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Geſchichtſchreiber der dentſchen Vorzeit. Lieferung 85.
Die
Geſchichle Kaiſer Friedrichs II
Aeneas Silvius.
Ueberſetzt
von
Dr. Th: Ilgen.
Erſte Bälfte.
Preis: 4 Mark 50 Pf
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Leipzig, Verlag der Dyk'ſchen Buchhandlung
1889.
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Die Geſchichte Kaiſer Friedrichs II Aeneas Silvius.
(Geſchichtſchreiber. XV. Jahrhundert. Zweikter Band.) (Erſte Bälfte.)
Die Geſchichtſchreiber
dentſchen Vorzeit
in deutſcher Bearbeitung
unter dem Schutze Sr. Mai. des Königs Friedrich Milbelm IV. von Preussen herausgegeben von
6. h. Perb, 3. Grimm, 8. Ladımann, 2. Ranke, K. Rilter,
Mitgliedern der Königlihen Alademie der Wiſſenſchaften.
Fortgejegt von
W. Wattenbad:.
Fünfehntes Jahrhunderf. Bweiter Band. Erſte Bälfte.
Friedrich III von Meneas Silvius.
—— — 4. —— —
Leipzig, Berlag der Dyk'ſchen Buchhandlung. 1889.
SHefchichte Kaiſer Friedrichs II
von
Aeneas Silvins.
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Ueberſetzt
von
Dr. Th. Ilgen.
Erſte Bälfte.
Leipzig, Verlag der Dyk'ſchen Buchhandlung. „1889.
In iA 4 n
LIBRARY OF THE LELAND STANFORD JR. UNIVERSITY.
(47897 FEB 12 1901
Einleitung.
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Ueber dem Geſchichtswerk des Aeneas Silvius, des ſpä— teren Papſtes Pius II, in welchem er vornehmlich ſeine Er— lebniſſe während feines Aufenthaltes am Hofe Kaiſer Fried— richs III jchildert?!, Hat ein eigenthimlicher Unſtern gewaltet. Obwohl Aeneas feinen erjten Entwurf fpäter vollitändig um— gearbeitet und erweitert hat?, obwohl er auch dieje zweite Bearbeitung, wie wir noch zeigen werden, einer theilmeijen Umgejtaltung unterzogen hat, iſt feine Diefer drei Redactionen zum völligen Abſchluß gelangt. Daraud und aus den ver- ihiedenen Zweden, die Aeneas bei der Niederjchrift der ein- zelnen Bearbeitungen vorjchwebten, erklärt es ſich aud, daß das Werk in der handjchriftlichen UWeberlieferung feinen ein- beitlihen Titel trägt. Bayer handelt über die Titulirung ©. 35 ff. in feiner eingehenden Weiſe. Da ihm aber die Kenntnig des Codex Chisianus J. VII 2483 abging, und ihm
1) Bergl. Victor Bayer, Die Historia Friderici III Imperatoris des Enea Silvio de’ Piceolomini. Eine kritiſche Studie zur Geſchichte Katier Friedrichs III. Prag 1872. Den fleißigen Unterfuhungen Bayers verbanten wir die erfte genauere kenntniß von ber Entitehung u. f. w. bed Geſchichtswerles des Aeneas. Auf ihn verweife ih auch bezüglich der Würdigung der Ausgaben (S. 4 f.) und aller für bie Ueberſezung nit unmittelbar in Betradht kommenden Fragen. Diefe felbft ift nad der Ausgabe von Kollar, Aeneae Silvii ... historia reram Frideriei III imperatoris in ben Analecta monumentorum Vindobonensia. Vindobonae 1762. Tom. II. Fol. 1-476 ongefertigt. Weber bie Einrichtung derfelben vergl. den Schluß der Einleitung.
2) ©. Bayer, ©. 15 ff.
9) &, Eugnoni, Aenene Silvii Opera inedita. Roma 1883, ©. 14.
Geſchichtſchr. d. deutich. Borz. XV. Jahrh. 2. Bd. 1. Thl. a
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II Einleitung.
in Zolge deſſen verborgen bleiben mußte, daß Aeneas auch noch zum dritten Mal unter einem neuen Geſichtspunkt fein Ge— ſchichtswerk umgejtaltet hat, konnte er eine völlig Hare Einficht in dieſe Frage nicht gewinnen. Won den veränderten Abſich— ten, welche Aeneas mit feinen verjchiedenen Redactionen ver- band, abgejehen, wird die von dem Biographen des Aeneas zur Charakterijirung des Inhalts des Werkes gewählte Be- zeichnung „Enea’3 Denkwürdigfeiten vor feiner päpftlichen Pe— riode“ ?, troß der neuen Anjchauungen, die wir inzwijchen von der Entjtehung defjelben gewonnen haben, für jümmtliche Be- arbeitungen immer nod) als die zutreffendite anzuerkennen fein, wenngleich an eine praftiiche Einführung derjelben nicht ge- dacht werden kann. Die beiden erjten Nedactionen haben in den ums erhaltenen eigenhändigen Niederjchriften des Aeneas überhaupt feine Titel. Diejenigen, welche ihnen in jpäteren Abichriften beigelegt find, find nicht original, jondern aus den Vorreden abjtrahirt. Dagegen hat die Handjchrift, durch welche und, wie wir noch nachzuweiſen verjuchen werden, die dritte Nedaction in authentifcher Form überliefert ift, die Ueberjchrift: A. S. Piccolomini Senensis sanctae Sabinae cardinalis Au- stralis Historia. Daß auch Neneas diejen Titel jchlieglih als den maßgebenden gelten laſſen wollte, dafür jpricht der Ein- gang des 16. Eapitel feiner Europa ?.
Indem wir aber al3 die für die Sammlung der Geſchicht— ichreiber vorzugsweije zu berüdjichtigende die zweite Redaction betrachten, weil fie urjprünglich vom Autor dazu bejtimmt war,
1) Georg Voigt, Enea Silvio de’ Piccolomini als Rapft Pius II und fein Beitalter. 3 Bde. Berlin 1856 ff. Bd. IL, S. 326. Erwähnt fei, daß auch der von einem gewiffen Joan. Sambuci geichriebene Eoder Nr. 3365 der Hofbibliothel zu Wien den Titel Commentarii A. S. de Friderico III rebusque Austriacis führt. Vergl. Bayer, ©. 37,
?) Aeneae Silvii Opera. Baj. Ausg. von 1571. ©. 412. „Deſter re ich zu be— ſchreiben, halten wir an biejer Stelle nit für nothwendig, da wir liber dafjelbe eine eigne Gejchichte veröffentlicht haben,‘ Vergl. aud) Bayer ©. 36.
Einleitung. III
dem Kaifer Friedrich III überreicht zu werden und weil fie zugleich die umfangreichite und am vollftändigjten gedrudt ift, halten wir es nad) dem Beifpiel Bayers (©. 38) für angemefjen, den durch die Tradition für diefe Form des Werkes eingebür- gerten Titel: „Die Geihichte Kaifer Friedrich III“ in die Ueberſetzung aufzunehmen.
Ehe wir jedoch zu einer Darjtellung des Verhältnifjes der verichiedenen Redactionen untereinander und zu einer Würdi— gung des Werkes jelbit übergehen, jchiden wir eine kurze Charakteriſtik der Geſchichtſchreibung unſeres Autors voraus, weil wir der Ueberzeugung ſind, daß, wenn je bei einem Ge— ſchichtſchreiber, es bei Aeneas nöthig iſt, die Beurtheilung eines Werkes nicht auf dieſes allein, ſondern unter thunlichſter Be— rückſichtigung der Eigenarten der Perſönlichkeit auf die ſchrift— ſtelleriſche Manier deſſelben überhaupt zu gründen. Freilich bat in dieſer Hinſicht, wie Lorenz! ſehr mit Recht hervor— hebt, bereits Georg Voigt? „die allgemeinen literariſchen Ge— ſichtspunkte mit ſolcher feinfinnigen Mäßigung gefunden, daß auch Die Betrachtung einzelner Schriften des Humanijten nach— träglihe Ausbeute für die Erfenntnig des Charakter feiner Seihichtichreibung bieten konnte“. Die vortreffliche Arbeit von Bayer hat für Ddiefen Sat den glänzenditen Beweis ge- liefert. Vielleicht, daß auch die eingehendere Beachtung einiger mehr äußerlihen Momente und Heinerer Züge der Schrift: jtellermanier des Aeneas unſere Einficht nach diejer Richtung hin noch zu fördern vermag.
Bei der Beurtheilung des Charakterd der Geſchichtſchrei— bung des Aeneas wird man fi) in erjter Linie dejjen um— jaſſende allgemeine literariihe Thätigkeit vor Augen Halten
1) Dentihlands Geſchichtsquellen im Mittelalter. 3. Aufl. Bd. I. ©. 309. 2) Bol. befonderd Enea Silvio II, ©. 248 reſp. ©. 302 ff. und „Die Wied er Belebung des claffiihen Alterthums.“ 2. Aufl. Bd. II. ©. 506 ff. a*r
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IV Einleitung.
müffen, und daß fie die Frucht der Muße iſt, die ihm bei feiner amtlichen Beſchäftigung, anfänglidh als Secretär Papſt Selir V, ſeit 1442 als Gecretär und Rath König Fried: richs III übrig blieb. Man eriwäge nur, daß uns von 1442 an, dem Zeitpunkt, von dem an er feine Briefe zu ſammeln begann, bis zur Befteigung des päpftlichen Stuhles 1458 allein in die 600 derjelben erhalten find!. Und unter diejen it eine große Zahl jolcher, Die zu fürmlichen Abhandlungen an- gewachſen find, viele enthalten längere Hiftoriiche Mittheilungen oder ſchöngeiſtige literariſche Betrachtungen, die immerhin ein gewiſſes Maß von Gedankenarbeit erfordern. Dazu kommen aus Aeneas vorpäpftlicher Zeit? feine kirchlichen und politifchen Denkſchriften, feine antiquariſch gelehrten und philoſophiſchen Tractate, über das elende Leben der Höflinge, über Fürften- erziehung, feine Dialoge, der Pentalogus, der über einen er- dichteten Traum, endlich von Abhandlungen von geringerem Umfang noch feine erotiihen Schriften. Zeigt ſich hierin be- jonders feine enchklopädiſche Natur, die alles jie Intereſſirende in den Bereich ihrer Betrachtung zieht und ohne ein tieferes Erfafjen anzuftreben, über jeden Gegenitand zu reden oder zu ihreiben es unternimmt, auch mit feiner Gefchichtichreibung fteht er vollitändig auf dem humaniſtiſchen Boden feiner Zeit- genofjen, ja überragt jie darin, daß er ed wie fein anderer veritanden hat, feine hiſtoriſchen Darftellungen durch einge- jtreute geographiiche Bilder und ethnographiſche Studien an- Ihauliher zu machen und zu beleben. Seine weiten Reifen, jeine reichen Erlebnifje kamen ihm dabei in ganz bejonderem
1) Bergl. ©. Voigt, Die Briefe des Aeneas ESilvius vor feiner Erhebung auf den päpjtlihen Stuhl im Ardhiv für Defterr. Geih.i6, 321 ff. Ueber die verloren Briefe aus der Leit des Bafeler Aufenthaltes ſ. ©. 324 f. Eine ganze Anzahl bisher ungedrudter Briefe bringt Eugnont, Aeneae Silvii ... opera inedita, Roma 1883, ©. 63 ff.
9 S. G. Voigt, E. 8. II, ©. 288 ff.
Einleitung. Y
Maße zu Statten. Anfänglich gab er feine Eindrüde, friſch und mannigfach wie ſie bei feiner vieljeitigen Begabung auf ihn eingewirft, in Briefen an jeine Freunde wieder. Gie häuften jich und forderten zum Zuſammenfaſſen und Nebenein- anderjtellen auf. Als Aeneas, angeregt durch das Treiben auf dem Bajeler Concil, anfing Geſchichte zu jchreiben, da war es das erite, daß er al3 Einleitung eine topographifche und culturge- ſchichtliche Schilderung der Stadt Bafel vorausſchickte. Diejen Commentarien folgte, al3 e3 galt, den Umſchwung in feiner Geſinnung dem Concile gegenüber zu motiviren, eine zweite Schrift mit demjelben Titel aber erweitertem Inhalt. Daneben ſetzte er jein biographiſches Sammelwerk über berühmte Zeit- genofjen fort. Dann reizte es ihn, feine Erlebnifje am Hofe Friedrichs III erjtmalig niederzufchreiben. Er brach mitten in der Darjtellung derjelben ab, jchilderte für ſich bejonders die Geihichte des Neichdtaged von Regensburg vom Jahre 1454 und begann nun jeine Denkwürdigfeiten aus der Zeit jeines Aufenthaltes in Deutjchland unter einem neuen Gefichtspunft umzuarbeiten!. Und dabei war er bejtändig in Geſchäften thätig, jeit dem Ende der vierziger Jahre wiederholt monate- lang auf Gejandtichaftsreifen, über deren Refultate er dann längere Berichte erjtattete?, abweſend, an unfruchtbaren Reichs— und Deputationdtagen, an nußlofen Commiffionsverhandlungen und Gerichtötagen fortwährend betheiligt und glänzte hier noch dur; prunfvolle Reden? ES zeugt von einer erjtaunlichen geiftigen Regſamkeit, daß er daneben noch die Zeit zu einer jo großartigen literariichen Fruchtbarkeit fand.
2) &o ben Bericht über feine Reiſe nach Rom 1446/47 zur Dbebienzerflärung bei Muratori, Scriptores III 2, S. 878 ff., und ferner den ber die erite Geſandt⸗ Ihaft nad; Mailand 1447 bei Ehmel, Materialien zur öfterr. Gefchichte I. Nr. 11ıh; vergl. dazu Bayer ©. 82 Note 4.
3) Aeneas Reben find zufammengeftellt und herausgegeben von Manfi, Pü II Orastiones, Pars I—III. Lucae 1755 ff.
VI Einleitung.
Aeneas ſagt einmal ſelbſt von ſich: „Ich quäle mich nicht ab, wenn ich ſchreibe, weil ich nicht zu hohe und mir unbe— kannte Dinge berühre; ich gebe, was ich gelernt habe“!. Hat er bei diejen Worten zunächjt auch nur an feine damals edirte Brieffammlung gedadht, man darf fie ruhig auf feine jchrift- ſtelleriſche Thätigkeit überhaupt und jomit auch auf feine Ge— Ichichtjchreibung anwenden. Sind doch feine Briefe vielfach hiſtoriſche Abhandlungen von größerem oder geringerem Um— fange und hat er umgekehrt mehrere feiner gejchichtlihen Trac- tate nicht bloß äußerlich durch eine an die Spibe geitellte Adrefje al3 an eine bejtimmte Perſon gerichtet bezeichnet, ſon— dern auch in der Schrift De ritu, situ etc Theutoniae durch-— gehends den Briefitil fejtgehalten, während er in der Relation über den Regensburger Reichstag, indem er mitten in Die Darjtellung die Anrede des Adreſſaten einfügt, an anderen Stellen aber von ſich in der dritten Perſon redet, außerdem wie in ein größere® Geſchichtswerk einen Excurs über den Prozeß des deutjchen Ordens wider die preußiichen Städte einschiebt, die gejchichtlihe Erzählung mit der Manier des Briefichreiberd aufs engjte verjchmolzen hat. Zwar ijt Dieje Vermiſchung verjchiedener Literaturgattungen durchaus nicht Aeneas eigenthümlih; für die Beurtheilung dejjelben als Ge— ſchichtſchreiber wird fie jedoch von beadhtenswerther Bedeutung.
Muß man einerjeitd von vornherein annehmen, daß ein Schriftſteller, welcher es liebt feine Gedanken über gejchichtliche Begebenheiten und eigne Erlebnifjfe in ſolch flüchtige Form zu Heiden, nur zu leicht geneigt ift, fein ſubjektives Urtheil den gejchilderten Vorgängen und Perſonen gegenüber allzu jtarf zu betonen, um jo den berechtigten Erwartungen des Adrejjaten Genüge zu thun, jo läßt ſich andererjeit3 nicht verfennen, daß
1) Brief d. d. 1453 Drtober 27. an den Cardinal-Biſchof von Kralau. Ed. Basil. Nr. 402,
Einleitung. VII
die Gefahr einer mehr oberflächlichen, nur beſtimmte Seiten anſchlagenden Art der Behandlung des Gegenſtandes beſonders groß wird, mag dabei nun der Wunſch zu belehren und zu unterhalten oder — handelt es ſich um perſönliche Antheil— nahme an dem Geſchehenen — das Beſtreben ſein Verhalten zu rechtfertigen, maßgebend ſein. Etwas von dieſer leichteren ſchriftſtelleriſchen, zum Theil publiciſtiſchen Manier hat Aeneas in jeine Geſchichtſchreibung hinübergetragen. Zwar als er daran ging, jeine Erlebniffe auf dem Bajeler Concil und am kaiſer— lihen Hofe aufzuzeichnen, da redet er jowohl in den zweiten Commentarien über daS Bafeler Eoncil, wie in den beiden Borreden zur Gefchichte Friedrichs III mit pomphaften Worten von der Wahrheitäliebe al3 der höchſten Tugend des Geſchicht— ſchreibers. Doch fie in ernithafter Selbjtprüfung zu bethä- tigen, ijt ihm in feinen Werfen eigentlich nirgends gelungen, jedenfall3 hat er feinen ſtark fubjeftiven Standpunkt den ge— ſchilderten Ereignifjen gegenüber nicht zurücdzudrängen vermocht. Aeneas gehört eben zu jenen Menfchen, welche die Gejchehnifje gern unter dem Geſichtspunkt ihrer perfünlichen Antheilnahme an denjelben betrachten und dieſe mit bejonderer Vorliebe in den Vordergrund rüden, mag ihr auch in Wirklichkeit ein fo bevorzugter Pla nicht zufommen. So beanlagte Perjönlid)- feiten werden mit der Zeit gewöhnlich dazu geführt Memoiren zu jchreiben. Für die frühere jchriftftelleriiche Periode des Aeneas vertreten defjen Briefe gewifjermaßen die Stelle von Denfwürdigfeiten.
Solche Brieffammlungen nun, deren und von Humanijten des 15. und 16. Jahrhunderts zahlreiche erhalten find, wird man, joweit fie Zeitgefchichte enthalten, ihrem Werthe nad) noch am ehejten mit unferen heutigen Beitungscorrefpondenzen vers gleichen können. In befonderd bevorzugten Fällen mag man ihnen auch den Charakter von diplomatischen Correjpondenzen
vu Einleitung.
zuerkennen dürfen. Immerhin find die einzelnen Briefe be— zügli ihrer Zuverläffigfeit je nad) dem Verhältniß des Schrei- ber3 zu dem behandelten Gegenjtand jehr weſentlich verfchieden. Als Ausflüfle unmittelbarer Eindrüde von Zeitgenofjen vers dienen jte jedoch unter allen Umjtänden Beachtung. Wachien dieſe brieflihen Mitteilungen, wie wir bei Aeneas jchon be= merfen konnten, unter der Hand des Schreibers zu fürmlichen Aufjägen und Tractaten an, jo ähneln fie politiſchen Leitartifeln, biographiichen Eſſays und Hiltorischen Feuilletons. Es iſt feine Frage, daß gerade hierfür Aeneas in ganz hervorragenden Maße begabt gemwejen ift. Bei dem lebhaften Geift, der ihm eigen, wurde es ihm jchwer, feine Gedanken auf einen beftimmt abgegrenzten Gegenjtand dauernd zu concentriren und nur Dies jen im Auge habend in der Parftellung fortzufchreiten. Zu mühjamen Forſchungen auf unbekannten Gebieten fehlten ihm. offenbar Zeit und Ausdauer. Erſt allmählich gelangt er da— hin, jeine Erlebnifje unter einheitlicheren Gefichtspunften zu— jammenzufafien, was ja naturgemäß auch von deren Umfang und Bedeutung abhängig war. Nun Holt er auch) zeitlich weiter aus und wenn feine Gejchichtichreibung ſich gleich noch nicht zu der Höhe erhebt, daß fie aus der gejchichtlichen Vergangen- heit die Gegenwart zu begreifen fucht, es macht ſich doch ein gewiljer Pragmatismus in ihr geltend. Trotzdem bleibt vom Senilletoniften genug übrige. Denn vom bejchräntteren zum weiteren gejchichtlihen Thema übergehend, immer aufs neue wieder weiß Aeneas den Geſammtvorrath feines Wifjend zu verwerthen, faum jemals läßt er fich in feinen jpäteren Werfen die Gelegenheit entgehen, Perjonen und Ereignifje, über die er bereit3 an anderer Stelle gehandelt hat, abermal3 in feine Darjtellung einzubeziehen, jelbjt wenn jie zu dem Hauptgegen- ftande nur in lojerem Zufammenhange jtehen. So bieten auch feine größeren Werfe abmwechjelungsreiche Bilder, in die ſyſtem—
Einleitung. IX
los allerhand Erzählungen zujammengedrängt find; daher fer: ner die zahlreihen Wiederholungen von Charakteriftifen und interefjanten Epifoden von bisweilen geradezu novelliftiicher Färbung in jeinen verjchiedenen Schriften. Wir führen ein paar Beijpiele unter Bezugnahme auf unfere Gejchichte Fried- richs III an: Die Charakterijtifen des Niccold Piccinino, der Sforza Vater und Sohn, des Fortebraccio, welche Aeneas be- reits in den Viri Illustrest gegeben hatte, erjcheinen wieder in der Gejchichte Friedrichd III (Rollar 152—157), die des Hortebraccio aud in den zweiten Commentarien über das Ba- jeler Eoncil?. Die Liebestragödie des Francesco Sforza er- zählt Aeneas in unſerer Geſchichte (Kollar 157) umd etwas fürzer in der Europa (Cap. 59), desgleihen fehrt die Cha- rafterijtif des älteren Grafen Eilli (Rollar 215) wieder in der Europa (Cap. 21). Ueber den Einfall der Armagnafen in das Elſaß berichtet er in den Commentarien über dad Bajeler Con- cil (bei Fea 86) wie in unferem Werfe (Kollar 117). An beiden Stellen weiß er auch feine Thätigfeit bei den firchen- pofitiihen Verhandlungen der vierziger Jahre in das rechte Licht zu ſetzen. Des Bernardino von Siena, den Aeneas in jeiner Jugend perjönlic) kennen gelernt hatte, gedenft er ſo— wohl in den Viri Illust. (S. 24f.) wie bei Kollar 173 f. Von Barbara, der Witwe Kaiſer Sigismunds, giebt er in mancher Beziehung abweichende Charafteriftifen in Viri Illust. (©. 46) in einem Briefe aus dem Jahr 1451 (Ed. Baſil. Nr. 130) in der Geſchichte Friedrihs III (Kollar 181) und in der böh- mijchen Geſchichte (Cap. 59).
Die Zahl ſolcher Wiederholungen ließe ji) mit Hinzu- nahme jeiner Commentarien aus der päpftlichen Zeit in belie- biger Menge vermehren. Das Charakteriftiiche daran aber ilt,
1) ©. Bibliothek des Literariihen Vereins in Stuttgart. Bd. I. 3) Bei Tea, Pius II a calumniis vindicatus. Romae 1823, S. 34.
X Einleitung.
daß die Erzählungen, mögen fie auch noc jo oft wiederfehren, nie mit Ddenjelben Worten und in derjelben Darftellung aufs neue zum Borjchein fommen. E3 ift nicht ein Selbſtausſchrei— ben jeiner älteren Werfe, was Aeneas thut, der Gegenjtand erfährt ftet3 eine neue bisweilen eigenartige Behandlung. Da— her ſchwankt auch fein Urtheil über einzelne Perſonen mit: unter recht bedeutend — man vergleidhe nur die verjchiedenen Charakteriſtiken Capijtranos in unferer Geſchichte (Kollar 179 und 463.) —; ja e8 fommt vor, daß er in enticheidenden Punkten an zweiter Stelle das Gegentheil von dem jagt, was er an einer früheren vorgebradht, wie die entgegengefeßt lau— tenden Bemerkungen beweijen, welche er in den Commentarien über das Bajeler Concil (Fea ©. 91) und. in der Gejdichte Friedrichs III (Kollar 122) bezüglich feiner Aeußerungen gegen über dem mit ihm 1446 im Juli gemeinfam nad) Rom rei- jenden Thomas von Bologna madt!.
Wir jehen hier von einer fachlichen Beurtheilung der ab— weichenden Darjtellungen ab und laſſen und daran genügen feitzuftellen, daß ſich Aeneas in jpäteren Fällen um feine früheren Aufzeichnungen gar nicht befümmert hat. Das läßt ſich aber, wie wir jchon andeuteten, mit größerer oder geringerer Sicher— heit von der Mehrzahl der Wiederholungen behaupten. Alfo hat doch Aeneas in ſolchen Fällen offenbar aus lebendiger eigner Erinnerung geſchöpft. Höchſtens mag er gelegentlich fein Gedächtniß durch eine flüchtige Durchficht des früher Ge— ichriebenen aufgefriicht haben. Dazu werden ihm unter Um— jtänden auch feine Briefe gedient haben, die ja eine Fülle von geichichtlichen Nachrichten über Tagesereignifje enthielten. Der Nachweis einer directen Benutzung wird fich hier aber nur jelten bringen laſſen. Sprachliche und inhaltliche Verſchieden— heiten kommen überall zum Vorſchein, ſelbſt wenn ſich beide 2) Wergl. dayır Bayer ©. 57 und die Überjegung.
Einleitung. XI
Darftellungen zeitlich näher ſtehen und ihrem Charakter nad) injofern ähneln, al3 fie beide für jich eine Keine Geſchichtser— zählung bilden. Das einzige größere Beilpiel für ein der— artige3 Verhältniß iſt unferes Wiſſens vielleiht der Bericht über die Anjchläge des Erzieherd des jungen Königs Ladis- lau zur Befreiung defjelben, der ſich ähnlich, wie er in der Geſchichte Friedrihs III (Kollar 323—326) wiederfehrt, jchon in dem Brief an den Gardinal Domenico von Fermo vom 12. November 1453 (Ed. Baſil. Nr. 409) findet. In der Ge- ſchichte Friedrich III erwähnt Aeneas aber, um nur Eines berauszuheben, den doch wichtigen Umſtand nicht, daß er nıht in Erfahrung habe bringen können, ob der Brief, den Ladislaus aus Bologna an den Papſt habe jchreiben müſſen, wirklich in defjen Hände gelangt jei. Eine ſichere Entfcheidung über daS Berhältniß beider Berichte wird ſich in diefem Fall deshalb jchwer treffen lafjen, weil dem Aeneas dauernd die Prozeßacten zur Verfügung ftanden, in welchen die Ausfagen des Erzieher Caspar protocollirt waren !,
Einen höchſt eigenartigen Ausdrud hat nun aber die Schreib- ſeligleit unſeres Autors bei der Abfafjung feiner Denkwürdig- Teiten am Hofe Friedrihs III erfahren. Bayer (©. 15 ff.) bat auf Grund der Autographa des Aeneas feſtgeſtellt, daß diejer jeinen Gegenjtand zunächſt zweimal zu verjchiedenen Zei— ten und unter verſchiedenen Gefichtspunften jelbititändig bear- beitet hat. Sehr richtig vermuthet er dann weiter (©. 27), daß die zweite Nedaction, die zur Ueberreihung an den Kaijer - Friedrich bejtimmt war, ebenjowenig wie die erjte zur Ber: öffentlichung gelangt it, denn Aeneas hat auch noch zum dritten Mal Hand an fein Werk gelegt, und ihm, wenn auch nur durch theilweiſe Neugejtaltung, eine veränderte Form gegeben.
