich den Zauberring der ewig sich wiedergebärenden Zeit selbst" (Menzel, Odin S. 87. 88). Die Zwerge oder Alfen, deren Fürst Wieland heißt (Völundar-Quida in der Edda Saem. Th. II Strophe X u. XXX), stehen aber im Dienst des Odhin- Wodan, der ihr Vater ist (Menzel, Odin 150), wie die Ribhus im Dienste ihres Vaters und Herrn des Indra, und Wielands Lehrer in der Schmiedekunst ist der alte Naturgott Mimir, der sich wiederum mit Odhin in engster Beziehung befindet (W. Müller, ßel. 183). Seine Identität mit Wieland findet auch Kuhn wahrscheinlich (Zeitschrift f. vgl. Sprachf. 4, 117), und Schwarz (Naturansch. 1, 127) setzt Mimir mit dem wilden Jäger, also mit Wodan gleich. Der Hengst Skemming (d. i. der Schimmel), den Wieland reitet (Raßmann a. a. O. 2, 237), und den wir später in seines Sohnes W ittichs Besitz sehen (Raßmann, das. 2, 378. 379), macht mit diesem den gewaltigen Felsensprung über einen Fluß, so daß die Eindrücke der Hufeisen zu sehen waren (Raß- mann, das. 2, 388). Dadurch verräth sich der Schimmelreiter als Odhin- Wodan, und der Schimmel als dessen Ross Sleipnir, der durch die Luft wie über die Wellen sprengte (Wolf, Beiträge z. d. Myth, 2, 24. Über den Sleipnir als Donnerross s. Schwarz, Ursp. der Myth. 216 fi. , als Sonnenross in deutscher Myth. s. dens. in Naturansch. I, 125 ff., über das weiße Ross des Indra s. Kuhn in Haupt, Zeitschr. 5, 489). Demnach ist auch Wieland als derselbe Schimmelreiter = Odhin-Wodan erwiesen. Um es kurz zu sagen, wir haben in Wieland eine etwas andere Auffassung des Wodan als im Eigil: beide ergänzen sich zu einer volleren Wodansmythe. Eine dritte Beziehung zu Wodan, wie sie in dem dritten Bruder Slagfidr, d. i. der Beflügelte, hat vor- liegen müssen, entzieht sich der Betrachtung, weil wir über ihn so gut wie gar nichts wissen (doch s. Simrock, Orendel , Einl. XVII). Er theilt darin das Loos seines indischen Vorbildes.

Diese drei Brüder erscheinen nun wie in der indischen Mytho- logie so auch in der germanischen als drei göttliche Gestalten , mit Indra- Wodan identisch, von denen sie verschiedene Seiten darstellen. In der deutschen Sage kommen sie einige Male als drei Zwerge vor (vgl. Mone, Heldens. 143), ihre Gattinnen, die drei Walkyren, nach dem Wölundsliede Hladgut Svanhvit, Hervor Alvit (gewöhnlich als „allwissend" gedeutet) und Ölrun (Mone a. a. O. S. 103 verbessert scharfsinnig: Hl. Svanhvit, Schwanenweiß; II. Snähvit, Schneeweiß; () Alvit, Allweiß) erscheinen ebenso als Schwanjungfrauen (s. Hocker in Wolf, Zeitschr. 1, 307; Raßmann a. a. O. 255, Anm. 6 u. S. 265 bis 267 ; Mone a. a. O). Besonders auffallend hat sich die Dreizahl

CEUMANIA X. 2

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außer in der eben angegebenen indischen nnd isländischen «auch in der englischen, öselschen nnd schweizerischen Tellsage erhalten In crsterer haben wir Adam Bell, Clym ot' the Clough nnd William of Clondesly, in zweiter die drei Riesenbrüder Toll, Tolle oder Teil (Rußwurm, Sagen ans Hapsal etc.. S. 11), in der letzten die drei Teile (Kopp, Geschichts- blätter 2, 356; Jos. Schneller, Geschichtsfreund, Einsiedlen 1861, XVII, 147. 148; Henne, die Klingenberger Chronik S. 44; Rochholz, die Tellenschanspiele: in d. Grenzboten 1864, Nr. 31, S. 194). Daß wir aber in diesen Sagenfiguren eine freilich immer auf anthropologischer Grundlage ruhende Heroen- ja Götter -Dreiheit anzuerkennen haben, möchte sehr wahrscheinlich sein (Wolf, Beiträge z. d. Myth. 2, 70). Auch glaube ich gestützt auf die merkwürdige Verwandtschaft meh- rerer Züge der Tellsage mit den ähnlichen der uns nicht stammver- wandten Finnen und Lappen*) es aussprechen zu dürfen, daß das Alter der Teilsage noch weit über das arische Alterthum hinauszu- reichen und einer Zeit anzugehören scheint, wo jene und die Arier noch geographisch näher zusammenwohnten (vgl. Ed. Pabst , in den Hamb. Litt. - krit. Blättern 1856, Nr. 62). Auf einen solchen ursach- lichen Zusammenhang der Schützensagen aller Völker hat neuerdings von einem dem unsrigen ganz verschiedenen Standpunkte aus auch Julius Braun mit vielem Scharfsinn aufmerksam gemacht (Naturgesch. der Sage 1 , 26 ff.). Vom Teil ist in diesem Bande schon öfter die Rede (so S. 26, 354, 426); der zweite Band wird unter dem Artikel „Teil" ein Mehreres bringen. In der germanischen Heldensage hat nun unter den drei Brüdern Wieland den weitaus vornehmsten Platz erhalten ; wie es denn in der germanischen Mythologie häufig vorkommt, daß Einem der drei „die größere Kraft des Gelingens" zugeschrieben wird. Ja, man wird nicht sehr fehlgehen, wenn man behauptet, daß die Figur des Wieland im Laufe der Zeit gar manche Züge, die dem Eigil und Slagfidr zugehören, in sich aufgenommen hat. Wird doch Wieland in einer jüngeren schwedischen, dem Anfang des 18. Jahrh. angehörigren Erzähluno; selbst mit dem Eisfil in Betreff seines Bogens und seiner nimmer fehlschießenden Pfeile geradezu identificiert (nach Hylten-Cavallius bei Raßmann a. a. O. 2, 262 u. 263)! Um so mehr wirft das, was wir von Wieland wissen, auf die Natur seines mit ihm identischen Bruders Eigil ein desto helleres Schlaglicht, und stellt des

*) Ich denke dabei auch unter Anderem an den merkwürdigen finnischen Mythus vom Weltei, der sich bei den Indiern, Persern, Ägyptiern, Chinesen, Phöniziern, Grie- chen u. a. Völkern vorfindet. Castren, Finnische Myth. 289 ff. Jul. Braun, Naturgesch. der Sage 1, 32.

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 19

letzteren Göttlichkeit und die Art seines odhinisch-wodanischen Wesens außer Zweifel. Insbesondere ist der Meisterschütz Eigil mit dem Pfeil- könig Oclhin - Wodan wesensgleich. Eigil ist seinem ursprünglichen Wesen nach der Sonnenstrahl unter dem Bilde des Pfeiles. Darauf führt auch die etymologische Bedeutung des Wortes Eigil , dessen Wurzel AG das Scharfe, Spitzige bedeutet, Die Spitze ist am Pfeil das Wichtigste; sie bedingt die Schnelligkeit des Fluges. Eigil muß demnach im eminenten Sinne für Spitze, d. i. Pfeilspitze, im Gebrauch gewesen sein.

Der Eigil ist also nach obigen Ausführungen identisch mit der Sturm- und Regengottheit, dem Wodan, wie mit der Sonnengottheit, die ebenfalls Odhin - Wodan ist. Es fehlt noch ein drittes Moment, seine Beziehung auf den Gewittergott Wodan. Dürfte man sie, was den Eigil betrifft, auch aus seiner Verwandtschaft mit dem Wato und dem Wieland folgern, so ergibt sie sich doch unmittelbarer aus zwei anderen mythologischen Figuren, die mit dem Eigil identisch sind, aus dem dänischen Toko und dem Urner Teil. Beide erlegen den Tyran- nen, der den Schützen knechten und vergewaltigen will, durch das sicher treffende tödtliche Geschoß. Dieser Umstand ist in der Eigil- sage und den übrigen Tellsagen nur angedeutet; der bestimmt indicierte Vorsatz (durch das Nehmen noch anderer Pfeile), den Tyrannen zu tödten, kommt nicht zur Ausführung: die Sage hat die That selbst fallen gelassen. Der Gewittergott Wodan bekämpft nun wie sein Ur- typus Indra den Gewitterdämon, den Gewitterriesen, den feindlichen Tyrannen; er erlegt ihn durch seinen nur diesem Zwecke dienenden Blitz. Dasselbe thun auch Toko und Teil durch ihre Pfeile, mittelbar auch der nordische Heming. Dürfte man in der Schweizertradition Gewicht legen auf die erst durch Tschudi fixierte Zeitbestimmung, so führte die Weihnachtszeit auf Wodans Kampf mit dem Winterriesen, den er ja auch sonst erwiesenermaßen siegreich besteht.

Somit erweitert sich der mythische Gehalt der Sage vom Eigil durch die Toko- und Tellsage zur Schützensage, zum Mythus von dem Schützen überhaupt. Der Ursch ütz ist Indra- Wodan, sein Feind der Gewitter- oder Winterriese, sein Geschoß in dieser Beziehung der Blitz. Der Blitz aber wird unter dem Bilde des Pfeiles vorgestellt. Von verschiedenen Seiten her, von denen des Sturmes, des Regens und des Gewitters in Verbindung mit der bei allen diesen Erscheinungen unzertrennlich zu denkenden Sonne (vgl. Dr. Sonne in Kulm, Zeitschr. 10, 169), erkennen wir also in dem Sonnenstrahl oder dem Blitz, deren Natursymbol der Pfeil ist, das älteste mythische Element aller Teil-

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sagen. Als Waffe in der Hand des Gottes richtet er sich gegen den finsteren Widerpart, den er nach schwerem Kampfe überwindet.

Dali aber die Erschießung des Tyrannen sowohl in der Schweiz als auch in Dänemark auf einen Mythus zurückzuführen ist, beweisen beide Sagen selbst. In der Schweiz ist niemals ein kaiserlicher Land- vogt oder herzoglich österreichischer Vogt erschossen worden. Das ist das zuverlässige Resultat gründlicher Geschichtsforschung (s. Huber, a. a. O. S. 74 u. 114 ff1.). Neuerdings hat Herr von Liebenau (die Tellsage, S. 113 ff", bes. S. 117) die Meinung aufgestellt, der habsbur- gische Untervogt über Schwyz und Uri, Namens Kesseler, sei etwa um 1230 vom Teil durch Pfeilschuß getödtet worden. Doch hat Herr von Liebenau dies nur errathen (vgl. das. S. 118); bewiesen hat er es nicht und wird auch niemals in diese Lage kommen. Außer meh- reren sehr erheblichen, dem Gebiete der Geschichtsforschung zuge- hörigen Gründen steht dem auch dieser entgegen , daß um diese Zeit von einem solchen Vorfall durchaus gar nicht das Allergeringste be- richtet wird. Und das wäre doch ein auf jeden Fall sehr wichtiges und sehr bemerkenswerthes Ereigniss gewesen. Der spätere Bericht über die Erschießung des Vogtes ist also eine Sage. Aber die Sage selbst deutet auf einen Naturmythus zurück. Es bleibt nämlich die Tödtung des Tyrannen nach der Schilderung der Sage stets ein Mord. Wie hat man nun diesen Zug glorificieren und bewundern können, zumal gerade in den frühesten und mittleren Zeiten germanischer Ge- schichte dem keuschen und sittlich-ernsten germanischen Volksgeist nichts verhasster und strafwürdiger war als ein Mord? Denn von Blut- rache, wie Liebenau (a. a. O. S. 144) will, kann man hier nicht reden, weil ja nirgends das Kind tödtlich getroffen wird. Der Mord, den Teil begeht, ist eine Folge seiner Rache (vgl. unter anderen Waitz in den Gott. gel. Anz. 1857, S. 742). Und auch der mögliche Einwand, Toll habe, um das eigene Leben zu erhalten, aus Furcht den Tyrannen getödtet, nimmt dem Morde, der sogar ein recht feiger ist, seinen Stachel nicht. Wäre er überhaupt je wirklich vorgekommen, er würde gewiss ebenso gebrandmarkt sein, wie alle ähnlichen Morde jener Zei- ten ; ja, er würde gewiss seine Sühne gefunden haben. Aber von beiden weiß Niemand etwas zu berichten. Das Erlegtwerden des Tyrannen weist deshalb auf einen Naturmythus zurück. Auf den hier zu Grund liegenden Wodansmythus, wo der Teil der rächende, blitzschleudernde göttliche Bogenschütz ist, der den Landesfeind, den Tyrannen erlegt, reflectiert die allcrroheste Vorstellung von einem Zweikampfe, von einem Morde. Denn in den urältesten Zeiten, „die jeder Sitte fremd,

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nur den Naturtrieb kannten" , galt der Mord , selbst der Vatermord, noch als natürliche That (s. Schwarz, Urspr. der Myth. Einl. XIX. J. G. v. Hahn, Über Bildung und Wesen der mythischen Form, in: Zeitschr. f. Philosophie u. phil. Kritik, Bd. 40, S. 84). Aus dieser vielleicht vorarischen Urzeit stammt auch der vorliegende Mythus. Auf dieser Stufe ist das Erschießen kein Mord; wohl aber unwider- legbar im Sinne des Mittelalters. Was die Schweiz betrifft, so erkennen wir leicht in der späteren Sage von dem Schusse auf den Landesfeind den mythischen wie sagengeschichtlichen Bestandteil heraus. Jener wurde so eben angezeigt; dieser reduciert sich auf irgend eine kühne That gegen irgend einen tyrannischen Großen, vielleicht auch auf einen rechtlichen Zweikampf, in welchem der Übermüthige erlegt wird. Nachdem sich auf dieses einer sehr frühen Zeit angehörige historische Substrat der schon vorhandene und in der Erinnerung des Volkes lebende, mehrfach besprochene Mythus herabgesenkt hatte und die Sagenbildung bereits vor sich gegangen war, kam in die so ent- standene, ursprünglich in Liedern besungene Sage durch den Geist der ältesten Schweizer Chronisten neue sittliche Beziehung: man suchte die schwarze That des Mordes abzuschwächen. Die auf allerdings edler Vaterlandsliebe beruhende, aber das rechte Maß überschreitende Leidenschaft soll recht menschlich entschuldigt werden durch die über- menschliche Forderung des Landvogtes, den Apfelschuß zu vollziehen. Dadurch soll das Verbrecherische der Mordthat beseitigt werden. Wie sehr aber auch die dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts angehörende Fassung der Sage sich bemüht hat, diesen Mord in ethisch günsti- gerem Lichte erscheinen zu lassen: das Gehässige, welches ihm ein- mal anklebt, hat sie, hat selbst im neunzehnten Jahrhundert der ge- priesene Dichter des Teil nicht zu überwinden vermocht, da die ur- sprüngliche Naturmythe in einer Zeit voll glühenden Hasses gegen das Haus Habsburg sich nicht zu reiner sittlicher Ausprägung ausgestal- ten konnte.

Auf's klarste wird die eben ausgesprochene Annahme von dem mythischen Gehalt des Schußes auf den Tyrannen durch die dänische Sage illustriert, welche ebenfalls erzählt, Toko habe später den König Harald Blaatland, der jenen zum Apfelschuß gezwungen hatte, hinter- listiger Weise erlegt (Konrad Maurer, Bekehrung des norwegischen Stammes 1, 246, Anna. 10). Allein dies ist unhistorisch: Harald ver- liert sein Leben im Kampfe gegen seinen Sohn Svein im Jahre 985 oder 986 (s. Dahlmann, dän. Gesch. 1, 83; Genaueres hat Maurer a. a. O. S. 245 fl'). Ja, Maurer sagt (das. S. 244) über den „Palnatoki", er

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scheine eine durchaus ungeschichtliche Person zu sein, welche, bereits der älteren Sage angehörig, mit den Vorgängen der Zeit König Haralds erst später in Verbindung gebracht wurde.

In Betreff des Schusses auf den Landesfeind kommen wir also zu diesem Resultat: Weder ein kaiserlicher Landvogt, noch herzoglich österreichischer Vogt, noch gräflich habsburgischer Untervogt ist jemals in Schwyz vom Teil, noch ist der dänische König Harald von Toko erschossen worden. Die Erzählung von diesen Vorgängen ist eine Sage, die aber ein sagengeschichtliches und ein mythisches Element in sich birgt.

In dieselbe Scenerie des oben entwickelten Mythus von Indra- Wodan ordnet sich nunmehr auch die nicht mehr unverständliche Wasserfahrt Teils ein. Ist Teil identisch mit Odhin- Wodan, so darf man auch die Wasserfahrt Teils auf denselben, der als ein wahrer Sturmesgott durch die Wogen fährt, beziehen. Odhin heißt aber auch ausdrücklich Herr des Meeres (W. Müller, Rel. 185, Anm. 4), und durch seine Identität mit Wieland wird er auch Erfinder der Schiff- fährt (s. die Welentsage bei Raßmann a. a. O. S. 220. Vgl. Simrock, Myth. 274). Wie das Schiff nun unzählige Male das Naturbild für die Wolke ist, so ist auch Odhin der himmlische Wolkenschifier, ebenso wie Indra (Mannhardt, G. M. 147). Doch ist jener hier nicht als Todtenschiffer (vgl. Grimm, Myth. 790 ff.; Schwarz, Ursp. der Myth. 273) zu fassen, wie dies Silberschlag versucht (in Gutzkow, Unterhaltungen 1862, dritte Folge 2. Bd. Nr. 26, S. 503); auch bezieht sich die Seefahrt nicht „auf einen in vielen alten Überlieferungen er- wähnten sacrificalen Gebrauch seebewohnender Völkerschaften , daß nämlich von denselben zu gewissen Zeiten, besonders gelegentlich all- gemeiner Missgeschicke und Landplagen, ein dem Tode geweihter Mann in leichtem Nachen auf die stürmische See hinausgestoßen wurde als Opfer für die zürnende Gottheit, deren Gnade es nun auch kraft seiner eigenen Kunst und Kühnheit überlassen blieb, ob er untergehen oder sich retten werde (Beilage zu Nr. 174 der Allg. Ztg. 1864), eine Erklärung, wobei die Einzelheiten der Wasserfährt gar nicht ge- deutet werden: der innige Zusammenhang, in welchem Teils Schiff- fahrt mit der Erschießung des Tyrannen steht, führt auf Näherliegendcs. In seinem Kampfe mit dem Gewitter- oder Winterdämon scheint Indra- Wodan anfangs zu unterliegen; ebenso der mit jenen identische Teil. Durch das Wolkcnmeer soll er gefesselt in die Wolkenburg des Ty- rannen geführt werden: des Gottes Blitze haben allein keine Wirkung mehr in den Wolkenwassern, welche sie durchfahren. Da erheben sich

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die Sturmesgeisterschaaren , die Maruts und Ribhus, die Geister der wilden Jagd, in dem Sturmes- und Gewitterkampfe zu rettender Hülfe : der Seesturm bricht los. Teil wird entfesselt; als kühner und sicherer Schiffer durchschneidet er, ein furchtbarer Feind, wieder die Wogen, und plötzlich wie durch einen Sprung steht er da mit Bogen und Pfeil auf festem Gestein, ein gefährlicher Schütz, das Fahrzeug zurücksto- ßend und den Todespfeil in die Brust des Tyrannen sendend: die Wolke zerreißt in einem Nu; daraus hervor springt Indra- Wodan, der blaue Himmelsgott auf sicherem Wolkenfels dastehend, spannt seinen (Re- gen-) Bogen und sendet den tödtlichen Blitzstrahl nach der zurück- geschleuderten Wolke, in welcher der Gewitter- oder Winterriese, der Tyrann, verborgen ist und nun erlegt wird*).

Nach dieser Auflassung gehört ersichtlichermaßen eng zusammen die Gefangennehmung des Schützen durch den Tyrannen, dessen Fes- selung und Fortführung auf dem Fahrzeuge über den See, der gewal- tige Sturm, des Teil Befreiung und Sprung auf die Felsplatte, das Fortstoßen des Nachens und die Erschießung des Todfeindes mittelst eines Pfeilschußes. Die Erzählung des Melchior Ruß hat diese Auf- einanderfolge der Einzelheiten treu bewahrt; bei anderen Chronisten erscheint sie auseinander gerissen. Dasselbe findet auch in Betreff des Tyrannenmordes in der dänischen Toko- und auch unter oben ange- gebener Einschränkung in der norwegischen Hemingsage statt. Das Schneeschuhlaufen des Toko und was daran hängt besagt übrigens im wesentlichen ganz dasselbe wie die ursprünglicher gehaltene Schwei- zer-Relation von Teils Fahrt über den See; nur ist die Scenerie in der dänischen Sage local umgeformt und der nördlichen Natur ange- passt. Weshalb aber alle anderen Teilsagen die Wasserfährt des Schützen vergessen konnten , lässt sich daraus erklären , weil sämmtlichc Ort- lichkeiten , wo die verschiedenen übrigen Teilsagen spielen , keine Seen aufzuweisen haben. Der Anblick des Vierwaldstättersees konnte hingegen die alte Erinnerung an den Wolkenschifi'er wieder wecken, neu beleben und localisieren : der Mythus konnte sich hier leicht mit einer historischen Persönlichkeit verbinden. Und einen solchen sagen- geschichtlichen Gehalt haben wir dem Begriffe der historischen Sage zufolge auch hier vorauszusetzen. Der Meisterschütz wird also auch zugleich ein kühner , unerschrockener und in manchem Seesturm er- probter wackerer Steuermann gewesen sein.

*) Über die jüngere Loealisation der Sage, Teil habe den Landvogt in der hohlen Gasse; erschossen, soll ein anderes Mal gehandelt werden.

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Nachdem nun durch vorstehende Ausführungen der eigentliche Kern aller Schützensagen dargelegt ist, so können wir uns jetzt von der so gewonnenen Basis aus zu dem viel besprochenen Apfel schuß wenden (s. die früheren Ansichten b. Ilisely, Guillaume Teil S. 588 ff.).

Die Sage, daß ein Vater gezwungen wird, von dem Haupte seines Sohnes einen Apfel zu schießen, findet sich in Westphalen, Island, Dänemark, Holstein und der Schweiz. Der englische Schütz thut den Apfelschuß freiwillig, und in den beiden norwegischen Fassungen ist an die Stelle des Apfels (aus örtlichen Gründen) eine Schachfigur und eine Nuß, in einer der beiden holsteinischen Localisationen eine Birne (Genn. VIII, 213), in der oberrheinischen ein Denar getreten, Vertauschungen, die ebensowenig von Gewicht sind, als wenn bei den Finnen der Sohn vom Haupte des Vaters den Apfel schießt. Die persische Sage vom Apfelschuß ist die litterarisch älteste, und ihr Vor- handensein beweist, daß die Sage vom Apfelschuß bereits vor der Auswanderung der germanischen Völker ihre bestimmte Ausprägung erhalten haben muß. Aus der dänischen und schweizerischen Teilsage ersehen wir aber zugleich, daß die Sage, wie sie bereits von uns be- sprochen ist, ganz eng mit der Sage vom Apfelschuß zusammenhängt. Wenn aber auch, wie gezeigt, der Schuß auf den Tyrannen die Haupt- sache bei der Tellsage bildet und nicht, wie hier gleich bemerkt werden mag, der Apfelschuß, so ist doch dieser im Verlauf der weiteren Sagen- bildung der eigentliche Magnet geworden, der alles Übrige angezogen hat. Und das kommt daher, weil bei der Sage vom Apfelschuß der pikante sagengeschichtliche Gehalt den mythischen fast absorbiert hat.

Bevor wir jedoch diesen Nachweis liefern, müssen wir den neuesten Versuch , den Tellschuß auf einen „uralten Erntegebrauch" zurückzu- führen, als gänzlich verfehlt zurückweisen. Der auf einen kleinen Be- zirk Arabiens beschränkte heutige Gebrauch , worauf der Verfasser eines mit dem Buchstaben C signierten Artikels in der Beilage zu Nr. 174 der Allg. Ztg. vom 22. Juli 1864 seine „religiöse Erklärung der Tellsage" baut , ist dieser : „Jährlich bei der Dattelernte wird ein fünf- bis sechsjähriger Knabe hart unter eine steinerne Scheibe gestellt, und nach dieser auf vierzig Schritt von einem oder zwei der besten Schützen -- gegenwärtig mit Feuergewehr, früher -mit Bogen ge- zielt und geschossen. Das - - gewöhnlich beim ersten Schuß gelin- gende — Treffen der Scheibe wird dann von der umstehenden Bevöl- kerung mit lautem Jubel begrüßt, und der Knabe wie der Schütz mit einem Geldgeschenk belohnt."

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Ich stelle diesem arabischen Gebrauche aus der Gegenwart einen ähnlichen aus dem heutigen Leben der amerikanischen Indianer, einen wirklich modernen Tellschuß, zur Seite. Th. Bade erzählt wahrschein- lich nach Keid's amerikanischen Schilderungen in seinem Buche „Der Scalpjäger" (1857. S. 91. 92), daß ein Indianer Amerika's einer In- dianerin, einem Mädchen in malerischer Tracht, einen kleinen Prärie- Kürbis von der Größe einer Citrone auf sechzig Schritt Entfernung mit seiner Büchse so vom Haupte geschossen habe, daß er in Stücken umhergeflogen sei, während die Kugel in den Baum fuhr, an welchen sich das Mädchen angelehnt hatte.

Ein Meisterschuß allerneuesten Datums ist der folgende, über welchen die Kölner Zeitung vom 24. Januar 1859 berichtet. Sie schreibt: Vor dem Polizeigericht zu Speyer wurde unlängst ein neuer Teil ver- urtheilt. Ein dortiger Leinweber, der sich immer rühmte, „ein aus- gezeichneter Schütz zu sein", suchte endlich seiner Meisterschaft die Krone aufzusetzen. Zu diesem Behuf nahm er sein Geschoß zur Hand und begab sich , in Begleitung seines etwa zwölfjährigen Söhnchens, in den Garten. Dort angekommen , befahl er dem Knaben, eine Kar- toffel auf den Kopf zu legen und sich in einer Entfernung von etwa 15 Schritten vor ihm aufzustellen. Der Sohn thut willig, wie ihm ge- heißen wird; mit der größten Kaltblütigkeit macht sich inzwischen der Vater schußfertig, legt an, feuert und „der Knabe lebt! Der Apfel ist getroffen!" Die Kartoffel war mitten durchgeschossen. Die Nachbarn, denen er den Meisterschuß zeigte, schüttelten jedoch un- gläubig den Kopf; um sie zu überzeugen, mußte er den kühnen Schuß noch einmal wagen. Auf desfallsige Einladung hatten sich Abends wirklich einige Zuschauer eingefunden; der Knabe mußte der Dunkel- heit wegen eine Laterne halten, und abermals flog das Ziel vom Kopfe des Kindes, die Kugel hatte nur dessen Mütze gestreift. Die Nachbarn giengen in Verwunderung darüber nach Hause. Inzwischen aber wurde die Sache in weiteren Kreisen ruchbar; der neue Teil, gerichtlich belangt, gab auf die Frage: „Ob er ein Narr sei?" ein kurzes „Bisweilen" zur Antwort. Die erste Cur zur Heilung seiner Narrheit bestand in einer Geldstrafe und fünf Tagen Gefängniss.