Die erite Nedaction der Gefchichte Friedrichs III wird ein-
1) Bergl. Voigt, E. 8. II, ©. 56 f.
Xu Einleitung.
geleitet durch die Vorrede, welche Bayer (S. 206— 208) zum erjten Mal aus dem Autographon T abgedrudt hat. Danad) lag e3 in der Abjicht des Aeneas, die Erhebung der Dejterreicher gegen Friedrich und die Belagerung von Wiener-Neuftadt 1452 in ihrem Urſprung und Verlauf zu jchildern. Er beginnt zu diefem Zwecke mit der Vorgeſchichte Friedrichs, erzählt, wie die Negentichaft in Dejterreih nach König Albrecht II Tod auf jenen übergegangen ift und diefem zugleic; die Vormundſchaft über den jungen Ladislaus von Ungarn anvertraut wurde. Daran jchließt er den Bericht über die Verhandlungen, welche zur Aufgabe der Firchlichen Neutralität führten, ferner eine Darftellung der Geſchichte Mailands nad) dem Tode Filippo Maria Viscontis ꝛc. Einen Theil dieſes Werkes hat Kollar (112—168) jeiner Ausgabe der Gejchichte Friedrich TIL, welche im übrigen die zweite Redaction am vollitändigiten zum Ab— drud bringt, einverleibt. Aber dieje erjte Redaction reicht noch weiter, wie Bayer auf Grund des Autographs dargelegt hat, und zivar jtimmt der weitere Theil inhaltlich im Ganzen mit der zweiten Redaction (Kollar 168—367) überein. Sie bricht ab mitten in dem Briefe des Johann Ungnad an Ulrich Eizinger (Kollar 367, vergl. Bayer 16), unmittelbar vor der Schilderung des Zuges der Wiener gegen Neujtadt. Ueber die jachlichen Berjchiedenheiten, welche die entiprechenden PBartieen der erjten und zweiten Medaction zeigen, hat Bayer. (S. 16f.) mehrfache Bemerkungen gemacht. Die freieren Aeußerungen des Aeneas bejonder8 über Angehörige des Hauſes Habsburg und andere fürjtliche Perfönlichkeiten in der erjten Redaction find dem ver- änderten Zweck der zweiten naturgemäß zum Opfer gefallen. Aber auch die Darftellung und die Anordnung in der Reihen- folge der Erzählungen find abweichend, wie jchon die wenigen von Bayer angeführten Proben erkennen lafjen. !) Codex M. $. Nr. 3364 der Wiener Hofbibliothek.
Einleitung. XII
Das Verhältniß wird in diefem Falle um fo interefjanter, al3 der zeitlihe Unterfchied zwiſchen der Abfafjung der erjten und zweiten Redaction kein bedeutender ift. Wir fünnen nämlich den Zeitraum, innerhalb defjen die erite Redaction, wenigſtens der bei Kollar 112—168 gedrudte Theil, niedergejchrieben fein muß, ungefähr auf die Dauer eines Jahres einſchränken. Der terminus ad quem iſt Kollar 163 gegeben, an welcher Stelle Aeneas etzählt, daß Francesco Sforza in hanc usque diem fich gegen die Venetianer, troßdem fie die Mächtigeren, im Sriege zu behaupten wiſſe. Diefer Sa muß gejchrieben fein vor dem Bekanntwerden des Friedens zwiſchen Sforza und Venedig, welcher 1454 April 9. zu Lodi geſchloſſen wurde. Wenige Zeilen vorher fcheint ſich eine Anfpielung auf eine Niederlage der Benetianer zu finden, die dieſe 1453 erlitten haben (f. die Ueberſetzung). Eine ganz fichere Handhabe zur Zeitbeſtimmung haben wir noch Kollar 136. Hier berichtet Aeneas, daß Stefano Porcaro nad) dem Mißlingen ſeines Anjchlages gegen Papſt Nicolaus V auf dem Caſtell ©. Angeli durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht fei, und das geichah am 9. Januar 1453. Anjpielungen auf jpätere al3 die im je- weiligen Zufammenhange geſchilderten Ereignifje finden ſich in ftarfer Anzahl, doch weift feine, foweit wir feitzuftellen ver- mochten, über das Jahr 1453 hinaus. In dieſes Jahr aljo, nicht in die letzten Monate von 1452, wie Bayer (©. 33) will, haben wir mit Rüdfiht auf die Notiz von der Hinrid)- tung des Stefano Porcaro die Abfafjung der erjten Redaction zu jeßen. Sie iſt offenbar in einem Zuge 1453! oder anfangs
1) Bemerft jet wenigſtens, daß fich in bem Brief des Aeneas vom 27, Dctober 1453 an ben Earbdinalbifhof von Krafau (Ed. Basil. Nr. 402), in weldem er auf defien Bemerkungen über jeine Brieffammlung antwortet und in dem er jeine Auf— faffung über das Königtbum Wladislaws von Polen in Ungarn äußert, feine An deutung findet, daß er fich bereit in einem größeren Geichichtswert dariiber aus- gelafjen Habe. (Mg. Kollar 116.)
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XIV Einleitung.
1454 geſchrieben, zu einer Zeit, als Aeneas von Geſchäften frei war. Dagegen ſpricht unſerer Anſicht nach auch nicht die Wiederholung der Traumerzählungen, die Kaiſer und Papſt in Rom ausgetauſcht haben follen. Bayer (S. 30 Note 2) nimmt zur Erklärung eine ſtückweiſe Abfaſſung des Werkes an; aber der unfertige Zuſtand desſelben genügt dazu ſchon, zumal wenn man Aeneas' flüchtige Art zu ſchreiben in Rechnung zieht. Ueber der Arbeit an dieſer erſten Redaction mag nun der Kaiſer von dem Vorhaben unſeres Autors, die Geſchichte des öſterreichiſchen Aufſtandes aufzuzeichnen, gehört, und daran die
Aufforderung geknüpft haben, ſie ihm einzureichen. Das wäre
denn, vorausgeſetzt, daß Aeneas nicht doch aus ſich ſelbſt heraus! zu dem Entſchluß gekommen, das Werk eventuell dem Kaiſer zu widmen, der Anlaß zu einer gänzlichen Neubearbeitung des Gegenſtandes geworden?. Manche Partieen waren freilich der— art, daß ſie in einem dem Kaiſer zu überreichenden Exemplare nicht Platz finden konnten. Aber man fragt ſich denn doch verwundert, warum er nun die ganze bisherige Schrift bei Seite legte, während er zweifellos größere Stücke aus derſelben auch für ſeinen neuen Zweck einfach verwenden, andere mit Leichtigkeit dazu umgeſtalten konnte. Die Erklärung hierfür wird man eben in feiner hervorragenden jchriftitelleriichen Ver— anlagung zu juchen haben, die ihn bejtimmte, lieber ein ganz neues Werk zu jchaffen, als das jchon vorhandene umzuändern und durchzucorrigieren.
Ueber die Abfafjung diejer zweiten Redaction handelt Bayer ©. 33 ff. Nach feinen Ausführungen find die Gejchichte Dejter- reichs unter den Staufern Kollar 25—112), ferner der Ab— jchnitt von Kollar 386 ff. erſt in Stalien zur Beit des Car—
1) Vergl. Lorenz II, ©. 310. Bu beachten in Bezug hierauf ift auch die That- ſache der 3. Redaktion.
2) Vergl. Hierzu Bayer S. 26 ff. Auch Hiervon ift das Autographon bed Aeneas erhalten. Bayer ©. 19 f,
Einleitung. XV
dinalates von Aeneas gejchrieben worden, und zwar höchſt wahr: iheinlich in der eben gegebenen Reihenfolge, wofür ſpricht, daß er (Kollar 87) jagt, er wolle jpäter den Prozeß des deutjchen Ordens wider die preußiichen Städte noch behandeln, was je- doc nicht geichehen iſt. Aeußerlich macht ſich ſchon ein Unter: ſchied zwijchen der letzten Partie des Werkes (Kollar 386 ff.) und dem ummittelbar Vorhergehenden darin bemerkbar, daß unfer Autor in jener fichtbarlich nicht mehr jo viel offizielles Material zur Verfügung gehabt hat, wie in diejem.
Was nun die Zeit der Niederjchrift des in Defterreicdh ver: faßten Theile anlangt, jo beweiſt zunächſt die Anfpielung auf den gejchlofjenen Frieden von Lodi 1454 April 9. (Kollar 338), daß dieſer Pafjus nad) dem genannten Termin eingetragen fein muß. Kollar 293 berührt Aeneas auch wieder den vereitelten Anſchlag des Stefano Porcaro, und bemerkt bei diefer Gelegen- beit von Papſt Nicolaus V: „Durch Gottes Gnade wurde Nicolaus gerettet und regierte noch einige Jahre danach glück— lich.“ Wie jchon erwähnt, fällt diefer Aufftandsverfuc in Rom in den Sanuar 1453. Alſo nicht gut vor dem Ende des Sahre31454 fann Aeneas die obigen Worte gejchrieben haben, ja ſie lafjen unter Umftänden den Schluß zu, daß damals der Zod de3 Papſtes — Nicolaus V ftarb in der Naht vom 24. auf 25. März 1455 — bereitö eingetreten war. Und An— Deutungen, aus denen man Ahnliches herausleſen kann, hat Aeneas bereit3 an einer früheren Stelle gemadt. Kollar 188 bringt er die mannigfachen Erwägungen und Befürchtungen vor, die von Nicolaus V und defjen Umgebung bezüglich des bevor- ſtehenden Römerzuges Friedrichs III gehegt worden jeien. Den Papjt läßt er von fich felbjt jagen: „er fei franf und könne nicht mehr lange leben“, deshalb müfje er den Wunſch hegen, daß Die Kaiferfrönung bald ftattfinde. Kurz zuvor gedenft er einer angeblihen Prophezeiung, daß Papſt Nicolaus vor dem
XVI Einleitung.
20. März 1452 jterben oder in Gefangenfchaft gerathen ſolle. Nun ift es ja gewiß fehr gut möglich, daß im Anſchluß an das Datum des 19. Märzes, den Krönungstag Papit Nico- laus V, eine ſolche Weifjagung vorher fabrizirt worden mar, immerhin möchten wir mit Rüdjicht darauf, daß Nicolaus wirk— {ich jehr bald nad) dem 20. März, freilich erſt 1455, gejtorben ift, die Annahme einer a posteriori gemachten Prophezeiung nicht fo ganz von der Hand weiſen. Auch dad Schreiben des Aeneas an Nicolaus V in der Krönungsangelegenheit (Kollar 189 ff.) giebt zu denken. Daß er in dem Driginalbriefe einen fol fchulmeifterlihen Ton dem Papſt gegenüber nicht ange— ichlagen Hat, ijt fiher. War dieſer todt, als Aeneas das Schrei- ben wieder neu concipirte, jo wird die reiheit, die er fich darin herausnimmt, jchon begreiflicher. Uebrigens dürfen wir bei diefen Auseinanderſetzungen doc auch nicht vergeſſen, daß Nicolaus V bereitS ſeit dem Auguft 1453 bedenklich Fränfelte und faft beftändig an das Krankenbett gefefjelt war!. Sei dem daher wie ihm wolle, joviel fünnen wir aus dem Obigen wohl al3 jicher annehmen, daß die Abfaffung der zweiten Redaction der Geſchichte Friedrich III nicht vor der zweiten Hälfte des Jahres 1454 begonnen haben kann. Beachten wir aber dann noch Folgendes: Drei Monate nad) dem Regensburger Reichs— tag, alfo im Auguſt oder September 1454, ſchrieb Aeneas, wie wir aus feinen eigenen Aeußerungen? wifjen, die Geſchichte dieſes Taged. Während des Monats Detober und auch noch einen Theil des November hindurch war er auf dem Frankfurter Tage thätig®. Daß er hier an feiner Gejchichte Friedrich III
1) Vergl. Paſtor, Geſchichte der Päpſte I, ©. 485.
9) Vergl. die Relation De Ratisponensi dieta bei Manfi, Appendix ad Ora- tiones Pii II. Pars III p. 1.
3) Vol. Aeneas Brief vom 25. Novbr. 1454 aus Neuftadt an Francesco Ptolomeo in Siena bei Eugnoni, A. S. opera inedita ©. 113 n. 47. „Nos ex Frankfordia novissime reversi sumus.‘‘
Einleitung. XVII
gearbeitet Habe, möchten wir ernſtlich in Zweifel ziehen. Dagegen jchreibt er Ende November 1454 aus Neujtadt an Procop von Rabjtein!: „... Der Haufen von Gejchäften, der mid in Frankfurt fait erdrücdte, wird bier andere in Anjprud) nehmen. Sebt, wo wir freier aufathmen können, wollen wir wieder einmal unfere Bücher .... aufichlagen.“ So werden wir für die Abfaſſung der zweiten Nedaction, joweit fie in Deutjch- land erfolgte, immer mehr auf das Jahr 1455 hingeführt und fommen dem Termin der Abreije des Aeneas nad) Stalien, Mai 1455, um fo näher, als Ddiefer nach Bayer (S. 33) in der Einleitung zu feiner neuen Bearbeitung mit Kollar 25 plöglih abgebrochen und die Niederichrift von Kollar 168— 386 begonnen hat, wahrjcheinlid do, um nod die Aftenjtüde der faiferlichen Kanzlei für feine Zwede möglichſt volljtändig be- nußen zu können. Kollar 25—112 und 386—405 reſp. bis 476 hat dann Aeneas, wie bereitö bemerkt wurde, 1457, theil- weife wohl auch erjt 1458 zur Zeit ſeines ardinalates in Stalien Hinzugefügt. ?
Aber damit it hier jeine Thätigfeit an diefem Geſchichts— werk noch nicht abgejchloffen. Aeneas Hatte Ende Mai 1455 Deutſchland verlajjen, fofort wohl mit dem im Stillen gefaßten Borjag, nicht wieder an den Hof Kaijer Friedrichs III zurüd- zufehren. Zwar traf er zunächſt noch als kaiſerlicher Bevoll- mächtigter an der Curie ein, aber als er fidh der Aufträge feines bisherigen Herrn entledigt hatte, da nahm er allerhand Borwände, um in Rom zurüczubleiben und feine eignen Ge— Ihäfte, feine Erhebung zum Cardinal zu betreiben. Daher fühlte er ſich auch mit feinen Intereſſen dem Neuftädter Hofe offenbar ferner gerüdt. War ihm mährend feines Aufenthaltes Dajelbft der Gedanke gekommen, feinem Werfe über üfterrei- chiſche Gejhichte durch die Widmung an den Kaiſer eine vielver- 2) Gugnont, 118. n.51. — 9) Bergl. Bayer ©. 34 f.
Geſchichtſchr. d. deutich. Borz. XV. Jahrh. 2. Bd. 1. Thl. b
XVII Einleitung.
jprechende Empfehlung auszumwirfen und zugleich den Dank jeines Herrn in irgend einer Form direct herauszufordern, jebt in jeiner neuen Stellung verzichtet er auf einmal darauf, fei es, daß er guten Grund hatte, an der Erkenntlichkeit Friedrichs III zu zweifeln, jei e8, daß ihm Bedenken aufgejtiegen waren, der Inhalt feiner Gefchichte und die Art und Weife der Behand- fung des Gegenftandes möchten doc nicht die Billigung des Kaiſers erhalten. Kurz und gut, er hat in Stalien feinem Werfe abermal3 eine neue Form gegeben, in der zumächjt eine Vorrede ganz fehlt und damit auch die Widmung an den Rai: jer vollftändig fortgefallen ijt. Dieſe Neubearbeitung liegt uns vor in dem oder Chifianus J. VII 248. Die Handjchrift jtammt aus der Zeit ded Aeneas, wie denn auch der mit den Wappen der NRovere und Chigi verzierte, jpäter ausgebefjerte Einband dem 15. Jahrhundert angehört. Sie umfaßt 202 Blätter, von denen 67®, 68 und 69 unbejchrieben find. Auf dem erjten Blatt iſt auf der Vorderſeite unter der Schrift innerhalb einer den linfen Rand theilweiſe ausfüllenden Ver— zierung das Wappen der Piccolomini, überhöht von der päpit- fihen Tiara, angebracht. Auf der Rückſeite findet ſich dasſelbe Wappen, bier jedod ind Viereck gejebt mit den Wappen bon Caftilien, Aragon u. a., und mit der Unterjchrift: Ja. Pic. De Castella, Aragoniaque. Ex Beneficentia Posuit?, Weber die Perfon dieſes Ja. Pic., wahrfcheinlich des Screiberd oder Wappenmalerd, vermag ich Feinen Aufjchluß zu geben. Be— achtenswerth aber erfcheint e8 mir, da Aeneas' Familienwappen an zwei Gtellen angebradt iſt. Sollte die Darjtellung, bei
’) Eine Beihreibung des Eoder und alle im Folgenden über benjelben gegebenen Notizen verdante ich dem Bibliothelar der Vittorio Emanuele in Rom, Herrn Raf- faele Ambrofi de Magiftris, den Herr Prof. Schottmüller auf meine Bitten auch veranlafte, einige Partieen der Handichrift mit dem Drud bei Kollar zu vergleichen. Beiden Herren möchte ih an diejer Stelle auch Öffentlich meinen ergebenften Dant ausſprechen. — ®) Bergl. Eugnoni, ©. 14.
Einleitung. XIX
der die Tiara hinzugefügt ift, jpäter eingetragen fein, jo wäre dad ein ftricter Beweis dafür, daß die Handſchrift zu der Zeit geihrieben, als Aeneas den päpftlichen Stuhl noch nicht be ftiegen Hatte. Die Ueberſchrift lautet: Aeneae Silvii Picco- lomini Senensis sancte Sabinae cardinalis Australis Historia; liber primus ineipit. Alſo das Werk ift von ihm als Cardi- nal gejchrieben. Nach der Ueberjchrift beginnt der Coder unter Weglaſſung auch der Stelle Kollar ©. 6. Frideriei tertii Roma- norum imperatoris, qui fuit Ernesti .. filius bis magis aperta reddatur jofort mit den Worten: Austria non ut plerique arbitrantur, idceirco dieta est... und e8 folgt eine Be- ihreibung Dejterreich!, feiner Lage und Grenzen, die ſehr wejentlich von der bei Kollar S. 6—7 gegebenen abweicht. Bon Rollar ©. 7 ab: ut cuique libitum fuerit, ita sentiat. Austria vero nostro tempore ab orienti sole habet Hun- gariam .... bis Rollar 112 tritt mehr wörtliche Uebereinjtim- mung ein, nur bisweilen jollen auch jachliche Verfchiedenheiten fih zeigen. Es fehlt dann der aus der erjten Redaction von Kollar 112— 168 herübergenommene Abjchnitt, doch find nad) den Worten nunc ad ipsos Australes redeundum auf Fol. 67* die Seiten bez. Blätter 67’, 68 umd 69 frei geblieben. Fol. 70 bis 202 enthält das, was bei Kollar 168—405 gedrudt ift, und zwar endigt die Handjchrift mit den Worten Kollar 405: sit locum ejus occupaturus. ingetheilt ift da8 Ganze in fieben Bücher und diefe wieder mit Ausnahme des erjten in Ca— pitel!. Vom fiebenten Buch, das Kollar 404 His apud Viennam 1) Wir führen die Bucheintheilung bier an:
Bud I reicht bis Kollar 112: Nunc ad ipsos Australes redeundum, Bud IH von Kollar 168— 228: fraternae coronationis adesse solemnibus.
Bud III bis Kollar 265: ... et aliquando forsitan dicetur amplius, Buch IV bis Mollar 297: ... . diu de natura somniorum disputavimus. Bud V bis Kollar 3858: ..... eo graviorem infligit.
Bud) VI bis Kollar 404: .. . me autem non semper habebis.
Buch VII Kollar 404 — 405. b*
XX Einleitung.
gestis anfängt, iſt nur der Anfang bis Kollar 405 sit locum ejus occupaturus in der Handſchrift vorhanden. Gerade jo weit reicht nun aber aud) der Cod. M. S. Nr. 785 des K. K. Staats- archives in Wien!, der aus dem Beſitz Hinderbachs jtammt, und von diefem zum Theil mit Noten verjehen ift. Herner jtimmt der Eingang unferer Handſchrift: Austria non ut plerique arbi- trantur, ideirco.. mit den im Cod. M. S. Nr. 3366 der Wiener Hofbibliothef erhaltenen Fragmenten überein, in denen Bayer (S. 25) vorbereitende Notizen von Aeneas' eigner Hand für die zweite Redaction erkennen wollte. Sie würden vielmehr, vorausgeſetzt, daß ſich noch weitere Uebereinjtimmung fejtitellen ließe, als joldhe für die von und vermuthete dritte Redaction anzufehen fein. Eine genaue Bergleihung der Handſchriften fann allein hier zu ficheren Refultaten führen. Soviel aber ſcheint mir jeßt ſchon fiher, daß wir in dem Coder Chiſianus die lebte von dem Autor jelbjt bejorgte Redaction vor uns haben. Daß die Einrihtung diejer Handichrift, ſei es direct, fei e8 indirect, auf Aeneas ſelbſt zurüdgeht, dafür ſpricht vor allem die auf Fol. 67* Hinter den Worten Nunc ad ipsos Australes redeundum gelafjene Züde. Offenbar wollte doch Aeneas hier einen Abſchnitt wahrjcheinlih wohl zum Theil aus der erſten Redaction einfchalten, um die Weberleitung zur Geſchichte Friedrich III zu bewerfitelligen. Ein fremder Schrei- ber fonnte ja gewiß auch erkennen, daß bier eine Lüde in dem Werte ſei, aber das Nädhitliegende ift doc) die Annahme, daß fie auf Aeneas eigene Angabe hin gefennzeichnet wurde. Bon ihm rühren die ſtarken Texrtänderungen her, von ihm ftammt dem- nad) wenigjtens für dieſe Bearbeitung der Titel: „Defterreichifche Geſchichte“?. Danad) ift nun aud) die Stelle im Eingang des
1) Bergl. Bayer, ©. 19, Note 2, — ?) Wie die böhmiiche Geichichte mit „„Bo- hemia‘‘, jo beginnt er die öfterreichifcde mit „Austria“. Auch Hinderbadhs Fortiegung ber Geſchichte bes Aeneas hat ben Titel Hist. Austr. ©, u. ©. XXVII, Note 2.
Einleitung. xxi
16. Cap. der Europa wörtlich zu nehmen.! Es läßt ſich aber weiter daraus folgern, daß dieje NRedaction der Commentarien ded Aeneas aus feiner deutjchen Aufenthaltszeit vor der Ab— faffung der Europa (März 1458) vollendet gemwejen jein muß. Vie es gekommen fein mag, daß die Handjchrift unvollſtändig ge- blieben ift, darüber lafjen ſich verjchiedene Vermuthungen aufftellen.
Was man bei Kollar 405 reſp. 404— 476 findet, entſpricht
ungefähr dem Umfang eine® Buches; alfo lag vielleicht bei Niederichrift des Coder Ehifianus das bis zum Tode des Königs Ladislaus (1457 November 23.) geführte Concept jchon vor.
Wir befiten nun aber noch eine frühere Schrift unſeres Autors, in welcher die Geſchichte Friedrich III im Brouillon ebenfall3 ſchon vorliegt, nämlich die „Rede gegen die Deiter- reicher“ *. Bereit3 Voigt. (II, 43 Note 2) hat darauf hinge-
wiejen, daß die Rede, welche Aeneas Friedrich I, ald in Rom
im März; 1452 dem Papſt gegenüber gehalten, in den Mund
legt: (Rollar 282— 286), auch in der Rede gegen die Dejter- reicher zu finden ift. Diefe giebt eine kurze Gefchichte des Ur- ſprungs und Verlaufs des öfterreidhiichen Aufftandes, woran fi eine Erörterung über dad Teftament Albrechts II und die Zeit der Vormundſchaft Friedrich! über den jungen Ladislaus, reip. defien Regentjchaft in Defterreich, anſchließt.“ Manſi 213 ff. erzählt Aeneas die Vorgejchichte Friedrich& III vor der Kaijer- frönung, erwähnt defjen Zug nad Ierufalem, die Königsmwahl und die Verhandlungen behufs Aufgabe der Firchlichen Neutrali- tät. Dann ergeht er fi in Lobſprüchen über den glänzenden Erfolg des Römerzuges, über die Huldigungen, melde dem Kaiſer auf feiner Krönungsfahrt von den italienischen Städten dargebracht jeien.
Eine furze Dispofition der Rede und Erörterungen über die Veranlafjung zu derjelben bringt Voigt (II, 83 ff.). Aeneas
3) &,06.5.II. — 9) Gebr. bei Manft, Pii II. Orat.I, 184—246. — 3) Manft 202..
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xxu Einleitung.
hatte fie ausgearbeitet, um fie während der Verhandlungen, welche in Wien über den Ausgleich zwiichen dem Kaiſer und den Aufjtändiichen nach den vergeblichen Verjuchen im vorher- gehenden Jahre im Januar 1453 wieder aufgenommen waren, zu halten. Aber die Defterreicher ließen ihn zu feinem Glück nicht zu Worte fommen. Denn als er die Rede im April 1453 "dem Gardinal von ©. Angelo zur Begutachtung jchidte, gab ihm dieſer den Rath, fie überhaupt nicht zu veröffentlichen, jo lange er in Deutjchland weile. Er hielt fie denn auch, wie wir aus einem Briefe! an den Gardinal Peter von Augs— burg erfahren, zurüd. Da kam ihm vffenbar der Gedanke, den Gegenjtand in einem größeren Hiftorifchen Werke ausführlich) zu behandeln, und fo entjtand die erſte Redaction der Geſchichte Friedrichs II. Ob er auch fie wieder zum Theil deshalb bei Seite legte, weil fie wegen ihres leidenjchaftlihen Tones, den er bisweilen darin angejchlagen, ſich nicht zur Herausgabe zu eignen jhien? Doc, die Vorrede zur zweiten Nedaction, in welcher er den ausdrüdlichen Wunſch des Kaiferd, die Ge— ſchichte des öſterreichiſchen Aufruhrs dargejtellt zu jehen, vor— bringt, kann genügen, die Neubearbeitung des Gegenjtandes er- Härlic zu finden.
Nach einer bejonderen VBeranlaffung zur Abfaſſung des Werkes, insbefondere der erjten Redaction, brauchte man auch eigentlih bei einem fchreibjeligen Manne, wie Aeneas einer war, faum zu fuchen. Und Bayer (S. 38) läßt daher deſſen Entjtehung in dem freien Entjchluffe unſeres Autors liegen. Fand er doch Gelegenheit, darin feine perjönlichen Verdienſte gebührend hervorzuheben. Ueberdies lag der Beweggrund, jeinen faijerlichen Herrn in defjen Verhalten gegen die Aufftändijchen zu rechtfertigen, befonder8 nahe, und ijt jchon im der Rede gegen die Defterreicher zum Ausdrud gebracht. Aber Weneas
1) Bom 18, November 1453. Vergl. Boigt, Il, 86. Note 1.
Einleitung. XXIII
war nicht dazu gelangt, ſie zur allgemeinen Kenntniß zu bringen. Sollte er nicht doch auch ein rein perſönliches Intereſſe daran gehabt haben, ſeinen Antheil an gewiſſen Vorgängen, welche mit dem öſterreichiſchen Aufruhr in unmittelbarem Zuſammenhange geſtanden, klar zu legen, oder vielmehr deren erfolgreiche Be— deutung nachdrücklich zu betonen, um ſich, wenn auch nur in— direct, gegen Vorwürfe zu vertheidigen, die ihm mwahrjcheinlich gemacht worden waren? Denn e3 ijt doc auffällig, daß er zu wiederholten Malen einen Anlauf dazu nimmt, den für Die Darjtellung nicht unverfänglichen Gegenjtand zu behandeln. Hat man e3 ihm jpeciell zur Laſt gelegt, daß er Friedrich III in feinem Eigenfinn bejtärkt hat, den Römerzug zu einer Zeit auszuführen, wie jie ungünftiger kaum gewählt werden Fonnte? Bei Thomas Ebendorffer von Haſelbach! lejen wir bezüglic) des leßteren Punktes: Et licet omnium sensatorum de patria etiam secretariorum sibi (Friderico) fidorum concors haberet sententia et digestum concilium, quod praefatum iter nulla ratione arripiendum foret, nisi Austriae de suorum consensu opportuna provisio major quam usque facta dinoscitur quan- tocyus praecederet, praevaluit tamen praefati regis intentio. Damit vergleihe man num die Darjtellung der Vorbereitungen zum Empfang der Saiferfrone bei Aeneas. Das Ausichreiben des Königs zum Zuge nad Italien habe zwar bei Manchem Zweifel an der Ausführung desjelben hervorgerufen, weil der Termin zu demjelben ſchon zweimal verjchoben; immerhin hätten viele ihre Dienjte angeboten, da ja Böhmen beruhigt, Ungarn durch einen Waffenjtillftand gebunden jei und Oeſterreich in tiefem Frieden ſich befünde. Ganz unvermuthet jei dann eine Sturmmwolfe am Horizont aufgezogen, die das Unwetter, welches die Urſache alles jpäteren Unglücks geworden, herbeigeführt babe (Kollar 183). Ganz fo überrafchend kam nun die auf-
1) Pez. Scriptores rer. Austr. II, 869,
XXIV Einleitung.
ftändifhe Bewegung fir die davon Betroffenen ſicher nicht !. Zwar erwähnt Aeneas, daß, als im December 1451 in Graz immer ungünftiger lautende Nachrichten aus Dejterreich eintrafen, als auch Heinrich von Senftleben aus Rom erjchien, um im Namen des Papſtes den Aufjchub des Zuges anzurathen, da die Mehrzahl der Räthe dafür gewejen wäre, zunächſt den Auf: ruhr in Oeſterreich nieder zu werfen. Erſticke man ihn nicht im Keime, jo ſei e8 für Friedrich um das Land gejchehen. Diefer aber habe auf jeinem Borjat bejtanden und jollte es zu feinem eignen größten Nachtheil fein. Daneben nun Halte man, wie ſich Aeneas rühmt, durch jein Schreiben an Papſt Nico- laus V (Rollar 189 ff.) deſſen Bedenken gegen die jofortige Neife des Königs nad) Stalien befeitigt zu haben. Und aud an Friedrich III will er die Mahnung gerichtet haben (Rollar 193), er jolle jich überzeugt halten, daß wenn er im bevorftehenden Winter den Zug nicht noch unternähme, er auf lange Zeit hinaus nicht dazu fommen werde. Und weiter, mit welchem Nach— druck betont Aeneas ſchon in der Rede gegen die Defterreicher die Nothwendigkeit und die praftifchen Vortheile des Römer: zuged. In nod) auffälligerer Weije thut er das in dem offen- bar don ihm fabrizirten berüchtigten Briefe Eizingerd an Johann Ungnad (Kollar 357 ff.), indem er diefem von erjterem den Vorhalt machen läßt, daß alle politischen Gejchäfte der feßten Jahre, bei denen er feine Hand im Spiele gehabt habe, fchlgefchlagen feien. Aber wenn der Kaifer „der Kirche den Frieden tmiedergegeben, wenn er eine erlaudhte Gattin heim geführt hat, wenn er in Rom glücklich gefrönt worden ift, wenn er einen Herzog don Modena ernannt hat, wenn er in Italien mit Ehrenbezeugungen überhäuft worden iſt, jo find dieſe Angelegenheiten deshalb gut abgelaufen, weil fie nicht nad) Deinem (Johann Ungnad's) Rathe geführt werden fonnten“,
1) Vergl. Bayer 101.
Einleitung. XXV
fondern — jo dürfen wir mit gutem Grumde den Gedanfen- gang vervolljtändigen — nad) dem des Aeneas Silviud. Schon der Umftand, daß unſer Autor in die Verfuchung gekommen ift, einen jolden Schmähbrief, wenngleich auf Koſten eines an— deren, gegen feinen Gollegen im faiferlichen Rathe zu jchmie- den, beweiſt, daß er mit diefem nicht gerade im beiten Ein- vernehmen gejtanden haben fann, und feine dem Schreiben voraufgehenden Aeußerungen (Rollar 354) über die drei bevor- zugteren Näthe, die beiden Johann Ungnad und Neiperg und Walther Zebinger, laſſen darüber gar feinen Zweifel. Durd) die Meinungsverjchiedenheit bezüglich de3 Römerzuges mag der Gegenſatz zwifchen den deutjchen Räthen und dem italienifchen noh mehr verjchärft fein. Denn ſoviel darf man doch wohl nach den eignen Ausführungen des Aeneas als ficher annehmen, daß er zu den wenigen Räthen gehört Hat, daß er höchſt wahr: ſcheinlich der einzige gewejen ift, der den Raifer in feiner Ab- ficht, fich gerade damals die Kaiferfrone in Rom auf dad Haupt ſetzen zu lafjen, befeitigt hat. Welche Hoffnungen Aeneas für jih an dieſen Vorgang fnüpfte, daß er ihm für feine Verdienite |, den Burpur des Cardinalates einbringen jollte, darauf hat Boigt (II 35) bereit3 hingewieſen. Freilich mit dem zweifel— haften Erfolge des Unternehmens konnte ſelbſt er fich hinterher nicht recht einverftanden erklären. Aber wenn er meint, daß, wenn e3 dem Kaiſer gelungen wäre, Italien den Frieden wiederzugeben, dies ein jchönerer Ruhmestitel für ihn geworden fein würde, als ihn ihm der Empfang der Raiferfrone zu geben vermocht hätte, ja, wenn er den Grafen Eilli über den Römer: zug abfällige Aeußerungen thun läßt, die wir wohl al3 jeine eigne Meinung anjehen dürfen (Voigt II 61), jo zeigt das höchftens, daß feine Erwartungen auch nad) anderer Seite bin — der Cardinalshut blieb ja ebenfalld einjtweilen aus — getäujcht worden find. Gewiß wäre ed dem Staliener lieber
XXVI Einleitung.
gewejen, wenn er jeinen faijerlihen Herrn zugleih aud als den Friedensbringer Italien hätte preijen fünnen, wenn diejer das unruhige Mailand mit Fräftiger Hand niedergehalten, die (ombardiihen Staaten untereinander geeinigt und den Beſitz des Firchenftaates in Mittelitalien befeftigt und erweitert hätte. Die glänzenden Kriegsthaten, wie fie Otto von Freifing von Friedrich I Hatte fchildern können, mögen ihm zugleich auch in
| feinem Intereſſe al3 ein für jeinen gleichnamigen Helden er- | jtrebenöwerthes Ziel vorgejchwebt haben, um jo mehr, als er
der Ueberzeugung gemwejen zu fein jcheint, daß Friedrich III
' darin jeinem hochberühmten Vorfahren jchon gleichgefommen
war, daß er wie dieſer zu geeigneter Zeit mit der Kirche jeinen Frieden gemacht Hatte.
Bayer (©. 42.) hat die jehr zu beachtende Vermuthung ausgeſprochen, daß dem Meneas bei der Abfafjung feiner Ge— ſchichte Friedrichs III — damit ijt natürlid) an die zweite Nedaction zu denfen — der Biograph Friedrich! I, Otto von Freifing, als Vorbild vor Augen gejtanden habe. Otto iſt nahezu der einzige Schriftiteller des Mittelalterd, den unſer Autor der Beachtung für werth hält, den er mit Vorliebe be- nußt und citirt. Schon um 1443, als er den Pentalogus ſchrieb, muß er die Schriften des Freifinger Bischofs gekannt haben!. Was in jpäterer Zeit den Aeneas für Otto bejonders eingenommen, it, daß diejer in dem Streite Friedrichs I mit der Curie ſtets ſich eine verjühnliche Haltung zu wahren ge- wußt hat. Das jtellt er in der Charafteriftif Dttos (Kollar 29— 30) al3 defjen größten Vorzug hin. In diefer Beziehung vor allem fühlte ſich Aeneas Dtto gleichgejonnen. Sah er fid doch als den Wiederherfteller des Friedens zwiſchen Papſt Eugen IV und Friedrich III an. Unter ſolchen Umſtänden ge- winnt es mehr al3 ein bloß literarifches Intereſſe, zu jehen, 96, Voigt II, 812, Note 1,
Einleitung. XXVII
wie Aeneas auf Grund der Nachrichten Ottos von Freiſing den Kirchenſtreit zur Zeit Friedrichs J dargeſtellt hat, eben weil er das Bild des gewaltigen Staufers als hiſtoriſche Perſön— lichleit weſentlich von dieſem Geſichtspunkt aus, aber zum Theil, wie wir gleich vorausſchicken wollen, in einem gewiſſen Gegen— fat zu jeiner Vorlage auffaßt.
Ueber Aeneas Silvius als gelehrten Geſchichtsforſcher und kritiſchen Hiftorifer hat ebenfalld Voigt (II 311 ff.) aus feiner eindringenden Kenntniß der Perjünlichkeit und der Werfe unſeres Scriftiteller8 mit feinfühligem Takte das Urtheil fejtgeftellt. Für den Begründer moderngejchichtlicher Kritik kann man den Aeneas freilich nicht erklären, aber man muß doch anerkennen, daß er fie auf verjdhiedenen Gebieten geübt hat, wenngleich nit überall in origineller und ebenjowenig in methodijcher Weiſe. Naturgemäß war, daß fie in ihren Anfängen gelegent- lich auf Abmwege gerathen mußte. Dahin rechnen wir die maß- Ioje Polemik, welche (Kollar 15—26) gegen die jagenhafte Urgeſchichte Defterreih8 von Gregor Hagen!, deren Befannt- Ihaft der nicht deutjch verjtehende Italiener dem Johann Hin-
derbadh ? verdankte, eingeflodhten ijt. Sobald Aeneas einem jo |
zuverläjligen Führer, wie Otto von Freifing folgen kann, ſchließt er fih ihm gern und willig an. Als ihn diefer und dann deſſen Fortjeger Rahewin im Stiche lafjen, da nimmt er, was man, joviel ich jehe, bisher noch nicht bemerkt Hat, feine Zu— flucht zu dem großen compilatorifchen Geſchichtswerk feines Zeit- genofien, den Deladen des Flavio Biondo, die er ja jpäter noch zum größten Theile vollftändig überarbeitet hat. Otto und Biondo find für die Zeit vom Beginn des ſtaufiſchen Ge— ichledhtes bis zu deſſen Untergang des Aeneas einzige Duelle.
1) Berg. hierüber die Nachweife zu der betreffenden Stelle in der Ueberjegung. 2) Vergl. des Johann Hinderbadd Continuatio Hist. Austr. Aeneae Silvii bei Kollar II, 551.
XXVIII Einleitung.
In der Ueberſetzung ſind die correſpondirenden Stellen am Rande angezogen, woraus denn zugleich erſichtlich wird, daß Aeneas ſowohl die „Chronik“, wie „Die Thaten Friedrichs I* von Otto von Freiſing für ſeine Zwecke benutzt hat. Hier mögen daher nur noch einige allgemeine Bemerkungen Platz finden.
Bon einem Manne, in welchem der Schriftiteller den Ge— ſchichtſchreiber ſo jehr überragt, daß er faft niemals bei Wieder- holungen in feinen jpäteren Geſchichtswerken auf feine eigne frühere Fafjung zurüdgreift, fann man von vornherein voraus— jeßen, daß er feine Borlagen nicht wörtlich ausfchreibt; er arbeitet das dargebotene Material zu neuer Darftellung um. Und zwar geht er darin fo weit, daß er fogar die von Otto
von Freifing eingefügten Reden und Briefe in eine dem ver—
feinerten humaniftifchen Sprachgefühl befjer entjprechende Form gießt, wie man aus einer Bergleichung verjchiedener Stellen jofort fieht. Zur leichteren Ueberficht ftellen wir ein paar Ab: jchnitte direct gegenüber. Zunächſt die Rede, welche Dtto von Freiſing dem Staufer Friedrich gegenüber Herzog Heinrich von Baiern in den Mund legt:
Dtto von Freifing.
Gefta Friderici” I, 20: Aeneas Silvius bei Kollar 45:
Contra fas, bone dux, fecisti, qui me in pace vocatum, pacis non ferens signa, inimicum te potius quam amicum ostendisti; nec te ab hoc facto propriae famae revocavit honestas nec carnis qua conjungimur affini- tas. Ne autem malum pro malo reddere videar, te tamquam amicum fideliter ammoneo, ne
Ego tuam, Henrice, secutus fidem huc veni. Tu mihi ex affine hostem te objecisti, neque fas neque bonum sectatus; in- dignus es, qui claris parentibus nasceris. Haec te dies honore exuit, perjurum deinceps omnis Germania devitabit. Digna tuis sceleribus reddere praemia po- teram, si voluissem. Adest enim
1) Ottonis et Rahewini Gesta Friderici I imperatoris ed. alt. rec. G. Waitz in ben SS, rer. Germ, in usum scholarum recusi. Hannoverae 1884,
Einleitung.
fideles meos, quos undique ad- ventare cerno, exspectes.
Dtto, ohne den Wbzug Heinrichs noch ausdrüdlich zu erwähnen, fnüpft unmittelbar an das Dbige folgende Bemer- tungen:
Excusatur tamen a quibus- dam hoc factum ducis non solum ex hoc, quod eo in tempore in- imici fuerunt, juxta illud:
Dolus an virtus quis in hoste requirat? sed ex eo, quod pro fidelitate regni et reipublicae quiete principi eum tradere pa- cemque imperio instaurare vo- lens, hoc fecerit.
XXIX
miles meus, qui proditionis ex te poenas exigat. Sed potius ab eo servatum te scito, quem dolis captum necare putavisti.
Aeneas aber, indem er es für jeine Pfliht Hält, den Lejer darüber aufzuflären, daß nun auch Heinrich wirklich ab- gezogen, jagt:
Quibus auditis Henricus nil amplius morandum ratus, trepi- dus a monasterio fugit; inglorius deinde apud Theotones habitus, quamvis nonnulli eum defen- dere conati sunt, quibus imperii majestas etiam dolis ac fraude retinenda videtur, Virgilianum- que illud apprime placet:
Dolus an virtus quis in hoste requiret! Sed verius dixerimus etiam hosti servandam fidem.
Was die Benußung feiner Vorlage im Allgemeinen anlangt,
fo hält Aeneas an der von Otto gegebenen chronologiſchen Folge im Ganzen feit, weiß aber feiner Darftellung, wie ſchon aus der oben gegebenen Probe zu erjehen iſt, durch eine engere fachliche Verknüpfung der Begebenheiten und detaillirtere Schil- derung ein einheitlichere8 und abgerundetered Gepräge zu geben. Zu diefem Zwed hat er auch den Bericht über das Kirchen- ſchisma aus der politifchen und Kriegsgeſchichte Friedrichs I berausgehoben und in einem eignen jelbititändigen Abfchnitt be— handelt. Nachdem er nämlicd die Friegerijchen Großthaten des Staufer bis zur Schlacht von Legnano nah Dtto, Rahewin und theilmeife noch Ylavio Biondo erzählt hat, Holt er mit
XXX Einleitung.
der Vorbemerkung: „Was mir aber nun weiter anfügen, das ift eines fo gewaltigen Raiferd unmiürdig und des Haſſes werth“ die Darftellung der Kämpfe Friedrich! I mit der Curie dom Tage von Beſançon ab, nad. Wie er dieje geitaltet hat, das läßt jih jchon aus den das Grundthema anjchlagenden Ueber- feitung3worten erfennen. Uebrigens hat er dieje jeine Auffaf-
‚ jung fofort bei der Einführung Friedrich angedeutet, indem er '; Kollar 56 von ihm fagt: „Nur einer Schuld ift er zu zeihen,
daß er der römischen Kirche, feiner Mutter, allzu wenig folg-
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ſam geweſen iſt.“ Zwar war Aeneas auch eine Zeit lang im
Gegenſatz zu Papſt Eugen IV geſtanden. Aber nachdem die Baſeler Sturm- und Drangperiode überwunden, hatte gerade er am eifrigſten dabei mitgewirkt, die Neutralität der deutſchen Fürſten gegenüber Papſt und Concil durch allerhand diploma— tiſche Kniffe aufzuheben. Und nun, da ſein Haupt endlich der rothe Hut zierte, und er gar die Hoffnung hegen durfte, viel- feiht auch nod einmal Petri Stuhl zu befteigen, da ſetzte er feine ganze Kraft für die Aufrechterhaltung der Autorität des
Papſtthums ein und verurtheilte natürlich auch jede frühere
weltliche Oppofition gegen den rechtmäßigen Statthalter Chrifti. Bemerfenswerth ift dabei, daß er Friedrich I dadurch rein zu waſchen jucht, daß er die Verantwortung für die Maßnahmen des Kaiſers gegenüber Alerander III hauptſächlich auf des erfte- ren Nathgeber, die ſchismatiſchen deutjchen und italienischen Kirchenfürften, abzumwälzen ſucht. Aeneas mag fich Hierbei den heftigen Widerftand, den Erzbifchof Dietrih von Köln und Jacob von Trier einem unvortheilhaften Ausgleich des neu— tralen Deutjchlands mit Eugen IV entgegenfeßten und durch den jein Einigungswerf jo weſentlich erjchwert worden mar, lebhaft vergegenwärtigt haben. Daß dann Friedrich I jeinen Srieden mit der Eurie geſchloſſen hat, läßt feine Berfjönlichkeit auch bei Aeneas wieder in hellerem Lichte erjcheinen, und er
Einfeitung. XXXI
fommt jchließlih zu dem Nefultat: „Was er Uebles gethan bat, geſchah auf fremden Rath, bei feinen guten Thaten leitete ihn fein eigne8 Genie!“
Die Leidenjchafts- und Parteilofigfeit, welche Aeneas al3 den größten Vorzug jeined Gewährsmannes gepriefen hat, hat er jelbjt aber nicht einmal den längjt vergangenen Ereignifjen gegen- über fich zu wahren gewußt, ja er hat feinen eignen einfeitigen Standpunkt feiner Quelle zum Troß in jeine Darjtellung hinein- getragen. Mit einer kaum abzumeijenden Abfichtlichkeit hat er die ruhiger gehaltenen Aeußerungen Ottos von Freifing in das Gegentheil verkehrt, jelbit den Wortlaut der von dieſem mit- getheilten Actenftüde verichärft, nur um dadurd) die Schuld ouf der Faiferlichen Seite höher zu fchrauben und die Haltung der Eurie von vornherein um jo feiter und geficherter erjcheinen | zu laſſen. Man vergleiche beiſpielsweiſe Gesta III 10 mit des Aeneas Darftellung (Kollar 71.) Lebterer behauptet, Friedrich) habe die päpftlihen Legaten entlafjen, „nicht nur ohne ihnen die üblichen Ehren zu erweifen, fondern er habe fie auch noch mit Beleidigungen überhäuft“, wogegen Otto ausdrücklich be- merkt, daß gerade Friedrich die Legaten vor dem Wuthausbruch des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach geihüht habe. An derjelben Stelle berichtet Aeneas von dem die Huldigung Lothars dem Bapfte gegenüber darjtellenden Bilde in Rom, daß e8 von den Anhängern des Kaiſers zerjtört fei, während es nad) Rahewin der Bapft war, der freilich auf vorhergegangene Vorftellungen bin die Bejeitigung des anftößigen Gemäldes ſelbſt anordnete. Hehnliche Uebertreibungen und Entjtellungen hat ſich Aeneas zu Schulden fommen lafjen bei Kollar 73 verglichen mit Otto Gesta IV 18ff. und an anderen Orten.
Bon den Actenftüden, welche Dtto von Freifing in fein Wert aufgenommen zu haben vorgiebt, bringt Aeneas allein wörtlich eine Stelle aus dem Briefe Hadriand an Friedrich I
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XXXII Einleitung.
(Kollar 70 — Otto Gesta III 9. Debes enim gloriosissime fili ete.), hat wenigftend nur Keine ftiliftiiche Aenderungen — für „et quam“ „quamque“, für „alio anno“ „superiore anno“ — angebradt. In der Regel bejchränkt er fi) darauf, den Sinn im Allgemeinen wiederzugeben, derart aber, daß er nicht jelten die darin zum Ausdrud kommenden Differenzpunfte der beiden Parteien jo formulirt, wie man ſich gehütet hat, fie zur Zeit außzufprehen. Wir verweilen zum Beleg hierfür auf Dtto Gesta, IV 34 ff., welcher Abſchnitt bei Kollar 74 ff. verarbeitet ift.
Sehr bezeichnend ijt noch für Aeneas das Raijonnement, welches er auf Grund von Dtto Gesta III 22 (Kollar 72) über da3 von der römischen Curie Friedrich I gegenüber eingehaltene diplomatische Verfahren anftellt. „Die Eugen Männer“, fagt er, „mußten nämlich, daß gegen das ftolze Rüſtzeug eines fo mächtigen Feindes nichts jo wirkſam jei, als wenn man die Miene demüthiger Unterwürfigfeit aufjeße und den Schein tiefiter Herablafjung annähme; auch jei der nicht zu tadeln, welcher fich der Zeiten Wechjel gemäß wmwechjelnder Rede bediene.“ Wer wollte nicht in diefen mit naiver Offenheit vorgetragenen An— ihauungen die Grundfäge des praktisch gefchulten italienifchen Diplomaten des 15. Kahrhunderts erkennen?
Bei den Abweichungen des Aeneas von feiner Quelle wird man num freilich öfters auch lediglich feine fchriftitelleriiche Ten- den; in Anſchlag zu bringen haben. Liebt er es doch, bei jeder Gelegenheit, fein Erzählertalent glänzen zu laffen. Und wie hübſch hat er beiſpielsweiſe das von Otto (Gesta I 14 — Kollar 41) nur angedeutete Gejchichtchen von den Limburger Mönchen, welche bei der Belagerung anfänglich ihre Worräthe nicht gutwillig herausgeben wollten, auszugeftalten gewußt. Sole inhaltlihe Ausihmücdungen finden ſich noch häufiger, jo unter anderen Kollar 42 (zu vergleichen mit Gesta I 17), wo er die Gräuelthaten der im Gefolge der Böhmen kämpfenden
Einleitung. XXXIII
Heiden fhildert, oder Kollar 43, indem er die Kämpfe zwifchen den ftaufischen Brüdern und dem Erzbiichof von Mainz gegen- über dem kurzen Bericht bei Dtto (Gesta I 18) lebendiger aus— malt. Biöweilen fließen auch Flüchtigkeitsfehler und Verſehen mit unter. Kollar 43 nennt er fäljchlid den Vater Heinrichs de3 Stolzen als denjenigen, welcher Lothar bei der Belagerung von Nürnberg geholfen, während e3 diejer an der Stelle ſelbſt ift (vergl. Gest. I 19), und Kollar 47 bezeichnet er Frankfurt als den Drt, an weldem die ſtaufiſch Gefinnten 1138 vor der Wahl zujammenfamen, während Dtto (Chronik VII 22) Eoblenz bat.
Aber troß dieſer und ähnlicher Verſchiedenheiten bleibt Dtto von Freifing des Aeneas einzige Quelle für diefen Ab— ichnitt feiner Geſchichte. Neue thatjächlihe Angaben bringt er nirgends, alle Abweichungen Haben ausjchließlich ihren Grund entweder in feiner von der Quelle verjchiedenen Auffaffung von den Vorgängen, oder aber in feiner Schriftitellermanier über: haupt. Wahrjcheinlich hat ſich Aeneas ein Eremplar von den Schriften des Freifinger Biſchofs zu verjchaffen gewußt und dejien Ehronif und Geſten lagen ihm Direct vor, al3 er fie für feine Gefchichte Friedrich! III excerpirte. Dadurch ijt er vielleicht auch veranlagt worden, häufiger, al3 ſonſt feine Ge— mwohnheit ijt, die von Dtto gebrachten Daten aufzunehmen.