Abgesehen von sonstigen Unähnlichkeiten mit der Tellsage, con- statieren die beiden zuletzt gegebenen Erzählungen, daß Tellschüße nicht nur vorkommen können, sondern neuerdings wirklich vorgekommen eind. Aber zur Erklärung des Apfelschusses in der indo-germanischen Sage werden diese modernen Tellschüsse ebensowenig dienen können, als der arabische Schuß nach der Scheibe. Denn weiter besagt die

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arabische Erzählung nichts: dem Knaben wird weder eine Dattel, noch ein Kürbis, noch ein Apfel, noch überhaupt irgend etwas vom Haupte geschossen. Und gerade dies ist ein wesentliches Charakteristicum der indo-germanischen Tellsagen. Dieser Punkt ist geradezu entschei- dend. Und außerdem seit wann ist es erlaubt, eine so weitver- breitete arische Sage, wie die Tellsage ist, auf semitische Wurzel zurückzuführen, die arische durch semitische Sage zu deuten? Zudem ist die Deutung jenes arabischen Schusses auf einen Erntegebrauch durch weiter gar nichts motiviert als durch eine geistreiche Com- bination, die aber allen Haltes und Nachweises entbehrt. Endlich ist auch das Heranziehen des semitischen Schusses zur Erklärung der ari- schen Sage deshalb abzuweisen, weil der mythische arische Bogen- schütz schon in so frühen Zeiten hervortritt, daß von einem sesshaften, ackerbautreibenden Volke, mithin von Erntegebräuchen, noch gar keine Rede sein kann. Damit wird denn auch die Deutung jenes arabischen Gebrauches als „eines Ersatzes für wirkliche Opferung", die im Alter- thum überall gebracht sei, hinfällig. Wir haben demnach eine andere Erklärung der Sage vom Apfelschuß aufzusuchen.

Wir finden sie, wenn wir uns an die älteste Fassung derselben, an die persische Sage, halten. Vergleicht man diese (s. Germ. 9, 225) mit den übrigen germanischen Sagen , so ergibt sich , daß dort der namenlose König, wie es scheint zum Vergnügen, den Apfelschuß voll- führt, daß er hierzu von Niemandem gezwungen wird, daß er nicht seinem Sohne, sondern seinem Lieblingssclaven das Ziel vom Haupte schießt und endlich, daß dies Ziel ein Apfel ist. Es fehlt also der Tyrann, der den nach heutigen Begriffen unnatürlichen Schuß verlangt, und ein Untergebener, der den Schuß auf Befehl wagen muß. Statt des Sohnes haben wir hier einen Lieblingssclaven oder, allgemein aus- gedrückt, eine geliebte Person. Nur den Apfel treffen wir hier, wie in den wichtigsten germanischen Sagen. Es fragt sich nun, ob dem Apfel eine mythische Bedeutung zuzuschreiben ist. Und da ist von vorn herein zu sagen, daß die mythische Natur des Apfels durch nichts aus der indo - germanischen Mythologie aufgehellt werden kann. Die scharfsinnige Erklärung, welche Schwarz (Ursprung d. Myth., s. Index) über die Bedeutung des Apfels in der griechischen und germanischen Mythologie gegeben hat, lässt sich wenigstens, so_ weit ich sehe, in keine Verbindung bringen mit meiner Auflassung der Tellsage. Es bleibt also weiter nichts übrig als anzunehmen, daß die persische Sage ihre Fassung in einer Zeit erhalten hat, welche ihre rohe Sitte und Gewohnheit in jener Sage treu widerspiegelt, und daß sie zugleich

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auch deshalb in die grauesten Urzeiten des arischen Alterthums hin- aufreichen muß. Und hier einen wirklichen Apfelschuß anzunehmen, hat nichts Widersprechendes; er ist hier im Gegentheil ganz natürlich. Dies ist der sagengeschichtliche Kern des Apfelschusses. Der mythische Gehalt desselben ergibt sich dagegen einmal aus der Verbindung, in welcher er mit dem Ganzen der germanischen Teilsage steht, und so- dann insbesondere aus dem Umstände, daß der Apfelschuß überall ein unfehlbarer ist. Dadurch wird aus dem menschlichen königlichen Schützen der göttliche mit Indra- Wodan identische, von dem man aber noch mehr zu sagen wusste. Dieses Mehr hängt sich deshalb auch ganz richtig dem sich nunmehr gebildet habenden verwandten Mythus vom Apfelschuß an. Im Fortgange des den Mythus zur Sage umbil- denden Processes wird dann aus der geliebten Person der leibhaftige Sohn des Schützen, und der nun als grausam erscheinende Apfelschuß ethisches Motiv zur Erschießung des Tyrannen. Dieser Abschluß der Sage fällt demnach in die, freilich immerhin noch sehr alte Vorzeit germanischen Lebens, wo die ersten Regungen einer erhöhteren Cultur sich zeigen. Alle Localisationen der Tellsage tragen entweder nur andeutungsweise oder bestimmt ausgesprochen diesen Charakter an sich. Weil sich aber so der Apfelschuß als eine ganz besonders alle edleren menschlichen Gefühle empörende Handlung hinstellt, so trat er als das wichtigste Glied in den Einzelheiten der Tellsage her- vor, dem alles Andere gleichsam mythisch angewachsen erscheint.

Dieser Nachweis über den sagengeschichtlichen und kosmischen Gehalt des Apfelschusses lässt nun über die Natur aller Meisterschüsse überhaupt keine Zweifel mehr aufkommen. Die germanischen Meister- schüsse sind durchaus unhistorisch, nirgends als wirklich vorgefallen nachgewiesen worden. Schon das vielfache Vorkommen derselben weist auf ihren mythischen Gehalt zurück. Ja, sollte es je gelingen, die Wirklichkeit eines jener Schüsse daizuthun, so würde das an der durch- aus fest begründeten mythischen Auffassung derselben gar nichts zu ändern vermögen. Nur das eine stellt sich bei den germanischen Meisterschüssen als sagengeschichtliches Factum heraus, daß die Sage überall einen leibhaftigen Schützen voraussetzt, der in seiner Kunst ganz besonders vor anderen excellierte. Ein solcher Schütz muß auch am Vierwaldstättersee gelebt haben. Und als solcher besaß er dann auch die Eigenschaft, die ältere schon lange vor ihm vorhandene Sage von dem göttlichen Urschützen auf sich herabzuziehen.

Mit dem Nachweise des mythischen und sagengeschichtlichen Gehaltes des Apfelschusses, der Seefahrt und des Tyianncnmordes ist

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im Wesentlichen die Teilsage erklärt. Der Urschütz ist Indra- Wodan, in der Schweiz heißt er Teil. Doch hat hiermit die schweizerische Sagcnbildung sieh nicht begnügt. Sie weiß vom Teil noch mehr zu berichten: sie meldet Tell's Tod im Schächenbach, seinen Schlaf in tiefer Felshöhle am Vierwaldstättersee, seine dereinstige Wiederkunft; sie erzählt von einer mit Tell's Apfelschuß in Verbindung gebrachten Stange mit einem Hut und von einer zu Tell's Andenken stattfindenden Wallfahrt zu der nach ihm benannten Capelle an der Platte im Vier- waldstättersee. Betrachten wir diese Einzelheiten näher: sie werden uns sämmtlich an Wodan erinnern und unsere Annahme , daß der Schütz Teil mit dem germanischen Urschütz Odhin- Wodan identisch sei, von Neuem bestätigen.

Über Tell's Tod im Schächenbach berichtet die jüngere Schweizersage (s. Hisely, Guill. Teil S. 669; Simrock, Geschichtliche deutsche Sagen S. 389), ebenso über seinen Schlaf in der Fels- grotte und seine dereinstige Wiederkunft (Grimm, Sagen Nr. 297; Myth. 2, 906; Menzel, Odin 340; Simrock, das. S. 392). Es bedarf kaum der Bemerkung, daß auch diese von der Schweizer- sage treu aufbewahrten Züge auf Wodan gehen. Sie beweisen ebenso wie der Wolf oder der Hund, welcher als der Begleiter des Schützen in der holsteinischen abbildlichen Überlieferung erscheint (Müllenhoff, Sagen S. 57), daß in dem Meisterschütz der Wodan steckt. Teil stirbt als Greis im Wasser, entspricht dem Mythus, daß Wodan als Greis d. i. Wodan auf der Neige der sommerlichen Jahreshälfte, von den Herbstgewittern und Regenwettern, überwunden wird. Anders gewandt wird derselbe Gedanke ausgedrückt, wenn es heißt, Teil schlafe, ähn- lich dem öselschen Toll, den Winterschlaf mit seinen zwei anderen •Genossen. Er ist der schlafende Held, der einst wiederkehren will, um das Vaterland aus seiner Noth zu befreien (vgl. Schwrarz, Volks- glaube 102 ff.), wie Barbarossa und alle die anderen schlafenden Wodans- helden, obenan nach jüngerer faroeischer Sage des Eigils Bruder Wie- land der Schmied (Raßmann, a. a. O. 1, 49). Als solcher ist Wodan- Teil der winterliche Gott, der im Winter schläft, zur Zeit der Früh- lingssonnenwende aber erwacht, um den Kreislauf des Jahres von Neuem zu beginnen (vgl. auch Schwarz, Naturanschauungen 1, 174).

Was nun den auf die Stange aufgesteckten Hut anbetrifft, worüber uns von allen Schweizerchroniken zuerst die des „weißen Buches" zu Samen belehrt (Geschichtsfreund, 1857, XIII, 72), so er- weist sich die Deutung, die Grimm (Rechtsalterthümer 2. Ausg. 151) darüber gegeben hat, als durchaus unzutreffend. Nach ihm war der

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Hut, gleich der Fahne, Feldzeichen; wer ihn aufsteckte, forderte das Volk zur Heer- und Gerichtsfolge auf, und hatte die Gewalt dazu. Und so sei auch, meint Grimm, des Gesslers aufgesteckter Hut in der Schweizersage ein Symbol der Obergewalt zu Gericht und Feld. Allein die Sage meldet gar nicht, daß hier von Gericht- oder Heerfolge die Rede ist. Sehen wir uns deshalb in den germanischen Gebräuchen nach einem anderen Analogon um. Und da bietet sich zur Erklärung weiter nichts als die Maistauge , die bei Frühlingsferien vorkommt. Karl Silberschlag (Gntzkow's Unterhaltungen 1862, 3. Folge 2. Bd. Nr. 26 S. 503) denkt an die Irminsäulen, die zuweilen von Stein ge- wesen, öfters aber aus hölzernen Pfählen bestanden hätten, auf denen die Abbildung eines Hutes angebracht gewesen sein möchte. Er er- innert dabei an König Erich's Wetterhut, einen Baumstamm mit einem Hute darauf, der namentlich bei Stockholm gestanden haben soll, wo der Standpunkt desselben noch jetzt gezeigt werde. Silberschlag meint ohne Zweifei einen schroffen Felsen im Mälarsee, welcher Königshut heißt und der auf einer eisernen Stange einen gewaltigen Hut trägt (Rochholz , Naturmythen 209). Dies ist eine Erinnerung an den be- hüteten Wettergott Wodan. Lieber denke ich dagegen an die eben- falls an Wodan (Liebrecht, Gerv. v. Til. 177 ff.) erinnernde Beschrei- bung einer nach menschlicher Weise aufgeputzten schwedischen Mai- stange, die Felix Liebrecht (Germania 4 , 374) mitgetheilt hat, nament- lich wenn man damit die ebenfalls um Pfingsten stattfindende Wall- fahrt in Verbindung bringt. Jedesfalls haben wir in der Stange mit dem Hut, vor der sich der Sage zufolge ein Jeder hätte neigen müssen, eine Erinnerung an eine alte heidnische Festfeier zu sehen, die wahr- scheinlich zu Ehren des Frühlingsgottes Wodan stattfand. Wird doch in manchen Gegenden derjenige zum Pfingstkönig erkoren, welcher in einem Wettlauf oder Wettreiten siegt, wobei mit Stecken nach einem auf eine Stange gesteckten Hut gestochen wird (Mannhardt, Götter- welt 1, 146). Erst später wird die Stange mit dem Hut zu dem Schusse des Teil in Beziehung gesetzt und dient nun mittelbar als Motiv zur Vollführung desselben und in Folge davon zur Gefangennahme des trotzigen Schützen.

Die heute noch stattfindende Wallfahrt nach der Tells- kapelle an der Platte am Fuße des Axenberges im Vierwaldstättersee beruht in ähnlicher Weise auf einer alten heidnischen festlichen Sitte. Außer dieser gibt es noch zwei andere Tellskapellen, welche hier indes aus bekannten Gründen nicht in Betracht kommen, die zu Bür- geln, Teils angeblichem Geburtsorte und bei Küßnacht an der hohlen

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Gasse (s. Kopp, Geschichtsblätter 1, 317 ff.; Ruber a. a. O. 123 u. 124)*)' Die über die Wallfahrt nach der Capelle am See ausgesprochene An- sicht wird durch zahlreiche analoge Fälle unterstützt. Es ist bekannt, wie schon in den ältesten Zeiten „zur Bewachung der Feld- und Wald- mark gegen jede Beeinträchtigung Grenzumzüge, Hubengänge, Flur- gänge, Marken- und Schnadgänge und die Grenzumritte eingeführt wurden" (Maurer, Einleitung in die Gesch. der Mark- etc. Verfass. S. 224). Grenzumzüge und Flurumgänge oder Flurumritte hängen aber aufs engste zusammen. Ans letzteren werden nun später die kirch- lichen Bittgänge und Processionen , entweder zu Fuß , zu Pferde oder zu Schifte. „Unsere heidnischen Vorfahren trugen nun in altheiliger Erinnerung an die glückspendenden Umzüge der Gottheiten Bildnisse ihrer Götter um die Felder in feierlichem Gepränge mit Jubel und Gesang" (Quitzmann, die heid. Rel. der Baiwaren 254). Aus den Bildern der Götter wurden naturgemäß später Bilder der Heiligen. In der Schweiz finden nun auf Christi Himmelfahrt an mehreren Orten noch heute solche berittene Kirchenprocessionen statt, so vom Chor- herrenstift von Beromünster im Canton Lucern, und von den benach- barten Orten Hitzkirch, Sempach, Großwangen und Ettiswil- Schütz. Zu diesen Processionen zu Pferde stellen sich die zu Schiffe: die eine geht zur Tellenkapelle auf dem Vierwaldstättersee, die andere findet alljährlich auf dem Zugersee statt (Rochholz, Naturmythen S. 17 ff. bes. S. 20). Die Fahrt nach der Platte fällt in die Bittwoche, in die Woche, in welcher das Fest der Himmelfahrt gefeiert wird. Insbesondere lallt die Fahrt nach der Platte auf den Freitag nach der Auffahrt. An dem- selben Tage finden zu Schaddorf und zu Silinen ebenfalls Kreuzgänge statt, zur Abwendung von Hagel und Ungewitter von den Ackern (Kopp, Geschichtsblätter 1, 318). Kopp folgert nun ganz richtig, daß die Fahrt nach der Tellsl<apelle denselben Zweck gehabt habe. Freilich macht Hidber (Allg. Ztg. 1860 Beilage zu Nr. 201) dagegen geltend, hier seien am See keine Felder, die eingesegnet werden könnten. Allein das ist auch gar nicht nothwendig. Konnte man nicht an dieser Stätte doch um den Segen der Felder daheim bitten, konnte man nicht die Gewalt und die schädlichen Wirkungen des Wasserelementes und die Wüth des Föhns abwenden wollen? Doch ist es im Grunde gleich -

*) Die Erbauung dieser Capellen fällt nach der vollständigen Ausbildung der Teilsage; aber an den Plätzen, wo sie stehen, sind von Alters her urgermanische Erin- nerungen und Traditionen haften geblieben, wie denn auch das Zusammentreffen der drei Capellen mit den drei Teilen (s. oben S. 17, 18) gewiss nicht zufällig ist

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gültig, welchen Zweck die kirchliche Procession nach der Platte hatte. Sicher ist ohne Frage , daß die jener christlichen Feier zu Grunde liegende germanische älter ist, als die daselbst, wie es scheint, erst zn Tschudi's Zeiten erbaute Capelle (Huber a. a. O. 124). Wichtiger ist die Frage, weshalb die Fahrt gerade nach der Platte sich wandte. Hatte hier Gott Wodan einst seinen Umzug gehalten, war hier eine uralte Opferstatt gewesen das steht dahin. Ich entscheide mich dafür, daß der Felsensprung des Gottes Indra-Wodan hier localisiert und auf Teil übertragen wurde, weil die Platte in irgend einer Weise schon ein heiliger Ort hat sein müssen. Die Localisation geschah, als die Sage anfieng feste Gestalt zu bekommen, wahrscheinlich um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Steht aber die Stange mit dem Hut, der Meisterschuß, die Wasserfahrt, der Sprung auf die Platte, die Er- schießung des Tyrannen mit der Wallfahrt nach der Tellskapelle in ur- altem, genauem Zusammenhange, so dürften hier die Reste einer alten heidnischen Maifeier vorliegen , die wahrscheinlich später dramatisch vorgestellt und besungen wurde, und die sich auf Wodan bezog (vgl. Kuhn in Haupt's Zeitschr. 5, 478 ff.).

Nachdem nun so die wesentlichen Elemente, aus denen sich die Tellsage zusammensetzt, besprochen sind, lässt sich leicht, um noch einmal rückwärts zu schauen, die Erzählung vom Meisterschützen vom Naturmythus an durch alle Stadien der Mythusentwicklung und Sagen- bildung verfolgen. Die ursprüngliche Basis ist überall eine anthro- pologische. Menschliche Verhältnisse , Gewohnheit und Sitte , werden auf kosmische Vorgänge am Himmel übertragen und in sie hinein- gedichtet. Aus der Verschmelzung dieser beiden Grundfactoren ent- steht der Mythus. Der physikalische Gehalt unseres Naturmythus ist der Sonnenstrahl oder der Blitz, deren Natursymbol der Pfeil. Der Begriff des Pfeiles ergänzt sich nach bekannten mythologischen Ge- setzen naturgemäß leicht zu dem erweiterten Begriffe des Schützen, des pfeilschießenden göttlichen Schützen, des Himmels- und Sonnen- gottes, der mit seiner Waffe ein ihm ebenbürtiges göttliches Wesen im Kampfe siegreich besteht. Wie nun dieser göttliche Urschütz aus der Schaar vieler Schützen (= Sonnenstrahlen, Blitze) heraus mit fort- schreitender Cultur zum Vater derselben, zum Schützen- und Sonnen- gott erhoben war, so sinkt derselbe Gott Indra-Odhin-Wodan in ab- steigender Linie hinwieder später zum göttlichen Heros, in der ger- manischen Mythologie zu dem Agilo, dieser endlich zum menschlichen Schützen der Sage herab, der nun bei verschiedenen germanischen Stämmen verschiedene Namen trägt, in Westphalen und Island als

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Ei<>il und Egil, in Norwegen als Eindride und Ilemming, in Dänemark als Toko, in England als William of Clondesly, in Holstein als Henneke Wulf, am Oberrhein als Pnneker, in der Schweiz als Teil, auf der Insel Ösel als Toll erscheint, Sagengestalten, die sämmtlich im Spiegel der Zeit, welcher sie angehören, mehr oder minder ethisches Gepräge an sich tragen und einigemale ausdrücklich als Rächer tyrannischer Willkür gekennzeichnet sind. Alle diese Figuren bergen neben dem mythischen Bestandtheil auch einen sagengeschichtlichen in sich. Für die Urner Tellsage haben wir dies speciell nachgewiesen. Bringen wir den Mythus in Abzug, so müssen wir anerkennen, daß einst ein kühner Mann in der Centralschweiz gelebt habe, der durch seine Bogenkunst eben so berühmt war, wie durch seine Steuermannskunst und nicht minder durch seinen Trotz gegen einen Übermüthigen, den er viel- leicht in rechtlichem Zweikampfe erlegt haben mag. Dies ist der ganze sagengeschichtliche Inhalt der Teilsage, ein Minimum zwar, aber ein tranz geeigneter Stoff, alle vorhandenen, verwandten mythischen Ele- mente in sich aufzusaugen. Aus der innigen Verbindung und gegen- seitigen Durchdringung dieser beiden Grundelemente, des angegebenen historischen Residuums (des Sagengeschichtlichen) und jener schon vorher daseienden mythischen Bestandteile, erwächst nun der Teil der Sage, der später im Fortgang des sagenbildenden Processes noch mehr historisiert und in Heldengestalt ah Befreier der Schweiz uns vorgeführt wird. Es sind also in der schweizerischen Tellsage zu unterscheiden: ein mythischer Bestandtheil; eine wirkliche historische oder lieber sagengeschichtliche Basis; und eine aus beiden Elementen hervorgehende sagenhafte weitere Entwicklung, oder mit anderen Worten: ein mythischer Teil, ein wirklich historischer (sagengeschicht- licher) Teil der ältesten Zeit, und ein sagenhafter Teil jüngerer Zeit, der dann gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts sich litterarisch zuerst in dem Gewände als Schweizerbefreier zeigt. Aber schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts (s. Lütolf, Germania 9, 222) brachte man die im Volke seit Alters und ohne alle Frage in Liedern

lebende Sage vom Tall in Verbindung mit der Entstehung der Sehwei- te ry ö

zerfreiheit. Diese wurde hervorgerufen durch eine Reihe heute noch klar erkennbarer historischer Ursachen, durch die allgemeinen politischen Verhältnisse des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, durch die eigenartige Entwicklung der alten Markverfassung der drei Länder und durch verschiedene Ereignisse, welche die Thalbewohner klug und ausdauernd zur endlichen Begründung ihrer Freiheit benutzten (vgl. G. v. Wyß, Gesch. der drei Länder, S. 1 14; G. L. v. Maurer, Ein-

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 33

leitung zur Gesch. der Mark-, Hof-, Dorf- und Stadt -Verf. 304 ff.; Huber a. a. O. S. 24 88). Der wirklich historische Hergang dieser sehr mannigfaltigen und sehr verwickelten Ereignisse hat niemals von dem Volke als solchem erfasst werden können, so gut wie das gegen- wäitig noch nicht der Fall ist. Heute wie damals kannten nur wenige Kundige den wirklichen Verlauf der Begebenheiten genau. Und selbst diese Kenntniss schwand in jener Zeit nach ein paar Generationen mehr und mehr aus dem Gedächtniss der Kinder und Enkel. Allein die Thatsache des Bestehens der eidgenössischen Freiheit seit dem Abschluß des ewigen Bundes zu Brunnen im Jahre 1315 (Huber S. 85) verlangte für das spätere Geschlecht eine Erklärung ihres Ursprungs, und so entstand eine volksmäßige, vom Volke völlig ver- ständliche, romantische und sagenhafte Darstellung, wie sie uns zuerst in allgemeinster Fassung der Berner Stadtschreiber Konrad Justinger um 1420, detaillierter der Züricher.^Chorherr Felix Hemmerlin um 1450, dem Faber und Mutius folgen, berichten (s. Huber S. 91—94 u. S. 102). In allen diesen Erzählungen ist aber noch keine Rede von Teil und seinen Thaten (vgl. Huber a. a. O., namentlich S. 93). Etwa erst um das zuletzt genannte Jahr 1450 und später wird nun die Sage vom Teil mit in diese sagenhaften, volksmäßigen Erzählun- gen über die Entstehung der eidgenössischen Freiheit durch das Weiße Buch, Etterlin und Ruß hereingezogen und verflochten (s. Wyß a. a. O. S. 15 ff.; Huber S. 94 ff.). Dies geschah etwa 160 Jahre nach Kaiser Albrechts Ermordung, in welche Zeit man nach ziemlich allgemein gewordener Annahme Teils That setzen zu müssen geglaubt hatte (vgl. Böhmer, Reg. Albrechts S. 195). Die Sage vom Teil tritt nun als geglaubte wirkliche Geschichte in den Vordergrund; denn in ihr cul- minierte ja der höchste Frevel, der durch nichts mehr überboten werden konnte: eine grausamere und empörendere Handlung hatte der Land- vogt nicht zu begehen vermocht. Sie bildet deshalb den Kern, um welchen man Alles, was man sonst über die Erhebung der drei Thälcr wußte, so gut es eben angieng, gruppierte. Die Chronisten suchten nun diese Sage mit der bereits vorhandenen sagenhaften Geschichte von dem frevelhaften Walten der Vögte, das aber, wenn auch nur in geringem Maße, wirkliche geschichtliche Vorgänge*) zur Unterlage

*) Ich will hier nur an zwei Beispiele erinnern, und zwar zuerst an die empö- renden Bedrückungen der Freien von Rothenburg im Canton Lucern , deren gleich- namige Burg 1335 gestört wurde (Rochholz, Naturmythen S. 70). Ein sehr auffallendes Beispiel von tyrannischer Willkür eines Rothenburgers berichtet Kopp (Gesch. der eidgen. Bünde, II, 2, 137) zu dem Jahre [257. Vielleicht ist's auch dieser, von dem die spä-

GEUlVl\NIA X. 3

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hat, fortgehend auszugleichen, die vielfachen Widersprüche zu besei- tigen, bis endlich die ganze Erzählung durch Tschudi ihren relativen Abschluß findet.

Somit hat es also einen Teil der Sage, oder was dasselbe ist, einen historischen Teil im Sinne des fünfzehnten Jahrhunderts, oder noch anders ausgedrückt, einen Teil, wie ihn Schillers Drama, das meist dem Tschudi folgt, zeichnet, niemals gegeben; wohl aber einen historischen oder sagengeschichtlichen Tall der ältesten Zeit und einen mythischen Wodan-Tall. Es drängt sich nun wie von selbst die Frage auf, wann denn jener leibhaftige Tall, der treffliche Schütz, der uner- schrockene Steuermann und trotzige Gesell gelebt haben mag.

Man kann nun entweder annehmen, daß die eben bezeichneten und dem einen Tall zugeschriebenen Eigenschaften sich auf ebenso viele verschiedene Personen vertheilen, die auch verschiedenen Zeiten angehören könnten ; oder auch daß , wenn man nur von einer Person reden will, diese doch eine andere als der Tall geAvesen sei, die erst später mit dem mythischen Tall identificiert worden wäre. Beides könnte möglich sein. Doch halten wir uns lieber an die Sage, die alle jene Thaten nur einer Person zuschreibt. Im ungünstigsten Falle dürfte ihr doch eine der erwähnten Eigenschaften zufallen. Nimmt man nun an, daß diese Person mit dem Tall der ältesten Zeit identisch ist, so dürfen wir folgende Vermuthung wagen.

Der Name Tallo kommt in der Schweiz urkundlich zuerst seit der Mitte des achten Jahrhunderts vor, einige Jahrzehnte später auch schon die Form Tello (s. Förstemann, Altd. Namenbuch 1, 330 u. ff., Lütolf in der Germania 8, 214; v. Liebenau, die Tellsage S. 10). Die Identität der Formen Tall und Teil ergiebt sich aus der litterarisch ältesten über Teil redenden Chronik, der des „Weißen Buches" aus dem Jahre 1471, in der vorzugsweise die Form Tall im Gebrauch ist. Nicht von Gewicht ist es, wenn in derselben Chronik der Name ein- mal „Thäll" und zweimal „Thall" geschrieben wird. Die urkundlich beglaubigte Form „Tallo" giebt die Entscheidung. Seit dem Jahre 1471 begegnet nur die bekannte Form Teil. Bis wann nun Träger des Na-

tere Sage so Unmenschliches zu erzählen weiß (Rochholz, das. S. 69). Sodann denke ich an den Ritter von Küssenach, der auf der gleichnamigen Burg saß und seit 1291 (Blumer, Staats- und R.-Gcsch. 1, 27) herzoglich österreichischer Vogt war. In den ersten Jahren des 14. .llis. hatten zwischen ihm und den Dorfleuten arge Zerwürfnisse stattgefunden. Die Dorfleute überfielen den Vogt auf seiner Burg; dieser aber schlug die Bauern zurück und es kam später zu einem Vergleich 'Kopp, Urk. II, 38. .">(), im Archiv f. K. ü. GQ. 1851J.

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 35

mens Tall in der Schweiz gelebt haben, darüber könnte wahrscheinlich ein genauer Nachweis über das früheste Vorkommen dieses Wortes als Eigennamen und in Ortsnamen, in denen der Name Tall oder Teil steckt, wie Tellingen, Teilewiese, Tellenpfad u. a. (Lütolf a. a. O. 214. 215; v. Liebenau, a. a. O. S. 10. Vgl. auch: Telligletscher, Telli- stock, Tellernsee b. Berlepsch, Schweizerkunde, Braunschw. 1864, S. 60, 73 u. 190) Auskunft geben. Wir müssen uns vorläufig damit begnügen, anzunehmen, dass der historische Tall schon sehr früh, cl. i. bis zu dem neunten Jahrhundert gelebt haben mag, da seit dieser Zeit ein Träger dieses Namens, so viel bekannt, urkundlich nicht mehr er- scheint. Ja vielleicht ist der zuerst genannte älteste Tall auch der histo- rische gewesen.

Wie verhält sich nun dieser historische oder sagengeschichtliche Tall zu dem mythischen Wodan-Tall? Hat man den Mythus vom Agilo auf ihn übertragen oder war Tall schon eine selbstständige mythische Figur bei den Älamannen? Beides scheint der Fall gewesen zu sein. Das erste darf man aus dem ursprünglich nahen räumlichen Zusammen- wohnen der Älamannen mit den Westphalen und der weiten Verbrei- tung des Namens Eigil auch in der Schweiz, das andere aus der sehr wahrscheinlichen mythischen Bedeutung des Namens Tall schließen.

Nach Raßmanns Untersuchung über die deutsche Heldensage steht es fest, daß die Eigilsage ursprünglich unter allen germanischen Völ- kern in Westphalen ihren ältesten Sitz gehabt hat. Die den West- phalen benachbarten Älamannen konnten mithin von ihr Kunde be- sitzen, wie das der bei ihnen in den frühesten Zeiten vorkommende Gebrauch des ebenfalls mythischen Namens Agilo beweisen dürfte (s. oben), ein Name, der sich heute vielerwärts als Eigil, in der Schweiz in dem ersten Theile des Namens Egilolf oder Eglolf seit Alters her erhalten hat*). Als nun die Älamannen in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts in die Schweiz vordrangen, haben sie gewiss noch vom Agilo gesunken. Im Laufe von vielleicht drei bis vier Jahrhunderten

:,:; Ich überlasse es den betreffenden Forschern in der Schweiz zu untersuchen, ob der Name Eigil sich unter anderen auch in folgenden Ortsnamen findet: Egelshofen, Pl'arrdorf im thurg. Amt Gottlieben, und Egelshofen, Weiler bei Altenklingen, im thurg. Amt Weinfelden; am Egelsee oder Aegelsee, ein fruchtbarer Wiesenbezirk, eine halbe Stunde von Basel am rechten Rheinufer; Eglisau , Stadt am Rhein; Eglisehwyl, Dorf im aargauischen Bezirk Lenzburg; Egolzwyl, Dort' im ('. Luzern, au einem kleinen See gleichen Namens; Aegelsee, Weiler im Berner Oberamte Thun; Aegelsee, sein- kleine]- See in der Pfarre Brienz; ein anderer gleichnamiger Orl liegt in der Pfarre Knonau im ('. Zürich.

3*

36 TIEINO PFANNENSCHMID

mag dann auf jenen leibhaftigen Tallo die Sage des mythischen Agilo übertragen worden sein. Doch muß es vor diesem historischen Tall schon einen mythischen Tall gegeben haben, dessen Natur geeignet war, jenen Mythus vom Agilo anzuziehen. Über diese mythische Natur giebt vielleicht die Erklärung des Namens Tall als eines mythischen nähere Auskunft. Die Berechtigung wenigstens, den Namen Tall für mythisch zu halten, dürfte wohl kaum bezweifelt werden können.

Die früheren Versuche (s. Hisely, Guill. Teil S. 568 ff.; Huber S. 122. 123) den Namen Teil zu erklären, sind sämmtlich verfehlt, meistens deshalb, weil sie nicht auf die älteste urkundliche Form des Namens zurückgehen, die freilich erst seit der Auffindung der Chronik des Weißen Buches (1854) bekannt ist. Die unter allen scheinbar beste Annahme, der Name Teil sei ein Beiname und bedeute soviel wie der Tolle oder ein thörichter, unbesonnener Mensch eine Meinung, die sich auf den bekannten Ausspruch Teils selbst stützt: „wäre ich witzig und ich hießi anders und nit der Tall" (Chron. des weiß. Buchs a. a. O. S. 72 und ähnlich die anderen Chroniken), beruht lediglich auf einen volksmäßigen Erklärungsversuch, den Namen, dessen Bedeutung man nicht mehr verstand, zu deuten. Es ist nichts weiter als eine ety- mologische Umdeutung, wie sie hundertfach begegnet, wozu der Gleich- klang der Wörter „Tall" und „toll" verführte. Komisch nimmt sich die neueste Erklärung des Namens Teil als „Steuermann" aus, die sich darauf beruft, daß jedes Kind am Vierwaldstättersee heute noch wisse, teilen heiße soviel als steuern (Dr. Wilh. Zimmermann, in der Illustr. Welt, 1864, 4. Hft. S. 146). Herrn Zimmermann, der, obwohl viel schreibend, sich nicht viel um neuere Forschungen kümmert, war natürlich die älteste Form des Namens Teil noch nicht bekannt ge- worden *). Unter Berücksichtigung des Gesetzes der Lautverschie- bung glaube ich eine doppelte Erklärung des Namens Tall vorschlagen zn können. Förstemann (Altd. Namensb. 1, 330) erinnert bei der Wurzel Dali, zu welcher er Tall rechnet, an das doli in dem Namen des alt- nordischen Gottes Heimdall (ursprünglich Heimthallr), nach Simrock (Myth. 326) und Mannhardt (Götterw. 1, 258) soviel als Weltglänzer,

*) Kaum kann ich mich der Vermuthung entschlagen, daß Hrn. Zimmermann hierbei nicht ein kleines Unglück passiert sein sollte. Da sich kein einziger Schweizer Schriftsteller je auf die Bedeutung des „teilen" im Sinne von „ein Schiff lenken oder steuern" beruft, so ist Hrn. Z. hier gewiss eine arge Verwechslung untergelaufen. In der Schweiz heißt teilen allerdings soviel wie steuern, ital. tagliare, d. h. Steuer zahlen, aber nichts anders (s. Dan. Sanders, Wörterbuch der deutsch. Sprache II, 1296). Herr Z. hat vermuthlich beide sehr verschiedenen Begriffe mit einander confundiert!

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 37

wie an das angelsächsische <leal, clarus, superbus. Bimsen (Gott in der Gesch. 3, 484) meint die Wurzel des altnordischen dall (in Heim- dall) in dem griechischen ftähk-co wiederzuerkennen. Sprossen und Glänzen sind aber sich nahe berührende Begriffe. Tall dürfte hiernach den Sprossen- und Wachsenmachenden bedeuten , eine Bezeichnung, die auf den strahlenden Sonnengott gehen würde (s. Beil. zu Nr. 141 der Allg. Ztg. 1864). Dabei verhehle ich mir die Schwierigkeiten, die dieser Ableitung entgegenstehen könnten, keineswegs. Erst eine ein- gehende Untersuchung über die Natur des sehr schwierig zu bestim- menden Gottes Heimdall würde alle Zweifel zu beseitigen vermögen. Doch glaube ich es hier aussprechen zu dürfen, daß sich zwischen dem mythischen Wodan -Teil und dem mit dem Odhin in mehr als einer Beziehung identischen Heimdall vielfache Berührungspunkte werden nachweisen lassen, die mit meiner Auflassung des Teilmythus stimmen. Auf andere Gesichtspunkte der Ähnlichkeit zwischen Heimdall und Teil hat bereits Lütolf (Germania 8, 208 ff.) aufmerksam gemacht. Ich verweise betreffs des Heimdall vorläufig hauptsächlich auf das Lex. Myth. Th. III der Edda Saem. S. 417 ff.; Grimm, Myth. 1, 213 ff.; W. Müller, System 227-233 u. a. a. St.; Schwenk, Myth. der Germ. 1 .6—134.; Simrock, Myth. 324 fl'.; Mannhardt, Germ. Myth., s. Index.; Zeitschrift f. d. Myth. II, 309, Anm. 5, III, 117; Götterwelt 1, 258; Bunsen a. a. O.; Schwarz, Ursprung d. Myth. 117. 210; Quitzmann, die heid. Rel. d. Baiw. 104. 201. 202. und Holmboe, det norske Sprogs S. 108- Die andere Erklärung des Namens Tall verdanke ich einer gefälligen Mittheilung des hiesigen Lyceal-Directors Herrn Dr. H. L. Ahrens. Derselbe glaubt „den mythischen Namen Tall mit der grie- chischen WTurzel &ul (die übrigens mit dem Verbum ftoiklco nahe ver- wandt ist) in der Bedeutung wärmen, die in &ccXvxQog, ftuknco, dccAvtl'cu erscheint, in Verbindung bringen zu können." Ahrens fügt hinzu , „da aber im kretischen Dialekte mehrfach t für & stehe (wie tLQiog, d-EQeog KQrjtss Hesych., und TIvxLog für Tlv&iog in Inschriften), so gehöre hierher auch TdXag , der mythische eherne Wächter von Kreta, der als ein Symbol des Sonnengottes erscheine (vgl. Hesych. Tükag, 6 ijfoog und Preller, Griech. Myth. 2. 125), ferner, da Zeus in Kreta auch als Sonnengott verehrt wurde, der kretische Zsvg TaXlalog (s. Preller, das. 1, 105). In der älteren Darstellung dürfte Talos der Hüter der Sonnenheerde des Minos gewesen sein (vgl. Preller 2, 120. 121)" *). Diesem nach würde in der Wurzel Tall der Begriff des Wär-

*) Vgl. auch Schwarz, Ursp. der Myth. (s. Iudex) über Talus, namentlich S. OH 1 Anm. 1, wo seine Verwandtschaft mit Dädalus und ITephästos hervorgehoben wird. Nach Schwarz ist Talos ein Gewitterriese,

38 HEINO PFANNENSCHMID

mens liegen, Tall der Erwärmer sein, eine Bedeutung, die ebenfalls in anderer Richtung und auf nicht ungeeignete Weise mit dem Be- griffe des Sonnengottes zu stimmen scheint (vgl. J. G. v. Hahn, über Bildung u. Wesen d. myth. Form a. a. O. S. 80. Über den wärmen- den Sonnengott bei den Finnen s. Castren , Finnische Myth., übers, von Schief Vier S. 61). In diesem Sinne könnte der Tall sogar selbst schon eine Heroengestalt der Alamannen gewesen sein, der als Sonnen- heros nun sehr leicht den Mythus vom heroisierten Eigil in sich auf- zunehmen vermochte.

In dem Vorstehenden ist der Beweis zu führen versucht, die ger- manische Sage von dem Meisterschützen auf einen Indra-Odhin-Wodan- mythus zurückzuführen, dessen Wurzel weit über die vedische Zeit der alten Inder hinausreicht. Sie ist mithin als indo-germanisches Ge- meingut anzusehen. Ihre Geburtsstätte liegt in der grauesten Vorzeit des arischen Völkerstammes, als alle späteren Zweige dem Urstamm noch nicht entsprosst waren. Es lässt sich sogar bestimmen, in welcher Periode der Culturentwicklung sie entstanden ist. Erst als die Arier nach vielen Jahrtausenden die erste Stufe aller geschichtlichen Entwick- lung, die des Hirten- und Jagdlebens, erreicht hatten, war auch die Erfindung des Bogens und des Pfeiles damit Hand in Hand gegangen : in dieser ältesten Urzeit der Urgewerbe der Menschheit muß der My- thus vom pfeilschießenden Gotte geboren sein. Denn aus dieser Zeit kann erst die Vergleichung des Blitzes und des Sonnenstrahles mit dem Pfeile stammen. Da liegt das erste Element zu unsrem Mythus, der sich von dieser Zeit an bis zum neunzehnten Jahrhundert n. Chr., also etwa innerhalb vier bis fünf Jahrtausenden, durch alle Stufen der Mythen- und Sagenbildung hindurch bei verschiedenen indo-germani- schen Stämmen, am schönsten aber bei den Alamannen am Vierwald- stättersee erhalten und entwickelt hat und zur herrlichsten Blüte ge- langt ist, ohne jedoch selbst in episch- dramatischer Darstellung die höchste Stufe idealer Ausprägung zu gewinnen. Aber wir dürfen dabei nicht übersehen, daß sämmtliche dramatische Bearbeitungen, die Teils Tliat zum Gegenstand haben, den Charakter der Zeit an sich tragen, welcher sie angehören. Auch Schillcr's Teil ist ein Kind seiner Zeit. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet wird aber die ursprünglich mythisch-historische, darnach sagenhafte, endlich historisierte, mit Fleisch und Blut umkleidete und in unsere größtmöglichste Nähe gerückte Heldengestalt des Teil ein edles Muster ebensowohl treuer Gatten- und Vaterliebe, als einer naturwüchsigen Liebe zur Freiheit bleiben, und so als Kind langer Jahrhunderte insbesonders wunderbar schöner und

DER MYTHISCHE GEHALT DER TELLSAGE. 39

romantisch-großartiger Gebirgsnatur in Jugendreiz strahlen, so lange der blaue Himmel sich wölbt über den drei Thälern, dem Vierwald- stättersee und seinen Bergen.

NACHTRAG.

Die so eben erschienene zweite Auflage von Simrock's Mythologie ver- anlasst mich zu folgenden Bemerkungen. Auf S. 269 kommt Simrock auch auf die Deutung des Namens Teil zu sprechen. Er sagt: „Orendel (den Sohn des Königs Eigil von Trier) haben wir uns als Knaben zu denken, dem der Apfel (von seinem Vater Eigil) vom Haupte geschossen wird. Da indes sein Name nach Unland „den mit dem Pfeil arbeitenden-' bedeutet, ja eine ags. Glosse „earendcl jubar" ihn selbst als Strahl bezeichnet, was noch im Mittelhochdeutschen wie im Italienischen Pfeil bedeutet, so kann von dem Sohne, gegolten haben, was von dem Vater erzählt ward. Auch erwuch- sen gegen das 15. Jh., wo Tell's Schuß zuerst erzählt wird, aus Personennamen schon Familiennamen und Orendel heißt in der Vorrede des alten Heldenbuches Erendelle, in Von der Hagen's Grundriss S. 2 Ernthelle. Dies ward aber wohl in Teil gekürzt) weil man die erste Silbe für jenes vor Namen stehende „Ehren" ansah , das nach (Grimm's) Wörterbuch III, 52 aus „Herr" erwachsen, bald für ein Epitheton ornans an- gesehen wurde." Diese Worte Simrock's sollen Aufschluß geben über Bedeutung und Ursprung des Namens Teil. Aber so sinnreich dieser Versuch auch sein mag, so will- kürlich und so unwissenschaftlich ist er ohne Frage. Nach Simrock's Meinung soll sich also Teil entwickelt haben aus der nach deutscher Weise zu sprechenden Endsilbe del oder dil in Oren-del, Orvan-dil. Orvandil bedeute „den mit dem Pfeile Arbeitenden." Diese Deutung hat behanntlich Uhland (Mythus vom Thor S. 47 Anm. 20) nach dem 'Lex. islandico-latino-danicum' gegeben; Orvandil sei abzuleiten von or f. sagitta, at canda, elaborare, industnam adkibere. Auch Ettmüller (Orendel und Bride S. 148) hat sie angenommen. Hiernach ergiebt sich ein dreifacher Bestandtheil des Wortes : ör, vand und das Suffix il oder el in Or-end-el. Das d gehört mithin zu dem Wortstamm vand. Angenommen die Uhland'sche Erklärung sei richtig (vgl. dazu Lex. mythol. S. 44!i Anm. *), so bezeichnet „vandil" nichts weiter als Arbeiter, Winder oder Dreher (con- tortor, Lex. myth. a. a. O.), Orvandil also Pfeilarbeiter, Pfeildreher, Pfeilwinder. So auch Mannhardt (Wolf, Zeitschrift f. d. Myth. II, 322), der übrigens eine andere und nach meinem Dafürhalten richtigere Deutung des Mythus vom Orvandil als Uhland ge- geben hat (Wolf, Zeitschrift a. a. O.; Germ. Myth. 548, Götterwelt I, 217 u. 261), die Simrock nicht zu kennen scheint. Hiernach ist also das nach deutscher Weise gebil- dete del oder dil ein völlig sinnloses Wort; denn es besteht aus dem Suffix el oder il mit vorgesetztem d, das zu dem voraufgehenden Stamm „vand" gehört. Die Entstehung des Namens Teil aus „Erendelle", „Ernthelle" beweiset mithin viel Phantasie, aber wenig Gründlichkeit der Forschung. Teil wäre nach Simrock's Annahme ein Wort von un- sinniger Ableitung und sinnloser Bedeutung. Die Forschungen über deutsche Eigen- namen, wie sie von Pott, Förstemann und anderen gegeben sind, hätten davor wenig- stens warnen sollen. Unsere Eigennamen, insbesondere die älteren und alten, sind nicht durch Missverstand oder Zufall entstanden , noch ermangeln sie einer bestimmten Be- deutung. Ferner übersieht Simrock durchaus, daß nicht allein die älteste Form des Wortes bei dem formell ältesten Chronisten Tall heißt, sondern auch, daß dies die

4() H. PFANNENSCHMIü , DER MYTH. GEHALT DER TELLSAGE.

noch ältere urkundliche Form des Wortes ist. Die Bemerkung Simrock's (S. 269) Tüll für Teil sei schweizerische Ausspruche, die auch Barg für Berg sage (und wie ich aus eigener Erfahrung hinzufüge, heute noch 'fall für Teil spricht), verschlägt an- gesichts urkundlicher Zeugnisse gar nichts. In Betreff der angelsächsischen Glosse earendel = jubar, so geht Simrock ohne Zweifel zu weit, wenn er jubar durch „Strahl" wiedergieht. Das heißt jubar nicht. Jubar bedeutet das strahlende Licht , den Glanz eines Himmelskörpers, einen Himmelskörper, einen Stern selbst. Die Glosse bezieht sich auf die als Stern an den Himmel versetzte Zehe des Orvandil, „Orvandilstä." So deutet es auch richtig Grimm (Myth. 348) und Mannhardt (Zeitschrift f. d. Myth. II, 323). Simrock setzt endlich den Orendel mit seinem Vater Eigil gleich, was an sich mythologisch gestattet ist. Da nun Orvandil „der Fruchtkeim ist, der hervor- schießt, was dann erst Veranlassung gab, ihn zum Schützen zu machen" (S. 270), so ist auch Eigil der Schütz, der mit dem Pfeil (= dem Fruchtkeim) arbeitet. Der Schuß selbst wäre demnach ein Symbol für das Durchbrechen der jun- gen Saat aus dem Erdreich. Ich habe oben eine andere Erklärung über die Person und das Wesen des Eigil abgegeben und verweise einfach darauf.

Schließlich seien mir noch ein paar Worte gestattet über Hocker's Deutung des Apfel sc hußes, die mir entgangen war. Hocker's Ansicht, der Apfelschuß Eigil's drücke symbolisch das Streben der Natur aus, wie es sich im Beginn des Winters zeige (Die Stammsagen der Hohenzollern und Weifen, Düsseldorf 1857, S. 73), kann ich durchaus nicht theilen. Hocker meint S. 74, Eigil würde der Himmelsgott in seiner Eigenschaft als Todtengott sein, der seinem Sohne den Apfel der Verjüngung (Idhun's) vom Haupte schieße. Allein Idhun's Äpfel werden nur gegessen, nirgends geschos- sen. Auch Simrock (Myth. 269) bezweifelt mit Recht eine mythische Deutung des Apfels.

Übrigens hat nicht Hocker diese Ansicht zuerst ausgesprochen, sondern F. Nor k, dessen Werke heutzutage vielfach ausgebeutet werden, ohne daß man es für schicklich hält, sie als Quelle zu nennen. Da mir das betreffende Werk Nork's (Mythologie der Volkssagen etc. in: J. Scheible, Das Kloster. Bd. IX, Stuttgart 1848), in welchem ziem- lich ausführlich über die Tellsage von allerdings meist veraltetem Standpunkte aus ge- handelt wird (S. 105—154), zu spät zugänglich wurde, um es bei vorliegender Arbeit gleichmäßig berücksichtigen zu können, so will ich hier nur kurz bemerken, daß Nork in dem Apfelschuß (S. 152. 153) eine Opferhandlung erblickt. Eigil ist nach ihm mit dem Todtengott Odhin gleich. Eigil's Sohn ist der verjüngte Vater, und der Apfel (Idun's), das Symbol der Verjüngung, Stellvertreter für das Leben des Kindes. Diese Ansicht ist so künstlich und so gesucht, daß sie selbst erst eines Kommentars bedarf.

HANNOVER, Ende September 1864.

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BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN.

VON

KARL BARTSCH.

Die Beschaffenheit der einzigen so jungen Handschrift, die uns das Gedicht überliefert, wird die Kritik zu kühnerem Vorgehen nicht nur auffordern, sondern berechtigen. Sichere Ergebnisse werden aber nur gewonnen werden können, wenn man einmal von sorgfaltigen Vor- untersuchungen über Sprache und Versbau ausgeht, sodann wenn man den Text, den die Wiener Handschrift (d) in anderen durch ältere und bessere Handschriften bezeugten Gedichten darbietet, zu Hülfe nimmt. Am nächsten wird bei der vielfachen Verwandtschaft das Nibelungenlied liegen, welches der Dichter der Kudrun benutzte und nachahmte. Eine zuverlässige Vergleichung des Nibelungentextes d besitzen wir noch nicht; doch gewähren die in Hagens dritter Aus- gabe (Breslau 1820) mitgetheilten Lesarten hinreichenden Stoff. Das- selbe Verfahren wird von anderen, nur in dieser Handschrift erhaltenen Gedichten, namentlich dem Erec und den beiden Büchlein Hartmann's, gelten, wenn man sie mit dem Texte des Iwein in derselben Hand- schrift zusammenhält. Dem Biterolf und Dietleib , der freilich nicht so verderbt ist, wie die langen und darum der Willkür mehr Spiel- raum lassenden Verse der Kudrun, wird durch den Text der Klage, der in d noch nicht verglichen ist *) , vielleicht manche Besserung zu Theil werden.

Ich beabsichtige, auf nachfolgenden Blättern den kritischen Rechen- schaftsbericht über meine Ausgabe der Kudrun niederzulegen , weil in der Ausgabe selbst nach der ganzen Bestimmung des Buches dazu kein Raum war. Ich werde zuerst die Beschaffenheit des handschrift- lichen Textes nach gewissen, viele Stellen zusammenfassenden Gesichts- punkten betrachten, sodann die metrischen Grundsätze darlegen, die sich nach Bereinigung des Textes ergeben, ferner über Zeit, Heimath und Geschichte des Gedichtes handeln , und endlich nach Reihenfolge der Strophen die Veränderungen anführen, welche ich der Handschrift gegenüber mir erlaubt habe, wobei das, was meine Vorgänger für den Text gethan, nicht unerwähnt bleiben wird.

*) Einige Lesarten hat Holtzraann in der Einleitung- zu seiner Ausgabe der Klao-p mltgetheilt.

42 KARL BARTSCH

I.

Bei dem weiten Abstände zwischen der Zeit des Dichters und der des Schreibers kann es nicht Wunder nehmen, wenn der letztere an Stelle älterer Sprachformen die seiner Zeit gemäßen setzte. Ich meine hier nicht nur die Übertragung von mhd. i in ei, von iu in eu, von ou in au u. s. w. , denn das thun nach ihrer Mundart auch viel ältere Handschriften, sondern jüngere Woitformen. So steht das ältere gern, begehren, hin und wieder, wie 512, 4. 626, 3, meist aber begern, häufig dem Verse zuwider. Dieselbe Vertauschung kann man beim Nib. Texte wahrnehmen, dessen Zählung ich der bequemeren Verglei- chung wegen Hagen entlehne. Nib. 1267. 1279. 1322. 1487. 2149.4397. 4508. 4626. 4905. 5384. Kudr. 25, 3. 192, 1. 202, 4. 297, 2. 409, 1. 422, 2. 430, 4. 468, 1. 504, 2. 548, 1. 577, 2. 600, 4. 622, 4. 624, 1. 640, 4. 659, 1 u. s. w. An manchen Stellen wäre bei zweisilbigem Auftakte begern zu dulden gewesen, allein nach Maßgabe der andern war es besser, überall die ältere Form zu setzen. Ebenso ist be vor- geschoben in betrog statt tronc 71 , 2. bezwingen = iwingen 832, 4. beweinen für weinen Nib. 4208. 6815. 8359. Kudr. 1189, 4. beraubet statt roubet 1419, 4. behalten statt halden 1597, 3. beherbergen statt her- bergeu steht Nib. 2989.

Andere Belege bietet die präpos. ge: gewern für wem Kudr. 320, 1. 325, 4. 409, 2. 423, 2 u. s. w., gezemen statt zemen Nib. 203. 4994. 6217. 8318. 8434. 8525. Kudr. 1106,3. 1294, 4. 1501, 1. geheeren statt hwren 1 147, 2. gesin statt sin steht Nib. 6.

Ferner er: ericerben statt werben Nib. 4689. K. 1369, 3. ersluoc statt sluoc Nib. 3610. Darnach auch erhebent für hebent Kudr. 59, 3.

Ebenso ver: verbergen statt bergen Kudr. 72, 2, wo verbarc bei zweisilbigem Auftakte erträglich gewesen wäre. verdienen statt dienen Nib. 3655. Kudr. 17, 4. verheln statt kein Nib. 1833. verkünden statt künden 2271, versüenen statt süenen Kudr. 1646, 1. Hier sei auch Ver- liesen bemerkt, für dessen durch den Vers oft geforderte Nebenform vliesen die Hs. die unverkürzte setzt; vgl. 55, 4. 137, 1. 788, 4. 831, 4. 890, 4. 926, 4. 1449, 4; einmal steht vleisen 201, 2.