Die Fortjegung der Geſchichte Friedrih! I nun ungefähr vom Jahre 1160 bis zum Ausgang des ftaufischen Gejchlechts bat Aeneas, wie bereit3 angedeutet wurde, den Deladen des Flavio Biondo ! entnommen, aber ohne aud nur ein einziges Mal feine Duelle anzuführen oder nähere Andeutungen bezüg- lich derjelben fallen zu lafjen. Wohl ſpricht er an einer Stelle (Kollar 78) davon: „Die Gewährsmänner überliefern nicht“
2) Blondi Flavii Historiarım ab inclinatione Romanorum libri XXXI (dee, II). Basel (Froben) 1559, &.1 ff. Geſchichtſchr. d. deutich. Vorz. XV. Jahrh. 2. Bd. 1. THl. c
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XXXIV Einleitung.
in welchem Fluſſe Friedrich I in Kleinaſien ertrunfen ſei; aber er ſchöpft auch hier nur aus Biondo, wie eine nachherige Nebeneinanderjtellung erkennen läßt. Hinzugethan hat Aeneas, abgejehen von den mehrfach beigejeßten neueren geographiichen Bezeichnungen, ganz kurze moralifhe Betrachtungen ohne jeden neuen thatfächlihen Inhalt. Dann Hat er den kleinen Abjchnitt über den deutjchen Orden (Kollar 86 f.) jelbitjtändig behandelt. Durch Antheilnahme an dem Prozeß desjelben wider die preußi— ſchen Städte, der anfangs der fünfziger Jahre am Faiferlichen Hofe verhandelt wurde, hatte er Gelegenheit gehabt, verjchiedene auf die Gejchichte des Ordens bezügliche Urkunden fennen zu fernen, die goldne Bulle Friedrich! II jogar im Original ein- jehen können. Auch der Paſſus über den Einfall der Tataren in Defterreih, die Erledigung dieſes Herzogthumd und Die mehrjährige vormundjchaftlihe Regierung Friedrich II dajelbjt (Kollar 95) jcheint auf eine andere Vorlage, ald die Dekaden des Biondo, zurüdzugehen; vielleicht, daß hier wieder die fpe- cifiſch öfterreihifche Duelle zu Worte fam. Endlich habe ich den Schluß der Geſchichte der Staufer (KRollar 110.) in diejer Weiſe bei Biondo nicht finden fünnen. Die Weiffagung auf - das Haus Aragon, welche Conradin auf dem Scaffot aus- jprechen muß, deutet wohl auf aragoneſiſchen Urjprung.
Daß Biondo die Quelle, und ferner die Art und Weife, wie ihn Aeneas benußt hat, mag. man aus der folgenden Gegen— überjtellung einzelner Abjchnitte entnehmen, denen wir die Baral- felftellen au des Uenead Auszug aus den Defaden des Flavio Biondo! gleich anſchließen, um zu zeigen, daß wir es mit einer doppelten Bearbeitung des Biondo zu thun haben.
1) A. S. supra Decades Blondi Epitome. Bajeler Gefjammtausgabe der Werle des Aeneas Silvius von 1551. ©. 144 ff.
XXXV
Einleitung.
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XXXVI Einleitung.
Ein methodifcher Unterjchied in der Benußung der Dekaden des Biondo und in der der Werfe Ottos von Freifing jeitens de3 Aeneas wird ſich jchwerlich conitatiren laſſen. Bald hat er feine Vorlage ziemlich) wörtlich ausgeſchrieben, bald nur Die Gedanken derjelben in feine Darjtellung aufgenommen, wie eine Vergleichung verfchiedener Stellen an der Hand der von uns zur Überfegung gegebenen Nachweife fofort lehren wird. In die Verfuhung, Kritik zu üben, ift er kaum gefommen, wo er Berbefjerungen hat anbringen wollen, iſt er unglüdlid ge= wejen. Im Ganzen fand er Biondo gegenüber, da er aus ihm weniger Verhandlungen al3 Thatjachen entnehmen fonnte, nicht jo reichliche Gelegenheit fein jtiliftiiche8 Talent an Reden und Briefen zu üben. Wo es jedoch einigermaßen anging, hat er die indirecte Nede feiner Duelle in die directe verwandelt und jelbftverjtändlich ausgeſchmückt, jo bezüglich des angeblichen Aus— fpruches Friedrich& II über den neugemwählten Papſt Innocenz IV.
Biondo 292. Kollar 91.
Is (Fridericus) autem men- Atqui ego, inquit Fridericus, tis suae conscius fertur ex com- |nihil intelligo, cur laetari pos- posito respondisse: bonum se sim, cum cardinalis nobis ami- amicum cardinalem in acerri- | cissimus eam sit dignitatem mum hostem Romanum pontifi- |adeptus, quae illum hostem cem permutasse. acerrimum reddet.
oder aber wenn er Papſt Clemens IV in PBiterbo den Unter- gang des vorbeiziehenden Conradin weiljagen läßt:
Biondo 317.
Tradunt Clementem pontificem sanctitatis suae di- vulgatam opinionem eo in Con- radini negocio confirmasse; qui spiritu ut videtur prophetico contra ac omnes opinabantur, adolescentem tanto comitatum exercitu praedixit tamquam vic- timam ad exterminium cedem- que deduci.
Kollar 107.
Quem (Conradinum) cum pontifex Clemens . .... quadrato agmine incedentem ex palatio suo contemplatus esset, spiritu quodam afflatus prophetico .... Videns, inquit, splendidas acies et juvenem animis fidentem misereor nobili sanguini, quem pro majorum suorum delictis poenas daturum intueor. Hic etenim sicut agnus ad victimam caedemque ducitur.
Einleitung. xxxvn
Höchſtens läßt ſich das eine ſagen, daß er bei der Be— nutzung des Biondo noch flüchtiger verfahren iſt, als bei ber Ottos. Des erſteren Sammelwerk war eben bei der Fülle des Materiales, das e3 bot, jchwieriger zu ercerpiren als Die überfichtlichen, ftofflid) begrenzten „Ihaten Friedrich“. So läßt Aeneas (Kollar 76) den Gegenpapft DOctavian in Pija fterben, während er Epitome Blondi (S. 222) nad) diejem richtig Lucca angiebt. Nad) der Ermordung König Philipps wird ein „anderer Dtto aus der ſächſiſchen Familie“ auf den Kö— nigsthron gewählt Kollar 82); es ift ihm entgangen, daß es derjelbe Dtto (Sohn Herzog Heinrichs von Sachſen) ift, den er fur; zuvor als Gegenkönig Philipps gejchildert hat. Der: jelbe Irrthum findet fi in der Epitome 232. Kollar 82 erzählt Aeneas ferner, Innocenz III Habe Friedrich II zum Kaiſer gekrönt, noch ehe diejer die deutjche Königskrone em— pfangen Hätte; Biondo hingegen berichtet, daß Friedrich II ein derartige Anfinnen an den Papſt zwar gejtellt habe, damit jedoch abgemwiejen fei, wie denn auch unſer Autor nachher in der Epitome 233 den Sachverhalt darjtellt. Ihm zufolge (Kollar 83— 84) wäre Innocenz III auf Honorius III, auf Innocenz Gregor IX gefolgt, wohingegen die richtige Reihen- folge Innocenz, Honorius, Gregor ift. Auch diefe Ungenauig- feit beruht nur auf oberflädhlicher Einfichtnahme feiner Duelle. Heillod geradezu ijt die Verwirrung, welche Aeneas unter den Frauen und Söhnen Friedrich& II angerichtet hat. Kollar 84 bezeichnet er al3 die erſte Gemahlin, — er jpricht gleich nach— ber von der zweiten — die Tochter des Königs von Jeruſa— lem und als deren Sohn Friedrich, welchen er zum König von Tuscien defignirt werden, aber zehnjährig jterben läßt. (Kollar 104). Heinrich wird (Kollar 84) als Sohn der zweiten Ge— mahlin aufgeführt und Kollar 97 und 104 als feine Mutter richtig Konjtanze von Gajtilien angegeben. Aber indem Aeneas
XXXVII Einleitung.
(KRollar 87) den Tod der Jole (Zolanthe) von Serufalem nad) Biondo erzählt, dieſer aber Friedrich II fi) nunmehr mit der Schweiter des Königs von England vermählen läßt, glaubt er diefen berichtigen zu müfjen und jeßt jtatt jener ein, Conftanze, die Schweiter des Königs von Eaftilien, die in Wirklichkeit Die erite Gemahlin Friedrich! geweſen ijt.
Do dies mag genügen, die flüchtige Manier des Aeneas kurz zu ſtizzieren. Erwähnt ſei nur noch, daß ſich der ent- ſchieden päpftliche PBarteiftandpunft des Aeneas in feiner Dar- ftellung jelbft gegenüber den Außerungen des doch ebenfalls jtreng kirchlich gefinnten Biondo bier und da bemerkbar macht. Das auffallendfte in diefer ganzen Benußungsfrage bleibt für und das gänzliche Stillſchweigen des Aeneas über feine Duelle. Nach der Anficht der Humaniften machte offen= bar Hauptfähli die Darftellung einer Geſchichte, nicht Die Gruppirung, Sichtung und kritiſche Verarbeitung des derjelben zu Grunde liegenden Materials das geiftige Eigenthum des Autors aus!,
Unterſuchen wir nun des Aeneas Gedichte jeiner Zeit, durch welche er ſich ja in erjter Linie dad Anrecht auf Be— rüdfichtigung erworben hat, auf ihre Grundlagen, jo lehrt ein flüchtiger Blid, daß die Fülle der perjönlichen Erlebnifje der reichſte Schatz iſt, aus welchem er feine Darſtellung geſchöpft hat. In allen ſeinen Geſchichtswerken nimmt die Schilderung der Ereigniſſe, bei denen der Autor ſelbſt eine Rolle geſpielt hat, den breiteſten Raum ein. Daher verſchweigt Aeneas nicht ſelten einen Vorgang, der zum vollen Verſtändniß der Sach— lage nothwendig iſt, eben weil derſelbe ſeiner perſönlichen An—
1) Uebrigens nennt Aeneas auch Otto von Freiſing an keiner Stelle direet las feine Duelle für die Geſchichte der Staufer. Bgl. Kollar 36, Es iſt nicht recht erſicht⸗ lich, ob man bier Dtto ebenfalls unter ben „‚lateinifchen Autoren““ zu begreifen bat.
Einleitung. XXXIX
theilnahme entrüdt war, andere freilich noch aus fchwerer wiegenden Rückſichten und Motiven. Hier eine fortgejeßte Eontrolle eintreten zu lajjen, ilt ganz befonders jchwierig, um jo jchwieriger, als Aeneas vielfach für den Hergang unſere einzige Duelle bleibt.
Wir erwähnten jchon, wie gern er in Briefen an Freunde und Belannte von jeinen Erlebniſſen berichtet. Won diejen Briefen behielt er in der Regel das Concept oder eine Abjchrift zurüd. Er mochte fie nachher gelegentlich wieder hervorholen, um jeinem Gedächtniß zu Hülfe zu fommen. Seinerjeit3 em: pfing Aeneas wieder brieflihe Nachrichten von feinen Freun— den, die verwerthet wurden; aucd nahm er aus mündlichen Er- zählungen Anderer, wie er ſelbſt angiebt!, Mancherlei in jeine Darjtellung auf. Voigt (II 316) läßt ihn Einzelheiten als— bald auf loſe Blätter niederjchreiben und diefe dann in feine Sammlungen einordnen, ja er meint, Aeneas habe offenbar ein Tagebuch geführt, „wenn denkwürdige Dinge fich zu entwideln Ihienen“. Diejen Gedanken Voigts nun auf die Gejchichte Friedrichd III anwendend, ſpricht fid) Lorenz? über deren Nie- derichrift folgendermaßen aus:
„Die Geſchichte Friedrichs III muß als Eneas Denkwürdig— feiten vor feiner päpftlichen Periode bezeichnet werden. Die Berhandlungen, weldhe mit Friedrichs Königswahl beginnen und mit dem Concordate abjchließen, dann Friedrichd Verlöbniß und der Krönungszug, leterer tagebuchartig, find wahrfjcheinlich in fajt gleichzeitigen Notaten niedergejchrieben. Die ſtückweiſe Ab— faffung des ganzen Werkes fichert demfelben den Charakter von » Memoiren, bei weldhen nur die Frage über die Quellen joldher Bartieen, die Enea nicht jelbit erlebte, erjt noch näherer Unter- ſuchung bedarf“.
1) ©. Kollar 153. — N?) Geihihtöquellen II, 311.
XL Einleitung.
Die erſte Redaction, darauf deutet die an verfchiedenen Stellen nachmweisbare Erwähnung fpäter eingetretener Vorgänge bei früheren Gelegenheiten hin, kann zum bei Weiten größten Theil nicht gleichzeitig mit den Creigniffen niedergejchrieben jein. Aeneas müßte denn feine älteren Aufzeichnungen im Jahre 1453 mit Nachträgen verjehen haben. Richtig iſt, daß von der zweiten Nedaction der Abjchnitt (Kollar 168— 386) um 1455 in Wien gejchrieben ift, während die Bearbeitung des Schlufjes in die Zeit fällt, in der Aeneas ſchon als Cardinaf in Stalien weilte. Für diefen muß er in der That jih Ma— terialien aus Deutjchland mitgebracht haben, denn er hat auch darin noch Alktenſtücke deutjchen Urſprungs benußt, deren Kennt— niß, wie bereit3 erwähnt, ihm fein eifriger Interpret Sohannes Hinderbach vermittelte. Daß er jedoch über den öjterreichifchen Krieg und die daran ſich anfchließenden unfruchtbaren Friedens— verhandlungen ein Tagebuch geführt, oder auch nur gleichzeitig Notizen aufgezeichnet Habe, diefen Eindrud wird man aus einer vorurtheillofen Betrachtung der Darftellung des Aeneas kaum erhalten. Aber Lorenz Vermuthung, daß ſich Aeneas tagebuch- artige Aufzeichnungen gemacht, bezieht ſich ja vornehmlich auf den Krönungszug. Sehen wir uns daher diefen und die dem— jelben angejchlofjenen Erzählungen einmal näher an.
Aeneas hatte die Reife von Neujtadt nad) Siena im Win- ter 1451/2 nicht im Zuge Friedrich! mitgemacht, er war viel- mehr vorausgeichidt, um die portugiefiihe Braut im Hafen von Telamone Namens feines füniglichen Herrn zu empfangen. Deren Ankunft, welche im November 1451 hatte jtattfinden jolfen, verzögerte ſich; Leonor traf erſt am 2. Februar 1452 in Livorno ein. Priedrih war inzwilchen durch das Gebiet von Venedig und über Bologna nad Florenz gezogen und hatte in diefe Stadt am 30. Januar, nicht wie Aeneas (Kollar 250) angiebt am 21. Januar, feinen Einzug gehalten. Auf Die
Einleitung. XLI
Kunde von der Landung der portugiefifchen Flotille in Livorno hatte ſich die königliche Gefandtichaft, Aeneas an der Spitze— von Telamone nad) Piſa begeben zur Begrüßung der Braut- Von hier ſetzte fi) dann der gefammte Brautzug, — von Flo: ren; waren auch noch bejondere Abgejandte Friedrichs einge: troffen, — auf Siena Hin in Bewegung. Am Aſchermittwoch (1452 Februar 23.) lad Aeneas in Eajtel- Fiorentino die erfte Faſtenmeſſe. Daß ihm ein folder Tag auch noch nad) Verlauf von 2— 3 Fahren in lebendiger Erinnerung haften fonnte, ift doc; gewiß feine Bedenken erregende Annahme, ebenjowenig, daß er die Feierlichkeiten, welche in Siena, feiner Vater- und Bi— ſchofsſtadt, zu Ehren Friedrichs und defjen Braut jtattfanden, ſich auch noch jpäter aufs lebhaftejte zu vergegenmwärtigen mußte. E3 folgt darauf der Zug über PViterbo nad) Rom. Aeneas läßt Friedrih „gegen die Iden des März“ von Sutri aus vor Rom anlangen; es gejchah aber am 8. März. Daß des Aeneas Angaben über den Einzug Friedrichs in die Krönungs- ftadt nicht überall mit den erhaltenen offiziellen Ordnungen für denjelben übereinjtimmen, hat bereit3 Bayer (S. 141) be- mertt. Am Tage danad) wird Aeneas zufolge dann der Zeit: punft der Krönung feitgejeßt, und zwar auf den Jahres— tag der Inthronijation des Papſtes Nicolaus V, den 19. März; die dazwijchen liegende Frift ift auf 10 Tage angegeben. Dieje legteren Beitimmungen find zutreffend, höchſtens handelt es ſich um den Unterjchied eines Tages, fie find aber nicht in Ein- Hang zu bringen mit den vorher und nachher von Aeneas eingejehten Tagesdaten. Denn die Krönung mit der mailän- diſchen Krone und die Firchlihe Trauung Friedrichs mit Leo— nor fand nicht am 15. ſondern am 16. März, die Kaiſerkrö— nung nicht am darauffolgenden Tage, alſo nad) Aeneas am 16., vielmehr, wie erwähnt, am 19. März ftatt. Erſt bei diefer Gelegenheit joll Friedrich auch unter die Chorherrn von
XLII Einleitung.
©. Peter aufgenommen worden fein, was nad) anderen, im Einzelnen zuverläjfigeren Berichten glei) nad) dem Einzug in Rom gejchehen ijt!. Nach der Krönung in ©. Peter ritten Kaifer und Papſt zufammen nicht nah) Santa Maria in Cos— medin, jondern nad) Santa Maria Traspontina ?. Dergleichen Heiner Unrichtigfeiten find es eine ganze Zahl.
Über den Aufenthalt des nunmehrigen Kaiferd in Neapel berichtet Ueneas (Kollar 299), daß er die heilige Woche und die Woche nah Dftern — dieſes fiel auf den 9. April — dort zubradhte, während er in Wirklichkeit erjt am 22. April von dort wieder nad) Rom zurückehrte; das war, darin ift des Aeneas Angabe richtig, an einem Sonnabend.
Dürfen wir annehmen, daß Jemand, der zeitweilig ein Tagebuch geführt hat, ſich eine ſolche Unficherheit im Einzelnen, eine jolhe Berwirrung in den Daten zu Schulden fommen laſſen wird? Doch wohl faum! Dieje Partieen find auch nicht in gleichzeitigen Notaten niedergejchrieben, ebenjomwenig wie die übrigen. Vielmehr zum guten Theil au dem Ge— dächtniß, worin wir Bayer (S. 146) vollitändig beiftimmen, hat fie Aeneas aufgezeichnet. Denn was er erlebte, verarbei- tete er entweder ſofort zu jelbitjtändigen Berichten, von denen wir ja die verjchiedenjten Formen ſchon erwähnt haben, oder er legte e8 zu dem Vorrath feiner Erinnerungen, welde dann mit der Zeit mehr und mehr verblaßten, jehr häufig auch durch andere Einflüffe umgeftaltet wurden. Daher kommt es denn, daß, wo Aeneas von wichtigen Verhandlungen berichtet, er und gewöhnlich weit ausführlicher über die dabei vorgefallenen Außerlichkeiten, — dieſe hafteten feiter im Gedächtniß, — un: terhält als den einfachen Verlauf von jenen ſachgemäß darftellt, troßdem er perſönlich hervorragenden Antheil daran gehabt hat.
1) ®ergl. Bayer, ©. 142. 2) Vergl. Baftor, Geſchichte der Päpfte. I. S. 330. Note 3.
Einleitung. XLIII
Das gilt von ſeiner Schilderung des Frankfurter Tages von 14461, in welcher dem unangenehmen Auftritt bei der Eröff— nungsmeſſe ein jehr breiter Raum angewiejen iſt, das trifft ferner zu auf die Mittheilung von den Unterhandlungen, welche der Obedienzerflärung 1447 vorausgingen?, es läßt fich end- {ih auch nach mander Hinficht bezüglih der Darſtellung des Urprung des öfterreihiichen Aufjtandes und anderer Vor— gänge behaupten. Indeſſen dadurd, daß die Aufzeichnungen den Ereignifjen nicht unmittelbar gefolgt find, verlieren fie doc) ihren memoirenhaften Charakter nicht. Mag es noch öfter vorgefommen jein, als wir heutzutage aus jeinen verjchiedenen Shriften nachweijen können, daß fein Urtheil über Vorgänge und Perſonen unter neuen Eindrüden mannigfach gemechjelt bat, wir haben doch in feinen zeitgefchichtlichen Werfen haupt- fählih Mittheilungen über Selbiterlebtes, denen zu feiner Zeit ud in feinem Falle die eigenartige jubjektive Färbung fehlt.
Aeneas muß bei feiner fchriftftellerifchen Thätigfeit in ganz berborragendem Maße durch ein vorzügliches Gedächtniß unter- ftüßt worden fein. Die Mannigfaltigkeit der Nachrichten auch in jeinen größeren gejchichtlichen Werfen, das wiederholte Her- einziehen von Perſonen und Keinen Geſchichtchen und die fte-
"tig wechſelnde Form ſolcher Charakterijtifen und Epifoden be-
weiſt daS doch zur Genüge. Hätte er bei jedem neuen Gegen- ftande jeine darauf bezüglihen Notizen hervorframen wollen, jo wäre es ein mühevolles Arbeiten gewejen und es würde fiher dann auch eine größere Gleihmäßigfeit in den einander entiprechenden Stellen in den verjchiedenen Schriften zum Vor: ihein gefommen fein. Die Manier der Bettelarbeit ijt offenbar
1) Die Darjtellung bdesfelben ift übrigens in den zweiten Commentarien bei ea, die Aeneas früger verfaßte, im Einzelnen auch zuverläffiger als in der Geſchichte riedris III.
?) Bergl. Bayer, ©. 67; aud hierfür ift des Aeneas Gejandtihaftsbericht eine weit beffere Quelle.
XLIV Einleitung.
dem Gejchichtjchreiber des 15. Jahrhundert? noch nicht geläufig gewejen. Sind doch auch die hiſtoriſchen Nachrichten in den Briefen des Aeneas in der Regel zuverläffiger und ſachgemäßer, als die in feinen größeren Geſchichtswerken. Gelegentlich ge= jteht er wohl feine Unficherheit jelbit zu und giebt zu erfennen, daß ihn fein Gedächtniß im Stich läßt. So nennt er den, welcher im Februar 1450 den Aufitand zu Gunften des Fran cedco Sforza in Mailand angezettelt hat, Bartolomaeus de Vi- comercato (Kollar 162), aber mit dem Zujaß „wenn ander& deſſen Name jo richtig iſt“ — er hieß Gaspare da Vimer- cate —, und wenige Zeilen jpäter berichtet er, daß die aufge- regten Mailänder den venetianifchen Gejandten „Leonardo Do— nato oder einen Anden“ — e3 war Leonardo Venier Donato — getödtet hätten. In der Europa (Kap. 49) giebt er den vollen Namen an ohne die obige Einſchränkung; aber fie ſchrieb er in Italien, da mögen Umgebung, unterrichtete Perjönlich- feiten oder zuderläffigere Gewährsmänner fein Gedächtniß un- terſtützt haben.
Alſo erjt nachdem die Begebenheiten zu einem gewiſſen Abſchluß gelangt waren, regten fie Aenea3 zur Darftellung an. Weiſt man der Rede gegen die Ofterreicher den ihr unferer Überzeugung nach gebührenden Platz in der Entftehungsgefchichte der Gejchichte Friedrichs III an, fo wird man gar nit in Berjuhung kommen, für die darin enthaltenen Nachrichten tage- buchartige Aufzeichnungen vorauszufeßen. Das in erjterer von Aeneas ſelbſt aufgeftellte Gerippe ward von ihm nachher unter Zuhülfenahme von offiziellen Actenftüden, mündlichen und Ihriftlihen Berichten Anderer, die ihm gewiß am Hofe in großer Zahl zur Verfügung ftanden, mit Fleifch und Blut um— umgeben. Im Großen und Ganzen wird bezüglid) der Art und Weife, in welcher da3 gejchehen ift, die zweite Redaction von der erjten feine erhebliche Verſchiedenheit aufweijen; Die
Einleitung. XLV
dritte ift ja im Wefentlichen als Überarbeitung der zweiten an- | zujehen.
Wie nun Aeneas für fein zeitgefchichtliches Werk die Faifer- liche Kanzlei, wie er deutſche Eorrefpondenzen mit Unterftüß- ung Johann Hinderbadhß ! benußt hat, ift von Bayer im Ein- zelnen jo ausführlich dargelegt worden, daß wir nur wenig nachzutragen im Stande find. Lorenz a. a. DO. bedauert freilich, daß in Diefer Beziehung den Fingerzeigen Voigts nicht weiter nachgegangen jei, daß namentlich für die Partieen, welche Ae— nea3 während feines Aufenthaltes in Italien jchrieb, die Cor— reipondenzen noch wichtige Aufjchlüfje zu geben vermöchten. Uber Bayer hat auch hier das Material, joweit e8 für ihn erreid)- bar war und in Betracht Fam, zujammen getragen. Daß in jolhen Stüden nicht ein einziger Saß von Aeneas, jondern Alles Eopie der Berichterftattungen fein foll, ift eine Bemerkung, die freilih nicht „aus der fterilen Methode dürftiger Vergleich— ungen“ entjpringt. Wie e8 in Wirklichkeit damit jteht, mag ein analoger Fall, den Bayer noch nicht bejprechen fonnte, dar- thun. Über den oft erwähnten Anſchlag des Stefano Porcaro auf das Leben Nicolaus V erhielt Aeneas von Stefano Caccia unter dem 3. Februar 1453 aus Rom einen ausführlichen Bericht, den er, um den verjchiedenen darüber in Umlauf ge— ſetzten falſchen Gerüchten entgegen zu treten, feinerjeitS wieder an den Kanzler von Savoyen Jacopo PValperga di Mafino jhidte?. Wenead giebt eine kurze Schilderung des Borfalls bei Rollar 135—136 und bezeichnet hierin, freilich mit einem „wie man jagt“, als den Entdeder der Verſchwörung den Car— dinal Johann von ©. Angelo, während Caccia ganz beftimmt al3 joldhe den Patriarchen von Aquilegia, Lodovico Scarampo, und den Cardinal von Fermo, Gapranica, nennt. Man wird nun einmwenden, daß Aeneas demnach jeinen Bericht vor Kennt— DE on. XXVo, — 2) Eugnoni, ©. 9 ff.
XLVIII Einleitung.
verhaßten Collegen Johann Ungnad ebenfalls eins anzu— hängen !.