In diese Reihe gehört auch beschehen für geschehen ; die Form mit be findet sich im 15. und 16. Jahrh. in Handschriften und Drucken sehr häufig, in älteren Hss. selten. Nib. 6567. Kudr. 25, 2, hier nur dies eine Mal. Ähnlicher Wechsel ist beschritten statt gesniten 430, 2. Umgekehrt steht gewendet statt bewendet 429, 2; vgl. 560, 3.

Aber nicht nur bei Compositionen, sondern auch bei einlachen

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK HER KUDRUN 43

Nib. 1845. gamoen, gerw-en, prät. garte, daraus wurde gurte gemacht Kudr. 90, 1. 1376, 4. Denselben Fehler haben Nib. 7097 schon CD; ganz entstellt hat hier d danrte, ein andermal (Nib. 7085) hat d berai- teten statt garten.

Das Präter. von houtoen, hiew, hat in d schwache Form, haute, vgl. 93, 3. 1407, 2. 1416, 2. Statt jehen steht sprechen 368, 2. 842, 4; Nib. 2928. 3298. 3427. 3513. statt leren lernen 359, 2. 360, 1. mugm wird mit kunnen vertauscht 1463, 3; für nigen neic steht gewöhnlich Verbis findet solche Vertauschung statt. So steht brach statt braut naigen naigte 64 , 1 und oft , einmal steht giengen statt nigen 336 , 1 . Sehr gewöhnlich ist meinen statt waenen in den Nib. 3628. 3782. 3808. 3947. 5908. 8255. 8278. 8432. 8552. Kudr. 832, 4. 1380, 3. Statt warten steht schouioen 1144, 3. Das präter. von zogen (schw. verb.) wird mit dem von ziehen im Flur, vertauscht, Nib. 721. 5193. Kudr. 635, 2. 840, 2; stärker entstellt ist 1454, 3 zöget in zürnet.

Auch Substantiva werden vom Schreiber in die entsprechende jüngere Form übertragen; statt stat Stades, gestade steht gewöhnlich gstat, gstades ; vgl. Nib. 2330. 2336. Kudr. 88, 4. 111, 1. 113, 1 u. s. w.; doch steht daneben stade 776, 4. Ähnlich ist gesang für sanc, 377, 2. 379, 3. gewant steht für wät 252, 2. 693, 1; gebwrde statt gebeere 329, 2. 334, 4. Bemerkenswerth ist ferner in die haut statt enhant 362, 1. kreuter, plural. von krüt statt krüt 83, 1 , die leute oder die leid statt daz lud 1095, 1. 1614, 1, mal statt stunde 1550, 4.

Bei den Adjectiven ist namentlich die jüngere Form in ig zu be- merken; am häufigsten lebentig statt lebende; lebentigs statt lebendes und ähnl., vgl. 167, 3. 682, 4. 888, 4 u. s. w. Ebenso hochfertig statt hüchverte (adj.) 196, 2. 387, 3, übermütig statt übermüete 238, 3, genaitig statt gencete 737, 1. Statt unmäzen steht unrnässlich 128, 2. Statt ZwteeZ in vielen jüngeren Hss. wenig, so Nib. 520 u. s. w. , ich habe daher häufig die jüngere Form entfernt.

Von Pronominibus hebe ich hervor den Gen. sin statt des älteren es; zuweilen ist die ältere Form schon durch den Vers erfordert, ich habe sie aber auch sonst gesetzt; vgl. 42, 1. 48, 4. 369, 4. 927, 4. 1113,4. Statt des relativen Fronomens steht so, Nib. 1961. 5902. Kudr. 181, 4 und öfter.

Die Vertausehung von Partikeln ist ungemein häufig. Nib. 2570 steht alweg für allez. alsam, in der Kudr. gewöhnlich als sam geschrie- ben, vgl. 332, 1. 357, 2. 361, 1. 390, 3, auch sam als 649, 2. Im Nib. steht statt alsam öfter also 3147. 6674. 6683. Statt alsam steht auch als Kudr. 1397, 4: im Nib. steht als für also 2481. 3573. 4359. 4744,

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KART, BARTSCH

dannen: dafür gewöhnlich von dünnen > auch wo es dem Verse widerstreitet. Kudr, 234, 1. 739, 4. 784, 4. 804, 4. 899, 4. 1081, 4. von dun für dan 545, 1. Nib. 680. 785. 1285. 1295. 2704. 3072 u. s. w. Ganz ebenso ist von hinnen statt hinnen 250, 3. 260, 2. 407, 4 421, 4. 431, 4. 691, 3. 827, 4. 828, 4. 991, 4 u. s. w. Nibel. 1273. 1302. 1386. 3803 etc.

des, deshalb: dafür da von 708, 4.

dicke, mit dem später üblichen ofte vertauscht, Nib. 564. 5794. 5831. 5834 u. s. w. , von mir gewöhnlich in der Kudrun gesetzt. Die Hs. hat seltener daneben dicke.

diu 'desto'; die Hs. hat dest, dester; vgl. 3, 4. 832, 4. 1314, 3. 1382, 2. 1535, 4.

dd conj. 'als', ist wohl öfter durch als ersetzt, wenn auch in der Hs. die häufigere Form ist. Vgl. 69, l. 95, 1. 540, 3. 607, 1. 869, l. 1447, 2. 1473, 1. 1671, 3.

durch daz, 'deshalb weil'; in der Hs. gewöhnlich dar umb das, dem Verse widersprechend. Vgl. Kudr. 819, 1. 1079, 3. 1303, 4. 1531, 3.

e 'vorher', dafür in der Hs. vor, 410, 4, wo ich mit Wackernagel e geschrieben; vielleicht wäre es noch öfter zu setzen.

en beschränkend, mit dem Gonjunctiv, in jüngeren Hss. häufig durch danne ersetzt; vgl. 1044, 2 und öfter, Nib. 1231. 3484. 4130.

gemeine, adv., durch algemeine ersetzt, Kudr. 137, 4. Statt gerner steht das jüngere lieber Nib. 8546.

harte, dafür in den Nib. und vielleicht auch Kudr. öfter vasle, vgl. Nib. 3102. 4745. 5132. 5882. 5930. 6848.

niwan, diese Form äußerst selten ; meistens steht nun, vgl. Kudr. 537,3. 1194,3. Nibel. 655. 1048. 5724. 5928. 6183. 6371. 6807. 7062. 7243. Aber auch wan findet sich, was, wenn man ivane schreibt, dem Verse auch genügte, doch habe ich nach Nib. 267. 801. 999. 2456. 3742. 4825 auch Kudr. 399, 4. 400, 2 und öfter niwan statt wann der Hs. gesetzt.

sam, 'ebenso', in der Hs. meist durch also ersetzt. Kudr. 548, 3. 824, 3. 876, 4. 963, 2. 1474, 3. 1578, 3. Nib. 6644. 8400. 8413. Die Herausgeber setzen, wo also dem Verse widerstreitet , meist als.

so: diese Form verlangt häufig der Vers, wo die Hs. also hat ; vgl. Nib. 620. 1586 2772. 3314. 3363. 4159. 4850/5387. 5829. 6341. 6388. Kudr. 305, 3. 378, 2. 381, 4. 391, 4. 716, 3. 794, 1. 828, 2. 833, 2, 870, 2. 1003, 2. 1256, 3. Auch als steht fehlerhaft für so, 312, 4. 367, 4.

swie 'obgleich', dafür hat die Hs. mehrmals wie wol, also genau unser nhd. 'wiewohl'. Nib. 2682. 7746. Kudr.57 11, 4.

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 45

ican; dafür steht mehrfach nun (vgl. niwan). Kudr. 234, 3. 427, 2. 230, 2. 1512, 1; einmal auch nu 776, 4.

wosn, 'ich glaube', in den Satz eingeschoben, in der Hs. meist wann geschrieben und wohl wirklich mit wan verwechselt, wie man aus der Umstellung wann er statt er wcen Nib. 6456 sieht. Vgl. Kudr. 167, 4. 223, 2. 534, 4 etc.

war, 'wohin', ebenso swar ; für beide Formen setzt der Schreiber meist wohin; vgl. Nib. 1297. 2663. 4532. 4687. 6283. Kudr. 231, 3. 1491, 2.

Worte und Formen , die der Schreiber nicht verstand , wurden entweder oft bis zum Unsinn entstellt, oder dem Verständniss möglichst nahe gebracht. So wurde aus frieschen, das anderwärts blieb, griffen 60, 1 (vielleicht auch aus gefriescheri) , wie Nib. 1567, 2 D, ein andermal (667, 4) ganz unsinnig frieslichen; aus rämte 97, 9 lernte, aus nar 97, 4 not ; aus erbaldet 111, 4 erhaltet; aus urborte, das anderwärts ebenfalls stehen blieb, 168, 4 erbot ; aus genendicliclie 131, 4. 725, 4 gnedieliche; ans wcetlich wurde loaidclich, Nib. 96. 5164. 6276, Kudr. 140, 1 und Vollmer's Anmerkung. Aus gemellich wurde gemainlich 490, 4; vielleicht wäre die noch näher stehende Form gemenlich zu wählen; aus hoher, das anderwärts beibehalten ward, 525, 4, her, wenn nicht hoher ganz aus- gefallen ist; aus wege 687, 2 wurde welle; aus vären 1123, 4 wurde uare« mit Veränderung einiger Worte, aber mit Verletzung des Reimes; vgl. zwäre statt ze väre Nib. 8628, aus minnen nemen 1254, 4; sän 1583, 1 zu an; ludern 187, 2 zu in dem; hiesch 295, 1. 412, 3 zu haisst; vgl. hiess 145, 1 ; aneme (statt an deine) wurde entstellt in an ainem 93, 3, wie ähnlich ener, jener Nib. 322. 1581 in ainer. iteniuwe 430, 2. 454, 3. 460, 3 etc. zu eytelnewe; snewes (gen. von sne) wurde schneeweiß 503, 3. Aus räwen, ruhen, wurde frawen 1051, 2; aus joch wurde auch Nib. 4828. Kudr. 1116, 3. 1499, 3. Vgl. noch aus Nib. wagen statt lägen 3520. in den statt inner 4713; wie in ir statt inner, Kudr. 199, 1; im statt inner 194, 4; tugentlich statt tougenlich 5670, icec statt wac 6123, wm<- lich statt vr eislich 6144, sorgen statt longen 7185, weidelich statt w'c- fe'cÄ 7743.

Der vor den Genetiv eines Eigennamens gestellte Artikel, der zu dem auf den Namen folgenden Worte gehört, wird in der Hand- schrift gewöhnlich des, bei Femin. der geschrieben, als wenn der Ar- tikel zum Namen gehörte. So steht des Sigebandes tratet 82, 2 statt den oder den Sigebandes trat; des Waten maisterschaft 365, 2 statt die; vgl. 457, 3. 550, 2 u. s. w. Nib. 965. 974. 1056. 1096. 2386. 2774. 2947. 3466. 4015 etc. Auch bei nachstehendem Artikel sun des Sige- bandes 185, 1 statt sun der S., vgl. 110, 4.

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üzer; als präpos. häufig statt üz durch den Vers erfordert. Nib. 811. 1731. 2396. 2765. 5705. 6425. 8236. Kudr. 59, 4. 110, 1. 120, 4. 378, 4. 892, 1. 1092. 4. 1175, 4. 1335, 4. 1573, 1. 1584, 3. 1644, 3. 1706, 3.

vil, dafür in jüngeren Hss. häufig gar, vgl. Kudr. 355, 4. 1197, 4.

vol in adverbialem Gebrauche durch ivol ersetzt. Kudr. 181, 2. 394, 3. 942, 2. 1115, 2.

Bis hierher haben wir bewusste und absichtliche Änderungen des Schreibers betrachtet, die in dem Abstände der Zeitalter ihren Grund haben. Außerdem hat die Handschrift zahlreiche Schreibfehler; sie alle aufzuführen würde nutzlos sein, ich hebe daher nur diejenigen aus, die in einer oder der andern Beziehung bedeutend sind, namentlich solche, die den Charakter der Vorlage des Schreibers erkennen lassen.

Wir beginnen mit der Verwechselung von Buchstaben. Am häu- figsten steht r für u, namentlich in er für iu: so grosser statt qroziu 54, 2. 1644, 1, swinder statt swindiu 67, 2 (vgl. Vollmer' s Anmerkung), reicher statt richiu 184, 3. dhainer statt deheiniu 1511,4, ainer - einiu 1235, 4. der statt diu 1010, 2. 1703, 4. Vgl. auch unten (im Abschnitt IV) die Bemerkung zu 11, 4. Nib. 7051 steht starker statt starkiu. Das häufige Vorkommen dieses Fehlers weist auf die Schreibung ev = iv, iu in der Vorlage; v sieht namentlich am Schluße einem r ähnlich. Vgl. siorp statt stovp stoup 1019, 4, sorgen statt lovgen lougen Nib. 7185. Die Vorlage hatte demnach schon hin und wieder die österreichische Schreibung eu statt iu; darauf weisen auch andere Fehler: den statt diu, deu 1052, 2, wem statt wiu, weu 1230, 2, es = iu, ev 1033, 1. Aber eu war nicht durchgängig, sondern iu mochte vorherrschen ; andere Versehen führen darauf hin, so wenn irs euch statt ir sin 147, 4 steht, was durch irsin = irsiu der Vorlage erklärlich wird, euch statt m steht auch 438, 4. 842, 4, ir für iv , iu 1160, 1, mich steht für ewcA 1253, 4, wm für im 1484, 4. Nib. 922. 5069. Andere Verwechslungen sind n und u, was sich am leichtesten erklärt, iu statt in verlesen, 438, 4. 842, 4, den statt deu, diu 1052, 2 u. s. w. Ferner 6 und h, haben statt ÄäAew (vgl. Vollmer zu 202, 1. 1557, 1) 202, 1. 228, 4. 229, 2. 737, 4. hei = iatf 1557, 1; d und /*, r/ö statt ho, hohe 445, 1, Z und h, leide statt A?;oZe 234, 1, durch die Schreibung Ute und hüte erklärlieh, handen statt landen 1625, 3. w und h, hie statt »mV 475, 2. wm statt /aß 828, 1 ; umgekehrt hie statt nu Nib. 4. /* und k, hon statt fco« 538, 4. 1028, 1. s und // , ist statt ///£ 1420, 2. * und 7t, gesahen statt gesäzen 1306, 1. z und t?, zerschroten statt verschroten 545, 4; ebenso zerhawen statt verhouwen 778, 4. 1176, 4. 1507, 4, wohl weniger

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eine Buch staben vertauschung , vielmehr waren die Zusammensetzungen

dieser Worte mit zer dem Schreiber geläufiger. Ferner n und r in der häufigen Vertauschung von vor und von; von statt vor steht Nib. 2356. Kudr. 407, 4. 521, 3. 1126, I. 1625, 3. vor statt von Nib. 2293. 4960. Kudr. 427, 3. 668, 1. 927, 2. 1003, 1. 1132, 4. 1142, 1. 1496, 1. s und r, des statt der 94, 2. 1096, 3. es statt er 1234, 4. 2 und r, er statt es 315, 2. 491, 1. 6a^er statt haldez 1032, 2. Die Form des Schluß - r sieht in Hss. einem z oft nicht unähnlich, t und r, het = her 110, 3. t und s, es statt et 223, 1.

Andere bemerkenswerthe und öfter wiederkehrende Fälle von Schreibfehlern sind nu statt vil, was sich leicht erklärt, wenn uil ge- schrieben war; Kudr. 451, 4. 1205, 4. 1279, 4. und statt m7 41, 3. Nib. 7707, durch un erklärlich, das einem uil in Hss. gleicht, und statt nu, erklärlich durch un, nu, Kudr. 965, 4; umgekehrt steht nu statt und Nib. 3601. und statt wände, want, wan, durch wli und vn be- greiflich; vgl. vnnder statt wunder 1430, 4, durch wnder zu erklären. imd statt vowf, wmd 74, 4. 411, 4. nw statt ine steht Nib. 2923. statt in, 922. 5069. Kudr. 1484, 4. im statt km Kudr. 350, 3, was sich von selbst erklärt; ebenso wie uns statt ims 375, 2. 637, 4. Nib. 4927. 7500. ynn statt tmita 1099, 2 erklärt sich auf dieselbe Weise, indem inn statt um gelesen wurde. Ein verlesenes i, das in der Handschrift, die dem Schreiber vorlag, wahrscheinlich durch keinen Strich bezeichnet war, spielt eine ziemlich große Rolle, mir für im steht 210, 2. mer für nie Nib. 6030. immer statt miner 1452, 2. 2V sein statt irsim, irs im 1112, 4. »ra£ statt mV. 1098, 1. Hierher gehört auch das häufige in statt mit, was durch die Abkürzung des letzteren Wortes (m mit einem kleinen t darüber) sich erklärt, Nib. 6966. Kudr. 157, 3. 385, 3. 448, 4. 485, 1. 742, 4. 1186, 3; vgl. Vollmer zu 102, 1. Umgekehrt steht mit für in 654, 2. 726, 1. 1352, 3. dann steht für damit, da mite 448, 3. Anders ist mit, fehlerhaft für in ir 742, 2. 1607, 4. Nib. 4977.

Ferner noch folgende: das für 679, 1, durch, die Abkürzung de zu erklären, die einem do ähnlich sieht, deinen statt den 149, 3. 1622, 3; beidemal ist den dat. plur., und man könnte daher die schwei- zerische Form dien in der Vorlage annehmen, woraus sich dein, deinen, leicht erklärte; aber deine steht auch für den acc sing, den 687, 3. die steht für diu 407, 4. 1579, 3. Ein anderer Gebrauch von die ist der für d3, auf den zuerst Haupt (Zeitschrift 2, 383) aufmerksam machte Nib. 4980. 5309. Kudr. 174, I. 724, 1. 1282, 4. Wahrscheinlich hatte die Vorlage aber in diesen Fallen nicht <ln, sondern duo, was, wenn da geschriebeu, wie hantig in österreichischen Handschriften (z. B. der

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Vorauer), sehr leicht mit du = diu verwechselt werden konnte, für welches letztere der Schreiber auch die setzte (vgl. Nib. 764, 4 ß.). Denn im Reime steht 827, 1 die: frii, statt duo: fruo; eine ganz ähnliche Ver- wechslung ist dievon rewe und ruowe 287, 3 und rewen und ruowen 936, 1, durch die Schreibung nhoe, rmoe erklärlich. Ebenso muß die Schreibung leide statt huote 234, 1 durch Ute, hüte erklärt werden ; vgl. oben S. 46. Ich habe daher überall, wo die Hs. die bietet, nicht da, sondern duo geschrie- ben; es wäre sogar vielleicht überall duo, auch für do zu setzen, denn in der Kudrun begegnet kein einziger Reim in 8, während die Nib. du: fro häufig reimen, vgl. 16. 54. 163. 274. 340. 450. 604. 686. 830. 1381. 1444. 1615. 2102. ie steht für ir Kuclr. 10, 1. 1576, 2; ebenso er für ir 190, 1. 284, 4. ewr für iu Kudr. 1244, 4. Nib. 4231. 8274. in statt gein, welche Form dem Schreiber wohl fremd war, 1143, 3. nach für noch 33, 4. 1239, 3. nu statt der Negation en 648, 4, was auch sonst in Hss. des 15. Jahrh. häufig vorkommt. seit statt si (nora. sing, fem ) 986, 4, was wohl durch seu statt siu zu erklären ist.

sich und si werden mehrfach vertauscht; si für sich steht 547, 3. 638, 1. 995, 4. sich für si 872, 1. volgten steht statt vleglen 1017, 2; vgl. 1050, 2. vremde und vreunde (vriunde) werden vertauscht, was auch sonst vorkommt (vgl. meine Deutschen Liederdichter, Anmerk. zu I, 1); freunde statt fremde 313, 3. 1213, 3; am leichtesten erklärlich durch fremide. freunde steht fehlerhaft für freude 314, 3. 550, 4. 707, 2.

waren für tvurren, wenn ich richtig gebessert habe, 1216, 4, erklärt sich durch icrren. Endlich noch si muosten 749, 1 statt sin wisten, wie Vollmer richtig geschrieben, in der Hs. stand wohl sinwsten, was sin- müsten ziemlich nahe kommt, schuttens für suochtens 972, 1 , ein auch in den Nib. begegnender Fehler (s. unten die Bemerkung zu dieser Stelle).

Durch mehrere dieser Fehler gewinnen wir ein ungefähres Bild von der Beschaffenheit und Schreibart der Vorlage; dieselbe hatte iu und nach österreichischer Weise eu neben einander, iu war bezeichnet durch iv und iu, aber auch u, letzteres namentlich im Inlaut, eu wohl meist ev; uo durch ü. i, wohl durch keinen Strich darüber bezeichnet, hat sich in alterthümlicher Weise in eltiste (77, 1. 128, 1) 'noch er- halten und stand so auch in fremide statt fremede.

In Bezug auf die Consonanten ist namentlich zu bemerken', ch statt c, k, wahrscheinlich durchgängig; es findet sich bei dem Schreiber allerdings meist k, im Auslaut auch g, aber vereinzelt rechen statt recken 738, 3. sich statt sie (Sieg) 865, 3; der Name der Heldin, der in der Überschrift Chaulrun (d. h. nach gewöhnlicher mhd.JSchreibung

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 49

Kütrün) lautet, wird im Anlaut immer mit ch geschrieben. Im Inlaut findet sich d neben t, ersteres sogar häufiger. Die Form Gudrun ist durch nichts berechtigt; wer so schreibt, darf auch im Nibelungenliede nicht Kriemhilt, sondern muß Griemhilt, Grtmhilt lesen und sprechen. Statt z findet sich noch ein paarmal das in älteren Hss. häufige r, ce statt ze 179, 2. merces statt merzen 1217, 3. mercischen 1216, 4. 1218, 3. Am wichtigsten ist die Verwechselung von z und li (1306, 1); die alterthiimliche Form des z in Hss. des 12. Jahrhunderts glich einem kleinen deutschen fy (vgl. Germania 8, 274) und kommt nur noch am Anfang des 13. Jahrhunderts vor.

Die Schreibart einzelner Worte betreffend, hebe ich hervor du statt Uno, dö, de statt daz, wahrscheinlich siu statt si (ea) , vlec/en statt vlihen. Gefolgert werden muß die alterthiimliche Schreibung frowede statt früude aus 1352, 2, wo die Hs. hat ioas er da schöner frawen schied statt waz er da schamer fromven von ir froweden schiet. Der Schreiber sprang von frowen auf froweden über. Die andern Herausgeber schreiben friunden; es würde dann die ebenfalls alte Form frito enden daraus folgen, die ich gesetzt habe, wo die Hs. freienden hat.

Es ergibt sich mithin als wahrscheinlich , daß die Vorlage spä- testens dem Anfange des 13. Jahrh. angehört haben muß. Wir werden auf diesen Punkt zurückkommen , da er natürlich für die Abfassungs- zeit des Gedichtes sehr bedeutsam ist.

Ungemein häufig erlaubt sich der Schreiber die Worte der Vor- lage umzustellen, wohl nicht mit Absicht, sondern aus Nachlässigkeit und weil er von dem Baue der Verse keinen Begriff hatte. An vielen Stellen ist die Notwendigkeit, die Wortordnung der Hs. zu ändern, schon durch die grammatische Construction und den Sinn geboten. So 164, 1 man do statt des hs. do man; 186, 1 vant man statt man vant; vgl. 161, 4. 167, 4. 180, 2. 208, 2. 231, 1. 265, 1. 280, 3. 283, 3. 297, 1. 353, 3. 372, 3. 401, 4. 406, 2. 524, 3. 656, 4. 827, 2. 839, 2. 853, 2. 950, 4. 1025, 4. 1175, 4. 1632, 4.

Die Vergleichung des Nibelungentextes d mit den anderen zeigt, daß der Schreiber auch dort häufig umgestellt. Vgl. die Hagen'schen Lesarten zu 1893. 3063. 3182. 3330. 3598. 3797. 3909. 3995. 4073. 4110. 4963. 4974. 5060. 5281. 5443. 5860. 6055. 6535. 7123. 8292. 8335.

Daraus ergibt sich die Berechtigung der Kritik, auch in zahl- reichen anderen Fällen dieses Mittels sich zur Herstellung des Textes zu bedienen, namentlich wird erreicht, daß die bei der Wortstellung der Handschrift entweder zu langen oder zu kurzen, überhaupt oft schlecht gebauten Verse auf ihr richtiges Maß gebracht werden. Für

GEUMANIA X. 4

,-,0 KARL BARTSCH

die am meisten entstellte achte Halbzeile kommt es am häufigsten in An- wendung. Vgl. 31, 4 da mite er siniu erbe | und sich selben solte zieren; der Vers wird richtig, wenn man mite nach solte setzt. 33, 9. man milge mich vil lihte \ nach edeler fürsten site geleren, wenn man nach, das für noch verschrieben ist (vgl. oben) , vor geleren stellt. 74, 3. Hagene solte beltben \ da niht aleine; da ist zur ersten Hebung ohne Senkung untauglich , daher Hagene da beltben \ sohle niht al eine. Der Schreiber schloß sich der in Prosa üblichen Wortstellung an. Vgl. noch folgende Stellen: 4, 4. 80, 4. 95, 4. 129, 4. 137, 4. 148, 4. 157, 2. 182, 4. 199, 2. 203, 3. 207, 2. 218, 4. 255, 4. 261, 1. 4. 280, 4. 284, 4. 298, 4. 304, 4. 310, 3. 339, 4. 340, 4. 346, 4. 387, 4. 388, 4. 389, 2. 391, 2. 399, 3. 400, 1. 422, 4. 426, 3. 444, 2. 452, 3. 458, 3. 472, 3. 501, 3. 527, 2. 548, 2. 571, 1. 579, 2. 4. 583, 1. 605, 4. 683, 3. 694, 1. 696, 4. 710, 1. 714, 4. 719, 4. 779, 2. 790, 4. 835, 2. 841, 3. 854, 3. 4. 876, 3. 941, 3. 1056, 4. 1074, 4. 1083, 4. 1118, 2. 1128, 2. 1155, 4. 1292, 3. 1400, 4. 1432, 4. 1437, 1. 1511, 3. 1565, 4. 1675, 4. Die theils schon von andern, theils erst von mir vorgenommenen Um- stellungen möge man im letzten Abschnitte unserer Abhandlung nachsehen.