Bu den politifchen Gegnern des Aeneas gehörte auch Gre— gor Heimburg. Diejer war das Haupt der Gejandtichaft, wel— he im Sommer 1446 von Seiten der neutralen Fürjten nad) Rom geſchickt war, um Eugen die Beichlüfje des Frankfurter Tages fund zu thun, während gleichzeitig Aeneas im Auftrage feine königlichen Herrn über ein Sonderablommen mit der Curie behufs Aufgabe der Neutralität verhandelte. Indem nun Aeneas bei Schilderung diejer Gejandtichaftsreife (Kollar 123) zunächſt eine Charaktriftif Gregors vorausſchickt, in welcher er diefen als einen jchönen und jtattlihen Mann Hinftellt, fühlt er fi gemüßigt, mit um jo größerem Nachdruck auf defjen „un— fläthiges Benehmen“ hinzuweiſen und läßt ihn vor dem Bapjfte eine „bon Anmaßung ftroßende* Nede halten. Wir befiten diefe Rede und Fönnen danach feititellen, daß Aeneas ihren Hauptinhalt, freilih nur mit ein paar Worten, richtig wieder: gegeben hat. Sie ijt energijch gehalten, aber daß fie von An- maßung geftroßt habe, iſt eine ftarfe Übertreibung. Die fur: fürjtlichen Gejandten fehrten mit leeren Händen nad) Deutſch— land zurüd. Ihre Aufnahme in Rom war feine befonders freundliche gewejen, das jpiegelte fih auch im dem Bericht über die Gefandtichaft wieder, den ebenfall3 Gregor auf der wieder in Frankfurt zufammengetretenen Verſammlung ablegte. Aeneas bezeichnet auch diefen als durchaus tendenziöß; ja er behauptet von Gregor (Rollar 127), diefer habe in öffentlicher Berfammlung heftig auf die Cardinäle gejchimpft und jedem einen Spitnamen beigelegt. Aeneas will ihm darauf ind Wort gefallen fein, feine Zornesergüſſe unterbroden und ihn förm— lich zurecht gewiejen haben. Dagegen giebt er in den zweiten
N) &, darüber oben S. XXIV f,
Einleitung. XLIX
Commentarien zum Bajeler Concil! zu, daß er zunächſt die Rede Gregord gar nicht habe verjtehen fünnen, weil fie natür- ih deutjh gehalten worden und daß er erjt hinterher, nach— dem ihm von Anderen deren Inhalt mitgetheilt, dazu gekom— men fei, fie in mehrfacher Hinficht zu berichtigen. Und foviel darf man ohne Weitere mit Sicherheit behaupten, derart hat fh Gregor in feiner Erbitterung nicht hinreißen laſſen, daß er die Cardinäle in dem Fürftenconvent förmlich verhöhnt habe. Im vertrauteren Geſpräch mag er fi) wohl den Scherz er: laubt Haben, den Cardinal Befjarion mit einem Ziegenbock zu vergleichen. Doch diefe Bemerkung braucht nicht einmal Direct von Gregor herzurühren. Aeneas jchnappte fie anderswoher auf und wies ihr jofort die geeignete Stelle an, daf fie die Unbedachtſamkeit feiner politiihen Gegner recht jcharf beleuch- ten jollte. Hat er doch gerade in der Schilderung des Franf- furter Tages dom Herbit 1446 an Verdrehungen und Über: treibungen Erjtaunliches geleijtet. Hier und da mag das harte Urtheil Pückerts?, der über des Aeneas Darjtellung vollitän- dig den Stab bricht, eingefchränft werden müfjen, wenn das actenmäßige Material einmal in größerer Fülle vorliegt?; die Auffaffung, Daß Aeneas von feinem einfeitig kirchlichen, jtreng eugenianishen Standpunkt aus ein ſehr unzuverläfliger, durch und durch parteiiiher Gewährsmann für die damaligen Bor: gänge ift, wird um jo mehr bejtehen bleiben, als er dabei durch— weg noch das Beſtreben zeigt, jeine eignen Verdienſte über Ge— bühr herauszuftreichen. j Doch kehren wir zu Gregor zurüd. Aeneas erzählt ung m der Gejchichte Friedrichs III noch bei anderer Gelegenheit
N) Bei Fea ©. 97.
9) Die kurfürftliche Neutralität während de3 Basler Goncild. Leipzig 1858. ©. ich.
3) Eine größere Abhandlung hierüber jtellt A. Bahmann in Ausſicht. Vergl. Allgem. Deutſche Biographie 26 S. 219.
Geſchichtſcht. d. deutfch. Borz. XV. Jahrh. 2. Bd. 1. Thl. d
L Einleitung.
von ihm, als dieſer nämlich im Winter 1452 in Wiener-Neu- ſtadt als Anwalt der Nürnberger gegen den Markgrafen Al- brecht Achilles auftrat. (Kollar 428 fi.) Wie ganz anders wird und da gleich im Eingang der betreffenden Stelle der Mann vorgeführt, defjen ungehobelte8 Benehmen Aeneas früher nicht Scharf genug hatte tadeln fünnen. Gregor „ebenjo be— rühmt durch feine Beredſamkeit, wie ausgezeichnet durch jeine Kenntniß des Rechts, einer von den Dreien, deren Gelehrſam— feit Deutjchland, ald die Synode in Bajel in voller Thätigfeit var, wie wir bemerken fonnten, bewunderte*“. Und dann läßt er ihn eine in edler Begeijterung aufflammende Rede für Recht und Geſetz halten, die wir, wie fie Aeneas giebt, freilich auch wieder als jein Machwerf anzujehen haben, wenn gleich) mans her Gedanke von Gregor herrühren mag. Nunmehr wirkte Gregor, zwar nur indirect mit Aeneas in gleihem Sinne an der Wahrung der faijerlichen Autorität, trat mit ihm für die Aufrechterhaltung der Verträge gegenüber dem eigenmwilligen Gebaren des ftolzen Markgrafen auf, der, da3 dürfen wir auch nicht unerwähnt lafjen, in feiner aufbraufenden Art den Aeneas bei diejer Gelegenheit vor den Kopf geitoßen hatte. Da Hat er fein Wort des Tadel3 fir den Mann, dejjen gei- jtige Bedeutung er im erjten Falle wohl auch anerfannt Hat, deſſen perjönliches Verhalten er jedoch bei feinem früheren Auf: treten al3 rüdjicht3los jchildert, den er als jeden Diplomatijchen Taktes baar Hinftellt. Den jchmeichlerifchen Liebeswerbungen des Aeneas fcheint Gregor Fein Gehör gefchenkt zu haben!; jedenfall3 Hat diefer ihm, als Aeneas als Pius II auf Petri Stuhl jaß, die früheren boshaften Bemerkungen arg heimge- zahlt?. Um eine einigermaßen geficherte Handhabe für die Würdigung der verjchiedenartigen Charafteriftifen des Aeneas zu gewinnen, müßte man eigentlicd) eingehende Studien über
1) ©. ®oigt II, 350. — 2?) Ebenda II, ©. 9% ff.
Einleitung. LI
defien jeweiliges Verhältniß zu den gejchilderten Perſönlichkeiten anjtellen fönnen und daran unter Berüdjichtigung der indivi- duellen Eigenart unſeres Schriftjtellerd die nöthigen piycholo- giſchen Betrachtungen zu knüpfen juchen.
Daß auch der offiziöſe Charakter der zweiten Redaction! auf die Darſtellung unſers Autors ſtark eingewirkt hat, iſt eine um ſo bemerkenswerthere Thatſache, als dieſer in ſeiner Vor— rede auch nur den Gedanken an eine ſolche Abhängigkeit weit von ſich weiſt und gern Otto von Freiſing als ſein Vorbild in der Unparteilichkeit hinſtellt. Wir wählen zur Erläuterung diefer Eigenihaft der Gejchichte Friedrichs III einen Fall aus, bei dem wenigſtens jede perjünlihe Antheilnahme des Autors an dem Borgange ausgejchloffen ift, wenngleich dabei die Schwierigkeit vorliegt, daß wir über feine Quelle feinen voll- ſtändig jicheren Aufichluß geben fünnen.
Aeneas Hat es ſich nicht nehmen laſſen, auch die Seefahrt der Braut Friedrichs III von Liſſabon nad) Livorno zu ſchil— dern. Wir befißen in dem Bericht des Prieſters Nicolaus Lanckmann von Faldenitein?, eines der zur Einholung der Braut nad Lifjabon gefandten Bertreter Friedrichs ILL, welcher die Fahrt ſelbſt mitgemacht und dieſe fpäter auf Grund tage- buchartiger Notizen in jchlichter und durchaus zuverläffiger Weije bejchrieben hat, ein vortreffliches Hülfsmittel zur Controfle des Aeneas. Deſſen Daritellung geht offenbar auf die Erzählung irgend eines Theilnehmers an der Seefahrt zurüd, denn im Allgemeinen zeigt er ſich leidlich orientirt. Er traf ja in Piſa jofort nad) der Landung Leonord mit deren Gefolge zu— fammen und jehte mit diefem von da die Reife nad) Siena gemeinfam fort. Da wird er fich jchon damald von den Aben-
1) Bergl. Baner S. 18 f. und 38 f. 2, Historia desponsationis et coronationis Friderici III bei Pez, SS. rer. Austr, II, 569 ff. d*
LI Einleitung.
teuern während der mehrmonatlihen Fahrt auf der See haben erzählen lafjen. Wenn, wie Bayer (S. 127) vermuthet, Nico- laus Landmann fein Hauptgewährsmann ift, — und bei die— jem fonnte er fi auch nachher noch am Faijerlihen Hofe in Neuftadt Auskunft holen — jo erhalten wir für unfere nach— folgenden Bemerkungen einen um fo fichereren Boden.
Wir jehen hier von anderen Heinen Unrichtigkeiten, die bei Aeneas mit unter geflofjen find, ab; was Bayer noch nicht angemerkt hat, bringen wir in den Noten zu der Überjeßung. Charakteriftifch für des Aeneas höfiſche Auffafjung iſt zunächſt, daß er erzählt, Leonor habe fi) drei Tage vor Ceuta aufge: haften, ohne das Schiff zu verlafien!. Landmann? berichtet und gerade das Gegentheil und jchildert ausführlid; den Em: pfang, welcher der Prinzeſſin von Seiten der Bevölkerung bei ihrem Einzug in Ceuta zu Theil geworden; fie machte hier drei Tage Raft, „weil fie ſich von der Seefahrt jehr ange: griffen fühlte“. Aeneas fommt jpäter® noch einmal auf diejen Punkt zurüd und behauptet von Leonor, indem er erwähnt, daß fie im Ganzen 104 Tage — nad) Landmanns genauen Tagesangaben kommen jedoch für die Zeit der Yahrt von Liſ— jabon bis Livorno nur etwa 87 Tage heraus — zu Schiff gewejen jei, fie habe in feinem anderen Hafen als dem von Ceuta angelegt, auch das Schiff fein Mal verlafjen und nirgends während der ganzen Zeit den Fuß ans Land geſetzt. Am 29. November 1451 ging die Flotille von Ceuta wieder in See und fuhr an der Oſtküſte Spaniens her nad) dem Golf von Lyon. Hier überrajchte fie am 6. Dezember ein fürdhter- liher Seefturm. Landmann giebt ruhig zu: „Jedermann wurde von der Geefranfheit mitgenommen, am meijten aber unfere Herrin, die Kaiferin, mit ihren erlefenen zarten Jungfrauen“. Man ging darauf im Hafen von Marfeille vor Anfer, „dem 9 Rollar 248. — Na.a.D. 58. — 3) Kollar 254.
Einleitung. LIII
zweiten Hafen ſeit der Abfahrt aus dem Königreich Portugal“ und blieb hier zwei Tage!. Dagegen höre man nun die Schil— derung des Aeneas?. Mit lebendigen Farben malt er die Schre- den des Sturme3 aus, alle ergreift Entjeßen. „Leonor behielt in jolcher Noth allein feiten Muth; fie achtete nicht der Ge- jahr, ermahnte die Matrofen die Ruder zu ergreifen und ver- fiherte auf bejtimmtejte, bald werde der are Himmel wieder zum Vorſchein fommen. Und eine jolde Beherztheit bewies jie, wie es faum zu glauben ijt, daß eine weibliche Bruſt jie in ſich bergen fönnte*. Man braucht wohl gegenüber dem einfachen wahrheitsgemäßen Bericht eines Augenzeugen nicht ernjthaft gegen eine ſolche Darjtellung zu polemifiren und auch) der Gedanke wird einem bei Aeneas nicht leicht fommen, daß er mit jeiner übertriebenen Schilderung lediglich das Opfer einer Myſtification feines Gewährsmannes geworden jei. Daß er ausdrücklich zweimal hervorhebt, die Kaijerin ſei während der ganzen Fahrt überhaupt nicht and Land gejtiegen, möchten wir al3 Directen Beleg dafür anjehen, daß er die richtige Lesart gekannt Hat. Aber es galt feiner Herrin einige Schmei- heleien zu jagen, jo wurde fie zur zweiten Artemijia gejtem- pet. Liebt es doch Aeneas überhaupt bei der Behandlung der weiblichen Figuren jeiner Darjtellung eine romanhafte Fär- bung zu geben. Man kann fich höchſtens wundern, daß er Leonor in dem Kampf mit den Seeräubern nit auch noch eine hervorragende Rolle zugetheilt hat.
Diefe wenigen Beijpiele mögen genügen, zu zeigen, wie die verfchiedenartigften Motive, die mannigfachite Rüdfichtnahme auf einen überdies jo eigengearteten Schriftiteller wie Aeneas eingewirft haben. Für die Detaild der Geſchichte Friedrichs III findet man bei Bayer (©. 52 ff.) fajt überall die ſachgemäße— ften Erläuterungen. Die Gejammtcharakterijtit der Geſchicht—
1) Sandmann 590-591. — 2?) Kollar 246.
LIV Einleitung.
ichreibung des Aeneas hat feiner beſſer und eindringender ge— liefert, als Georg Boigt!, jo daß wir und nicht verjagen kön— nen, fie bier theilweije einzurüden:
„Wahres und Unmwahres ging“, jo jagt er von Weneas, „während ſeines bewegten Lebens taufjendfältig an ihm vor— über und nahm in feinem Gedächtniß oder auf dem Wege zur Feder allerlei Geftalt an... . Dft iſt er leichtgläubig zum Verwundern, oft ohne Noth bedenklih und jfeptiih. Hier ſpricht er mit Ängjtliher Berufung auf jeinen Gewährsmann, dort ſchwatzt er leichthin irgend ein unhaltbares Geſchichtchen nad. Jedes perjönlihe Verhältniß, jede Rückſicht, ja das bloß äußere Intereſſe der Diction kann ihn zur Übertreibung, zur Verheimlichung, zur Entjtellung und Lüge verleiten, und dann jchreibt er wieder oft mit bewundernswerther Freimüthig— feit und Naivetät. Hier glauben wir den vorjichtigen und ab— wägenden Diplomaten zu erkennen, dort den leidenjchaftlichen Mann der Tendenz und anderöiwo wieder den harmlojen Zu— Ihauer .... Wie gewiſſenlos er mitunter die Thatjachen verdreht, jehen wir da am Sllarjten, wo uns leidenjchaftslofe Acten vorliegen. Wie leichtfertig er combinirt, zeigen ſolche Materien, die er nur vom Hörenjagen fennen konnte... . Daß zu jeder Zeit fein liebes Jch eine Hauptrolle jpielt und fih in den Vordergrund drängt, wo der Secretär in einer bejcheidenen Ecke ftehen durfte, oder der Bilchof einer unter vielen war, das wollen wir nicht jehr betonen; denn es Tiegt wohl zum Theil in der Natur der Memoiren. So find wir traurig daran, wo wir weiter feine Quelle haben ala feine Erzählung, aber wir gewinnen durch Alles, was wir feiner Feder verdanken, eine lebendige und individuelle Auf: faffung, die felbft neben den gründlichiten Acten ihren Werth bat“.
2) UI, Sı6 f,
Einleitung. | LV
Wir müfjen bejonderd da3 von und adoptirte Schlußurtheil Voigts gegenüber den rejümirenden Bemerkungen Bayers (2. 184 f.) über den Werth der Gejchichte Friedrich! III noch etwas näher begründen. Indem diejer durch Vergleichung des vorhandenen anderweitigen Quellenmaterial3 für den von Ae— neas gejchilderten Zeitabjchnitt naturgemäß zu dem Nefultat gelangt ift, daß wir ihm eine Fülle der verjchiedeniten Nach— rihten verdanken, ijt er nur zu leicht dazu geführt worden, deren zweifelhafte Beichaffenheit im Einzelnen zwar nicht zu überjehen, wohl aber ihre Unzuverläffigfeit in einem milderen Lichte erſcheinen zu laſſen. Das Bedenklihe an des Weneas Geſchichtſchreibung bleibt doch vor allem das, daß er nicht einmal feine lauterjten Quellen rein und unverfälicht in feiner Darftellung zu verwerthen vermocht hat. Und wenn wir, wo uns die Gelegenheit zur Controlle gegeben iſt, feititellen müſ— jen, daß er fich ftetig willkürliche Veränderungen und geradezu Entjtellungen zu Schulden fommen läßt, fo zwingt uns eben eine methodiſche Kritik dazu, ihn erſt recht da mit mißtrauischen Augen zu betrachten, wo er unjere einzige Quelle it. Wir jprehen jeinem Werke den Werth für den jogenannten öſter— reichifchen Krieg durchaus nicht ab, können nur den Sat nicht als vollbereditigt anjehen, daß jener um jo größer jei, als des Aeneas Beriht alle übrigen Quellen an Ausführlichkeit weit übertreffe!. Darin liegt im Gegentheil für unfere Auffaſſung von den Vorgängen eine große Gefahr, der man unferer Über: zeugung nad nicht nachdrüdlich genug entgegen wirken kann. Unzweifelhaft iſt des Aeneas Darftellung durch jeinen einfei- tigen Barteiftandpunft aufs ſtärkſte beeinflußt. Dazu kommt, daß ihm als Staliener die Einfiht in die eigentlich treibenden Kräfte diejer revolutionären Bewegung jo ziemlich vollitändig abgeht und daß er nicht gewifjenhaft genug ilt, dieſe Lücken en,
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LVI Einleitung.
— ernſthafte Studien auszufüllen, trotzdem ihm dazu Ge— legenheit geboten war. Deshalb bewegt er ſich in ſeiner Schil— derung beſtändig an der Oberfläche und beſchränkt ſich bezüg— lich des Urſprungs des Aufſtandes auf die Angabe einiger ; äußerer Anläſſe. Und wie hat er die Gegenſätze zwiſchen den _ auftretenben Berjonen verjchärft, wie durch pointirte8 Heraus heben einzelner Begebenheiten das Oejammtbild verzeichnet. Nicht jelten darf man billig zweifeln, ob der Zujammenhang zwiſchen den einzelnen Ereignifjen, wie er ihn conjtruirt, vor= handen geweſen iſt.
Auf dieſe mannigfachen Bedenken gegen die Geſchichtſchrei— bung des Aeneas muß beſtändig mit aller Entſchiedenheit hin— gewieſen werden, weil eben die von ihm gebotene innerliche Verknüpfung der Begebenheiten, ſeine pragmatiſirende Art, ſo— wie der Fluß der Darſtellung uns nur ſchwer der Verſuchung widerſtehen laſſen, ſich ihm bei dem Mangel einer anderen aus— führlichen Quelle bezüglich des Geſammtverlaufs der Ereigniſſe anzuvertrauen. Für ganze Partieen auch der Zeitgeſchichte muß man ſeinem Werke den Charakter einer Quelle entſchieden abſprechen; es iſt Bearbeitung und zwar flüchtige, tendenziöſe. Das bezieht ſich zunächſt auf die Schilderung der Vorgänge, welche der Autor nicht perſönlich mit erlebt, oder nicht aus offiziellen Acten hat ſchöpfen können. Sie fußt in vielen Fällen auf mündlicher Erzählung, jedoch einen guten Theil hat Aeneas aus eigner Erfindung hinzugethan. Wir haben das oben an dem Bericht über die Seefahrt Leonors nachzuweiſen geſucht. Von anderer Seite ift man. bezüglich des Krieges des Markgrafen Albreht Achilles gegen die Nürnberger zu ähn— lihen Rejultaten gefommen!. Aber auch die Aktenftüde, die
1) ©. Niedel, Zur Beurtheilung ded Aeneas Silvius ald Geſchichtſchreiber nach
feinen Berichten über den Markgrafen Albreht von Brandenburg in den Monats berichten der Berliner Alademic. 1867. ©. 549—571.
Einleitung. LVII
Aeneas vorgelegen haben, hat er in jeinem Sinne umgearbeitet, ihnen jedoch troßdem die jcheinbar authentische Form belafien.
Es ift förmlich naid, da er daran gedacht hat, ein Gefchichts-
werk in die Offentlichkeit zu bringen, das fo voll nachweis— barer Entjtellungen war. Wir begreifen diefe Manier aber leiter, wenn wir jehen, wie wenig genau er es ſelbſt bei wichtigen Angaben mit früher von ihm gethanen Außerungen nimmt; ſogar feine eignen Briefe hat er umgejchrieben, damit fie feinen tendenziöjen Zwecken befjer zu dienen vermöchten. Von den Neden, welche er anderen in den Mund legt, wifjfen wir, dat einige höchſt wahrjcheinlich niemals, die anderen ficher an- ders gehalten worden, al3 er erzählt. Auf Aeneas trifft auch zu, was Ranfe von deſſen wenig jüngerem Landsmann Guie— ciardini? jchreibt, daß nämlich „die Gelehrten damaliger Zeit fih fo jehr in die antife Manier vertieft hatten, daß diejelbe Stimmung, auf die Livius traute, als er erdichtete Neden in jeine Dekaden einzuflechten wagte, auch damals dem Geſchicht— ichreiber wie von felbjt entgegen Fam.“
So wird man bei der Benubung des Aeneas überall den Quellen und Berichten nachzuforſchen haben, die ihm vorlagen. Den durch PVergleihung jeiner Daritellung mit jenen gemon- nenen Maßſtab für feine Glaubwürdigkeit und Zuverläfligfeit muß man dann an die Bartieen legen, für welche unjer Autor einzige Duelle ift. Defjen Anwendung wird freilid eine um jo ſchwierigere Aufgabe fein, als Aeneas als Gejchichtichreiber in jenen Vorzügen wie Fehlern gleich vieljeitig it. Im All gemeinen darf man wohl als Grundſatz aufjtellen, daß jein Ge- ſchichtswerk nicht ſowohl für den Gejammtverlauf der Ereig- nifje und deren Verknüpfung untereinander, auch nicht für die Feſtſtellung der einzelnen hiſtoriſchen Thatjache in erfter Linie zu Rathe zu ziehen it, e8 wird hauptfächlid dazu dienen,
1) Zur Kritik neuerer Gejhichtichreiber 2. Aufl. ©. 24.
— —
LVIII Einleitung.
unſeren anderweitig überlieferten Berichten durch individuelle Züge friſcheres Leben einzuhauchen. Des Aeneas Charakteriſtiken mögen einſeitig, parteiiſch gefärbt ſein, aber indem uns eine Seite einer Perſönlichkeit ſtark ausgeprägt vorgeführt wird, ge— winnen wir doch einen Ausgangspunkt für eine tiefere Auf— faſſung von derſelben. Eben dadurch erhebt ſich Aeneas hoch über die Hiſtoriographen des Mittelalters und ragt ſchon in die neuere Gejchichtichreibung hinein.
Die Überfegung hat unter dem Fehlen einer einigermaßen fritiichen und correcten Ausgabe! der Gejchichte Friedrichs III nach verjchiedenen Richtungen hin nothiwendig leiden müſſen. Zunädjt fonnte an eine eingehendere Berücjichtigung der einzelnen Nedactionen jchon deshalb gar nicht gedacht werden, meil fie nur theilweife im Drud vorliegen. Meinem ausgejprochenen Wunſch, mir die Wiener Autographa der eriten und zweite Redac— tion zugänglich zu machen, glaubte Herr Geheimrath Dr. Watten- bad} jeiner Zeit feine Ausſicht auf Erfolg zufichern zu können. Sch habe mich daher darauf bejchränfen müſſen, die Vorrede zur erſten Nedaction nad) Bayer Drud in die Überfeßung aufzu- nehmen. Und um den durch die Verhandlungen behufs Aufgabe der Neutralität und die Beziehungen Friedrich III zu Mailand in= tereffanten Abſchnitt (Kollar 112—168 reſp. 164) nicht mifjen zu müfjen, ijt troß des lebhaften Widerſpruchs Bayers (©. 30) gegen ein jolche8 Verfahren von Seiten Kollard dieſer Theil in die fonjt vornehmlich die zweite Nedaction darjtellende Überfegung eingejchoben; nur der Abſchnitt (Kollar 164 — 168) über die Fehde des Markgrafen Albrecht Achilles gegen die Nürnberger it ausgelafjen, weil er Kollar 418—425 in ganz ähnlicher Weije mwiederfehrt. Bayer (S. 22) giebt jelbit
1) Vergl. Bayer ©. 4 und 30 ff.
Einleitung. LIX
zu, daß es in der Abficht des Aeneas gelegen haben werde, nah dem Excurs über die Staufer in die zweite Redaction die in der eriten enthaltene Vorgejchichte Friedrich! III einzu- halten. In der im Eoder Chiſianus an der betreffenden Stelle vorhandenen Lücke dürfte man einen directen Beleg für dieſe Vorausſetzung zu erfennen haben. Troßdem bleibt das Verfahren, wie zuzugeitehen ift, ein unfritifches, aber praftifche Rüdfihten überwogen demgegenüber. Auch die Lüde Kollar 456 aus der böhmijchen Gejchichte ded Aeneas Cap. 61—62 zu ergänzen!, habe ich feinen Anſtand genommen. Deden ſich doh die böhmiſche Geichichte und die Gejchichte Friedrich III von hier an bis zum Schluß nicht nur inhaltlih vollftändig, jondern jtimmen auch im Wortlaut meiſtens überein.
Nah der ſprachlichen Seite fucht die Überjegung dem Ori- ginal möglichſt nahezufommen, aber auch dieſem Bejtreben tellten ſich allerhand Schwierigkeiten entgegen bei einem Werke, dad nicht nur in einem mangelhaften Drud veröffentlicht iſt, dem auch die lebte Feile von der Hand des Autors jelbit ab- gebt. Nur für wenige Stellen lagen Textverbefjerungen von Bayer vor, am anderen konnte dur ein Zurücgehen auf die Quellen des Aeneas oder durch Heranziehen von Parallelftellen aus anderen Werfen desjelben die wahrjcheinliche Lesart feit- geitellt werden. Bisweilen mußte aud) verfucht werden, durch Conjectur den Sinn eines Satzes deutlich) zu machen. Die häufig in derjelben Form wiederkehrenden unbejtimmten Tem- poralverbindungen waren für die Überjegung noch unbequemer, al3 fie es im lateinischen Original find. Schwierig war auch die Auswahl bei den den Text erläuternden Anmerkungen. Es ging unmöglich an, alle Verjehen, Irrthümer und Entftellungen, die ſich Aeneas hat zu Schulden fommen laffen, im Einzelnen anzumerfen. Für die eigentliche Geſchichte Friedrichs III hat
’) Bergl. Bayer ©. 24.
in
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LX Einleitung.
ja Bayer auch bereits die Hauptarbeit gethan. Manches konnte in der Einleitung bei der Charakteriſirung der Geſchichtſchrei— bung des Aeneas im Allgemeinen berührt werden. Bei der Geſchichte der Staufer hielt ich es für nöthig, wichtigere Ab— weichungen des Aeneas von ſeinen Vorlagen zu notiren, weil ſie vielfach die Tendenz ſeiner Geſchichtſchreibung und die flüch— tige Art der Quellenbenutzung offenbaren. Zur beſſeren Orien— tirung ſind in dieſen Partieen auch häufiger, als es ſonſt üblich ſein mag, Jahreszahlen an den Rand gedruckt. Die Eigen— namen, geographiſche wie Perſonennamen, ſind in der Regel in der geläufigen modernen Form gegeben, ſchon deshalb, weil es nicht angezeigt erſchien, die zahlreichen offenbaren Fehler im Druck bei Kollar durch die Überjegung noch weiter zu ſchlep— pen. Meiſt nur in zweifelhaften Fällen, oder da, wo die la— teiniſche Namensform nicht allgemein befannt und verſtändlich it, wurde dieſelbe beibehalten und die heutige in einer An- merfung hinzugefügt.