Nicht nur innerhalb desselben Verses, sondern auch zwischen mehreren muß solche Veränderung der Wortfolge vorgenommen werden, zum Theil wieder aus bloßer Rücksicht auf den Sinn und die Con- struetion, wie 304, 1. 2 mit der gäbe Horant du ze hove reit und holt der starke, dem künige icart geseit; da steht in der Hs. in der zweiten Zeile vor dem. Vgl. 1073, 3. 4. Zum Theil und häufiger aus metri- schen Gründen, wie 64, 1. 2. sie begunden sagen \ hohe danken alle; die Hs. hat alle vor sagen , und ze danken. 268, 3. 4. er machte manigen man \ vil gar vnmüezic; vil steht vor manigen. Vgl. noch 145, 3. 4. 432, 3. 4. 762, 2. 3. 848, 2. 3. 851, 3. 4. 1066, 3. 4. Auch über drei Zeilen erstreckt sich die Vertauschung: wie 736, 2 ob sie helde hosten; beide fehlt und steht 736, 4 überflüssig (helde?/). Noch weiter geht die Versetzung 309, 4, wo das dem Verse fehlende wol nach 308, 4 ge- rathen zu sein scheint.

Wir gelangen zu Zusätzen und Weglassungen. Die ersteren ver- rathen sich meist schon durch ihre Ungeschicktheit, durch die Ver- stöße gegen das Metrnm u. s. w. Manchmal sind sie auch bloße Schreib- fehler, die der Schreiber nachher auszustreichen vergaß ; so 978, 2, wo der Schreiber nach vnmute noch einschiebt vil manige herzen laid , in dem er von vnmute auf vnsteete 979, 2 übersprang. Ähnlich verhält es sich mit 1122, 3 daz ez wart jenen sweere (: tewre) , die Hs. hat

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noch laid vor siccere ; vielleicht stand hier laid als Erklärung zu swcere am Rande und gerieth erst durch den Schreiber in den Text (s. nachher).

Auf Zusätze des innern Reimes wegen werden wir später zu sprechen kommen; hier will ich auf eine andere Art von Einschie- bungen aufmerksam machen. Wo nämlich das Subject oder Object nicht gleich in derselben Zeile steht, setzt die Hs. oft ein überflüßiges Pronomen personale. Solche Andeutung des Subjectes oder Objectes durch das vorausgeschickte Pronomen begegnet allerdings bei mhd. Dichtern (vgl. zu Stricker's Karl 4124); aber hier verräth sie sich durch den Versbau fast immer als unecht und vom Schreiber herrüh- rend. So 224, 2 mit tumplichen witzen begunden reden sit von edeler frouwen minnen Horant unde Fruote: Hs. begundens. 573, 3 daz niht an erben ivceren \ laut unde bürge; die Hs. hat daz sy nicht.

755, 3 daz er an urliuge ze lande wolde bringen \ die schcenen junc- fromcen ; die Hs. daz er sy.

803, 3. do man über lant \ mit der Hilden tohter fuorte ir ingesinde; die Hs. man sy.

1015, 1. wie mähte ich ziehen baz \ die. Hetelen tohter; die Hs. ich sy.

1021, 1. siu leiste güetUchen allez daz man hiez \ tuon die mag et edele ; die Hs. man sy.

1101, 3. roie sie der tool gedienden, des vlizzen sich durch ere \ die helde, Hs. vlissen sy sich.

1125, 1. die sluogen iif den st \ daz edele ingesinde; Hs. slügens.

1410, 2. einander sach man wem \ mit hurte tiefer wunden die guoten ritter sere; Hs. man si.

Einmal sogar in derselben Zeile: 1178, 4. daz du üzer sorgen | leesest mich vil armen hüni ginne; die Hs. du mich ans und nochmals mich nach lassest. Ich habe daher auch bnien 834, 3 statt puten sy ge- schrieben, und 1290, 2 dir gestrichen, wenngleich hier der Fall insofern anders ist, als kein Dativ mehr folgt.

Die Richtigkeit der Beobachtung bestätigt das Nibelungenlied, indem 4723. 4863. 5566. 6037 und öfter die IIs. ein solches überflüßiges Pronomen hat.

Wiederum anderer Art scheinen manche zugesetzte Worte, die ich als Glossen betrachte, die ursprünglich am Rande standen und dann in den Text kamen. Der Art ist das oben bemerkte laid 1122, 3. Gewöhnlich hat der Schreiber noch ein oder das andere Flickwort hinzu- gefügt; ich citiere die folgenden Stellen nach Hagens Verszählung, und klammere die hinzugefügten Worte ein.

1149. so daz mohte [sein vnde] ivesen; sein hatte als Glosse von

4 *

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wesen ein späterer an den Rand der alten Handschrift geschrieben, der Schreiber nahm es mit einem beigefügten und in den Text auf. Diese Glossen sind wohl nicht viel früher als die uns erhaltene Abschrift der Vorlage anzusetzen.

2110. die der ncete [und des Streites] nimmermer gcdähten. Am Rande stand des Streites als Erklärung zu der ncete. 2228. da mohten die schcenen [fraicen],

2655. fragen sie begunden [ir tochter] nach rate slner man; ir tochter war Glosse von sie, die Aufnahme derselben führte die Ver- änderung von begunde in begunden mit sich.

2774. da keime verlassen; der Vers verlangt nur verldzen ; da heime ist wieder Glosse.

3386. und wolden an in rechen [ir schaden und] ir anden. 3818. wir sin [ Ormanie] der Hartmuotes bürge nähen. 4046. damweh diente da alles das arme ynngesinde vnde xoaysen. Der Vers verlangt dannoch dienden allez da die weisen; es stand also daz arme ingesinde als Erklärung von weisen am Rande und ward wieder in den Text mit einem unde aufgenommen.

4210. daz siu mir sus nimmer [anders] getaete; anders ist Glosse zu sus.

4384. daz man nach Chaudrünen Orhceinen sande ; schon Hagen

hat richtig bruoder ergänzt; am Rande stand dabei Orhceinen, das nahm

der Schreiber in den Text auf, ließ aber dabei aus Versehen bruoder weg.

4440. daz den guoten helden \ die [staine] magnSten niht geschaden

künden.

4935. sd wäre in [ofte und] dicke geschehen leider. 4990. so bin ich [Herwig] genant.

5131. do hiez si uz ziunen brechen unde [aus dornen] besemen binden; die eingeklammerten Worte sind Glosse zu xlz ziunen, wofür der Schreiber falsch schrieb aus ziehen.

5319. uz der [fraicen] kemenäten.

5539. mit [ pogen und mit ] armbrusten heizet | uz den venstern schiezen.

5620. sam er mit siner hende \ an uns icelle erdienen [ vnd erzwingen ] ein küniertche ; lies erdienen welle.

5661. mit den Holzsaizen [leute] manigen ersluöc. 6248. driu tüsent unde mere : sie klagten ir friunde [haymlich] he- sunder; haymlich ist Glosse zu besunder, wenn auch keine richtige.

6488. du hast mit ir wunne, solt sy dir werden zefrawen vnndertan; nach meiner Verbesserung, solde siu dir werden \ ze fronwen, du hast

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mit ir loüune, ist ein anderer Fall, hier liegt der Fehler der Hs. schon in der vorhergehenden Zeile, geican statt gewänne, und dies veranlasste die Umstellung und die Ergänzung undertdn in der folgenden.

Verschrieben hatte sich der Schreiber 2426 nicht enwcere statt nicht verjcehe (: smcehe) ; er schrieb daher nicht enwäre noch veriähe, um nicht ausstreichen zu müßen. Fehlerhafte Wiederholung durch Verirren in eine andere Zeile 132 noch edlen fursten in das landt, weil 131 (fehlerhaft) stand nach edler fursten site. 4448 der kan euch \_nach ereii\ das feste icol geleren, aus 4447 des loa ich euch nach eren. 5980 do muesset auch seinen helden [her/ dem kunige] misselingen, aus 5981 da meng man bey dem kunige.

Schwieriger als die Zusätze sind die Auslassungen, d. h. für den Herausgeber die Ergänzungen, weil für diese sich so bestimmte Regeln nicht geben lassen. Es können unverständliche Worte ausgelassen worden sein, wie sie anderwärts entstellt wurden; aber das reicht nicht aus, alle Fälle zu erklären. Der Sinn verlangt ebenso wie das Metrum eine Menge von Ergänzungen. Die Vergleichung des Nibelungentextes bestätigt, daß der Schreiber größere und kleinere Lücken verschuldete. Wir gehen von den dem Sinne durchaus nothwendigen Ergänzungen aus; sie sind meist schon von Hagen beigefügt worden. Pronomina fehlen am häufigsten. Die Personalia ich 656, 3. 1088, 2. uns 549, 2 nach dem ähnlich aussehenden man. du 129, 3. ir 368, 2. iu 1035, 4. er 65, 1. 84, 2. 217, 2. 397, 1. 415, 3. 901, 2. si (nom. fem.) 970, 3. 1007, 2. 1643, 3. im 206, 3. ir 1039, 2. si (eam) 1228, 1. man 267, 2. 605, 2. 617, 4. 899, 2. 913, 3. 1304, 3. mauz 352, 4 vor dem ähnlich geschriebenen uns.

Artikel: der 969, 3. dem 205, 2. die 1367, 2. ein 1368, 1. 1424, 2. Possessivum: stner 220, 3. Präposition: von 362, 2. 516, 3. 634, 1. 910, 1. 981, 3. 1643, 4. Conjunction : und 173, 2.

Aber auch Substantiva und Verba lässt die Handschrift aus. So fehlt heim 43, 2. heideu 705, 1. fride 826, 2. strite 830, 4. morgen 1349, 4. roup 1562, 2. Verba: iceseu 740, 4. ist 617, 2. was 623, 1. hete 901, 3. suln 543, 2. mac 662, 4. mühte 802, 3. torste 1492, 4. gie, vor gezogai- liche 947, 2. hörte 1130, 1.

Namen fehlen, die vielleicht in der Vorlage zum Theil nur durch Anfangsbuchstaben bezeichnet waren und daher leicht übersehen werden konnten. So fehlt Ilagene 91, 4. 125, 3. Geren 212, 3. Wate unde Fruote 490, 4. Sijrit 718, 2. Uetelen 810, 3. KudrÜn 1023, 3. 1046, 4. Tene 247, 1. von Jenen 245, 2. 747, 4. 875, 4.

Andere Auslassungen erklären sich auf graphischem Wege durch

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die Ähnlichkeit eines vorangegangenen, auch folgenden, überhaupt in der Nähe stehenden Wortes. So fehlt ein nach färsten 32, 1. vroicen vor Uoten 46, 4; wahrscheinlich war vwen nnd vten geschrieben; frouwen ist auch 211, 2 ausgelassen, nach ir willen vor nähen 96, 4, wegen der Ähnlichkeit von nach und nähen, in nach in 188, 4. 357, 2; in nach im 191, 1; nach ich 1465, 4. ir nach er 194, 4. w- nach tu (iv) 1576, 4. tu nach ich 1463, 4, wie Nib. 4835 iuch nach tcA. Umgekehrt ich vor tu 656, 3. iu nach dtu 680, 2. so nach st (fem. sing.) 200, 3, wahrscheinlich durch sv (du) zu erklären und daher eine Bestätigung für die von mir gewählte Schreibung siu, ebenso 215, 1. so fehlt aber auch nach si (eas) 117, 3. an zwei Stellen 200, 3. 215, 1 vor schcene, und der gleiche Anlaut s kann den Ausfall bewirkt haben, denn so fehlt auch vor seine 1189, 2; vor sprach 1349, 2; vor sol 251, 4. er jach fehlt vor er nam (statt er nceme) 200, 4; der Schreiber sprang von dem einen er auf das andere über, zuo vor ze fehlt 258, 2. »t7 vor vlizeclichen 299, 4 ; vor willecliche 538, 4. ron fehlt nach von 373, 2. Nib. 4623. hi ir vor in ir 391, 4. mere nach nimmer 421, 4. tu vor iuwer 436, 2. 1044, 4. reu nach mir 457, 2. reoeA tr nach tr 485, 4. /et'dm mare, wahrscheinlich mere mere geschrieben, nach mere 532, 4. vor das 638, 4. vroice nach imt-e 684, 4. &s z'r nach ir 761, 4. mii wj nach Ilartmüte 835, 4. aoer nach oder 839, 4. 1155, 2. da nach sande 871, 4. daz mare Zi«o vor daz man 932, 1, 2. mir vor mtre 941, 4. 1249, 3. dich nach zc/t 1175, 3. in der xoerlde vor inder 1502, 4; vgl. 1497, 4. von ir vroiceden nach vroicen 1352, 2. fcüeree der nach der 1492, 2. an ein permint nach pensei 1601, 4. m'e vor ?/?er 1328, 4. z'r vor te 1382, 4. j'm nach m^ 1453, 4. Am nach m 1573, 2. vor tV vor vroicen 1573, 4. ei nach lät 1597, 1. t'A< nach ichz 1633, 4. wow den nach den 1682, 1. Ä«t»i nach im 1691, 4. nach Nib. 4293.

Unter diesen sind manche Ergänzungen, die ebenfalls dem Sinne nach noth wendig sind; die meisten aber erfordert das Metrum. Aus metrischer Rücksicht sind auch die folgenden von mir vorgenommen, die zum großen Theil Parallelen aus den Nib. haben. Pronomina sind auch hier sehr häufig, vor allem der Artikel in zweifacher Verwendung :

1. vor dem Pronomen possess. Nib. 599. 1252. 2664. 3012. 3318. 3371. 3607. 3615. 3619. 3631. 3643. 3755. 3911. 4107. 4118. 4120. 4155. 4220. 4296. 4600. 4799. 4904. 4921. 4936. 5052 etc. Kudr. 28, 4. 31, 3. 34, 3. 58, 2. 131, 4. 143, 4. 348, 3. 863, 4 etc.

2. als demonstrat. einen Begriff nochmals aufnehmend, wie 129, 3 min vater der hiez Sigehant; der fehlt Hs. Unter den Nib. Hss. lässt sich am meisten A den gleichen Fehler zu Schulden kommen. Un-

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sere Hs. lässt das Pronomen aus Nib. 78. 233. 899. 1112. 1129. 1865. 1866. 1873. 1875. 1923. 2166. 2677. 3022. 3072 u. s. w. Kudrun 124, 3. 265, 3. 322, 1. 580, 1. 588, 3. 730, 1. 840, 1. 894, 4. 898, 3.

Der Artikel fehlt auch sonst, geslagen vil schedeliche wunden 221, 4 statt vil der schedelichen wunden, ivie künic Hetele statt wie der künic H. 4'20, 4, und so häufig vor künic, herre, frouwe ; in Halbzeilen wie sprach diu frowe Küdrün etc., wo die Hs. meist hat sprach fraiv K. Der gleiche Fall im Nib., wo auch A den Artikel oft weglässt. Nib. 1264 gie der künec Günther; d lässt der aus. den sach der herre Sifrit 743, d liest den sach her Sifrit. Vgl. noch Nib. 543. 2000. 3781. 4124. 4187. 4706. 5470. 5772. 6041. 7467. 8260, letztere Stelle dem in der Kudr. begegnenden Ausdrucke von den Stürmen ganz gleich- stehend , wofür die Hs. meist hat von Stürmen.

Andere Pronomina: du 743, 4. ir beim Imperativ 405, 4. Nib. 7131. in N. 3096. er N. 2712. im Kudr. 209, 1. Nib. 6326. ir (dat. fem.) Kudr. 1040, 1. in Nib. 3157. ir (gen. plur.), namentlich partitiver, 762. 3151. Kudr. 40, 4. 69, 3. 105, 4. 145, 2 etc. sinem Nib. 4058. täten 4097. deheinen 6822.

Partikeln: al: solh statt alsolh Nib. 3478; vgl. Kudr. 82, 3, des statt al des.

beide in der Bedeutung sowohl', mit folgendem und: Kudr. 132, 4. 369, 4. 514, 4. 694, 4. 983, 4. 999, 4. 1307, 4. 1631, 4.

U 89, 4.

da 204, 1. Nib. 1560. 1930. 3574. 5254. 5533. 8630. Vielleicht wäre auch in der K. noch häufiger ein da zu ergänzen, ebenso Kudr. 139, 4 etc. Nib. 1868. 2020. 3863. 4129. 6053. 6545. 6977. 7692. 8346. dar Kudr. 155, 1. 191, 1. dun Nib. 2524. dannoch Kudr. 302,3. 698, 3. 850, 4. 891, 3. 1504, 4. 1547, 4. noch Nib. 560. 1200.

deste Kudr. 203, 4. doch Nib. 1872. Kudr. 120, 4.

en in beschränkenden Sätzen mit dem Conjunctiv und sonst : Kudr. 210, 3. 213, 4. 272, 4. 288, 4. 370, 3. 379, 4. 390, 3. 394, 2. 400, 1. 419, 4. 421, 4. 455, 3. 463, 1. 575, 4. 620, 4. 683, 2. 872, 4. 893, 3. 1044, 2 etc. Auch in Nib. häufig.

et Kudr. 1539, 4. Nib. 7182.

gerne 1023, 4. Nib. 7732. gerner Kudr. 343, 4.

gröze Nib. 4681.

harte Kudr. 42, 4. 69, 4. 126, 4. 322, 4. 375, 4. 458, 4. 510, 4. 698, 4. 710, 2. 979, 4. 1034, 4. 1129, 4. 1252, 2. 1399, 4. 1513, 4. 1607, 4. Nib. 1776, wo harte auch in A fehlt. 2512. 6729. harte scre habe ich ergänzt 79, 4; vgl. sere.

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hie 1512, 4. 1520, 4. 124, 4.

hin, namentlich vor engegene 219, 3. 468, 1. Nib. 6276. Vgl. noch Kndr. 1186, 1.

hinnen 1090, 4. 1255, 4.

ie Nib. 3971. 4151. mite Kudr. 1129,3. nider Nib. 3911. wie 5118.

nu Kudr. 220, 4. Nib. 2005. 6009.

oach Kudr. 498, 1. 773, 4. 840, 4. 1430, 1. Nib. 188, wo auch in A ouch fehlt. 467. 1638. 2154. 2236. 2851. 2899. 2930. 3031. 3391. 3728. 5522. 7740.

rehte Nib. 4970. schiere Kudr. 43, 2. 1611, 4. 1642, 2. Nib. 920; vgl. halde Nib. 2177.

sere Kudr. 222, 4. 887, 4.

so, nach swes 291, 2. 1294, 2; nach swa 668, 2. 672, 1. 1298, 3. Vgl. Nib. 19. 415. 2992. 3228.

üf Kudr. 87, 3. vor Nib. 1784. ze 2508.

vil Kudr. 25, 4. 241, 4. 586, 2. 685, 1. 704, 4. 732, 3. 788, 3. 840, 1. 841, 4. 1531, 4. Nib. 8. 933. 1272. 1756. 1834. 2288. 3836. 4956. 5188. 6069. 6094. 6248. 6412. 7254. 7518. tool Nib. 2109. 3344. 6404.

Substantiva sind zu ergänzen: degen Kudr. 256, 1. 907, 1. 911, 1. künie 303, 4. 418, 4. Nib. 4662. mcere 348, 1. herre 615, 4. Nib. 4549. recke 639, 1. 919, 2. 1107, 4. 1393, 4. 1395, 4. 1483, 4. twdle 655, 4. 697, 3. stücken 757, 3. lande 844, 4. kocken 1072, 3. goume 1316, 3. froun Nib. 5404. teil 6406. 6^e 8296. Auch hier sind viele dem Sinne nach schon nothwendig.

Adjectiva: holn 74, 4. meerer 185, 4. weehe 530, 4. &e6e 678, 2. michel 843, 1. riehen 1115, 4. eilenden 1251, 4. Vgl. starke Nib. 3020. grozen 1040. 3892. 4788. </uo* 4224. 4374. 5776. scheene 46S2. 5324. lieber 6290. arme 6329. meiste 6743. werte 8433. a//e 4981. 5408.

Verba : rief Nib. 4061. gräezen 8613.

Nicht nur einzelne, sondern auch mehrere Worte nach einander werden vom Schreiber ausgelassen; Beispiele bieten schon einige der graphisch zu erklärenden Lücken. Vgl. noch 86, 4. 277, 3. 717, 4. 814, 4. 823, 4. 855, 4. 878, 4. 886, 4. 896, 4. 1066, 4. 1075, 4. 1083, 2. 1099, 4. 1102, I. 1105, 3. 1158, 4. 1167, 3. 1195, 4. 1264, 2. 1307, 3. 1485, 4. 1515, 4. 1614, 4. 1636, 4. Nib. 3133. 3472. 6086. Am meisten ist, wie man sieht, die letzte Zeile der Strophe der Entstellung aus- gesetzt gewesen; das ist natürlich, dem Schreiber war ihre die andern

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 57

Verse überragende Länge auffallend. Er ließ daher meist in der zweiten Hälfte, nach der Cäsur, etwas weg; mitunter aber auch die vordere Halbzeile, so 228, 4. 240, 4. 313, 4. 669, 4. 942, 4; 477, 4 lautet die vordere Halbzeile nur geloube. Die vierte Halbzeile ausgelassen 294, 2, graphisch leicht zu erklären (s. unten die Bemerkung zu der Stelle). Mehrmals hat der Schreiber eine ganze Zeile seiner Vorlage über- sprungen. So 1, 2, wo ich mir die Vorlage so geschrieben denke, z wühs in irlande. ein ri- cher chunic her. geheizen was er Sigebant. sin uater der hiez Ger. sin müter dv hiez vte. vnd was ein Die ersten Zeilen waren kürzer wegen der Initiale E, die am Beginn des Gedichtes größer war als sonst; der Schreiber übersprang die dritte Zeile. Derselbe Fall ist 341, 1. 2; hier stand in der Vorlage Si enphieng in aller erste, ja were ir lihte leit. ob sv in chussen solde. sin Den Unterschied in der Länge der Zeilen machte nicht die Initiale allein aus, sondern es war, wie man in den Hss. so häufig findet, der Schluß der vorigen Strophe auf derselben Zeile wie der Anfang der nächsten, also etwa

Si enphieng in aller erste, ja [chuniginne.

Es ergibt sich aus diesen Fehlern, daß die Hs. wie die älteren Nibelungenhandschriften fortlaufend wie Prosa geschrieben war, wie noch die Ambraser Hs. selbst geschrieben ist. Darauf weisen auch die Fehler in 932, 1. 2. 951, 2. 3.

Die sehr häufigen Reime des Originals, in welchen bei klingen- dem Ausgang die zweite Silbe des einen Keimwortes auf e, die des andern auf eii ausgeht, hat der Schreiber fast immer durch ein dem e angehängtes n auszugleichen gesucht, auch wo die grammatische Form des Mhd. dagegen streitet. So 87, 3 üf des meres sträze (acc. sing., : läzen), die Hs. schreibt str<issen; den Ivft und ouch die sunne (: gunneri) 95, 3, Hs. sunnen ; der edelen küniginne ('.sinnen) 152, 3. lobeten höch- zite (: riten) 35, 3, wo man aber auch mit der Hs. Mchziten als infin. schreiben kann; ebenso 666, 3 michel arbeite (: bereiten), könnte ar- beiten sein, die Ilartmnotes mdge (: betragen) 602, 3, Hs. mayen. aller sin gedinge (: dringen) 646, 4, Hs. gedingen. Vgl. noch 294, 3. 300, 3. 635, 3. 706, 3. 709, 4. 712, 3. 737, 3. 758, 4. 783, 4. 799, 4. 823, 3. 827, 3. 834, 4. 855, 4. 882, 4. 952, 4. 989, 3. 1010, 3. 1015, 4. 1037, 3. 1209, 4. 1241, 3. 1245, 4. 1373, 3. 1398, 3. 1469,3. 1481,3. 1525, 4.

58 KARL BARTSCH

1562, 4. 1587, 4. 1598, 3. 1646, 3. 1673, 3. Manche Stellen können schwankend sein, wie 294, 3. 300, 3, aber sie werden nach Maßgabe der sichern Fälle behandelt werden dürfen.

Seltener ist das umgekehrte der Fall, daß dem Reimworte auf en sein n genommen wird; so kröne : töne 17, 3. statt kröne : lö)t,en ; manne (statt mannen) : danne 256, 3. Teneriche : gemelltchen 354, 3; die Hs. gämliche. Vgl. noch 697, 4. 732, 4. 739, 4. 1113,4. 1311, 3. 1556, 3.

Mitunter aber ändert der Schreiber auch etwas stärker, um das missliebige n zu beseitigen. Namentlich setzt er häufig den Singular statt des Plural, seltener das umgekehrte. So schreibt er vierdhalben meilen (: eilen) statt vierdehalber mtle (: ilen) 10, 4. mit grozer vre (: mere) statt mit grözen eren 207, 4, denn der Plural, ist mhd. das übliche, ebenso nach grozer einer ere (: mere) 456, 3 statt des Pluralis; auch 204, 3 lies nach eren (: here) statt ere. Ferner steht in den seiden (.- helden) statt in der selde (: helden) 345 , 3. ein helt ze sinen handen 475 , 4 (: lande). 1433, 4 (: sande) hat Vollmer richtig geschrieben, der Plural ist durchaus das herrschende; kommt auch der Sing, ze siner hande zuweilen vor, so wird man doch in der Kudrun, gestützt auf die zahl- reichen andern Stellen, den Plural setzen dürfen, der sich auch in der Hs. findet, vgl. 20, 4. 185, 4. 348, 4. mit grözem la&sleine (: kleine) statt mit grözen lassteinen 790, 4. Vgl. noch 832, 3. 957, 4. 992, 1. 1005, 4. 1027, 4. 1028, 3. 1053, 3. 1070, 4. 1160, 4. 1181, 4. 1239, 3.

Noch stärkere Änderungen des Schreibers finden sich an folgen- den Stellen. Er umschreibt das Verbum durch ein Hilfsverbum mit dem Infin.; so 242, 4 daz ich dir die schämen Hilden müge bringen statt daz ich dir die schcenen Hilden bringe (: gedingen). 1088, 4 swie joch minen recken da gelinge (: bringen); die Hs. wie yedoch m. r. müge da gelingen. 1629, 4 da mite er mine mäge \ unde mich ze friunde gewinne (: minnen); die Hs. müge gewinnen. Ebenso wird künnen verwendet; 893, 4 ob ichz kan gef Hegen \ daz ich iach von hinnen also britige (: Hege- lingen); die Hs. künne bringe/t. müezen: 993, 4 daz siu sich ir höcliverle mdze (: läzen), Hs. höchvart müeze mäzen. wellen: 959, 4 den lip wil ich Verliesen , e ich in ze friunde gewinne (: miimen), Hs. wolle gewinnen. 1039, 3 min houbet ich ir neige (: eigen), Hs. roil ich ir neigen. Umge- kehrt steht daz ich iuch immer gerne minne (: küniginne) 1031, 4 statt welle minnen. Andere Fälle sind: daz ich iuch läz-e (: sträze) 408, 4 statt des sinngemäßen daz wir iuch läzen. maneger wart da junden, der

gedähte ( : brähten) 527, 4 ; die Hs. manige wurden da funden , die

geddhten. ich wil daz ich Harlmuoten dicke bi ir froelichen vinde (: ingesinde) 970, 4 statt ich wil Harlmuoten. . .vinden. Idt mich mit ir

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 59

waschen, lät uns übele oder icol gelingen (: volbringen) 1062, 4; das dop- pelte lät ist so ungeschickt wie möglich, es hieß ob uns. ..gelinge oder statt ob vielleicht sicie. allen meiden tuot ez ze eren (: keren) 1214, 3 statt durch aller meide ere. Auch hier liegt an allen Stellen nicht zwin- gende Notwendigkeit vor; aber diese Art der Abänderung erweist sich als ein so bestimmter Charakterzug des Schreibers, daß auch an zweifelhaften Stellen die Annahme einer solchen wenigstens in hohem Grade wahrscheinlich wird.

Damit wären unsere Bemerkungen über das Verfahren des Schrei- bers erschöpft. Daß das hier angeführte erst diesem, nicht der Vor- lage zukommt, ist mit Bestimmtheit anzunehmen, denn die Vorlage war eine alte und allem Anschein nach mit Sorgfalt geschriebene Handschrift.

IL

Wir wenden uns zur Darstellung des Metrischen , das für die Kritik von hoher Bedeutung ist; namentlich einer so jungen Hand- schrift gegenüber kann oft nur das Metrum den Ausschlag geben. In den hierbei von mir befolgten Grundsätzen (und sie finden nicht auf die Kudrun allein Anwendung) bin ich von dem Verfahren der bisherigen Herausgeber vielfach abgewichen. Der metrische Gebrauch der Kudrun ist auf der einen Seite enger, in andern Stücken gestattet er größere Freiheit als man bisher annahm. Sie zusammenfassend voranzustellen, räth die Rücksicht auf methodisches Verfahren, das an einer einzelnen Stelle nicht so überzeugend dargestellt werden kann als im Zusammenhange mit verwandten Erscheinungen.

Das Verhältniss von Hebungen und Senkungen ist in der Kudrun mit äußerster Sorgfalt behandelt. Zweisilbige Senkungen werden gar nicht geduldet, wohl aber gestattet der Dichter sich unter gewissen Bedingungen Kürzungen, die die Zweisilbigkeit vermeiden.

Durch Apokope werden gekürzt 1. Substantiva; starke masc. und neutr. im Dativ, singul. ; mit bühurt wart 14, 1 sagen wohl alle Dichter. laut steht als Dativ oft im Reime, im Verse 1435, 4. Ebenso mit Un- gemach genesen 287, 4. in dem strit gelungen 511, 4. in einem kiel bi Fruoten 1183, 3. sit duz bi Krist gebiutest 1179, 4; noch stärker in dinem dienst 243, 4. Ob aber erlaubt ist, auch beim Eigennamen Ger dem riehen künige 2, 1 bezweifle ich ; ich habe geschrieben Gtre dem riehen knuige mit schwebender Betonung im Anfang des Verses Gere. Im Plural

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KARL BARTSCH

gekürzt wird friunt 1357, 4. 1384, 4- Im Gen plur. steht lernt als 1 fei in 21, 3.

Pronomina. Unbedenklich werden die Formen mine, dine, sine, eine auch vor üonsonanten verkürzt, min bärge 661, 3. min triuwe 1281, 4. mihfrouwen 1434, 3. diu bärge 816, 2. din Liebe 401, 3. diu mdge 1015, 4. auch din vuvre statt dwww mcere 1290, 2. sm wiogre 8, 4. 18, 4.

1675, 1. sin site 329, 2. sin tohter 560, 3. auch sin lant statt s«u /cmi 731, 4. ein spise 250, 1. ein veste 719, 3. ein meisterinne 1223, 3. <?m hätten 1662, 2. <?m wu 1588, 4. Ich reihe hier auch gleich die syn- copierten Formen an: »uns gemaches 246, 4. mins herren 396, 4. suis willen 626, 4. ««js guoten loillen 769, 4. «ms landes 792, 2. ö'?ms herzen 1440, 4. «ms äbermuotes 1596, 3. «eres ta^es 631, 2. eins färsten 1008, 1 ; daher auch Ortwins 1426, 1 erlaubt sein wird. Im Dativ ist mim nur am Anlange nachweislich mim sune 1364, 3, und nach der Cäsur, was dem Anfange gleich steht, sim vater 178, 1 ; ebenso z'eim eltchen leibe 1043, 3.

Besonders zu betrachten sind die Wörter geselle und gesinde, weil vor ihnen auch stärkere Syncope des Possess. eintritt. Daher nicht nur sin gesellen statt sine 219, 2. 443, 3, sondern auch sin statt sinen gesellen 876, 2. sim gesinde 454, 2. 826, 3, 1135, 2. mim gesinde 1054, 3.

Das Demonstr. dirre hat im Neutr. die zweisilbige Form ditze, nicht ditz. Vgl. ditze starke vuvre 428, 1; und 148, 1. 523,3. 1249,3. ditz gcwant 1267, 2 wäre daher wohl besser ditze gwant zu schreiben (s. S. 63). Zu bessern waren 879, 1. 1061, 1.

Das Indifinitivum dehein erfahrt vorn eine Kürzung in der Form kein, die neben der unzweifelhaft zweisilbigen durch folgende Stellen belegt ist 244, 4. 300, 3. 770, 4. 1054, 4. 1183, 4. 1457, 4. 1486, 4,

1676, 2. 1698, 4. Unerlaubt ist al zit 1051, 4 statt alle zit. Adverbia verlieren nur durch Fehler der Hs. ihr e; unrichtig ist

also vil litt man da vernam 49, 1, sondern da ist zu tilgen. Ebenso waren liht 555, 3 reht 1018, 3 nicht zu dulden.

Von zweisilbigen Präpositionen wird gekürzt äne, an michel un- gemüete 1699, 4, wo auch äne stehen könnte; aber auch in letzter Sen- kung an not 959, 1, und vielleicht auch 146, 1, wenn man nicht, wie ich gethan , mich streicht. Der gleiche Anlaut n erleichtert die Apo- kope. Sodann umbe in umb oder um, ümb froun Süden 225, 3. ümb sie striten 252, 2; ümb dich 1481, 4; auch in vorletzter Hebung: ümb duz kint 659, 1. In der Senkung: umb Ilägenen 252, 2. umb dise 1010, 1.

Conjunctionen. Von Conjunctionen daune in dann oder dan 964, 4. 1223, 2. 1247, 4. 1514, 4. wände, das auch vorkommt, in ivant oder

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 61

wan, 9, 4. 137, 2. 137, 4. 277, 4. 310, 4. 318, 4. 344, 2. 364, 3. 710, 4. 1024, 4. 1027, 2 etc. unze (auch als Präposition) in um, in der He- bung unz sie 277, 3. 647, 4. 1106, 4. ünz mir 997, 3; in der Senkung unz ddz 290, 3. unz man 543, 3. 1609, 2. rcrcz imr- 839, 4. unz morgen 1270, 2. unz daz 1594, 4.

Am meisten zu beachten sind die Verba, namentlich die Abwer- fung des e im Präteritum schwacher Verba. Allgemein wird das e ab- geworfen, wenn ein mit einem d beginnendes Wort folgt. Demnach habt' der 70, 4. kort die 92, 4. zürnt der 144, 4. hört der 373, 1. hört da 895, 1. hört diu 589, 3. hört den 649, 1. 927, 3. rcirco£ c/ae 106, 3. wolt diu 125, 3. ?t>oft 903, 1. ■wo/f/f der 150, 2. vo/<^ de.? 1607, 1. sagt die 172, 4. sagt daz 391, 3. saai den 406, 4. saa« der 1358, 2. wer^ daz 290, 3. lobt der 338, 1. lobt diu 561, 1. »wö/d den 861, 4. mtfA* daz 941, 1. mäht der 1018, 4. moÄ/ am 442, 4. mohi den 706, 4. 783, 2. wo/i« der 875, 1. buozt der 472, 4. rwo/Z 488, 1. 858, 1. 1431, 1. 1489, 2. 1490, 2. beweint diu 504, 4, M?a#e£ de?- 515, 1. verendet der 669, 4. soft daz 741, 4. mm»?£ dm 766, 4. /raa£ dirc 767, 4. rumt daz 799, 2. /ft diu 802, 2. Haa/e^ dr? 901, 4. £%e« dm 1262, 1. kust des 977, 4. kust diu 1584, 1. mao.s^ den 1008, 2. grceft 1057, 4. Anders ist rwo/i trüreclichen 521, 1, weil hier ruo/t in der Senkung steht. die da sant dm meit 690, 1 könnte auch heißen die da sdnde diu meit. Zweifelhafter scheint es, wenn d die stehende Form im Präteritum ist, wie in begunde, künde, daher wohl kaum begund dem 748, 4, sondern began dem; kund des 1444, 3, besser kundes.

Der zweite Fall, wo e allgemein abgeworfen wird, ist bei nach- folgendem Pron. person. So bei sie: düht sie 644, 4. redet siu 658, 4. gdlit siu 1361, 3. sich: wert sich 516, 2. 1427, 4. iväfent sich 1377, 1. fuogt sich 1666, 3. Am häufigsten bei man: muost man 38, 2. hört man 53, 1. 166, 4. 201, 4. 496, 1. 526, 2. 1117, 4. 1401, 4. 1466, 4. 1572, 2, einmal auch hört man betont 915, 1. bräht man 114, 1. 692,4. 933, 1; auch bräht man 1236, 3. lobt man 342, 4. 578, 4. sagt man 489, 1. 709, 4. 773, 3. dient man 621, 3. vestent man 665, 1. suocht man 1299, 2. «oft wan 1585, 4. wt/ti! rciarc 1666, 4.

Wenn bei der 1. Pers. plural. das n vor folgendem wir abge- worfen wird, darf das vor dem rc stehende e nicht wegfallen; also nicht hört wir, sondern hörte wir 233, 3; ebenso fehlerhaft ist schied wir 488, 4. laz wir 1514, 4.

Präterita in ete, deren erstes e wegen des harten Zusammenstoßes von Consonanten nicht unterdrückt zu werden pflegt, dürfen das letzte e abwerfen, ohne Rücksicht darauf, ob ein Vocal oder Consonant folgt.

62 KARL BARTSCH

Also leidet bi 24, 3 statt leidete^ wenn man nicht leite schreibt, liebet lt 24, 3, und wohl auch geliebet, sich 655, 2. endet sich 663, 1. verendet sich 114, 4. 663, 4. endet in der Cäsur 66, 4; ebenso sich verendet 379, 1. Daß der Dichter endete, nicht ande brauchte, geht aus 663, 4 hervor, wo er sonst den Misslaut vermieden haben würde, trouicet mit 511, 1. trouwet niht 681, 2. 921, 4. 1270, 3. trouwet wol 1230, 4; doch wäre auch troute erlaubt, wie hauten 873, 1. fremdet, sich 611, 4. minnet in der Cäsur 1638, 2; vgl. dagegen minnt 766, 4. salwet gnoter 1669, 3. nähent zuo 1074, 1. bidemet von (oder bidemte) 1216, 3. xoundet Höranden (oder ivunde) 1424, 1. kleidet man 1610, 3. Auch wundert waz 1475, 2.

Ein paarmal wird, wie es scheint, sagte auch außer den erwähn- ten Fällen gekürzt, man saget von ir 580, 4. saget Hordnde 1693, 1; ebenso horte, hört vil 1660, 4. 1668, 4. Dagegen ist ruo/t kaum an- zunehmen, sondern die starke Form rief, vgl. 1139, 1. 1263, 2. Ob mähte vor Consonanten in mäht gekürzt wird, ist zweifelhaft; nach Fällen wie mäht gesin Nib. 6 (vgl. oben) , wo die andern Hss. mähte sin lesen, ist auch mäht geniezen Kudr. 3, 4; mäht gefrouiven 198, 4. 326, 3; mäht gescheiden 649, 3; mäht geslrtten 1445, 3 nicht als rich- tig zu betrachten. Noch weniger mäht sin 367, 3. mäht wohl 869, 4. Ebenso ist falsch im dient wazzer unde lant als zweite Vershälfte 208, 1. er brdht zwei hundert degene 271, 2. beweint vil dicke 1094, 1. fuart wol 1400, 2.

Von andern Verbalformen als schw. präter. bemerke ich wa're, das vor jedem Consonanten in weer verkürzt wird, aber nur in der Hebung; weer daz 370, 2. 1453, 2. weer si 590, 2. weer diu 657, 1. weer der 886, 3. wair gevangen 806, 4. 811, 2. weer zergangen 1476, 3. Ebenso v:cen, ween der 606, 4. 1237, 4. ivcen siz 744, 4, ween si 870, 4. zeee/i dar 1195, 3. ween mir 1323, 4. ween die 1365, 4. 1701, 4. tecen des 1680, 4. wasrc nach 1692, 4.

Endlich föne in der Formel lön dir got 1311, 1. 1703, 4. Im flectierten Infinitiv wird das e abgeworfen in ze sagen statt ze sagene (: tagen) 286, 1; vgl. in der Cäsur müelich ist ze liden 83, 2. Aber nur als Ausnahme; dagegen ze lebene verdriezen 209, 4 etc.

Falsch ist rät dir 149, 2. geeb dir 1290, 2. heer waz 422, 1. Ebenso in Nomin. Hetel statt Iletele 871, 1. ziven. 471, 3. 772, 2.

Die Unterdrückung eines « im Inlaut durch Syncope ist verhältniss- mäßig selten. Unbedenklich ist mins, dins, sins, eins, mim eim (S. 60); ebenso zehn in ahtzehn tagen 37, 1 als Versschluß ; fragte 27, 1. volgte, vlegte 1017, 2. #a/if<? 462, 1. 464, 4 u. s. w. ir tcelt statt ir wellet, was

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KÜDRUN. 63

daneben vorkommt, 78, 2. 652, 4, sogar weit ir 774, 4, wenn es auch nicht im Reime erscheint, wie in den Nibelungen. Dagegen icellen wird nicht in wein gekürzt, fehlerhaft steht wein 1369, 3. 1551, 1. dienest wird zu dienst 243, 4. 1046, 1. dieneste zu dienste 79, 2. 248, 2. 382, 4; neben den volleren Formen dienest in der Cäsur 225, 4. dieneste 83, 4. Sehr häufig ist Ludwiges statt Ludeiviges, aber nur am Anfang des Verses, und nach der Cäsnr, 855, 3. 899, 3. 1394, 3. Ähnlich ist Hiltburge statt Hildebvrge 1680, 2, ebenfalls am Anfang. Der Laut en wird ausgeworfen im Partie, diende statt dienende 1487, 2, was allgemein mhd. ist.

Vereinzelt stehen wärt mir 1509, 4, was vermieden werden könnte, wenn man ungneedie schriebe, und sahn an im 23, 4 nach der Cäsur, wo also auch schwebende Betonung eintreten kann, sähen an im. Mit- hin von derartigen Kürzungen kein sicheres Beispiel, denn sahn in 137, 4 war durch Umstellung in sähen leicht gebessert; ebenso gesähn ein ander 1690, 3. Falsch ist warn 88, 2. 506, 4. 1095, 1. 1216, 4. warn 1534, 3. fuom 667, 2. filern 739, 4. türm 688, 4; ebenso hel/t 417, 3. füert 797, 3. schafft 944, 4. sc/i<??^ 1452, 4. «mfr efer 864, 3.

Die Vorsilbe ge verliert in einigen Fällen ihr e am häufigsten vor w, so in gnäde 259, 2, denn ra/ti genäde ist nicht wahrscheinlich. Daher auch vil gneedeclichen 74, 2, wo man sonst vil streichen könnte, gnuoc 645, 2. 692, 2. #rcwo#e 429, 3. 1143, 2; vgl. auch 356, 2, wo man da streichen dürfte. Nicht gewagt habe ich gnendielichen 243, 4 und lieber die sicher bezeugte Kürzung dienst vorgezogen. Vor w in givalt 474, 2. gwinnen 945, 4 und auch wohl gwant 1267, 2, wenn man nicht ditz schreiben will (vgl. S. 60). 842, 2 habe ich das zweite ir gestrichen und gewant beibehalten.

Vor l gar nicht, denn glichen 988, 4 ist durch Tilgung von icol zu bessern. Auch he verliert seinen Vocal nicht; wolde bliben 121, 2 ist durch Umstellung zu beseitigen, ebenso sohlen bliben 851, 3, wie V. geschrieben hat, nicht zu dulden, die Hs. hat da beleben. Die dritte Stelle 1002, 4 äne blibe fällt durch die Tilgung von ich mit Vollmer.

Noch andere Mittel als Apokope und Syncope gibt es, um zwei- silbige Senkungen zu vermeiden. Bei den Pronom. personal, tritt sehr gewöhnlich Anlehnung ein. Am häufigsten bei ne, vor Vocalen: bräh- tens im 10, 2. 82, 3. sprächens 127, 1. ttildes 253, 3. säzens 337, 1. muostens 380, 3. getrüeges 399, 2. kustes 418, 2. brähtes 425, 1. rnmtens 455, 1. liezens 468, 4. 781, 3. ers 678, 1. soldens 796, 4. komens 897, 1. lüärens 898, 1. klagtens 1069, 3. truogens an am Schluße des Verses 1194, 2.

64 KARL BARTSCH

Vor Consonanten: enpJiiengens minnicltche 79, 1. ers 162, 2. 575, 3. woldes 201, 3. 560, 4. 666, 4. woldens 883, 4. so tos 1336, 2. begnndens 224, 2. begundes 1057, 3. fuortens 282, 1. 1537, 4. möAto 382, 2. 1017, 3. möhtens 1555, 4. sta 426, 4. 984, 1. wirs 1090, 2. waosms 486, 4. 562, 4. wurdens 568, 4. wärens 653, 4. giengens 789, 4. sähens 854, 1. kundens 875, 4. «.»fetes 1240, 4. fundens 1274, 2.

Da die Anlehnung in diesem Falle, namentlich bei vorgehendem Consonanten, etwas hartes hat, so habe ich sie ein paarmal durch Um- stellung vermieden, vgl. 537, 1. 582, 2. 747, 3. 1453, 4. Dies war um so weniger bedenklich, als die Hs. eine fehlerhafte Vorliebe für die Inclination zeigt; so schreibt sie ganz unnöthig des wurdens beraten 104, 3 statt wurden si, ebenso Nib. 6000 sis, wo alle Hss. si si. Fehler- haft ist geradezu ims 583, 4. 589, 4, wo der Vers im si verlangt.

es nach Consonanten: namens war 56, 3. gewannen» künde 79, 2. michs 247, 2; auch des, sis statt sie des 1504, 2.

im, erm statt er im 216, 4. irm 1124, 4. in: enphiengenn 96, I. ern 453, 2.

ez, muostenz 104, 4. hunnenz 286, 1. teildenz 708, 3. s«/te 1345, 4. twVc 148, 3. manz 202, 4. Unnöthig ma«,: statt man ez 700, 4.

Der Artikel wird in verkürzter Form präßgiert, shüniges statt des küniges 821, 2. 884, 1. 1084, 2. cfo: d'andern 824,3. 1474, 3. 1660, 4. d'mfe 1463, 2.

In dem ersten und letzten der hier aufgeführten Fälle findet Eli- sion statt; diese ist natürlich ein ebenso häufiges Mittel zur Entfernung zweisilbiger Senkungen. Die Elision auf der Hebung gewährt keine Schwierigkeit; ich bemerke nur die Elision von u in dny des soltu uns helfen biten 423, 1. In der Senkung werden zweisilbige Worte mit erster Länge in der Regel nur im Auftakt zur Elision verwendet: laeg dl daz Hut tot 62, 3. an angest 283, 1. fuort ir 698, 2. trouw ich 998, 3. 999, 3. wolt er 1226, 4. 1472, 4. 1558, 4. wird ich 1284, 2. 1285, 4. ditz ist 1480, 1. froice ez 1605, 1. In der Mitte des Verses nur an alle sorge 408, 4. muos in 209, 4. stüend ir gedinge 1673, 3, wenn man nicht schreibt dar stüende ir gedinge. Bei vorletzter Kürze dar bl sih ich hern Fruoten 1370, 2. Auffallend ist die Elision bei dem Namen, Wate und der küene Fruote 1544, 4.

Dreisilbige Wörter, deren drittletzte Silbe läng und hochtonig, die mittlere lang und tieftonig ist, die letzte auf ein unbetontes e aus- lautet, elidieren vor einem vocalisch anlautenden Worte dies e. bi vdlande aller künige 516, 1. die baniere allenthalben 830, 1*). wie un gerne

*) In dem Fremdworte wird die erste Silbe als lang betrachtet

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN, 65

ich dich kuste 978, 4. waschende fif dem sande 1060, 4. dntwurie ir 1185, 1. Herwige und 1493, 4. diu triutinne Ortivines 1703, 1.

Dem Beispiele 1544, 4 wo Wate elidiert, steht gegenüber der Fall, daß ein zweisilbiges Wort mit vorletzter Kürze und schließendem e vor folgendem Vocale dies e nicht ausstößt, sondern daß dasselbe die Senkung bildet; der Art ist Wate ünde Hagene 513, 3, wie Nib. 2027, 4 fride ünde süone. Nach der Hs. wäre zu lesen Wate und ouch Hagene, was aber nicht Wate und oüch Hagene betont werden darf. Beide Stellen 513, 3 und 1544, 4 sind sicher gleich zu behandeln; entweder ist der küene, wie Vollmer thut, an letzterer Stelle zu strei- chen, oder an der ersten fehlt ein Adjectiv, etwa Wate und der wilde Hagene oder Wate der aide und Hagene. Erlaubt wäre züge äne vorhte 635, 2; fehlerhaft ime und 773, 4.

Alle zweisilbigen Senkungen, die in den genannten Fällen nicht inbegriffen sind, beruhen auf Fehlern. Der bei andern Dichtern ge- stattete (aber immerhin viel mehr, als man gewöhnlich annimmt, be- schränkte) Gebrauch , daß vor he, ge, ze, ver noch eine auf unbetontes e auslautende Silbe in der Senkung stehen darf, ist für die Kudrun nicht zuzugeben. Also nicht die Hute begunden 53, 2. sere letrouc als Versschluß 71, 2. die vinde begundenz rüeren 701, 2, wo erst der In- reirn des Überarbeiters den Fehler veranlasst hat. Ebenso ist fehler- haft ungemache genesen 287, 4. müeze gewern 409, 2. harte gcioerren 611,4. sa'he gebären 678, 1. mohte genüegen 753, 4. bürge gebrochen 823, 1. slahte gedingen 852, 3. slahte gebresten 1106, 4. herte gemuot 1002, 2. ivelle gesigen 1349, 1. Ferner bei ze, mcere ze 574, 4. beide ze 753, 4, so wie bei ver, schumphentiure verlän 646, 2. Keime verläzen 693, 4. Auch kein geschwächtes dez statt daz, vil dicke dez schiene wdfen 361, 3.

gräve und herre, die schon im 13. Jahrhundert in der Aussprache zu gräf und herr verkürzt und so im Verse gebraucht wurden (vgl. Strickers Karl S. LXXXIX), behalten ihre volle Form, der gräve von Garadie 116, 4. 117, 2 ist daher fehlerhaft und beidemal uz statt von zu lesen, wie auch 242, 4 Fruote uz Tenemarke statt F. von T. Fehler- haft ist auch der herre von Ormanine 1469, 3, lies da her von Ormanine.

Harte Syncopen sind nicht erlaubt, natürlich am wenigsten bei consonantischem Anlaut des folgenden Wortes, mohten die 557, 2. wurdn der 791, 4. strits geschähe 281, 3; aber auch nicht vor Vocalen: trinkn und 80, 2. wurzn und 82, 1. icizt ir daz am Schluße des Verses 118, 2. komn in 135, 2. vorhtn in 137, 4. truogn an 181, 1. fürhtu ob 317,2. gewe.rtn in 320, 1. mohtn entwichen 513, 4. schuofn in 527, 2. komn in 781,4. morgn an: 1041, 3. Irrig ist daher was Miillonhofr' S. 114 fg. behauptet,

GEKMANlA X. 5

66 KARL BARTSCH

Wörter mit iw oder cw im Stamme dürfen diese Silbe nicht mit der folgenden verschleifen; unerlaubt ist daher die frowen erbiten haue 329, 4, sondern es muß heißen frouwen biten, ebenso froice, durch dinen willen 402, 4, was am Anfange noch erträglich wäre, ich habe lieber umgestellt. Falsch ist auch da schowet er fiizicliche 1144, 3, wo scho- wet an Stelle des älteren Ausdruckes warte getreten ist (vgl. oben). Vollmer schreibt unwahrscheinlich schonte; wenn auch boute troute nicht unglaublich, so ist doch schoute eine ganz junge Form. Auch das von Haupt vorgeschlagene in zowet es harte kleine 1454, 3 war aus diesem Grunde zu verwerfen; ebenso wenig ist zu billigen mit rehten triwen gelöne 1586, 4. Anders verhält es sich mit freioen in des frewent sich nxine sinne 561, 3; eio ist eine wirkliche Kürze und wird daher im stumpfen Reime verwendet, was bei iw , oiv nicht der Fall ist. Übri- gens könnte man auch freunt oder min schreiben.

Von den bisherigen Beschränkungen ist der Auftakt ausgenom- men, dem mehr als e'ine Silbe gestattet ist. Aber auch nicht mehr als zwei; kein dreisilbiger begegnet, in dem ganzen Gedichte. Wir unterscheiden den Auftakt am Beginn des Verses und den nach der Cäsur. Kaum darf als zweisilbiger Auftakt die Verschleifung zweier Silben betrachtet werden, wie so er 3, 4. ja erstent 5, 3. do erloubte 43, 1. do erkande 144, 3. si ervant 153, 4. so ist 1297, 3 u. s. w.

Wirklich zweisilbigen Auftakt bilden die Fälle, wo den Vorsilben be, ge, er, ex, ver noch eine Silbe im Auftakt vorangeht. So si begünde 22, 2; und ebenso geht si vorher 82, 1. 646, 3. 670, 4. 745, 1. 891, 3. 1118, 3. 1556, 4. 1658, 4. 1665, 3. 1690, 4. ez be bildet den Auftakt 59, 1. 198, 2, und ebenso zu be die Worte des 102, 4. 1704, 1. do •116, 1. 189, 2. 265, 2. 668, 1. 1082, 3. 1466, 3. 1541, 1. er 166, 3. 748, 4. 778, 1. der 1538, 1. wir 317, 1. man 603, 4. 1541, 3. tool 178, 1. noch 203, 1. Ebenso häufig steht ge als zweite Silbe des Auftaktes. do geioan 101, 4. daz gedähte 103, 2, und daz noch 803, 4. 1134, 1. 1410, 2. er geht voraus 112, 4. 611, 1. 1234, 4. 1441, 1; ferner so 131, 3. 1192, 4. des 217, 4. 665, 4. 1078, 3. der 254, 3. 608, 4. si 263, 4. 940, 4. 963, 4. 1163, 4. 1200, 4. 1554, 4. 1318, 3. nu 643, 2. 1341, 3. die 1456, 4. ir 1563, 3. 1691, 1. ich 407, 3. 475, 4. 1172, 3. 1345, 2. ja 1045, 4. und 1479, 3. wie 561, 4. 815, 4. ein 392, 1. man 785, 2. 1393, 4. Vielleicht auch swer 615, 2.

Seltener die übrigen: er nach ez 373, 4. im 416, 3. ic/t 1295, 1. ir 1365, 3.

en nach ic/j 34, 4. er 557, 3. 624, 3. den 574, 2.

BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 67

ver nach do 92, 4. 895, 2. 1134, 2. und 93, 3. er 579, 1. 1171, 4. si 857, 4. 1474, 1. die 1148, 3. so 1159, 4. ?> 1276, 2.

ze als zweite Silbe wohl kein einziges Mal, denn für da ze Gioers 1128, 4 kann man auch die sonst übliche Schreibweise datz wählen.