Bei dem bedeutenden Umfang der Geſchichte Friedrichs III empfahl es fi), die Überfegung derjelben auf zwei Hefte zu vertheilen. Das erſte Heft bringt das Werf bis Kollar 228: rursus Italiam ingredi et fraternae coronationis adesse so- lemnibus, womit im Coder Chifianus das zweite Buch abjchliegt!. Damit ift injofern auch inhaltlih ein Abjchnitt gegeben, als mit Kollar 228: Ut autem decretum est, sequendum iter die Schilderung des Römerzugs Friedrichs III von dem Beit- punft ab beginnt, in welchem diefer den Boden Italiens be- trat, während die Vorbereitungen zu demjelben und die An— fünge des öjterreihiichen Aufitandes vollftändig in dem eriten Hefte zum Abdrud kommen.
1), &, oben S. XIX, Note 1.
Die Geſchichte Kaiſer Friedrichs II
von
Aeneas Silvius.
Geſchichtſchr. d. deutſch. Vorz. XV. Jahrh. 2. Bd. 1. Thl. 1
Dorrede zur erften Redaction. '
Dat Geſchichtſchreiber, wenn fie wahrheitsliebend find, für den Staat vom größten Vortheil fein können, wird fein ver— ſtändiger Menfch leugnen. Denn wer möchte behaupten, es jei unnüß, daß der Vorfahren Thaten die Nachkommen kennen fernen? Weshalb fonjt pflegen wir den Rathichlägen der Greije Beifall zu jpenden, als weil wir ihnen, von denen wir wiſſen, daß fie viel gefehen haben, mehr vertrauen? Denn Klugheit erwirbt man fi) durch die Erfahrung, während man von den Jünglingen jagt, fie feien noch nicht im Stande, ſich diejelbe anzueignen, weil jie nicht viel erfahren oder jehen konnten. Aber da nun einmal das Leben der Sterblichen jelten über hundert Jahre Hinausfommt?, jo ift es gar nicht viel, wovon die Menſchen Kenntniß erhalten können, wenn fie nicht die Geſchichtswerke lejen, die und die Vorgänge nicht von Hundert Jahren allein, von taujend, ja aller Zeitalter überhaupt, jo lange die Welt beiteht, vor Augen halten. Daher berichten uns die Bücher Moſis von der Weltichöpfung, von der Er: ihaffung des Menjchen, von der Sintfluth, dem Leben der Batriarchen, der Gefangenſchaft oder vielmehr der Knechtichaft des Volkes Israel und feiner Befreiung, von der Lebensweiſe in der Wüfte und der Darreihung der Tafeln des göttlichen Geſetzes; nachher lernen wir die Thaten der Richter, die Ge—
1) Gebrudt bei Baber, Die Historia Friderici III &. 206— 208.
2) Bergi. Horaz, Epist. U, 1, 39,
1*
4 Borrede zur erften Nedaction.
ihichte der Könige theil3 aus deren eignen Büchern, theild aus denen der Propheten kennen. Ich übergehe die Bücher Joſuas, der Ruth und Salomons; in Ejther, Judith und Era, oder in den Machabäern und Hiob, wel’ eine Reihe von bedeut- ſamen Beifpielen find uns in ihnen erhalten, umd in Tobiä! Was ift das Evangelium anders ald Geſchichte? Daraus lernen wir, daß der Heiland geboren und getauft worden ijt, daß er gepredigt und Wunder gethan Hat, daß er nachher gefangen, gegeißelt und dem Tode überliefert, hierauf von den Todten auferftanden iſt, feinen Süngern den rechten Muth eingeflößt bat, und dann gen Himmel gefahren it. Was follen wir von der Apoftelgefhichte jagen? Sie überliefert und die Himmel- fahrt des Herrn, die Sendung des heiligen Geijtes, den Mär- tyrertod des Stephanus, das Leben Petri, die Belehrung Pauli und defjen PBredigerthätigfeit. Ja jogar in die Briefe Pauli find Häufig geihichtlihe Nachrichten verwebt. Welche Fülle von Nuten entipringt daraus, und wer würde alles das ohne Gejchichtswerfe fennen? Wären wir nicht blind, und würde nicht der Eine dies, der Andere jenes glauben? Indeſſen um auch auf die Profangeſchichte zu kommen! Ueber den troja— niſchen Krieg, Alexanders des Großen Siege, über die Um— wälzungen bei den Aſſyriern, der Aegypter Dynaſtien, der griechiſchen Helden Lebensabriſſe, der Carthager Kämpfe, der Römer Triumphe, und wie der Erdkreis beſtimmten Geſetzen unterworfen, berichten uns die Geſchichtswerke; ſie führen uns das geſammte Alterthum vor Augen. Und wie laſterhafte und treuloſe Menſchen einen ſchlimmen Ausgang nehmen, den Guten es dagegen wohl ergeht, zeigen ſie uns, und geben uns ein Vorbild, daß wir die Laſter fliehen und die Tugend erſtreben ſollen, ſie lehren uns, wie wir im Kriege, wie wir im Frieden regieren, wie wir herrſchen, wie wir gehorchen ſollten, wie wir uns den Eltern, wie dem Vaterlande, wie den Freunden, wie
Borrede zur erjten Redaction. 5
den Mitbürgern, wie der Gattin, wie den Kindern gegenüber verhalten müjjen, wie man die Ueberfülle des Reichthums er- tragen, wie man die Armuth aushalten, und was die neue Münze für einen Bortheil bietet !, wie man die Religion und die Srömmigfeit pflegen muß. Mit Recht empfiehlt daher der Redner ? die Geſchichte, indem er jagt: „Die Geſchichte ift die Zeugin der Zeiten, die Leuchte der Wahrheit, die Lehrmeifterin des Leben, die Künderin des Alterthums.“ Der aljo müht ih nicht ummüß und vergebens ab, der fi der Geſchicht— ihreibung widmet. So haben auch wir ums ihr mit ernftem Fleiße zugewendet, um nad Kräften der Nachwelt zu nützen, da wir doc einmal nicht bloß um unjeretwillen, jondern der Gejammtheit des Erdfreifes halber geboren find.
Und da jebt num gegen Kaiſer Friedrich Einige aus Dejter- reich zu den Waffen gegriffen und Neuftadt belagert haben, ob: wohl die nicht das erjte Mal ift, daß Unterthanen gegen ihre Herren (befonderd gerechte)? Krieg führen — denn auch die Genter jtanden in diefem Jahre“ gegen den Herzog von Bur- gund auf, wobei es zu blutigen Kämpfen fam —, indeß weil die Vorgänge mannigfaher Art und die Bewegung zu ge waltiger Höhe angefacht wurde, und namentlich) die Ereignifje ſelbſt theil3 den Kaifer, theil3 den König von Ungarn und Böhmen, Ladisfaus, nahe angehen, jchien es mir angezeigt, hierüber ein Geſchichtswerk zu jchreiben, damit unjere Nach— welt aus deſſen Lectüre ſowohl zu der Einfiht komme, daß der Sterblichen Glück zerbrechlich und hinfällig, als auch lernen möge, für den Fall, daß die Anſtifter des Krieges die Strafe für ihre Verirrung erlitten haben werden, daß der Sünder nicht ungeſtraft ausgehe.
2) gerfius II, 69. — ?) Eicero, De orat. 2, 9,
3), Diefe Worte find im Autograph nahträglich wieder geftrichen. 9 Nämlih 1452, dem Jahr des dfterreihiihen Aufſtandes.
1452 Auguft
6 Kollar 1—2.
Dorrede zur zweiten NRedaction.
Für Friedrih von Gottes Gnaden römischen Kaiſer, Mehrer des Reichs, erfleht Aeneas, Biſchof von Siena, wahres Heil.
Daß beredte und wahrheitäfiebende Gejchichtichreiber nicht nur eine Bierde, jondern aud eine Stübe für einen Staat find, wird Fein verjtändiger Menjc leugnen wollen. Denn wer möchte behaupten, es ſei nicht nüßlicy und wohlangemeſſen, die Lenker der Städte, der Vorfahren leuchtende Beiſpiele im Gedächtniß zu bewahren, und was vor vielen Jahrhunderten geſchehen ift, gleichjam gegenwärtig vor Augen zu haben? Wes— halb fonjt giebt man dem Nathe der Greife den Vorzug, als weil man der Meinung ift, daß fie durch vielfadhe Erfahrung jih eine Einficht erworben haben, deren man die Jugend nicht für fähig hält? Da nun aber das Leben der Sterblichen kurz ijt, und zwiſchen dem 70. und 80. Lebensjahre beſchloſſen wird (denn wenn es darüber binausfommt, jchwindet es nad) dem Beugniß des Föniglichen Bropheten! unter Mühen und Schmer: zen dahin), ift e$ nur zu wenig, was man durch praftiiche Er- fahrung ſich aneignen, it e8 nur zu wenig, was man durch eigne Anjchauung lernen kann, es fei denn, daß einer aus dem Vorrath der Ueberlieferung feine Wiſſenſchaft bereichert hat. Ihn unterweift die Geſchichte am einfachjten, welche uns nicht über die Ereignifje weniger Jahre, fondern aller Jahr:
1) Pſalm 90, 10,
Kollar 2—3. 7
hunderte, jo lange die Welt jteht, genau belehrt. Es gedenken daher die Bücher des alten TejtamentS der Entjtehung der Belt, der Erſchaffung des Menfchen, der Sintfluth, des Lebens der Patriarchen, der Knechtihaft Israels, der Härte Pharao's, der Plagen der Aegypter, ferner daß dad Meer für die Fliehen- den auögetrodnet, wie die Tafeln des göttlichen Geſetzes dar- gereicht wurden, der Beſiegung der Heiden, der Thaten der Richter und Könige. Wie kann man dad Evangelium anders al3 die heilige Gejchichte bezeichnen? Aus ihr lernen wir, daf die jungfräulihe Magd, erfüllt vom heiligen Geijte, zur Kind- betterin geworden ilt, daß der Heiland geboren und getauft it, daß er faſtete, predigte, Wunder that; daß er darnadı gefangen, verjpottet und gegeißelt wurde, daß er geitorben und begraben, hierauf auferftanden von den Todten, feinen Jüngern erjchienen und gen Himmel gefahren ift. Sieh’, wie herrlich die Erleuchtung ift, die uns die heilige Gefchichte bringt! Und den Glauben haben wir von ihr überfommen, ohne welchen es feinem Menjchen bejchieden ift, Gott zu gefallen.
Aber, um auch der Profangefhichte zu gedenken, woher anderd ward und Nachricht von dem Reiche der Aſſyrier, von dem trojanifhen Kriege, von dem Ringen der Athener und Spartaner, von des Macedonierd Alerander Ruhm, von den Kämpfen der Carthager, den Triumphen der Cäfaren und der Unterwerfung des Erdfreije unter römifche Geſetze, als durch des Geſchichtſchreibers mühevolle Arbeit? Daher lernen mir des Krieges Künſte, daher die Pflichten, die der Frieden uns auferlegt, fennen, hierdurch werden wir ermahnt, die Laiter zu fliehen, der Tugend nachzuftreben, wenn wir leſen, daß die Böjen jämmerlich zu Grunde gehen, der Gerechte jedoch in feinem Falle verlafjen dafteht oder fein Samen nad) Brod geht!. Wie wahr und durchaus zutreffend ift doch der Ausſpruch des Redners?:
1) Bialm 37, 25. — 2) Eicero, De orat. 2, 9.
8 Kolar 3—4
„Die Geſchichte iſt die Zeugin der Zeiten, die Leuchte der Wahrheit, die Lehrmeifterin des Lebens, die Kiünderin des Alterthums!“ Loben muß man daher die Könige der alten Zeiten, die e3 fich vor Allem angelegen fein ließen, daß Die Thaten ihres Lebens genau aufgezeichnet würden, aus denen die ganze Nachwelt fruchtbringende Lehren ſchöpft. Indeſſen haben doch jene nicht ſowohl deshalb die Geſchichtſchreibung gern gepflegt, um ihren Nachlommen zu nüßen, als vielmehr um ihr Andenken möglichjt lange zu erhalten.
Du aber, Kaifer, in Deiner unbefchreiblichen Tugend ver- langit jogar zum Schaden Deined Nahruhmes für die Nach- welt zu jorgen. Hajt Du do in früheren Tagen, als Du in vertrautem Kreiſe des Krieges gedachtejt, den die Dejterreicher gegen Did zu führen fi erfühnten, Dich zu mir wendend, mid) geheißen, eben dieſen Krieg, wie er entitanden, unter welchen Bedingungen er geendet, zu bejchreiben; und zwar be= tontejt Du da, es verlohne ſich, diefe Ereignifje dem Andenfen zu überliefern, obwohl Dir ſelbſt fein Ruhm daraus erwachſen wirde. Fürwahr ein freimüthiger Ausſpruch und eines römischen Fürften würdig. Ja, höheren Werth haben dieje Worte, als wenn Du von den bejiegten Feinden reiche Beute heimgebracdht hätteft!
Höre nun, was ich aus Deinen Worten entnehmen zu müfjen glaube. Du willit, daß ich eine Geſchichte des nicht glücklichen Krieges jchreibe, daß ich zeige, wie Fortuna ihr Antlig von Dir gewandt hat. Wozu das? Ohne Frage, da— mit Deine Nachkommen einen Einblid in des irdijchen Lebens Beichaffenheit gewinnen, daß des Glückes Wechjel mannigfach, daß des Ruhmes Thron ſchwankend, auf daß fie jich die Ueber— zeugung aneignen, daß nichts feit begründet, als was auf die Tugend gebaut ift, daß fie vor allen Dingen fid) der Recht— ihaffenheit befleißigen. Da nun aber des öfteren die Gejchicht-
Kollar 4—5. 9
Ihreiber al3 nur zu wenig gewifjenhaft erfunden werden, indem fie mehr ſchmeichleriſchen Gelüften, als der Wahrheit dienen, jo Halt Du mid ausdrücklich ermahnt, ich follte nichts Faljches, olles vielmehr der Wahrheit gemäß berichten; auch brauchte ich niht zu bejorgen, daß ich Dir etwa wehe thun fünnte, wenn ih der Wahrheit Pfad beträte, weil Du bei diefer Erzählung niht Deinen Ruhm, jondern der kommenden Generationen Nußen verfolgteit.
Indem ich nun zu diefem Zwede Deinem Wunfche gern willfahren will, jtimme ich mit Dir darin zwar überein, daß man des Ruhmes jchillernden Glanz eher verachten, al3 allzu heftig erftreben joll — denn mehr durch des Volkes Stimme, al3 durch Würdigung des wahren Sachverhalts erworben, jtellt er häufig trefflihe Männer in Schatten, verherrlicht Dagegen Böjewihter —; feineswegs aber bin ich der Anficht, daß ich) nım eine Echilderung diejes Krieges al3 fir Deinen Auf be- denklich Hielte. Bietet ſich doch in ihr Gelegenheit, vieles von Teiner Einficht, von Deiner weijen Mäßigung zu jagen. Wenn ic) Did alſo auch nicht al3 wilden Kriegähelden, der fich mitten in das Getümmel der Schlaht jtürzt und Haufen von Leichnamen vor ji aufthürmt, jchildern werde, daß darf ich wohl ohne Widerrede von Dir berichten, daß Du des Nathes Zügellofig- feit mäßigteft, daß Du dem zornigen Uebermuth bändigteft.
Dabei aber jchredt mich num jener Ausspruch ab, den wir bei Flaccus t finden:
„Wahrlich es lohnet der Mühe zu prüfen, welcherlei Geiftes
Sind, die fünden das Lob der daheim und im Kriege bewährten
Mannestugend, die kein unmwürdiger Dichter entweihn darf.“ sh weiß, daß einer jolchen Aufgabe nur gewachſen ift der,
„Den lebendiger Geift, dem göttliher Sinn und Organ ward, Großes zu kündigen laut... .“ ?
!) Horaz, Epist. II, 1, v. 229—231. — ?) Horaz, Sat. I, 4, 48—44.
10 Kollar 5.
E3 verbot! Alerander durch einen Erlaß, daß Niemand außer Apelles ihn malen, daß fein anderer, denn nur Lyſip— pus fein Bildniß in Erz gießen dürfe. Sehr verjtändig, daß er nur von den beiten Malern und Erzgießern dargeitellt jein wollte. Jedoch griff gerade er darin fehl, daß er einem Dichter wie Choerilus ohne alle Feinheit und Schmud feine Thaten zu verherrlichen auftrug, und eben darin ließ er ſich täujchen, wo— rin er möglichjt vorfichtig hätte jein müſſen, da fich doch eben jo gut in der jchriftlichen Ueberlieferung der Charakter und Die Denfungsart der Menſchen wmiederjpiegeln, wie in den Ge— mälden und Erzbüjten die zum Ausdruck gebrachten Geſichts— züge. Das Dich nur nicht ein ähnlicher Tadel trifft! Wenn Du es auch nicht auf Verbreitung Deines Ruhmes abgejehen haft, jo hätteſt Du Dir doc einen Schriftiteller ausſuchen jollen, der den Thaten eine ihrer würdige Darjtellung zu ver- leihen vermochte. Denn wie fol ich diefer Aufgabe genügen, dejjen Geiftesader nur ſchwach und allzu gehaltlos ijt, dem die Ausübung der apoftoliichen Geſandtſchaft? nur ganz geringe Muße gewährt, der ich durch die Gejchäfte in Deiner Kanzlei bejtändig in Anspruch genommen bin; es ift jchwierig, im Lärm der unMferbrochenen Geſchäfte den Spuren der Thaten großer Männer zu folgen. Wie jener Dichter? fagt:
„Liebt doch der Dichter Geſammtchor den Hain [und fliehet
die Städte]
Echte Verehrer des Bachus, die gerne im Schatten der Ruh’
pfleg'n.“
Doc wer bin ih, daß ich Deinen Willen meijtern dürfte? Du biſt König, Du bift Kaifer! Nah Weiterem habe ich nichts zu fragen; ich werde geboren. Und da es mir nun beliebt,
1) Das Folgende tft faft wörtlich Herübergenommen aus Horaz, Epist.II, 1, 239— 241. — 2) Uenead war am 18, April 1452 in Rom von Bapft Nicolaus V zum
Nuntius des apoftoliihen Stubles für Böhmen, Mähren, Schlefien ıc. ernannt wor⸗ den. Bergl. Boigt II, 55. — 3) Horaz, Epist. II, 2, 77—78.
Kollar 5—6. 11
über meine jpecielle Aufgabe hinaus zu gehen und jie bedeutend weiter zu faſſen, jo will ich nicht nur dieſen öfterreichijchen Krieg, fondern auch jo viel als möglich) andere CEreignifje aus Deinem Leben, ferner zugleich den Urfprung Deine Hauſes und was wir von bemerfenswerthen Vorgängen in Europa in unſeren Tagen erfahren haben, in ein Geſchichtswerk zufammen- foffen. Deine Gnade wird daraus, was Ihren Beifall gefunden, annehmen und gutheißen.
12 Kollar 6. Die geographiiche Lage Oeſterreichs.
Indem ich num die Geſchichte des römischen Kaiſers Fried- rich III, der ein Sohn des verjtorbenen Herzogs Ernſt von Deiterreich ijt, jchreiben will, jcheint es mir nicht unangemefjen, über die Lage Defterreich!, über des Volkes Sitten, über Die vornehme Abjtammung jeiner Vorfahren wenige Bemerkungen vorauszujchiden, durch welche die Geichichte mehr und mehr an Klarheit gewinnen dürfte.
Defterreich ift nicht, wie die meiften meinen, daher jo be- nannt, weil es von Böhmen und Mähren im Süden gelegen ijt, vielmehr it der Name von dem deutichen Worte abgeleitet, welches „öftlihe Gegend“ bezeichnet. Denn nachdem die Fran- fen, aus Scythien vorrüdend, Germanien unterjocht, darauf Gallien eingenommen hatten, haben fie zwei Francien nach ſich benannt, das eine al3 das öftliche, das andere als das weitliche; auch ein gedoppeltes Reich haben fie aufgerichtet, das fie durch den Nheinjtrom als Grenze ſchieden. Und zwar dehnte jich das Öftlihe vom Rhein bis nad) Pannonien hin aus; das weit- liche Reich aber reichte ohne Unterbrechung von demjelben Fluke bi3 zum Porenäengebirge und von der Rhone bis zum Dcean.
Als fi dann aber die Franken in mehrere Familien theilten, und die einen Gallien, die anderen Germanien in Befiß nahmen, haben die, welche Deutjchland erhielten und in Schwaben und Baiern ſich niederließen, dad Land, das von ihnen zumeijt nad) Sonnenaufgang lag, nad) ihrem Brauch Dejterreich be— nannt. Einige behaupten, es fei dies früher der öftliche Theil
Kollar 6—T. Die Erzeugnifjfe des Landes ꝛc. 13
von Noricum gewejen, andere das meitlihe Stück von Pan— aomien!. Doch läßt fich für die erjtere Anficht die Sprache de3 Volkes und der Name der Gegend geltend machen; für die zweite Meinung könnten jcheinbar die heimiſchen Sitten als Stübe dienen, die denen der Pannonier mehr angepaßt find, al3 denen der Bewohner Noricums. Ferner ift die Grenze zwifchen den Ungarn und Defterreichern zu wenig gekennzeichnet; durch feinen bedeutenden Fluß, auch nicht durch hohe Berge noch Wälder werden die Gebiete gejchieden. Dadurch wird es mir jehr wahrſcheinlich, daß Pannonien einft bis zum Wiener Wald gereicht habe. Doch darüber mag Jeder denken, wie es ihm beliebt.
Heutzutage hat Dejterreih im Dften Ungarn, im Weften Baiern liegen; im Norden ſchließt es fi an Böhmen und Mähren an, während im Süden die jteierifchen Berge feine Grenze bilden, welche in langem Zuge von den Alpen aus- laufen und Stalien von Deutjchland jcheiden. Seiner Breite nah kann man es im einem dreitägigen Marjche durchmeffen, die Länge wird um dad Doppelte größer geſchätzt. Ein treff- liches Land, wohlbewäfjert, mit Wein bepflanzt, reich an Holz; auf dem fruchtbaren Aderlande erntet man alle die Früchte, die Deutichland überhaupt hervorbringt. Gold- und GSilber- adern hat es nicht. Salz gewinnt man zum Theil im eignen Lande, zum Theil bedient man fi) des eingeführten. Del, Feigen, Mandeln, Rofinen erhält das Land aus Venedig. Da- gegen verſorgt es jelbjt mit Wein die Baiern, Böhmen, Mäb- ren und Sclefier, und daher eben rührt der große Reichthum der Dejterreiher. Seinen Bedarf an Fleifch Liefert ihm Ungarn. Mitten dur das Land fließt die Donau, der größte aller Flüffe Europas. Diefer entipringt in Schwaben auf dem Schwarz.
2) Diefer Sag und einzelne Worte weiter unten find ergänzt aus Bayer, ©. 32. Bir fügen defien Verbeſſerungen im Folgenden ohne weitere Bemerkungen ein.
14 Kollar T— 8. Bejchreibung Wiens.
walde, durchjchneidet Baiern, Dejterreih und Ungarn, und er- gießt ſich durch Rascien und Bulgarien in ſechzig jchiffbaren Armen in das ſchwarze Meer. An vielen und bemerfenswerthen Städten fließt die Donau vorbei. Unter ihnen aber ijt meiner Meinung nad) feine reicher, feine bevölferter, Feine ehrwürdiger, al3 Wien, die Hauptjtadt unter den üjterreihiichen Städten und des ganzen Landes. Sie führte noch einen anderen Namen, „Hlavianum“?, wie wir in den alten Privilegien der Herzoge überliefert finden. Ich halte aber dafür, daß irgend ein Römer mit Namen Ylavius, der zugleich Befehlshaber des Landes war, die Stadt gegründet und den Ort nad) ſich benannt hat. Manche freilich behaupten, daß dort flavianifche Altäre ge= itanden hätten, daß irgend einer der Imperatoren mit Namen Flavius bis zur Donau vorgedrungen umd hier als Grenz— marfen de3 römischen Reiches Altäre errichtet habe, die nach jeinem Namen flavianijche genannt jeien. Schließlich hätte denn die dajelbjt gegründete Stadt von den Altären ihren Namen erhalten *. Da nun aber die Deutihen „Flavianum“ „Flabien“ ausjprechen, jo iſt e8 nicht unwahricheinlich, daß im Verlaufe einer längeren Zeit die erjte Silbe des Wortes geſchwunden iſt — was ja befanntlich jehr viel geſchieht — und „Bien“ übrig geblieben und fie danach „Vienna“ genannt worden iſt. Denn wenn einige zu wenig bedachtſame Hijtorifer unjerer Zeit ver: fihern, „Vienna“ jei gleichjam für „Bienna“ gejagt — weil die Stadt zwei Jahre lange dem Anſturme des Julius Cäfar Stand gehalten habe —, jo dürfte das Jedem, der die Ge- Ihichte der Cäſaren gelejen, nicht nur als eine faljche, jondern
1) Das heutige Serbien.
2) Bol. Hierüber jedoch Fr. Blumberger, Bedenlen gegen die gewöhnliche Anficht don Wiens Identität mit dem alten Faviang im Archiv für öfterr. Geſch. U, 353 ff.
9) Für die Ichtere Auslegung entjcheidet er fich unter Berufung auf Ptolomaeus in der Schrift De ritu, situ etc, Theutonie. Aeneae S. Opera ed. Basil. von 1571 S. 1053.
Kollar 8— 9. Beichreibung Wiens. 15
geradezu thörichte Behauptung erjcheinen. Denn e8 fteht feit, dab Julius Cäſar dies Land niemal3 mit einem Heere be- treten hat. Diefe Deutung ijt der analog, wenn man „Holo— munc“’ in Mähren in Folge der lautlihen Verwandtichaft als „Zulii Mons“ bezeichnet und nun behauptet, jene Stadt jet eine Schöpfung des Julius. Nur zu zwanglos bedient man ih der Freiheit in der Wortdeutung in Bezug auf das, was man herauszudeuten wünfcht.