Der Artikel steht als zweite Silbe des Auftaktes : in den wehsten 22, 1. in den segelen 853, 4. in die gruntlosen 1127, 3. do die ersten 781, 4. von der Iure 1118, 4.

Personalpronomina als zweite Silbe: si nach daz 252, 3. 750, 4. 1133, 4. nach e 902, 4. nach so 1265, 4. er nach daz 411, 2. 669, 3.

Partikeln als zweite Silbe: mit so 372, 3, wenn man nicht betont mit so herlicher stimme, die mit strübendem häre 1299, 3.

Ein zweisilbiges Wort bildet den Auftakt; die Fälle sind selten, am leichtesten , wenn die vorletzte Silbe kurz ist und ein vocalisch anlautendes Wort auf das consonantisch schließende folgt: über allez 1207 ^ 4, zu lesen übrallez. Aber auch bei folgendem Consonanten: wider morgen 385, 3. iwer vdter (oder iur) 396, 3; vgl. 831, 4. 893, 2. oder danne (oder od) 578, 3.

Die vorletzte Silbe ist lang; auch hier ist der Fall leichter bei vocalischem Anlaut des nächsten Wortes; so wider einem 26, 3, zu lesen undreinem; ebenso 479, I. under allem 1154, 4. Bei consonan- tischem Anlaut: guoten morgen 1220, 4.

Den Auftakt bilden die beiden ersten Silben eines zusammen- gesetzten Wortes, willekomen 1575, 4. 1577, 3-

Beseitigt habe ich diner 817, 2. sinen 885, 1.

Der schwerste Fall ist der, wenn die zweite Silbe ein einsilbiges Wort von höherem Gewichte als die erste bildet, namentlich wenn sie ein Verbum ist. Der Fall begegnet zweimal bei hetn: ich hän 1001, 4. nu hän 1250, 4. Zu ändern war man sachs (Hs. man sach si/) laufen ünde springen 813, 4.

Dieselben Fälle finden wir auch im Auftakte der zweiten Vers- hälfte, nach der Cäsur, aber im Ganzen seltener. Erleichtert wird der Auftakt und ist kaum als zweisilbig zu betrachten , wenn die Cäsur vocalisch schließt, die zweite Hälfte vocalisch beginnt, meist mit einem einsilbigen Worte, das dann gewissermaßen noch zur ersten Hälfte gezogen werden muß, wie 2, 2 dienden vil der bürge, er het siben färsten lant, als wenn man läse bürg1 -er \ het, nur daß man dann keine Pause machen darf; die Pause besteht nur darin, daß der Ton um eine Mora länger auf bür verweilt. Ebenso der grt/e lie sich nidere \ und besloz daz kindelin 58, 1, zu lesen nider und \ besloz. Vgl. Lachmann z. Nib. 319, 1. 588, 2. 1692, 3. Ferner Kudr. 91, 3. 235, 3. 239, 2. 280, 2.

68 KARL BARTSCH

399, 2. 436, 2. 446, 3. 641, 1. 668, 4. 872, 2. 911, 3. 943, 3. 1043, 4. 1238, 4. 1364, 3. 1394, 3. 1465, 2. 1555, 3. 1573, 3. 1677, 2.

480, 1 findet bei solcher Verschleifung zugleich veränderte Be- tonung des nächsten Wortes statt

Irölt von Nortriche und ! Morünc von Friesenlant. Gebessert habe ich 23, 1, indem ich vil, 45, 1, indem ich ez tilgte.

Aber auch wenn die zweite Hälfte mit einem zweisilbigen Worte beginnt, findet solche Verschleifung statt: zwar 1321, 3 mine \ über allez kann auch übrallez gelesen werden, aber 1298, 3 gehört hierher sioä so •man sie vinde \ under Gerlinde iviben; es muß gelesen werden vind-un | der. Dieses zweiten Falles, der auch in den Nib. häufig genug ist, ge- denkt Lachmann an den erwähnten Stellen nicht.

Nicht immer jedoch schließt die erste Hälfte vocalisch, lautet die zweite vocalisch an. Manche Stellen zweisilbigen Auftaktes nach der Cäsnr sind zu berichtigen: 11,2. habe ich beide gestrichen; 13,4 ebenso künic vil; 56, 1 umgestellt; 114, 2 mit in gestrichen, 451, 2 ez, 467, 2 vil. Vgl. noch 580, 3. 715, 4. 788, 2. 808, 2. 820, 1. 1116, 1. 1332, 2.

Ferner findet häufig Verschleifung der beiden ersten Silben in eine statt, do en- 153, 4. so en- 404, 1. so er- 1241, 4. zwiu er- 964, 1; aber auch die ir 283, 3. die er 407, 3. 517, 1. die in 896, 2. swie ich 1063, 1. die uns 81, 3. mir ist habe ich mirst geschrieben, 219, 1. 421, 1. 457, 2.

Die übrigen Fälle ordnen wir wie vorher. 1. Es stehen die Vor- silben be, ge, er, en, ver, ze als zweite Silbe, be nach si, si bereiten sich 265, 4. si begunden 1528, 4; nach ze 286, 4. nach mich 837, 3. ja 1558, 4.

ge nach die 293, 4. 447, 1. 1133, 1. nach ja 456, 4. 726, 4. 1282, 1. nach des 708, 4. nach in 830, 1. 890, 3. nach so 837, 4. 1267, 4. nach daz 914, 2. nach si 1047, 2. nach er 1050, 3. Nach wie 77, 1. nach toan 89, 1.

en nach man : man ensloz 764, 3. er nach der : der erarnde den solt 392, 1. nach man: man erhande 564, 4. ver nach si: si versahen sich 467, 4. si versuochtenz 829, 3. Ziemlich auffallend steht ge nach wart: wart gegrüezet über al 486 , 1 , wenn nicht wart zur ersten Vershälfte zu ziehen ist.

Der Artikel bildet die zweite Silbe: der nach nach 191, 2. nach von 293, 1. dem nach von 589, 3. nach mit 528, 1. des nach ze 685, 4. diu nach als 505, 1. sprach der degen Irolt 492, 1 ist ungewöhnlich schwer; sprach ist wohl zur ersten Hälfte zu ziehen, wie 231, 1 um- gekehrt zur zweiten.

Andere Pronomina: ob in 281, 3. so si 751 , 3. 1118, 3. da si

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DEB KUDBUN. (J9

1129, 2. 1307, 2. 1321, 1. an ir 593, 3. von ir 966, 3. durch ir 562, 4. do man 1479, 3. Am schwersten wohl sprach ir vintMchm zuo 1052, 1, wenn man nicht betont sprach ir vintlichen zuo; vgl. 372, 3.

Partikeln : häufiger als am Beginn des Verses, mit nach die 799, 3. nach wol 1229, 3. da nach die 531, 3. 690, 1. so nach an 555, 3. und nach schs 1469, l ist ungewöhnlich belastet, von nach den 158, 1. nach und 308, 2. nach <fo'e 811, 4. am schwersten nach sprach: sprach von Tenen Horant 317, 1, denn sprach von Tenen Hördnt wird man nicht lesen dürfen, sprach ist auch hier wohl zur ersten Hälfte zu ziehen.

Ein zweisilbiges Wort mit vorletzter kurzer steht im Auftakt. dise 77, 2. xoider 534, 2. Mit vorletzter langer: under rotem golde 1308, 1. under heim 1445, 1. unser tohter juncfrouwen 562, 3. Die beiden Silben gehören einem Compositum an: unbeschölden 965y 1.

Die zweite Silbe ist ein einsilbiges schweres Wort: und min frowe iwer wip 437, 1, wo man aber auch iur lesen kann.

Der Belastung von Senkungen steht die Auslassung derselben gegenüber. Bei Wörtern, die ursprünglich zweisilbig waren und auch in Hss. des 12., 13. Jhs. noch so geschrieben werden, darf die fol- gende Senkung fehlen, wenn sie nach logischer Betonung gleiche oder stärkere Tonhöhe wie die folgende Hebung haben. So ist unbedenklich die Halbzeile wite dar tragen 38, 2. hiez man dar gän 307, 2. holde her bringen 820, 3. Horant her komen 1180, 2, weil hier die Wörtchen dar her höheren Ton als die Verba haben. Schwerlich aber ist richtig morgen vil fruo 1185, 2, weil vil entschieden geringeren Ton hat als fruo. Halbzeilen mit Auslassung aller Hebungen sind sprach Horant 228, 1, wenn nicht sprach von Tenen Horant, wie 317, 1 steht, zwei/ soumaire 595, 3, wo aber auch zwelef denkbar wäre.

Besondere Beachtung erfordert die erste Hebung, wenn sie ohne vorausgehenden Auftakt und ohne folgende Senkung steht. Erforder- lich ist, daß die Tonhöhe des einsilbigen Wortes, das die erste He- bung bildet, die der folgenden Hebung übertrifft. Dieser Fall ist häufig, namentlich wenn und die zweite Hebung bildet, man ünde mäge 4, 3. heim linde ringe 25, 3. schaz und gewant 34, 2. 592, 2. hoch unde starc 65, 2, wenn man michel streicht, friunt und geselle 123, 2, wenn nicht friwent ya\ lesen. Vgl. noch man 127,2. 1448, 2. 1501, 3. wip 151, 1. 917, 2. 973, 1. gm 156, 2. Hut 347, 1. guot 347, 2. ros 350, 2. 1560, 2. lieht 392, 3. galt 433, 3. 571, 3. heim 460, 2. Und 573, 4. 746, 2. lip 591, 2. 1557, 2. dort 785, 1. 876, 1. warf 790, 1. starc 946, 2. liep 966, 2. 1186, 3. 1208, 2. 1251, 2. 1586, 2. naht 1053, 2. fruo 1191,3,

70 KARL BARTSCH

wo man auch f/üeje schreiben darf, trost 1270, 2. bot 1383, 2. wit 1536, 1, Auch er und nun frouwe ist ganz richtig, 423, 3.

Derselbe Fall bei oder: heim oder brunne 233, 2. icip oder kint 346,3.

Die zweite Hebung ist eine Präposition: heim mit im tragen 103, 2. vor dn 143, 4. sin in 152, 1. rot von 1326, 4. m'< iif 1592, 1. s^£ wwe/er 1642, 3.

Ein Pronomen: pris er gewan 1023, 2. w»Z< du mich fragen 1169, 3 (die Betonung wüt du mich fragen ist falsch, wiewohl es genug Gelehrte gibt, die so lesen), hüop er sich dar 1510, 2. Zweifelhaft kann sein bi in da Olren 728, 3. Demonstrativa und Artikel: hiez, des erschräc 763, 4. teere diu vil smeehen 1011, 1. sün, ddz ist war 1017, 1.

Die erste Hebung ist ein Zahlwort, hauptsächlich begegnet zwelf, das aber zwelef meinen kann (vgl. S. 69). zwelf kastelän 303, 1. zwelf soumeere 595, 3. zwelf bouge siccere 392, 3. dn ist als drie zu nehmen, und so habe ich geschrieben, vgl. 568, 1. 708, 1. 854, 1. Ebenso vier als viere, viere tage lange 1133, 3, und als vierer, vierer kilnige tohter 1666, 4.

Die erste und die zweite Hebung sind Zahlwörter: fünf hundert recken 19, 1. fünf hundert brünne 1147, 3. driu hundert tarne 138, 4. vier hindert manne 270, 3. Dagegen///»/ hundert frouicen kleit 86, 2. fünf hundert der 512, 4. Nimmt man das Zahlwort als Compositum, so rechtfertigt sich die Betonung der ersten Silbe.

Die erste und zweite Hebung stehen sich an Tonhöhe gleich, die erste erhält nur einen besonderen Nachdruck: nie niht 112, 4; offen- bar ist hier nie die bedeutsamere Negation, auf sie fällt der Ton. Ebenso 1393, 4 nie dlden recken. Richtig ist dar icolde bringen 1099, 3, wegen der ursprünglichen Zweisilbigkeit von dar, die zugleich durch den logi- schen Ton unterstützt wird, iif Kassiänen 1543, 3 ist nur richtig, wenn man üfe schreibt, ivan, 'außer,' ursprünglich zweisilbig, steht als erste Hebung 399, 4 wdn züo ir bürge, und 400, 2 wdn Sine gürtet ' ; ich habe beidemal niwan geschrieben, vgl. oben, niht züo den ünden 1463, 3 wäre wohl zu dulden, namentlich wenn man niwet schreibt, vgl. 379, 4; aber kaum iht woeren fri 1702, 2, weil auf iht gar kein Nachdruck ruht.

Eine Menge Stellen sind zu berichtigen, so alle die von Müllenhoff S. 115 gesammelten, die nach falschem Gesichtspunkte beurtheilt sind. Zu dulden ist kaum waz sie da helen 297, 4, weil hier die natürliche Betonung auf waz sie führt. Der gleiche Fall ist sio'az 448, 2. 825, 2. Von pronom. steht falsch auch ir in ir herren zeichen 780, 3. Von Par- tikeln in 348, 3. do 412, 2. daz 340, 3. des, deshalb, 345, 1. 357, 4. swie 704, 4. sioa 1025, 3. vil 69, 4. al vor hie 1431, 3, weil man alhie spricht, ach 775, 1. 778, 2, beidemal ist ach toe zu lesen, vgl. Nib. 1938, 1.

BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 71

2251, 4. Sogar ein Hilfsverbum ist untauglich, falsch also weis worden schin 1012, 2. zoilt hie bestem 1310, 2, weil der Ton auf hie ruht.

Dem Versschluße ist in der Kudrun wie in guten gleichzeitigen Gedichten sorgfältige Behandlung zugewendet. Bei vocalischem Anlaut der letzten Hebung (im stumpfen Reim) findet keine Elision statt, die vorhergehenden Schlußconsonanten sind nur allgemein erlaubte, also über al 513, 1 etc. noch e 266, 2. 397, 2. niht abe 704, 1 u. s. w. Bei consonantisch anlautender letzter Hebung stehen in der letzten Sen- kung verkürzt, ohne Bedenken die ursprünglich zweisilbigen Flexions- formen, wie smer kraft 61, 2 etc., die Artikelformen der, und dem, üf dem se 116, 1. 800, 3. 1074, 1. 1207, 1. 1359, 1. in dem nur 1141, 2. Die adjeet. Endung em nicht nur, wenn ein m darauf folgt, zeinem man 664, 2. 770, 1. manigem man 856, 2, sondern auch vor andern Con- sonanten, wenn auch selten, einem her 1073, 2. einigem sporn 1391, 2. in hochvertem sit 722, 2, wogegen Müllenhoff S. 71 nur Unhaltbares einwendet.

Ferner stehen in letzter Senkung mehrere einsilbige Wörter, die ursprünglich zweisilbig waren; namentlich häufig im und ir. diu behaget im iool 8, 1. bi im swert 19, 1. wart im naz 62, 1. zuo im gie 102, 3- mit im tragen 103, 2. mit im nemen 175, 1. Vgl noch 209, 1- 233, 1. 461, 1. 284, 1. 609, 2. 610, 1. 665, 2. 1024, 1. 1087, 1. 1493, 2. ir: ir hant 21, 4. 1162, 1. ir kraft 105, 1. ir muot 33F, 1. ir haz 701, 2. 773, 2. ir schar 777, 1. ir wät 1347, 2. ir man 1534, 1. ir lant 1593, 1.

Außerdem vil: vil roe 108, 4. 579, 2. 1074, 2. vil guot 439, 2. vil zorn 584, 1. vil naz 883, 2. oi7 603 1581, 2. wol: vil wol sin 483, 2. tüoZ </cm 770, 2. wol sin 1367, 2. dar, wenn es einen schwächern Ton als die letzte Hebung hat und in der geschwächt werden kann: dar zuo 267, 2. 691, 1. 1106, 1. 1621, 2. 1625, 1. dar vor 695, 2. 782, 1. 791, 2. hin, hin dein 2379, 3. und, stolz und guot 115, 2. gerne und ivol 240, 2. bürge und laut 1008, 1. Auch hoch und starc 65, 2, wenn man michel beibehält. Gebessert habe ich 127, 2. 333, 2.

an nur vor n, an not 959, 1, vielleicht auch 146, 1, vgl. oben. oder in od, od wol 1157, 4. od we 1203, 2.

Die natürliche Wortbetonung wird in der Kudrun aus metrischen Rücksichten nicht selten verändert, namentlich findet Zurückziehen des Tones in dreisilbigen Wörtern mit erster hochtoniger auf die zweite Silbe statt. Am häufigsten bei un, unmeere 29, 4. 1035, 2. 1517, 4. unschülelic 131, 1. unmüezic 180, 4. 264, 2. 785, 1. 1347, 1. 1515, 4. unnahen 283, 4. 1262, 4. unbillich 636, 2. wn«V%e 647, 4. untüre 790, 2. unsanfte 923, 3. 1196, 2. «werre 1140, 4. 1420, 4. unmäzen 1361, 4.

72 KARL BARTSCH

undäre 1383, 4. ungerne 1418, 4. unkünde 1575, 3. Seltener bei ?«■, ur- löubes 694, 1. urliuges 833, 3. Bei föcAe, etliche am Anfang 985, 4; ebenso sinnliche 1006, 1. heimliche 1322, 2 nach der Cäsur. In der Mitte des Verses rilichen 1422, 2; vielleicht auch heilicher 372, 3. vintlichai 1052, 1.

In andern Zusammensetzungen: herbergen nach der Cäsur 174, 1, ebenso antworten 1167, 1. Dagegen mitten im Verse herberge 724, 4. eilende 845, 2. driuzehen 1090, 2.

Bei Eigennamen: am Anfange des Verses holden 274,2. 310,2. 1515, 3. 1577, 1. Hartmuote 621, 3. Ludiciges 1394, 3. Ortwines 1407, 2.

Nach der Cäsur: Harmuote 606, 4. 622, 3. Harlmuotes 825, 4. Herwige 699, 1. 701, 4. 1332, 1. Lucheigen 855, 3. 899, 3. Ludwiges 1267, 3.

In der Mitte des Verses nur Hordnde 1084, 1. Hartmuote 1254, 2.

Die mittlere Silbe ist nur eine Flexionssilbe : so in fliegende niht entrinnen 97, 3 nach der Cäsur, wo also wohl schwebende Betonung eintritt.

Dreisilbige Wörter mit erster Länge betonen ausnahmsweise die erste und dritte Silbe, deiz äbenden hegan 1665, 1. von Hirtmuotes und sincr recken handen 1451, 4. ruoweCen die miieden 1594, 1. Vgl. mit bdnieren sie fuoren 1658, 3.

Zweisilbige Wörter werden zuweilen auf der letzten betont, haupt- sächlich Namen. Am Anfang des Verses Irolt 273, 1. 480, 1. 565, 1. 831, 1. Hordnt 301, 4. 537, 1. 564, 2. 696, 4. 1497, 1. Ludwtc 743, 1. 751, 1. Harimüot 851, 2. 9S2, 2. 1559, 3. Küdrun 852, 2. 1448, 4. Ortrun 983, 1. Ortivin 1252, 1. Nach der Cäsur Hordnt 272, 1. Hart- muot 609, 4. 1468, 4. Herioic 617, 3. Morünc 1415, 3.

Andere Wörter: imbiz am Anfang 554, 1. niwdn ebenso 1194, 3. nieman nach der Cäsur 1283, 2. also in der Mitte des Verses 775, 1.

Zweisilbige Wörter, deren zweite Silbe ein flexivisches iu enthält, werden nur am Anfang auf der letzten Silbe betont: swelhiu 1332, 3; vielleicht auch welhiu nach der Cäsur 1661, 3, wo ich mit V. wer ge- schrieben habe. Die zweite Silbe kann auch e enthalten: so Hagnen am Anfang 554, 2; ebenso kunnet ir 732, 2, wenn nicht muget, vgl. 1228, 2. swelht 1205, 1. icercle, 1159, 2. Hilde nach der Cäsur 767, 2. inhU'r ebenso, 1518, 1. Hier tritt ein, was wir schwebende Betonung nennen, indem natürlich der Ton nicht streng auf der unbetonten Silbe ruhen kann, sondern zwischen beiden Silben mitten inne steht, zu be- zeichnen etwa durch kunnet ir.

Der Bau der Strophe lehnt sich bekanntlich an die Nibelungen-

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 73

Strophe an. Wenn man schon gerechtes Bedenken tragen darf, diese als eine allgemein volksthümliche zu bezeichnen, so wird man sicher- lich nicht anstehen, die Kudrnnstrophe als die Erfindung eines Kunst- dichters zn betrachten, die ihrer ganzen Anlage nach unvolksthiimlich ist. Sie ist daher anch in andern Gedichten nicht verwendet, sondern nur von einem andern Kunstdichter, von Wolfram, in seine Titurel- strophe umgebildet worden (vgl. Germania 2, 263). Die Veränderung, die der Dichter mit der Nibelungenstrophe vornahm, besteht in der Einführung des klingenden Reimes in die dritte und vierte Zeile, und der Verlängerung der achten Halbzeile um eine Hebung. Der klin- gende Reim der Kudrun ist ein ganz anderer als der in den Nibelungen hin und wieder in den beiden ersten Zeilen der Strophe vorkommende; dieser zählt für zwei Hebungen wie die klingende Cäsur der Nibelungen- und Kudrunstrophe, jener nur für eine. Der Gebrauch der Kudrun ist daher ein lyrischer, kein epischer; die Lyrik des zwölften Jahrhunderts nahm seit der Einführung französischer Formen den klingenden Reim oft nur als eine Hebung, so namentlich in der Verbindung von acht- und siebensilbigen Trochäen (Germania 2, 276). Die Kudrunstrophe fällt mithin unter den Gesichtspunkt einer lyrischen Strophe, wie die Haltung des ganzen Gedichtes lyrisch weicher ist als die der Nibe- lungen. Daß aber die letzte Halbzeile um eine Hebung verlängert wurde *) und nicht bloß eine Verwandlung des stumpfen in den klin- genden Reim stattfand, ist nicht willkürlich. Bekanntlich liebt die Poesie des zwölften Jahrhunderts am Schluße von Absätzen klingende Reimpaare, deren letzte Zeile fünf Hebungen hat. Schreiben wir z. B. Maria 389-392 F. in folgender Weise:

Du muost dich sundern hinnen. wirn wellen niht gewinnen susgetanen gesellen. wir megen ouch dich zen besten niht gezellen ;

so haben wir, von der verschiedenen Reimverkettung abgesehen, den Schluß der Kudrunstrophe. In Strophen, wo der Sinn es gestattet, macht eine Umstellung die Gleichheit vollständig, wie 278, 3. 4

varent sorcliche. aller tegeliche

durch iwer selber ere gebet den tumben holden iwer lere.

*) In der Handschrift finden sieh oft mir drei, vier, oft aber auch sechs und mehr Hebungen. Diese Verschiedenheiten, die auf Nächlässigkeit und Unkunde des Schreibers beruhen, hätte man am wenigsten für die Unterscheidung von 'echten' und 'unechten' Strophen geltend machen sollen

74 KARL BARTSCH

Ein innerer Unterschied ist allerdings vorhanden, indem in der Maria und den andern demselben Brauche folgenden Dichtungen der klingende Keim für zwei Hebungen gilt, mithin diese Schlußzeile eigentlich sechs Hebungen hat.

Im Übrigen ist der Bau der Kudrunstrophe ganz nach den Ge- setzen der Nibelungenstrophe zu betrachten. Es darf daher die Cäsur statt klingend auch stumpf mit vollen vier Hebungen ausgehen, wie 364, 2

daz er als ein begozzen brant riechen began.

Am häufigsten sind Eigennamen, Sigebant 1, 2. 26, 1. 55, 2. 139, 1. Garade 126, 1. Ilildeburc 485, 1. 1165, 4. Tenelant 571, 4. 1549, 4. 1612, 4. 1624, 3. Ludewic 590, 1. Alzabe 667, 4. Heregart 1007, 4. Andere Worte sind diet 48, 3. ast 71, 3. niht 121, 2. not 126, 2. /rinnt 239, 4. 531, 1. 534, 3. hat 316, 4. 1321, 4. 1586, 2. hdn 1406, 3. brant 364, 2. ki?d 414, 4. rinc 510, 4. 654, 3. «pi7 858, 2. rmw 964, 4. 1626, 3. dln 1015, 4. sluoc 1016, 4. st'c 1444, 4. *or 1457, 3. was 1518, 4. geslaht 959, 3. Dreisilbige Wörter mit dem Ton auf der ersten und dritten Silbe, arebeit 77, 4. 247, 3. 1069, 4. 1321, 3. 1652, 4. fa'tyerm 149, 1. 932, 2. übermuot 203, 2. vingerltn 299, 4. baldekin 301, 3. »eteWm 386, 4. siWiceZ 649, 2. tow^n 990, 4. 1253, 4. magedin 1249, 4. Zwei- silbige Wörter , meist Composita , mit dem Tiefton auf der zweiten Silbe: merkint 109, 4. schifman 111, 1. hdchzit 190, 4. marseltale 553, 1. Namen dieser Art: Morunc 506, 4 u. s. w. Gerlint 592, 1 u. s. w. Ebenso Baljan 161, 1, Küdrun etc. Zwei verschleifbare Silben bilden die vierte Hebung, und zwar 1. die beiden letzten Silben eines zu- sammengesetzten Wortes, lüillekoihen 152, 1. 236, 2. magezogen 53, 3. 2. ein zweisilbiges Wort, sim (sane) 161, 4. Waten 235, 4. hove 397, 4. (ime) 509, 1. y«Äen 637, 3. tragen 1281, 3. »m#e 1482, 2. Gebessert habe ich mer (mere) 761, 2.

Solche Worte wie die zuletzt erwähnten können daher naturgemäß nicht als dritte und vierte Hebung verwendet werden, können keine weibliche Cäsur bilden; die vorkommenden Fälle beruhen sämmtlich auf Fehlern *). Den besten Beweis dafür liefert die Wortstellung, die in der Cäsur häufig von der gewöhnlichen abweicht, um nicht ein zweisilbiges Wort mit kurzer Penultima in den Einschnitt zu setzen.

*) Wenn Müllenhoff tt. 115 Winter wie nemen u. s. w. als klingende Cäsaren rechtfertigt, und sich dabei auf das Vorbild der Nibelungen beruft, so habe im daz; wir werden an einer andern Stelle den Beweis liefern, daß auch im Nibelungenliede ebenso wenig solche Cäsuren erlaubt sind [s. meine Untersuch, über d. Nib. 170 ff.].