Uebrigens giebt es in Wien einen Heinen Fluß, der inner- halb der Vorjtädte flieht, mit Namen „Wien“; nad) ihm, glaubt man, jei die Stadt benannt. Aber ob nun der Fluß von der Stadt, oder die Stadt von dem Fluße den Namen entlehnt dat, das weiß ich nicht mit Bejtimmtheit zu jagen. Indeſſen it es doch wahrjcheinlicher, daß der bedeutendere Gegenjtand dem geringeren den Namen gegeben hat. Und da nun bie Bien, von welcher die Nede ift, nicht ſowohl ein Fluß, als vielmehr ein Gießbach it, jo ift fie defjen nicht würdig, daß von ihr die berühmte Stadt den Namen hätte annehmen Ünnen. Ueberhaupt aber ift die ganze Unterfuhung über den Namen volljtändig nutzlos, da die Sache ſelbſt durchaus feſtſteht.
Vien aljo wird von einem Mauerringe, der zwei Taufend Schritte lang iſt, eingejchloffen ?; fie hat bedeutende Vorftädte, die ihrerjeit3 von breiten Gräben und Wällen umgeben find. Aber auch die Stadt felbit hat einen mächtigen Graben, und davor einen jehr hohen Wall. Hinter dem Graben kommen die diden und hohen Mauern mit zahlreihen Thürmen und Vorwerfen, wie jte für die Vertheidigung geeignet find. Die Häufer der Bürger find geräumig und mit reicher Ornamentif veriehen, dabei aber doch in ihrer Anlage folide und feit.
!) Dimüg.
N) Bon hier an tft bes Aeneas Schilderung Wien bereits fiberjegt von Hor- zayr, Wien feine Geſchicke und feine Denkwitrdigfeiten III, 3, 130 ff., der aud) be— teitd auf die verjchiedentlichen Uebertreibungen des Aeneas aufmerkſam gemacht hat.
16 Kollar I— 10. Beſchreibung Wiens.
Ueberall findet man gemwölbte Thorgänge und breite Höfe. Aber an Stelle der Triclinien hat man bier heizbare Zimmer, welche von ihnen „Stuben“ genannt werden; denn nur auf diefe Weife bewältigt man des Winterd Strenge. Fenjter von Glas laſſen von allen Seiten das Licht dur), die Thore find meijt von Eifen. In ihnen hängen fehr viel Singvögel. Das Geräthe in den Häufern ift reichlich und proper. Für Pferde und Laftvieh aller Art hat man geräumige Ställe. Die hohe Front der Häufer gewährt einen prächtigen Anblid. Nur das macht einen unfchönen Eindrud, daß man die Dächer meift mit Holz dedt, nur wenige mit Ziegeln. Im übrigen beſtehen Die Häufer aus Steinmauern. Innen und außen erglänzen Die Häufer von weißem Anſtrich. Tritt man in ein beliebiges Haus, jo glaubt man in den Palaft eines Fürften gekommen zu fein. Des Adels und der Geijtlichfeit Käufer find frei und es ftehen den Behörden der Stadt über diefe Gerechtjame nicht zu. Die Weinkeller find jo tief und geräumig, daß man fagen fünnte, es gäbe in Wien ımter der Erde ebenfo gut Gebäude, wie über der Erde. Der Plan der Straßen ift mit feiten Steinen gepflaftert, jo daß er nicht leicht durd) die Räder der Fuhrwerke eingefurcht wird. Den Heiligen im Himmel und dem höchſten Gott ſelbſt find geräumige, pracdhtvolle Kirchen geweiht, erbaut aus behauenen Steinen, hochgewölbt, durch ihre Säulenreihen beiwundernswerth. Heiligenreliquien hat man jehr zahlreiche und Kojtbare, in Silber, Gold und Edelfteine gefaßt. Der Kirchen Schmud ift großartig, reich das Geräth. Die Priefterfchaften find zum Meberfluß mit Gütern Ddotirt. Der Propft am St. Stephansdom unterſteht ausſchließlich dem römischen Papft!. Die Stadt gehört zum Sprengel Paſſau; die Tochter- größer als die Mutterfirhe. Sehr viele Häufer in der Stadt haben geweihte Kapellen und eigne Briefter. Die 1) Statt principi ift zu lefen pontifici. &. Bayer, ©. 31.
Kollar 10—11. Die Hlöfter Wiens, die Univerfität. 17
vier Bettelorden find von Armuth weit entfernt; die Schotten und die regulirten Chorheren des heiligen Augustin ? werden für jehr reich gehalten, desgleichen die frommen Nonnen und die heiligen Jungfrauen. Auch giebt es dort ein Kloſter, zum heiligen Hieronymus genannt, in das reuige Dirnen aufgenom= men terden ?; jie fingen Tag und Naht Hymnen in deutjcher Sprache. Fällt von ihnen eine in das frühere Later zurück und wird dabei ertappt, jo wird fie in die Donau gejtürzt. Uebrigens führen fie dort ein keuſches und frommes Leben; jelten hört man von ihnen üble Nachrede.
Ferner it in Wien auch eine Hochſchule der freien Künſte, der Theologie und des kanoniſchen Neht3?. Doc it ſie erit in neuerer Zeit mit Zuftimmung des Papſtes gegründet‘. Eine große Anzahl Studenten jtrömt dahin aus Ungarn und Ober: deutjchland zujammen. Zwei vortreffliche Theologen haben ſich hier, wie ich berichtet werde, bejonders hervorgethan: Heinrich) von Helen, der, zu Paris gebildet, gleich nach der Gründung der Univerfität® Hierher eilte und zuerit den Lehrituhl auf: richtete und jehr viele bemerfensmwerthe Werke gejchrieben hat. Der andere ijt der Schwabe Nikolaus Dinkelsbühl ® geweſen, berühmt durch jein frommes Leben und jeine tiefe Gelehrſam— feit, deſſen Predigten noch heute von Gelehrten begierig ge— leſen werden. Dann ijt heutigen Tags noch dort Thomas Hajel- bach?, ein nicht unberühmter Theologe, der auch) ganz nuß- bringende Geſchichtswerke jchreiben joll; ich würde feine Gelehr-
1) Bu St. Dorotheen. S. Hormayr, Wien! Geſchichte und Denkwürdigleiten IH, 3, ©. 9. — 2 Das LKlofter der Büßerinnen in der GSingeritraße, im 14. Jahrh. geitiftet. ©. Hormayr, III, 3, ©. 33.
3) Bol. 3. Aſchbach, Geſchichte der Wiener Univerfität. Wien, 1965 ff. Bd. 1-3.
4) Durch Bulle Bapft Urban V vom 18. Junt 1365. ©. Aſchbach I, ©. 18 f. Tie theologische Facultät fam jedoch erit fpäter Hinzu; fie wurde durch Papſt Urban VI in der Bulle vom 20. Februar 1384 beftätigt. Die eigentliche Eröffnung der mit vier Zecultãten eingeriteten Hochſchule fällt erjt in das Jahr 1385. Aſchbach I, 36. 109,
5) 1383. Bergl. Aſchbach I, 3877 f. — °) Ueber ihn vergl. Aſchbach I, 430 ff.
) aſchbach I, 498 ff.
Geſchichtſchr. d. deutſch. Vorz. XV. Jahrh. 2. Bd, 1. Thl. 2
18 Kollar 11. Die Univerfität, Verfaſſung der Stadt.
ſamkeit lobend anerkennen, wenn er nicht zweiundzwanzig Jahre fang über das erjte Gapitel des Jeſaias gelejen hätte, und bis zur Stunde noch nicht zum Abſchluß gefommen wäre. Der größte Fehler aber diefer Hochſchule iſt, daß man allzu aus— gedehnte Sorgfalt auf die Dialektif verwendet, nur zu viel Zeit mit einer Sache Hinbringt, von der man jehr geringen Vor— theil hat!. Die mit dem Titel: „Lehrer der freien Künſte“ ausgezeichnet werden, werden hauptjächlich nur in diefem Fache geprüft. Im übrigen befümmern fie ſich weder um Mufif, noh um Rhetorik, nody gar um Metrif, obgleich) man den, der Magijter werden will, dazu veranlaßt, einige Verje und Briefe, die von anderen verfaßt find, ohne Vorbereitung vor— zutragen. Rede: und Pichtkunft find bei ihnen, deren ganzes Studium in Titeln und eitlen Sophiftereien aufgeht, fajt voll- jtändig unbefannt; von ernithaften Studien merft man wenig. Solche, die des Ariftotele8 und anderer Philofophen Schriften in Beſitz haben, wird man nur felten finden; meijtentheils bedient man ſich der Commentarien. Die Studenten jelbjt übrigens fröhnen dem Vergnügen; nad) Wein und Speije find fie lüjtern. Wenige gehen al3 Gelehrte aus ihnen hervor. Frei— (ich jtehen fie auch unter feiner Cenſur; Tag und Nacht jtreifen fie umber und verurfachen den Bürgern großen VBerdruß. Dazu fenft noch der Weiber Lüfternheit ihren Sinn ab ?.
Die Bevölkerung der Stadt ſchätzt man auf fünfzig Tau— jend Communicanten. Man wählt einen Rath von achtzehn Männern, ferner einen Richter als Vorſitzenden des Gerichts— hofes, endlich einen Bürgermeifter, dem die Sorge für Die Stadt obliegt?. Dieje lebteren ernennt der Landesfürſt, und
1) Vergl. Aſchbach I, bei. ©. 89, — ?) Aeneas trägt wohl Hier etwas ftarf auf. Vergl. den Abſchnitt IIT bei Aſchbach, Bd. I.
9) Vergl. hierzu „Die Gejchichtäquellen der Stadt Wien’ Wien 1877 ff. Bd.Iu.II,
befonders den Anhang in Bd. II ‚„‚Die oberjten Ratheperfonen der Stadt Wien‘ von 8. Weiß. Unter den 18 Rathsmännern zufammen mit Bürgermeifter und Richter
Kollar 11—12. Der Eonjum der Stadt. 19
zwar nimmt er dazu Diejenigen, die er für die Öetreuejten in der Stadt hält, und läßt fich von diejen den Eid leijten!. Andere Beamte giebt e3 nicht, außer denen, welche den Wein- zoll erheben. Bor diefe, deren Amtsdauer eine jährige ift ?, wird alles gebradit.
Es iſt kaum zu glauben, wie viel Lebensmittel Tag für Tag in die Stadt gejchafft werden. Mit Eiern und Krebſen fangen viele Wagen voll an. Mehl, Brod, Fleiſch, Fiſche, Ge- flügel werden in gewaltigen Mengen zugeführt; und doc), jo- bald der Abend anbridt, befommt man von diefen Sachen nicht mehr zu faufen. Die Zeit der Weinlefe dehnt fich hier bis im die vierzig Tage aus; aber fein Tag vergeht, an dem nit 300 mit Wein beladene Wagen zwei» ja Dreimal ein- fahren. 1200 Pferde jpannt man tägli an, um die Wein- ernte einzubringen. Außerdem hat jeder bis zum Martini— feft Die Berechtigung, von feinen Landgütern Wein in Die Stadt zu ſchaffen?. Es ift nicht zu jagen, welche ungeheure Maſſe Wein eingefahren wird, der theil3 in Wien jelbit ge- trunfen, theil3 ind Ausland die Donau aufwärt3 unter großen Unftrengungen verjandt wird. Von dem Wein, der in Wien einzefn verkauft wird, gehört der zehnte Pfennig dem Kaiſer.
wird man wohl den inneren Rath von 20 Mitgliedern, die fogenannten „Genannten““ zu verftehen haben. Weiß, ©. 246 ff.
1) Anders find die Worte des Aeneas wohl laum zu verſtehen. Die Ernennung de3 Stabtrichterd erfolgte in der That durd den Landesfüriten. Weiß a.a.D. S. 280 f. Bezügl. der Bürgermeifterwahl vergl. jedoch das Privileg vom 24. Febr. 1396. Weik a. a. D. ©. 242.
9) Für den Stadtrichter trifft dieſe Angabe auch nicht zu. Vergl. Weiß a. a. O.
3, Diejer Berechtigung gejchteht auch Erwähnung in einer Urkunde Herzog Ru— doif® IV vom 3. Nov. 1358 (Geichichtöquellen der Stabt Wien No. LVIT), in ber er einen Streit zwiſchen Wien und Wiener: MNeuftadt bezüglich des Schanfrechtes ꝛc. ihliätet .... daz sie (die von der Neunstat) auch chaim iren wein durch niderlegung und verchaufens willen gen Wienn furen sullen, an allain zwischent sand Michelstag und sand Merteinstag, so mugen sie wol ir wein furen gen Wienn auf den Hof, alz ander unser lantleut tünd in derselben zeit und alz ez von alter herchomen ist... ..
9%
20 Kollar 12—13. Die Sittlichfeitöverhältnifie.
Diefe Steuer führt der Kammer jährlid) 12000 Goldgulden zur. Im übrigen lajten auf den Bürgern nur wenig Abgaben !.
In einer jo großen und jo bedeutenden Stadt pafitren aber nun aucd viele Unregelmäßigfeiten; bei Tag und Nacht fommt e3 zu Neibereien, die fürmlichen Treffen gleichen. Bald ergreifen die Handwerker gegen die Studenten, bald die Hof- bedienten gegen die Handwerker, bald die einen Arbeiter gegen die anderen die Waffen. Selten geht eine Feitlichkeit ohne Todtihlag Hin, Morde werden häufig begangen. Sobald es Streit giebt, ift Niemand da, der die Hadernden trennte; weder die ſtädtiſchen Behörden, noch die Fürften thun etwas, wie es billig wäre, zur Verhütung jo großer Uebeljtände.
Wein im Haufe zu verfaufen gilt nicht für herabwiürdigend. Faſt alle Bürger halten Weinfneipen, heizen Stuben, richten eine Küche ein und ziehen Becher und Dirnen heran, denen fie etwas gefochtes Eſſen umſonſt verabreichen, damit fie um jo mehr trinken; Doc geben fie diejen ein kleineres Maaß. Das gewöhnliche Volk fröhnt dem Bauch, it gefräßig; mas es in der Woche mit jeiner Hände Arbeit verdient Hat, verjubelt e8 am Sonntag bis auf den lebten Heller. Ein zerlumptes, plumpes Pad. Dirnen giebt e8 in jehr großer Bahl; jelten begnügt fi ein Weib mit einem Mann. Sobald adlige Herren zu den Bürgern fommen, nehmen jie deren Srauen zu einer Unterredung unter vier Augen bei Seite; die Männer bringen Wein herbei, verlaffen das Haus und machen den Adligen Pla. Die meijten Mädchen wählen ſich ihre Männer ohne Vorwiſſen ihrer Väter. Wittwen heirathen nod) während der Trauerzeit ganz nad) ihrem Belieben. Wenige Leute leben in der Stadt, deren Voreltern die Nachbarſchaft fennt; alte Familien find felten, jte find fajt ſämmtlich Ein-
1) &, Geihhichtäquellen der Stadt Wien Bd. I. Tomaſchel, Die Rechte und Frei— beiten der Stadt Wien. ©. LXV.
Kollar 13. Die Gejeggebung. 21
gewanderte oder Fremdbürtige!. Weiche, aber vom Alter ge- beugte Kaufleute heirathen junge Mädchen und laſſen fie jehr bald als Wittwen zurück. Diefe nehmen dann zu Männern Sünglinge aus dem reife dev Hausgenofjen, mit denen fie ſchon oft ehebvecherijchen Umgang gehabt haben. Auf diefe Beife entpuppt ſich der, welcher gejtern noch arm war, heute al3 reicher Mann. Dagegen nehmen diefe num wieder, wenn fie ihre Frauen überleben, andere, und jo geht die Sache im Kreife fort; nur jelten folgt der Sohn auf den Vater. Bei ihnen gilt ein Geſetz, welches dem iüberlebenden Ehegatten die Hälfte der Güter des verftorbenen Gemahls zuſpricht. Das Recht, Teitamente zu machen, ijt uneingeſchränkt, daher ver: jchreiben denn auch Männer ihren Frauen, Frauen ihren Män— nern ihr Vermögen. Der Erbichleicher find viele, welche da— durch, daß fie den alten Herren jchön thun, es zu bewirken wifjen, daß ſie zu Erben eingejeßt werden. Es foll auch jehr viele Weiber geben, die die Männer, welche ihren Frauen zur Laſt find, durch Gift bei Seite ſchaffen. Felt fteht, daß nicht jelten von den Adligen Bürger getödtet worden find, welche ihre Frauen mit Worten hart angelafjen, weil fie Buhlen am Hofe gehabt.
Im übrigen leben die Wiener ohne jedes gejchriebene Gejeß ?; fie jagen, fie hielten fih an ganz alte Sabungen, die fie aber Häufig nur im ihrem Sinne heranziehen oder auslegen. Das Recht ift ganz und gar käuflich; die, welche 2) never bie Bedeutung, welche die zugezogenen Kaufleute für die Stadt Wien im Mittelalter gehabt Haben, ſiehe: Geſchichtsquellen der Stadt Wien. I, Einleitung ©. X. Dod übertreibt Aeneas aud hierbei,
2) ®ergl. Hierüber jedoch Schufter, Das Wiener Stadtrechts- oder Weichbildbuch. Wien 1873. Seinen Ausführungen nad (S. 27 fi.) ift die Abfafjung des Stadtrechts⸗ buchs noch in das Ende des 13. Jahrh. zu jegen. Haben wir darin zunächſt auch nur eine Brivatarbeit zu erfennen, auf jeden Fall hat das Stadtrechtsbuch allmählich offizielle Bebeutung erlangt, und ſicher ijt ed für die Mitte des 15, Jahrh. nicht ges
recötfertigt, wenn Aeneas von den Wienern behauptet, fie lebten ohne jedes gejchrie: bene Geſetz.
22 Kollar 13—14. Die Adeligen des Landes; die Cathedralkirchen.
dazu die Mittel haben, fündigen ohne Strafe, die Armen und von Gönnern Entblößten trifft der Gerichte Härte. Eid— ſchwüre, die vor Zeugen gethan find, Hält man mit großer Strenge ein; fann man aber ableugnen, daß man gejchworen hat, jo it das Abkommen Hinfällig, Die Leute borgen auf beitimmte Zeit; erwächſt ihnen dadurch jedoch auch nur der geringſte Verluft, jo geben fie, ijt der Termin verflofjen, die Summe beliebig hoch an und beſchwören deren Richtigkeit, wodurh fie dem Schuldner den größten Schaden zufügen. Bringen Unterpfänder, die gegen ein Darlehn gegeben werden, irgend etwas ein, jo rechnet man diejes nicht als Zinſen an. Die Ercommunication fürchten die Wiener nur injofern, als fie dem Auf jchädli oder von zeitlichem Nachtheil begleitet it. Geſtohlene Sachen, die bei dem Diebe gefunden werden, gehören dem Richter. Außerdem halten fie die kirchlichen Feiertage gar nicht jtreng ein. Fleiſchwaaren werden an jedem Faſttage feilgeboten. Die Yuhrleute feiern feinen Tag.
Im übrigen Dejterreich giebt es noch viele Städte, aber feine von bedeutendem Namen. Der mächtigen und edlen Barone find es viele. Unter ihnen nehmen an Anſehn den erjten Plaß ein die Grafen von Schaumberg und Maidburg; an Reich— thum jedoch follen über ihnen jtehen die von Walljee, Die von Lichtenjtein und Buchaim. Auch der Name der Pottendorf, Starhemberg, Ebersdorf, Edersau, Hohenberg, Folkenstorf und vieler anderer hat feinen fchlechten Klang. Die Eizinger, ob- wohl fie erſt ganz neuen Urjprungs jind, werden doch heut— zutage an Macht und Anjehn zu den Erjten gezählt.
Große und reiche Klöfter giebt es jehr viele. Außerdem haben die Cathedral: Kirchen von Salzburg, Paſſau, Regens- burg, Freiſing weit ausgedehnte Beſitzungen, eine ganze Ans zahl von Burgen und herrlichen Paläjten in Dejterreich. Letztere bewohnen fie, wenn die Fürſten Dejterreih! an den Hof be-
Kollar 14—15. Die fabelhafte Urgejhichte Defterreihd. 23
joblen werden. Sie find nämlich) ſämmtlich Räthe der Her- zoge von Oeſterreich und verehren in ihnen gleichjam ihre Herren. Mögen die Herzoge von Dejterreih Krieg führen oder feitlih Hof halten wollen, jo haben fie wie die Könige Prälaten und Edle in ihrem Gefolge.
Wer den Boden Dejterreihs urbar gemacht hat, darüber find meine Nachforſchungen ohne gefichertes Reſultat geblieben. Ich Habe zwar eine jogenannte öſterreichiſche Gejchichte in den Händen gehabt, die deutjch gejchrieben war!; das iſt jedoch ein thörichtes Werk, voller Lügen, von einem Menjchen ver: faßt, von dem jchwer zu urtheilen ijt, ob bei ihm die Lügen— baftigfeit oder die Thorheit vorwiegt. Jeder, der die gänzlich zuſammenhangsloſen Geſchichten Liejt, muß jagen, daß der Menſch nicht bei Berjtand gewejen, der ſich eingebildet hat, daß man ihm jo handgreiflidhe Lüigen glauben würde. Wenn man dann wieder aus zuverläjjigen Kaiſer- und Papſtgeſchichten Einjchiebjel findet, jo offenbart fi) darin die plumpe Lügenhaftigkeit des Mannes, der dadurch, daß er dem Lejer mit einigen richtigen Angaben unter die Augen jpringt, deſſen Sinn jo zu fejleln hofft, daß er alles Uebrige auf Treu und Glauben hinnehmen wird. Und in der That hat er ſich darin auch bei den Deiter- reihern nicht getäufcht. Dieſe verehren das Werk wie eine heilige Gejchichte, weil fie jich darin bezüglich ihrer altehrwür— digen Abjtammung gepriefen wähnen. Aber jener hat feines- wegs die Dejterreicher herausſtreichen wollen. Berfichert er
1) E ift das bie zur Beit Herzog Albrechts III gejhriebene, unter dem Namen des Gregor Hagen gehende Defterreichtiche Landeschronit. Ste tit mit Hinweglaffung der fabelhaften Urgeſchichte gebrudt bei Pez. SS. rer. Austr. I. 1048 ff. unter dem Titel Matthaei cujusdam vel Gregorii Hageni Germanicum Austriae Chronicon. Bergl. Über diejelbe die Unterfuhungen von Mayer im Archiv für öſterr. Geſch. 60, 295 — 342. Diejer ſucht als ihren Verfaffer den Wiener Dehanten Johann Sefner
zu erweiien und jegt die Abfafjungszeit der urjprünglidhen Chronik um 1394 — 1395 an. Bergl. aud Lorenz, Geſchichtsquellen 80 I, 268 f.
24 Kollar 1516. Die Urgefchichte Oeſterreichs.
doch, daß die Vorfahren derjelben zuerjt Heiden, dann Juden geweſen, aljo da fie Abkömmlinge diejes treulojen Volkes wären. Und nicht eine hervorragende That berichtet er aus jener grauen Vorzeit, dagegen aber eine Anzahl Schand= und Verbrechergeſchichten. Als ob es ihm darum zu thun geweſen wäre, zu zeigen, daß die öſterreichiſche Nation, die zu jeiner Zeit wohl dem Lajter ergeben war, darin ihren Vorfahren ähn- (ih jei. Aber der Menjch hat offenbar nicht gewußt, daß man beim Lügen weit mehr auf der Hut jein muß, als wenn man die Wahrheit berichtet. Weder hat er die zeitliche, noch die örtliche Reihenfolge gewahrt; er hat erdichtet, ohme zu ver— jtehen, wie man erdichte. Dad muß doch ein arger Dumm— fopf jein, der jchließlich durch feine eignen Liigereien getäufcht wird. Der geijtloje Menjch erzählt nun aber:
Jenſeits des Meeres, im Wunderland, habe ein Graf der Alighemer gelebt, mit Namen Sathau, und unter ihm ein Mann aus dem Ritterjtande, Abraham von Theomanaria, der Sujanne, die Tochter des Herm bon Terremantia, aus dem Neiche der Samamer, zur Oattin gehabt und mit ihr Söhne gezeugt habe. Jene hätten fi) 810 Jahre nad) der Sint— fluth einander befriegt. Abraham jei unterlegen und Hätte, aller jeiner Habe beraubt, aus dem PVaterlande fliehen müſſen; nachdem er lange flüchtig umbhergeftreift, jei er endlich in Die Gegend gekommen, die heute Defterreich heißt, Damals aber den Namen Judaeisapta gehabt habe. So hatte nämlidy irgend ein Jude das Land benannt, obwohl er es weder betreten, noch überhaupt jemals gejehen hatte. Durch die Anmuth der Dertlichfeit angezogen, habe Abraham ein Haus an dem Orte errichtet, wo jpäter die Stadt Stocharaum! erbaut ift, umd jich den Titel eined Markgrafen von Judaeisapta beigelegt. Seine nächſten Anwohner wären 350 Millien von ihm entfernt ge—
1) Stoderau, norbweitli von Wien.
Kollar 16—17. Die Urgefhichte Oeſterreichs. 25
weſen. Nach einiger Zeit wäre er jedoch wieder übers Meer in jeine Heimat gefahren, hätte dort feine Gattin und feinen ältejten Sohn geholt und ſei nad) Athais zurücdgefehrt, worauf er dann dreißig Jahre im Lande Defterreich geherrſcht Habe. Und weil er Heide gewejen, hätte er Göbßenbilder angebetet. Nach jenem Tode fei ihm fein Sohn in der Regierung ge- jolgt und dieſem defien Schwiegerfohn Raban, ein böhmifcher Baron. Darnach ſei in einer mannigfach wechjelnden Reihe von nachfolgenden Generationen, die bald in Böhmen, bald in Ungarn Ehebündnifje geſchloſſen, 1100 und mehr Jahre bis auf den Herzog Peimau die Herrjchaft bei den Abkömmlingen jener geblieben, die alle nad) Heidenart Gößenbilder ver- ehrt hätten. Erſt Peimau habe den Heidencultus aufgegeben und mit den gejammten Eingeborenen den jüdiſchen Glauben angenommen. Das Land aber ſei mit verjchiedenen Namen belegt worden; bald habe man es Sauris, bald Yannae, dann wieder Pannae, gelegentlich auch Tantamo, je nachdem es den dürften gefallen, genannt. Das Herzogthum aber habe zuerft aus der Markgrafſchaft Vinther errichtet, der ald der Sechäte von Abraham ab, fo beliebt es der Erzlügengejhichte, das Sand Defterreich in Beſitz gehabt habe.