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DEIJ KUDRUN. 75

93, 1 in sinen siten iumben; wäre siten als klingender Einschnitt erlaubt gewesen, wie Lachraann (Zeitschrift 2, 572) von Wate, willekomen meint, so würde der Dichter sicher geschrieben haben in sinen turnben siten, wie im Reim steht an sinen heren siten 295, 2, mit vil guoten siten 423, 2, sack man in Herten siten 717, 2. Ebenso in siten eilenthaften 580, 2; nach siten kristenlichen 179, 1, dagegen im Reime nach ritterlichen siten 708, 2. nach manigem schaden grözen 129, 2. tage vier und zweinzic 108, 1 ; tage sibenzehene 137, 3; nach tagen vierzehenen 164, 1; inner tagen sibenen 216, 4; dagegen darnach in ahtzehn tagen (: saget)) 37, 1; in sinen jun- gen tagen (: sagen) 84, 2; ze vierzehen tagen (: sage?}) 160, 3; in drien tagen (: tragen) 808, 1; in disen zwelf tagen (: Magen) 930, 2: in sehs und zweinzic tagen 1081, 2; in zwelf tagen 1652, 2.

in dem fride Ilagenen 160, 2.

do sprach vater der Hilden 526, 3 ; vgl.

vater der Küdrünen 642, 3, wie V. richtig schreibt.

mit vanen üf gerihtet 777, 2. do sach er vanen breite 1364, 1. dort sihe ich vanen einen 1372, 1, namentlich diese letzte Stelle.

zen boten ungemuoten 815, 2. daz sie niht boten ander 1163,3. daz sie boten die Hilden 1198, 2. sint ez boten die Hilden 1208, 3.

mit speren ungeneigten 1402, 3; dagegen mit suidenden spern (: wem) 783, 1. mit geneigten spern (: wem) 1410, 2; vgl. noch 348, 2. 643, 4. 687, 3. 699, 3. 717, 1. 816, 4. 1044, 3. 1305, 3. 1434, 1.

Die Stellen, an denen kurzsilbige Wörter als klingende Cäsur erscheinen, sind folgende: neren 82, 2, wo nerjeu zu lesen ist; vetech 93, 2, lies vetechen, nicht vettech, wie V. hat; 143, 3 haben, wird durch die häufig nöthige Umstellung (vgl. Abschn. I.) berichtigt, wie schon V. gethan; 152, 1 der künic hiez in wilkomen, wie V. schreibt, ist ebenso unrichtig wie Ziemann's und Ettmüller's der künic in hiez wilkomen sin, sondern der künic hiez in willekomen; ebenso 236, 2, wo Vollmer her Wate, sit willekomen, Ziemann und Ettmüller sit willekomen, her Wedel das richtige ist her Wate, nu sit willekomen, nu darf des Verses wegen nicht fehlen. 310, 3 komen j weeren ist wieder umzustellen; der Schrei- ber wählte die prosaische Wortstellung. 400, 1 swaz im diu jrouwe bäte, derselbe Fall, lies swaz im bäte diu frouwe. 460, 1 geben, lies gäben. 616, 3 daz wir unser boten \ hin nach ir ie gesanden kann verschiedent- lich gebessert werden, entweder boten unser, vgl. 1163, 3, oder da: wir unser boten hinnen \ nach ir ie gesanden, oder, was am wahrscheinlich- sten, die letztere Lesart mit Streichung von unser, boten steht auch 835, 2 in der Cäsur, xoaz er von sinen boten \ leider maire ervant, wo ebenfalls umzustellen ist. 1077, 1 do Uten Hilden boten ist entweder

7(i KARL BARTSCH

mit V. zu losen die Hilden boten Uten oder do Uten boten die Hilden, vgl. 1198, 2. 1208, 3. do er sinen neven 887, 1, lies do er den neven sinen. do sprach mit listen Wate 945, 1 ist wieder umzustellen; Wate steht nochmals 1512, 3 in der Cäsur willekomen Wate, wo nu wis zu ergänzen ist; Haupt ergänzte wis, was er Zeitschrift 2, 572 mit Un- recht auf Lachmann's Bemerkung hin zurücknahm. 954, 3 heimivesen, mit V. umzustellen. 1032, 4 ivaz iicer rechen schaden, umzustellen waz schaden iwer recken, vgl. 129, 2. ir sult mitguoten siten 1044, 3, lies siten guoten, vgl. S. 75. hie ze wibe geben 1639, 2, lies geben hie ze wibe, ebenso muß um- gestellt werden 1640, 3 wcerlichen nimet, 1699, 3 dri stunt des järes sehen. So wird auch der einzig übrigbleibende Fall und heizet die be- staten 905, 3 nicht richtig sein; ich habe bevelhen statt bestaten gesetzt, im Anschluß an das oben bemerkte, daß der Schreiber einen Jüngern Ausdruck an Stelle eines altern zu setzen liebt*).

Die Cäsur trennt zuweilen Worte, die dem Sinne nach zusammen gehören. So adj. und subst. scheene \ meide 121, 4. heizen \ trehene 155, 3; bei nachgesetztem Epitheton hinter dem Eigennamen Küdrun \ diu scheene 1234, 3. Ludewic \ der aide 1939, 4. Müllenhoff (S. 115) zieht hierher auch 364, 2, was daz er als ein begozzen \ brant riechen began zu lesen von wenig Verständniss zeugt. Ferner führt er an 343, 3. 859, 4. 1182, 4. 1342, 3, die aber nur durch falsche Lesart hierher gehören. Der abhängige Genetiv wird von dem Subst., das ihn regiert, getrennt : swaz Mute Hartmuotes \ gesinde hie tuo 779, 2 ; sicaz man Gerlinde \ ge- sindes gewan 973, 2. miner muoter \ tohter 997, 4. einmal sogar ein Compositum kristen | mensche 397, 2.

Sehr häufig steht der innere Reim in der Cäsur, aber in sehr vielen Stellen wohl nicht von dem ursprünglichen Dichter herrührend, sondern von einem Überarbeiter, manchmal vielleicht erst von dem Schreiber der Handschrift. Vgl. 8, 1. 2:

siner muoter lere diu behaget im wol.

der begunde er volgen [sere] als man friunden vol **). Derselbe Fall ist 547, 1. 2:

diu Hilden heimreise mit Hetelen geschach.

da weinde manic frouwe [weise].

*) Müllenhoff bemerkt (S. 188) 'statt bestaten i^t weder bevilhen [so statt bevelhen !\ noch beserken nöthig. 8. üben 8. 115'.

**) Diese und einige andere der nachfolgenden stellen hat Müllenhoff S. 55 rt'. auch angefühlt ; dazwischen aber solche, die nichts beweisen oder auf fehlerhaftem Texte beruhen

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KÜDRUN. 77

689, 1. Hörant von Tenemarke sol uns üf den wegen

driu tüsent ritter [starke] frieren. Irolt der degen.

702, 3- kom ze unsenfte[n maeren], do Hetele der herre mit sinen beiden maeren gestrichen was

883, 1. swaz täten die helde [guote], waz mohte helfen daz? von dem heizen bluote der wert wart vil naz;

oder besser

swaz die helde täten. 1358, 3. dirre boteschefte [maere]. da von wart siu riebe, von ir grözen swasre.

Ebenso sicher ist 274, 4 do die helde mit toitzen (: sitzen) wolden rilmen daz lernt erst späteren Ursprunges, ich habe die helde meere ge- schrieben. 1355, 4 da mite siu groze mo?,re {: wazre) an froun Kvdrünen dienen ivolde; maire ist von V. mit Recht durch miete ersetzt worden. Ferner vergleiche man gezwungene Ausdrucksweisen, wie 462, 2:

lützet sie des nahten (: gähten), e er daz volc gewan.

481, 4 ir lop man mähte kreenen (: schoenen) ; vgl. 665, 2.

510, 4, da wart manic vinc gerüeret (: enphüeret) ; außerdem ein schlecht gebauter Halbvers.

524, 2. daz sie mit maniger güete ( : übermüete) zoären nach ir komen.

592, 4. man sol die sträze lernen (: gerne) nach Küdrünen der fcü- niginne; ebenso gesucht ist sie muosten freude lernen (: gerne) aller- tegelich 472, 2.

645, 2. libes unde guotes (: muotes) icas er biderbe gnuoe.

690, 2. sie toesten niht so nahes (: gähes).

701, 2. die vinde begundenz räeren (: f Heren), ebenfalls fehlerhaft; der gleiche Fall 613, 2 daz sie so manic tageweide (: leide), mit drei- silbigem nicht in der Kudrun vorkommendem Auftakte; ich lese mile statt tageiveide.

752, 2. vil schilde sie besluogen (: truogen).

956, 1. Ludewic der frte (: Ormanie).

957, 4. ich ween mit herter werre ( : verre). 1250, 2. Herwic der eilende (: hende) statt edele.

1410, 2. daz geschadete manigem kinde (: ingesinde), wohl in dem Sinne gemeint, wie sonst steht maniger muoter kinde. Auch 797, 3 ist der Inreim hinnen (: kilinginne) unecht, hin ist das richtige. Zuweilen ist sogar eine ganze Halbzeile eingefügt, um einen Inreim zu gewinnen; vgl. 724, 2-4.

7S KARL 15 AUTSCH

daz sie die rittcrschaft,

so man es an sie gerte, niht gegeben künden.

[mit spern und mit swertej

sie werten ir herberge, so sie aller bezziste künden. 745, 2 4. die guote schifliute Ludewic gewan

den die mersträze zerehte wären künde.

[den lönte er äne mäze]

sie mnosten arebeiten nach dem hohen solde durch die ünde. 812, 3. 4. an dem sibenden morgen sie komen da sie sähen

[in ir grozen sorgen]

die von Hegelingen bi den Moeren ligen harte nähen;

von und ligen ist von mir hinzugefügt. Die zweite Zeile lautet si hete in grozen sorgen diu frouwe dar gesant, darum kann in ir grozen sorgen in der vierten unmöglich richtig sein.

1449, 3. 4. sin vater und manic tumbe, die ir mäge wären, [er weste niht war umbe]

horte er in der bürge schrien lüte und angestlich ge- bären.

Wenn in den bemerkten Stellen sich die Unechtheit des inneren Reimes bestimmt darthun, und in anderen wahrscheinlich machen lässt, so bleiben doch noch eine große Anzahl von Strophen, wo man zwar sein späteres Eindringen vermuthen, aber nicht nachweisen kann. Ihn ganz für jünger zu halten, wie Müllenhoff S. 58 thut, sind wir nicht berechtigt, höchstens dürften Strophen, wo er durch alle vier Verse oder auch nur durch zwei durchgeführt ist, wenn sonst im Ausdrucke Anstoß ist, als in jüngerer Gestalt vorliegend betrachtet werden. Aber daß er dem ursprünglichen Dichter auch schon zukommt, ist durch nichts zu widerlegen. Ich stelle nun die Strophen mit Inreimen zu- sammen, nach Gruppen geordnet. Zuerst diejenigen, die den Inreim in der ersten und zweiten Zeile haben:

I. (die Zahl der Aventiuren). 4. 8. 14. II. keine. III. 132. 135. IV. keine. V. 224. 243. 331. 367. VI. 380. 416.

VII. 458. 462. 464. 468. 469. 474. 475. 476. 482. 483. 484. 486.

VIII. 492. 493. 494. 497. 501. 502. 503. 504. 507. 515. 524. 533. 535. 539. 540. 545. 547. 548. 549. 550. 554. IX. 581. 584. - X. 587. 595. 606. 607. 611. 613. 615. XL 619. 621. XII. 645. 656. 661. 664. 665. XIII. 669. 671. 689. 691. 692. 693. 701. 718. 721. 724. XIV 731. 741. 743. 746. 750. 752. XV. 755. 764. 765. 767. 776. XVI. 810. 838. 843. XVII. 851. 852. 869. 871. 877. 879.

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN 79

- XVIII. 881. 883. 906. 916. XIX. 920. 927. 948 949. XX. 953. 956. 961. 963. 970. 972. 979. 980. 982. 984. 985. 990. 991. 994. 1007. 1010. 1038. XXL 1045. 1046. 1060. 1066. 1068. 1069.

XXII. 1071. 1073. 1074. 1085. 1091. 1097. 1103. 1104. 1119. 1125. 1131. 1135. 1136. XXIII. 1145. 1150. 1153. 1156. 1164. XXIV. 1177. 1181. 1188. 1194. 1197. 1206. XXV. 1208. 1244. 1250. 1270.

XXVI. 1345. 1365. XXVII. 1367. 1385. 1389. 1399. 1410. 1425. 1434. _ XXVIII. 1447. 1449. 1450. 1459. 1464. 1465. XXIX. 1523. 1527. 1537. 1554. XXX. 1569. 1573. 1610. 1615. 1641. 1644. 1656. 1658. - XXXI und XXXII. keine.

Nicht ganz so häufig ist die dritte und vierte Strophenzeile mit Inreim versehen. Avent. I IV. gar nicht. V. 219. 274. 278. VI. 380. 406. VII. 456. 460. 465. 470. 471. 473. 481. VIII. 488. 496. 510. 512. 527. 529. 542. 546. 553. 556. IX. 564. 569. 574. 585. - X. 589. 596. 599. 614. XL 625. XII. 639. 660. XIII. 683. 695. 699. 702. 706. 708. 713. 714. 723. XIV. 725. 740. 747. XV. 759. 766. 770. 777. 785. 786. 789. 797. XVI. 811. 817. 825. 831. 832. - XVII. 850. 860. 873. XVIII. 900. 902. 904. 914. XIX. 925. XX. 955. 957. 962. 988. 1012. 1035. XXL 1055. 1070. XXII. 1082. 1106. 1138. 1140.

XXIII. 1151. 1160. 1161. XXIV. 1189. 1190. 1193. XXV. 1262. 1292. 1326. XXVI. 1354. 1355. 1358. XXVII. 1381. 1416. XXVIII. 1455. - XXIX. keine. XXX. 1587. XXXI. 1673. XXXII. keine.

Zuweilen besteht der Reimunterschied nur in einem n, das dem einen Reimworte fehlt; derselbe Fall wie beim Endreim (vgl. Abschn. L). Wiederum ist die erste und zweite Zeile häufiger. I. 18. 43. IL 85.

III. IV. keine. - V. 330. VI VIII. keine. IX. 568. X. XL keine. XII. 646. XIII. keine. XIV. 735. 738. 744.

XV. 783. 799. 803. XVI. keine. XVII. 865. XVIII. keine. XIX. 924. 926. XX. 998. XXI. 1056. - XXII. keine.

XXIII. 1149. 1154. XXIV. 1168. 1201. - XXV. 1218. XXVI. keine. XXVII. 1419. - XXVIII. 1467. - XXIX. keine. XXX. 1570. 1630. XXXI. XXXII. keim.

Die dritte und vierte Zeile. Avent. I VI. keine. VII. 459. VIII. und IX. keine. X. 592. XL keine. XII. 635. - XIII. bis XV. keine. - XVI. 827. XVII und XVIII. keine. - XIX. 934. - - XX. 987. XXI. 1050. XXII. 1105. - XXIII. und

XXIV. keine. XXV. 1230. - XXVI. XXIX keine. - XXX. 1625. 1629.

80 KART, BARTSCH

Aber auch alle vier Zeilen der Strophe sind mit Inreimen ver- sehen. Und zwar

a) alle vier reimen genau. Aveut. I. VI. keine Strophe. VII. 457. 466. 478. VIII. 508. 514. - IX. 570. X. 591. 612. XI. 628. XII. keine. - XIII. 675. 679. 690. 703. 705. 709. 711. 715. 716. 719. 720. XIV. 729. 730. XV. 760. 778(?). 787. 795. XVI. keine. XVII. 861. - XVIII. 901. XIX. und XX. keine. XXI. 1047. 1049. 1058. XXII. 1113. 1121. XXIII. und XXIV keine. XXV. 1323. 1331. - XXVI. und XXVII. keine. XXVIII. 1468. XXIX. keine. - XXX. 1618. - XXXI. und XXXII. keine.

b) Zwei Zeilen reimen genau, bei den beiden andern macht ein n den Unterschied. I. 6. IL— VI. keine. VII. 441 472. VIII. 491. IX— XII. keine. - XIII. 675. XIV. keine. - XV. 778. 790. - XVI. keine. -- XVII. 856. - XVIII. 882. - XIX. 922. - XX. 971. 1026. XXI bis XXIII. keine. XXIV 1203. XXV. 1217. XXVI- XXXII. keine.

Es ist leicht zu bemerken, daß in manchen Parthien des Gedichtes die Inreime sich hänfen, vorzugsweise in der VII. Aventiure und den fol- genden; aber es ist, wenn man annimmt, daß ein späterer Überarbeiter die Inreime eingeführt hat, kein Beweis daraus zu folgern. Im Ganzen gehen sie durch alle Aventiuren hindurch und tragen zum Theil die Art und Weise der Endreime, namentlich stimmt die Freiheit in Bezug auf das häufig gebundene e ; en (vgl. Abschn. I.); ferner weisen Reime wie gnnde : äbunde 47, 3. wunde : äbunde 518, 3. weinunde : stunde 616, l; vgl. den Endreim äbunden : künden 376, 3; weinende : eilende 1244, 1 auf ein zu frühes Alter hin, als daß man sie einem jüngeren Bearbeiter zuweisen dürfte.

Aber auch Verschiedenheiten sind nicht zu verkennen: so erschei- nen im Inreim eine Menge Reimklänge, die der Endreim nicht kennt. So die Reime gäbe : Swäben 744, 1. leege : trage 599, 3. erkrahten : erstreik- ten 1 119, 1. allenthalben : alben 861, 1. nceme : zaime 740, 3. gebarte : värte 619, 1. zeichen : bleichen 1416, 3. ersprengen', lenge 1149, 1. gerne : lernen 646, 1. 472, 1. erste : herste 1331, 1. messe : icesse 441, 3. ergetzen : ge- setzen 825, 3. dicke : blicke 1206, I. stieben : Hieben 514, 3. sinken : ertrin- ken 961, 1. listen : gefristen 542, 3. kisten : wisten 692, 1. 972, 1. sitzen: icitzen 224, 1. triuwen : riuwen 1060, 1. 1193, 3. vlizzeh : itewizzen 331, 1. errochen : zerbrochen 901, 3. mohte : getohte 715, 3. geworben : verdorben 683, 3. hoeren : Meeren 721, 1. zorne : uz er körne 503, 1. 1156, 1. Fride- schotten : Otten 611, 1. säeue : kttene 1085, 1. 1644, 1. ruochet : suochet 11)35,3; ferner sind kurzsilbige Worte im Inreim häufiger als im End-

BEITRGE ZUR GESCHI CHTE UND KRITIK DER KÜDRUN. 81

reim, klageten : wägeten 493, I. : sageten 843, 1. sagete : verzagete 569, 3 922, 1. sagete : hhigeie 901, I. edele : sedele 1618, 3. engegme : degene 219, 3. 467, 1. 1573, 1. 1587, 3. : degenen 1105, 3. hernede : fremede 962, 3. tagende ijugende 574, 3. Doch das ist nicht auffallend; bei Wör- tern, wie die hier genannten, konnte man versucht sein, zwei Hebungen darauf zu legen (de'gene) , wie sie im Nibelungenliede verwendet sind ; das hätte aber dem Wesen des Endreimes in der Kudrun widersprochen. Andere Reime kommen ebenfalls seltener im Schluß vor, die als In- reime häufig sind, wenn auch ein bestimmter Grund nicht vorlag. So namentlich aide : gew aide 474, 1. 515, 1. 533, 1. 83S, 1. : holde 1345, 1. alden : walden 514, 1. gerten : werten 469, 1. : sicerten 504, 1. 512, 3. 708, 3. 765, 1. werten : swerten 860, 3. werte : gerte 877, I. herte : verte 1082, 3. besten : gesten 471, 3. 1385, 1. notveste : geste 621, 1. geste : veste 723, 3. 1381, 3. 719, 3. veste : weste 747, 3. geste : gebresten 330, 1. gesten : bresten 508, 3. 705, 3. geste : vesten 778, 3. vergezzen : mezzen 496, 3. besezzen : vermezzen 724, 1. vergezzen : vermezzen 1 138, 3. 1 160, 3. 1 113, 1. groze : genöze 550, 1. grozen : genozen 581, 1. 472, 3. : stritgenozen 699, 3. Andererseits kommen mehrfach Schlußreime vor, die im Inreim nicht begegnen.

Manche Wörter erscheinen nur in den Cäsurreimen, die sonst das Gedicht nicht kennt; so hrcenen 480, 4. 665, 1. vnversunnen 729, 3. untüre 790, 1, ferner Jialde, albe, bleiche?!, itewizzen u. s. w.

Auch sprachliche Unterschiede finden sich , z. B. hcete (Jmten : taten 985, 1), während der Dichter nur het und hele sagte (s. S. 91). wiste als Prät. von wetz (692, 2. 972, 2), ebenso wesse (441, 2); der Endreim kennt nur weste (1150, 1197), was auch im Inreim vorkommt (747, 3).

Neben den oben erwähnten alterthümlichen Reimen äbunde u. s. w. begegnet eine Anzahl wirklich ungenauer, wiewohl in allen Fällen nicht sicher gesagt werden kann, ob Zufall oder Absicht waltet. Nament- lich tritt Zweifel ein bei vocalischen Ungenauigkeiten, weil nur con- sonantische durch den Endreim belegt werden. Der Art sind erdiezen : staezen 16, 3, wie stozen : geniezen Roland 247, 23 solde : milde 20, 3, wie milde : wolde Kaiserchronik 12115. geseihte : golde Ruther 400. locke : recken Kudr. 355, 3, wie recken : rocke Ruther 4073. schefen : offen 442, 3. lazen : erglizen 449, 1 ; vgl. gehiezen : geläzen Rol. 102, 29. geniezen : Uzen 232, 24. verläze : hieze Kais. 3416 u. s. w. küuiginne : niemanne 1002, 1 ; wie minne : manne Fundgr. 1, 169- dannen : entrinnen Alex. 5948 u. s. w. gespenge : unlange 647, 3, wie gedrenge : Stangen Ruth. 1685. zovmstrengc :

GERMANIA X. 6

32 KARL BARTSCH

borlange 5087. engel : mangel Germ. Pf. 4, 457. here : swaire 1523, 3. järe : wcere 358, 3, ungemein häufig in der Poesie des 12. Jahrhunderts.

Häufiger und sicherer sind die consonantischen Ungenauigkeiten. Mutae unter einander: gelouben : ougen 490, 1, was noch bei Dichtern des 13. Jhs. vereinzelt vorkommt, edele : frevele 477, 1. 1079, 1; wie rede : neve Roland 47, 11. magede : sabenen 481, 1, wenn nicht der Dichter megede sprach, degene : lebene 625, 1. degene : lebenes 1160, 1. beliben : Herwige 630, 1. Herwige : wlben 667, 1. geligere : widere 723, 1, wie Glaube -2317. Gehügede 605. widere : gedigene Ruth. 708. 3765. : sligelen Kaiser- chronik 6901. 6909. edele : brehene Kudr. 1356, 1, wie vierzehene : edele Kaiserchr. 16069. jehen : reden '2218. 3530. gesehen : reden 8709 u. s. w segele : edele Kudr. 1359, 1. wäge: ungenäde 1538, 1, wie wäge : genäde Alex. 2463. 2613. 4847. 6636. Maria 154, 20. ziveleve : helede Kudr. 717, 1; wie Roland 8, 6. 14, 23. 130, 10.

Mutae nach einer Liquida, die in beiden Reimworten dieselbe ist, icelde : selben 169, 3, nur wenn der Dichter, was unwahrscheinlich ist, weit statt werlt sagte, selbe : velde 714, 1 (vgl. die Endreime), berge : werben 1142, 1.

Liquiden unter einander : Küdrünen : küme 881, 3. 1060, 3 *), wie Genelüne : küme Roland 56, 5. 82, 24. : süme 114, 15. Prüne : küme Kaiserchr. 7069. gerüne : küme Ernst 2, 54. süne : küme Maria 155, 23. ünum : rinnen Zeitschr. 3, 522. : sümus Hagen's Germania 10, 147. dienen : niemen 1056, 3. 1057, 3; auch im Endreim. : iemen 499, 1. räme: wolgetäne 653, 3; wie krame : wolgetdne Fundgr. 2, 247. wolgetdnen : nämen Hahn 22, 67 u. s. w. Küdrünen : umbemüret Kudr. 1362, 3, wie züne : gebüren Kaiserchr. 14825. Genelüne : iure Roland 54, 13.

Media? und Liquiden : gaben : waren Kudr. 460, 1 wie Kaiserchr. 7443, 13955. 14321. 14929. 16035. 16063. 16377 u. s. w. künige : übele 807, 1. 1063, 3, wie Kaiserchr. 19. 3500. 4060. 4326. 4917. 6433. 6575. 6857. 7613. 7891. 13407. 14595 u. s. w. wile : Herwige 586, 3, wie Ludewige: wile Kaiserchr. 17287. edele : helede 684, 1. 1328, 1, wie Ro- land 17, 9. 25, 20. 33, 7. 117, 5. 211, 30 u. s. w. küene : gefüeget 704, 1, wie fürbüegen : grüenen Roth. 4583. fuoren : genuoge 1143, l ; wie swuoren: sluogen Roland 71, 6. fuoren : sluogen 308, 1. ruoge : gefuoret Zeitschrift 3, 521. edele : venie 1170, 1, wie redene : menige Roland 248, 1. edele menige Kais. 5801. bruoder : erkuolet 1460, 3.

*) Müllenhoff S. 58 meint , dies so wie järe : wcere u. ähnl. seien ebensowenig Inreime wie in Nib. Kriemhilte : wilde. Vielmehr ebensogut, denn in dem Reime der Nib. die Absiebt des Reimes verkennen wollen, heilit sieb absichtlich blind machen.

BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND KRITIK DER KUDRUN. 83

Liquiden Verbindungen: gewinne : grimme 1498,3, auch im End- reim. Ferner spinnen : dingen 1006, 1 bringen : küniginne 663, l. tiuvelinne: twingen 1381, 1. grimmen : dingen 999,3. : erklingen 1466,3, ebenfalls als Endreime, stürme : bürge 708, 1, wie xVlexander W. 2058. 3051. ge- wunnen : funden 1498, I ; wie gerunnen : ungesunden Rother 4331. funde: gewunne Gr. Rud. G. 22 u. s. w.

Mutenverbindungen: vorhten : getorsten *) 921, 1; wie vorsten : qe- worhten Kaiserchr. 13005.

Manchmal ist nur der Auslaut der nächsten oder dritten Silbe verschieden, die eigentliche Reimsilbe gleich, funden : hundert 841, 1. megede : engegene 115, 1. galies : näher 841, 3. gtsel : geu-lset 849, 1. biderbe : nidene 968, 1. : toidere 607, 3. 757, 1. 1090, 1. geduldet : hulden 979, 3. landes : ande 992, 1. leides : ra^'c/e 1039, 3. schcenen : gehcenet 626, 1. «■#- müezic : gebüezet 1095, 1. : gegrüezet 1429, 1. künde : und er 1304,3.

Es ließen sich noch mehr anführen, wenn man, wie andere gethan, den Inreim noch freier fassen wollte (vgl. Müllenhoff S. 58); ich habe mich auf solche Assonanzen beschränkt, die in Dichtungen des 12. Jhs. häufig vorkommen. Sind die angeführten ungenauen Inreime nicht Zufall, wie nach ihrem häufigen Vorkommen nicht sein kann, sondern vom Dichter beabsichtigt, so muß Wunder nehmen, sie nicht in glei- cher Freiheit als Endreime zu finden. Allein das erklärt sich, wenn man zugibt, wie man nicht umhin kann, daß das Gedicht eine Über- arbeitung erfahren, nur daß ich mir diese