Bon welch’ graßen Irrthümern alle diefe Angaben jtroßen, fieht man fofort ein. Was find das für Gegenden, die dieſer zweibeinige Ejel als das Wunderland, als die Reiche der Aigemer und Samamer bezeichnet? Wo hat er das Theoma- narıa und Terramantia aufgeftfcht, ungewöhnliche und unbekannte Namen, die er ſich ſelbſt thörichter Weije gebildet hat? Welche Erdbefchreibung, wer ſonſt von Gejchichtichreibern thut diefer Gegenden Erwähnung? „Jenſeits de3 Meeres“, jagt er, ſeien fie gelegen. Aber das „Jenſeits des Meeres“ ift nad dem gewöhnlichen Sprachgebrauch alles Afien, alles Afrika; und doch ift ſowohl nad Afien wie nad) Afrika, wenn die Bar:
26 Kollar 17—18. Die Urgejhichte Oeſterreichs.
barenvölfer e3 gejtatten, ohne daß man dad Meer zu über- hiffen brauchte, der Zugang möglid. Alſo eine trefflihe Be— ſchreibung der Dertlichkeit. Jenſeits des Meeres, jagt er, ift das Wunderland; etwa in Aſien, oder in Libyen, diesſeits oder jenjeit3 des Ni? Welche Berge, welche Ströme jchliegen dies Land ein? Das zu jchreiben, hat er ſich gehütet, damit man ihn nicht faſſen kann. Aber gerade dann wird man erjt recht ertappt, wenn man ertappt zu werden fürchtet. Er giebt an, die Menjchen jeien Heiden gewejen, und doch bringt er jüdijche Namen vor. Wer hat außer bei jüdiſchen und chriftlichen Völkern Sathau, oder Abraham, oder Sujanna nennen hören? Was joll man dazu jagen, daß er verfihert, Sathau jei ein Graf, Abraham ein Markgraf gewejen? Sa, er Hat ihnen eigenthümliche Abzeichen, oder, wie wir heute jagen, Wappen gegeben, die doc das ältere Gejchlecht der Sterblichen weder in Gebrauch gehabt hat, noc überhaupt gekannt hat. Zudem jteht feit, daß die Würden der Grafichaft und Markgrafjchaft in jener grauen Vorzeit, in der, wie diefer gänzlich thörichte Autor jchreibt, Abraham gelebt Hat, noch gar nicht erfunden waren. Die Grafen nämlich) find zur Zeit der römischen Cäſaren eingejeßt, und zwar nachdem das Reich nad) Griechen: land verpflanzt war. Damals nämlich wurden Grafen des Orients und Afrikas eingeſetzt. Die Markgrafen aber haben erit durch die deutjchen Kaifer ihren Urjprung genommen, wie ſchon das Wort bekundet, das aus. dem gewöhnlichen Deutſch geſchöpft ift. Keine Gejchichte des Alterthums findet fich, in der der Name Markgraf vorkäme, und diefer Tropf will uns weiß machen, daß 840 Jahre nad) der Sintfluth der Name Markgraf in Defterreih aufgeflommen ſei, von dem er ver— fihert, e3 habe damals Judaeisapta geheißen. Und Diejer Name fol von einem jüdischen Manne gegeben fein, der die Gegend niemals gefehen hat. Danach weiß ich in der That
Kollar 18—19. Die Urgejhichte Oeſterreichs. 27
mot, wa man noch Thörichteres jagen fünnte. Dazu erwäge man, daß er überliefert, die Gegend jei im Umkreis von 350 000 Schritt umbebaut gewejen; weiter unten aber flicht er dann ein, die Enkelin Abrahams habe einen Mann aus Böhmen geheirathet, Raban, der ein mächtiger Baron geweſen fi. Recht bezeichnend: Böhmen, dad unmittelbar an Deiter- reih angrenzt, joll in jener Zeit bemohnt gewejen fein; nun aber giebt es in ganz Böhmen feinen Winfel, der von der Stadt Stoderau, dem Punkte, wo er erwähnt, daß Abraham ch zuerft angefiedelt habe, 70 deutfche Meilen entfernt iſt. Aber das find ja auch alles Lügen und altes Weibergewäſch. Es hat nämlich jenes Zeitalter, auf das er anfpielt, auch gar mit die Bezeichnung Baron. Ebenfowenig waren damals die Borte Böhmen und Ungarn in Gebrauch, deren die Rindvich öfter Erwähnung thut. Ferner Hat man nicht vernommen, daß vor Julius Cäſar und ebenjomwenig viele Jahre nad ihm Vöhmen oder Ungarn aufgeführt würden. Denn was man jegt Ungarn nennt, hieß einit Pannonien. Der thörichte Ge- Ihichtsichreiber hat ebenforwenig den Namen Ungarn und an- derer Gebiete jener Zeit, wie den von Defterreich vorgefunden. Das aber überjteigt noch allen Blödfinn und zeigt jo recht des Schreiber ganz offenfundige Thorheit, daß er die Errichtung des Herzogthums in eine Zeit verlegt, wo überhaupt Niemand ein Herzogthum in der Weije, wie wir es jebt verftehen und er es jelbjt meint, auch nicht eine Herrichaft und ein Fürſten— thum kannte. Bergliedern wir aber die Gejchichte weiter: Vierunddreißig Fürftengenerationen, fagt er, feien es in Deiterreich von Abraham bis auf den Herzog Peimau inner: halb ungefähr 1200 oder etwas mehr Jahren geweſen. Sie alle baben mit Ausnahme von Wenigen, die im dritten oder zweiten Jahre ihrer Regierung ermordet wurden, über 30 Jahre ge- bericht, ein großer Theil hat e8 bis zu 50 Jahren hinauf ges
28 Kollar 19—20. Die Urgefhichte Oeſterreichs.
bradt. Welchen Grad von Wahrjcheinlichkeit eine ſolche Rech— nung für fih Hat, das zu erwägen überlafien wir dem Urtheile des jcharffinnigen Leſers. Er behauptet ferner, Die Herzoge jener Zeit hätten entweder aus Böhmen oder aus Ungarn ihre Frauen heimgeführt, feine aus einem anderen Bolfe, mit Ausnahme einer einzigen aus Kärnthen, während e8 doc ausgemacht ijt, daß der Name diejer Provinz über- haupt noch nicht eriftirt hat. Gleichſam als ob es Geſetz ge- wejen wäre, daß die öſterreichiſchen Fürſten nit aud aus Baiern, Franken, Mähren, Schleſien, Bolen, Steiermarf oder Sachſen eine Frau hätten heimführen dürfen. Denn menn auch diefe Namen, Sachſen ausgenommen, neu find, jo war e3 ihm doch erlaubt, das, was er in Bezug auf Böhmen und Ungarn gelogen hatte, auch rückjichtlich jener zu erdichten. Jedoch er. möchte gern diefe Gegenden zu den damal3 unbewohnten zählen. Aber hätte er dann denn nicht erjt den Nachweis bringen müfjen, daß Böhmen angebaut, wenn er Baiern als noch nicht angebaut Hinftellen wollte, da doch deſſen Städte für weit älter gehalten werden, als die Böhmens.
Er jchreibt dann auch, Peimau habe vor feinem Tode mit jeinen Rindern, feiner Gattin und feinem gejammten Fürften- thume dem Göhendienjt und Heidencult entjagt und ſich zum Judenthum befehrt, und nad ihm fei durch zweiundzwanzig Fürftengenerationen bis auf Monthan, ungefähr 800 Jahre lang, die Bejchneidung im Lande eingehalten worden. Wie viel daran wahres ijt, daS vermögen die zu beurtheilen, die die Geſchichte der Vorzeit ftudirt haben. Wir wenigſtens haben nicht gelejen, daß Juden in Gegenden außerhalb des Landes der Verheißung Fürftenthümer bejefjen hätten; auch haben wir nicht gehört, daß in Europa Provinzen in ihrer Gejammtheit den jüdiichen Glauben angenommen; auch kann ich mir gar nicht vorjtellen, woher diefer Aufjchneider den Grundftoff für
Koller 20—21. Die Urgejhichte Oeſterreichs. 29
fein Lügengewebe genommen haben fünnte. Freilich iſt es ja Thorenart abzuwägen, nicht was fie jagen, jondern wie viel fie jagen. Es jcheint ihm aber dann doc auch jelbjt befremd- {ih vorgefommen zu jein, daß das jüdiſche Fürſtenthum im Europa lange von Beitand gewefen ſei. Daher fügt er gleich an, es jeien heidniſche Völker nach Ungarn und Dejterreich, von dem er erwähnt, daß es damald Corrodantia geheißen habe, gelommen, die den Hebräercult Dbejeitigt, und Monthan, des Volles Herzog, zum Verlaſſen der jüdischen Lehre gezwungen hätten, indem fie das Greuel des früheren Gößendienftes wieder eingeführt hätten. Der Urenfel Monthand aber, mit Namen Rathan, jei, jo verfichert er, ohne Kinder geftorben. Da hätten dann die Römer einen Herzog aus Ungarn, mit Namen Roland, über die Defterreicher gejeßt, der 51 Jahre geherricht habe. Tiefer habe eine Frau aus Böhmen gehabt, von der ihm ein Sohn Namen? Sathau geboren, der ebenfalls, jo behauptet er, ohne Kinder gejtorben jei. Und da erſt hätte das öſter— reichiſche Volk die ſeligmachende Religion Jeſu Ehrifti an- genommen. Er berichtet nämlich, die Römer hätten in Corro— dantia, jo joll damals Defterreich genannt worden fein, einen edlen Grafen mit Namen Anniad aus der Verwandtichaft des beiligen Alexius eingefeßt, der durch die Wunder feines Ver— wandten ind geheim zum chriftlichen Glauben übergetreten jei. Viefer num, nachdem er in die Provinz gefommen und feine Gattin Helene, eine Ehriftin und gottfelige Frau, mitgebracht hätte, Habe das Land ftatt Corrodantia Avara genannt und den größeren Theil des Volkes zum heilbringenden Glauben und der Anbetung Chrifti befehrt. Hierüber erbittert, hätten ihm die Römer den Tod gegeben. Er foll dann mit feiner Öattin in Rom in Sanct Peter begraben fein, nachdem er 53 Jahre in Defterreich geherrſcht. Drei Söhne foll er Hinter- lafien Haben, Sohannes, Albert und Theodorih, die ihrem
30 Kollar 21—22. Die Urgeihichte Dejterreichs.
Bater in der Regierung folgend, dad Landesherzogthum in drei Theile getheilt, aber num das Land aus Avara in Dfterland umgenannt hätten. Bei diefer Erzählung kann man fi) der Erwägung nicht entjchlagen, ob die Römer überhaupt die Ge— wohnheit gehabt haben, ihren Mitbürgern Provinzen rechtlich zu Dauerndem Beſitz zu übertragen, ob es wahrſcheinlich ift, daß ein ſchon bejahrter Mann 53 Jahre die Herrichaft inne— gehabt, und daß, nachdem man den Vater wegen Verlaſſens feiner Religion verurtheilt, den Söhnen die Nachfolge geitattet worden ſei? Dod fahren wir weiter in der Geſchichte fort.
Johannes, wie jener glaubt, iſt es, der, nachdem er eine Frau aus Rom heimgeführt hatte, die Sanct Stephanskirche in Wien erbaut hat!. Möge diefe ehrwürdige und prächtige Kirche, die heute zum größten Theil verfallen ift, in maje- jtätifcherer und hHerrlicherer Geſtalt wiedererjtehen!
Al nun aber Johannes und Theodorich ohne Kinder ge- itorben waren, bemächtigte jich Albert der Herrichaft von ganz Deiterreih. Dieſem folgte jein Sohn Eberhard, der eine Frau aus Baiern heirathete, mit Namen Oſanna; und damals zuerjt begannen ehelihe Verbindungen zwijchen Defterreichern und Baiern einzutreten. Aber dabei war fein Segen, denn Die Söhne aus diefer Ehe, Albert und Jacob, jtarben eines früh- zeitigen Todes. In herbem Gram hierüber wollten die Gatten
1) Hier hat Kollar aus Manufer. Nr. 3366 der Hofbibliothek zu Wien die nad folgende, wahrſcheinlich der legten Redaction (f. die Einleitung) angehörige Notiz über das Alter des Stephansdomes eingeichaltet. Vergl. Bayer S. 30. Der Zuſatz lautet: „Auch das fcheint mir faum wahrjheinlid. Denn wenn wir eine Beitberehnung anitellen, belommen wir von Abraham bis auf Annias, der ber Vater des Johannes war, ungefähr 2200 Jahre heraus; und danach, da von Abraham, der, wie wir oben berichtet haben, 942 Jahre nad ber Sintflut geboren ift, dem Zeugniß des Eufebius zu Folge bis auf Chriftus 2044 Jahre verftrichen find, fo wird fich ergeben, dab die Wiener Sanct Stephanskirche ungefähr 100 Jahre nah Ehrifti Geburt erbaut jein müßte, und jomit es früher zu Wien ald zu Rom erlaubt gewejen wäre, zu Ehren der Heiligen Chriſti Bafiliten zu errichten, während doch Rom erft unter Conſtantin bie Freiheit dazu erhielt.‘
Kollar 22—23. Die Urgeſchichte Dejterreiche. 31
fh nicht mehr des herzoglichen Titel3 bedienen und wandelten dad Landesherzogthum in eine Marfgrafihaft um. Ein gänz- lich merhörter Vorgang, in Folge von Mangel an Söhnen den Titel eine Landes zu ändern! Uber es kommen Ge- ſchichten, die noch lächerlicher fein dürften,
Es jchreibt nämlich der gänzlich bornirte Autor, daß, nad)- dem der Schwiegervater Eberhard: ohne männliche Nachkommen geitorben, das Herzogthum Baiern Fraft des Anrechtes jeiner Gemahlin auf jenen übergegangen jei, der fi) nun Markgraf von Defterreich und Herzog von Baiern genannt habe, danad) aber nit mehr von Dfterland, fondern von Dejterreich geredet wien wollte. Welcher Zuſammenhang zwiſchen all diejen Dingen bejteht, welchen Grad von Wahrjcheinlichkeit fie für fih haben, da zu erwägen überlafjen wir dem Urtheil des veritändigen Lejerd, da wir und geradezu jchämen, jo offen- bare Thorheiten zurücdzumeijen.
Hierauf, als in Folge des Todes Eberhards die Marf- grafihaft an das Reich gefallen, iſt Herzog Heinrich von Böhmen in fie aufgerücdt, natürlich weil er bis dahin zum Reid in gar feinem Abhängigkeitsverhältniß gejtanden. Aber auch er Hatte feine Kinder, welche die Markgrafichaft hätten übernehmen fönnen. Daher denn der damalige Kaiſer — Namen ſetzt der vorfichtige Gejchichtichreiber nicht bei — einem gewiſſen Dtto, Herzog in Ungarn, die Markgrafichaft über- lieh. Bon ihm jtammte Conrad, der fpäter zum römijchen König erhoben wurde. Diejer errichtete aus der Markgraf: haft wieder ein Herzogthum, das feine Nachkommenſchaft länger als zweihundert Jahre inne gehabt hat, bis auf die edle Frau Eliſabeth. Sie regierte nach ihrem Bruder Peter nod drei Monate, ließ aber dann, da fie ohne Gatten und Kinder ftarb, das FürftenthHum aufs neue dem Neiche auf. Dieſer Heimfall gejchah unter Kaifer Heinrih II, den die
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32 Kollar 23—24. Die Markgrafen zur Zeit Heinrihs II.
Bamberger als ihren Heiligen betrachten und nächſt Gott am fleißigjten verehren. Er war ein enthaltjamerr Mann und Pfleger der Gerechtigkeit; er hat den herrlichen und überaus reihen Dom in Bamberg erbaut. Diejer jchenkte das Herzog- tum Oeſterreich unter dem Titel einer Marfgrafichaft einem Albert!. Ueber deſſen Abjtammung oder Nationalität wird nicht3 berichtet. Er nun hatte einen Sohn mit Namen Ernit. Diefer ein beherzter Mann, war jtet3 auf militärifche Unter: nehmungen bedacht und brannte von allzu heftigen Kriegs: feuer; er fand bei den Sachſen jeinen Tod, hinterließ jedoch zwei Söhne Leopold und Albredt. Dieje? theilten die Marf- grafihaft unter fi und foll der eine in Pernegf, der andere in Gars feinen Wohnſitz genommen haben, im Jahre nad Ehrifti des Erlöjerd Geburt 1052. Von ihnen berichtet unfer Hiftorifer folgende Fabelei:
Leopold, jo erzählt er nämlich, ein Mann von gewaltiger Statur und großer Körperfchönheit, fei tapferen und freigebigen Sinned gewejen. — Einitmal® habe er beim Mahle einen Eitherfänger mit Vergnügen angehört und Ddiejen dafiir mit reihen Geſchenken belohnt. Diejer bejuchte darauf, wie das Sitte derartiger Künſtlerſchaft ift, verjchiedene Höfe mit jeinem Eitherjpiel und kam endli auch) nad) Rom; und in den Bas laſt des Kaiſers gelangt, juchte er während der Tafel bald durch Eitherjpiel den Fürjten einzunehmen und jang viel von der Trefflichkeit Leopolds. Der Kaijer, der aufmerkſam zuge hört Hatte, befam große Luft Leopold zu jehen. Er ließ da— her eine Verfammlung in wichtigen Angelegenheiten zu Rom anfagen und befahl, daß die Fürften des Neiches ſämmtlich zu ihm fümen. Als fie nun alle dem Befehl Folge geleijtet, ward Leopold im Palaſt jelbjt aufgenommen und vor allen ausge—
1) Von hier an tit bed Aeneas Quclle bei Ber, a.a.D. I, 1056 abgedrudt. 2) Bez, 1057.
Kollar 24—25. Markgraf Leopold von Dejterreic. 33
zeichnet; denn der Kaifer fand an ihm nicht nur feine maje- jtätifche Geſtalt, jondern aud) feine ungewöhnliche geiftige Klug— heit bewundernswerth. Nun hatte der Kaiſer eine underhei- rathete Tochter von außerordentliher Schönheit. Weil er fie überaus zärtlich liebte, hatte er ihr fejt verjprochen, daß er ihr nur den zum Manne geben wirde, den fie ſelbſt wolle. Da er Leopold dur Sittenreinheit und Körperſchönheit aus— gezeichnet jah, glaubte er, wofür auch der Augenſchein ſprach, da ein folder Mann feiner Tochter gefallen würde, und ließ jie daher zu fi) fommen. Nachdem er fi) des Längeren mit ihr nach Väter Art in jcherzhaften Anfpielungen ergangen und ihr Leopold gejchildert hatte, ihr zugleich auch von der Tüchtig- feit eines jo trefflihen Gaftes viel Rühmens gemacht Hatte, fragte er jchließlih, ob fie einen folhen Mann heirathen wolle, wenn er ihr verlobt würde? Als ihm darauf die Jungfrau mehr durch Geberden zu erfennen gegeben, al3 geantwortet hatte, fie werde thun, was der Bater befehle — denn zu jagen, was ihr Herz begehrte, verhinderte fie die jungfräuliche Schamhaftigkeit — ward Leopold ohne Verzug des Kaijerd Schwiegerjohn und es fand zu Rom mit gewaltigen Bompe die Hochzeit ftatt. Darauf Fehrte Leopold, hochangeſehen durch die bornehme eheliche Verbindung und reich mit Gold bejchenft, mit jeiner jungen Gattin nad) Haufe zurüd.
Als das Albert vernommen hatte, ließ er ihm jagen, er werde an einem bejtimmten Tage zu ihm kommen, um jeine Gemahlin zu befuchen. Leopold, um feinen Bruder deſto ehren- voller zu empfangen, zieht mit feinem gejammten Gefolge auf die Jagd, nur wenige Diener zum Schutze feiner Gattin zu Haufe zurüdlaffend. Inzwiſchen kommt Albert nad) Gars, ohne Leopold getroffen zu haben und jobald er deſſen durch Schönheit ausgezeichnete Gemahlin erblidt hat, wird er von Begierde zu ihr ergriffen und jchmiedet mit den Geinigen
Geſchichtſchr. d. beutih. Borz. XV. Jahrh. 2. Bd. 1. THl. 3
34 Kollar 25—26. Markgraf Leopold von Dejterreich.
einen Plan, wie er fi der Frau bemächtigen könne. Denn wenn er das nicht zu Wege bringe, könne er nicht mehr leben. So mädtig Hatte die blinde Leidenſchaft den Menfchen be— reit3 erfaßt. Einer feiner bejahrteren Räthe hielt ihm vor: „Wie kannſt Du jo reden, Markgraf! Haft Du den Verſtand verloren, daß Du auf ein fo fchändliches Verbrechen finnft; erwägt Du nicht, daß Du, um einem augenblidlichen Gelüfte zu fröhnen, ewige Schmad) und Schande auf Dich ladeſt?“ Aber die jungen Männer in jeiner Begleitung lobten den Vorſatz. Da fei nichts Gefährliche daran, jagten fie und fie riethen ihm erſt recht, feinen Gelüjten zu folgen. So von Leidenjchaft überwältigt und durch feine Rathgeber verführt, that er der Frau Gewalt an; dann die von Gram Zerriſſene bald verlafjend, begab er fich mit den Seinigen wieder nad) Haufe. Nachdem Leopold mit einem erlegten Hirſche von der Jagd zurüdgefehrt und von denen, welche zu Haus geblieben waren, erfuhr, daß fein Bruder dagewejen?, aber nad) kurzem Aufenthalt wieder abgezogen fei, ging er zu feiner Frau und fand ſie tieftraurig auf ihrem Lager ruhend. Als Leopold die Unthat erfuhr, entbrannte er von unverjöhnlihem Haß gegen feinen Bruder, und um Schmach mit Schmach zu ver: gelten, überfiel er bald darauf Albert Frau, die aus Polen fommend durch Mähren zog, mit einer Schaar handfeſter Ritter, mebelte ihr Gefolge nieder, nahm fie jelbft gefangen, gebrauchte fie eine Zeitlang und ſchickte fie jchließlih dann ihrem Manne zurüd. Daraus entjtand ein erbitterter Krieg?. Weggetrieben wurde alles Vieh, das in Dejterreihh war; die Aeder wurden vermwüftet, die Dörfer angeziindet und jelbit die Städte mit großen Verluften an Menfchenleben geplündert. Da haben die Defterreicher die Wahrheit jenes Ausfpruches des Propheten? empfunden:
y per 1088, — ») Per, 1059. — 3) Pfalm 10, 2.
Kollar 26. Markgraf Leopold II. 35
„Benn der Gottloje Uebermuth treibt, wird der Arme gebrandichagt“, und zugleich jenes von den Griechen jtammenden Sprudes!: „Bas auch Fürften im Wahnwit begehen, es büßen's die Völker“.
Denn nicht eher legte man die Waffen nieder, als bis die beiderfeitigen Kräfte völlig erjchöpft waren, da erſt unterwarfen fih beide Parteien dem Spruc des faiferlichen Gerichts.
Dieje eben erwähnte Gemahlin Leopold aber dürfte die jein, die Jutha hieß, und nad) dem Zeugniß Ottos? mit Erz- biſchof Thiemo don Salzburg, welcher nachher zum Märtyrer Ehrifti ward, ferner mit dem Welf dem Herzog der Noriker und vielen anderen Baronen zum Schuß der hriftlichen Religion nad) Serufalem ziehen wollte, aber, während fie durch griechiſches Gebiet wanderte, durch die Hinterlift ded Alerius von Konftan= 1101 tinopel gefangen wurde und mit ihrem ganzen Gefolge umfanı. Leopold3 Sohn nun war Leopold III?, ausgezeichnet durch Frömmigkeit und Freigebigfeit. Er hat zwei berühmte Klöſter in Dejterreich gegründet, das eine der Canonifer des heiligen Auguftinus, am Ufer der Donau an einem Ort, der Kloſter— neuburg * heißt, beim achten Meilenftein von der Stadt Wien, das andere vom Drden de heiligen Bernhard zu Ehren des Erlöfung jpendenden Kreuze Chrifti, in einem abgelegenen waldigen Thal, von Wien zwölf Millien entfernt®. In beiden Klöftern leben viele Mönde, die Tag und Nacht den Preis
1) Soras, Epist. 1, 2, 14.
7, Dito von Freifing, der von nun an faſt ausichliehlich des Aeneas Duelle tft, und zwar fowohl die „Chronik“ wie die „Thaten Friedrichs I’. Vergl. die betr. Bände der Gejhichtichreiber des XII. Jahrh. Wir jegen im Folgenden die entiprechen- ben Stellen an den Rand und bedienen uns der Abkürzungen „Chron.“ und „Geſt.“
3) Regierte von 1096— 1136. Diefe Notiz und das Folgende ftammt zum Theil noch aus Gregor Hagen. Bez, 1059.
*) Siehe den Stiftungsbrief vom 29. September 1136 bei Meiller, Regeſten der Babenberger; urkundlich fommt das Klofter bereit8 1108 vor; ſ. daſ.
5) Das Ciſtercienſerkloſter Heiligenkreuz am Sattelbach, geftiftet 1136; j. Meiller a. a. O.
3*
36 Kollar 26—27. Die Kinder Leopolds III.
des alleinwahren Gotte8 fingen. Es unterjtehen aber die Auguftiner-Canonifer einem Propſt, die Bernharditen einem Abte, denen jener bedeutende jährlihe Einkünfte ausgeſetzt hat. Denn jede von beiden Klöftern unterhält in der Regel über 50 Mönde. Die meiften Fürjten Defterreih find hier be- graben. Uebrigens hatte diefer Leopold zur Gemahlin Agnes, die Tochter des römischen Kaiſers Heinrich IV, die Schweiter Heinrich V, eine Frau, die zahlreiche Nachkommenſchaft Hinter: fafjen. Als fie zuerjt mit Herzog Friedrih von Schwaben verheirathet war, gebar fie diejem Friedrich und Konrad; dann nach dem Tode ihres erſten Gatten mit Leopold verheirathet, ichenfte fie achtzehn Kindern das Leben, von denen vier männ- (iche und drei weibliche das Alter der Reife erreichten?!, Leo— pold IV, Heinrich), Conrad, Dtto, Gertrud, Bertha und Jutha. Deren Schidjale wollen wir ganz kurz erzählen und zwar . werden wir und Heinrich, den Aelteren, bis zulebt auffparen. — Leopold (IV) Fam auf folgende Weiſe zum Herzogthum Baiern. Als nämlich fein Stiefbruder Conrad die Regierung übernommen hatte, wurde Heinrich, Herzog von Baiern und Sachſen, der des Kaiſers Lothar Schwiegerjohn geweſen war, weil er verjuchte, das Anjehen des Reiches zu vernichten, für einen Feind des Staates erklärt, im Kampfe überwunden und 1139 aus Baiern vertrieben; das Herzogthum jelbit wurde darauf Leopold übertragen. Dieſer Vorgang war die Urſache von chron. mancherlei Kämpfen. Denn als Leopold, nachdem er den Troß VIE2. der Megensburger gebeugt und fait ganz Baiern in feine Ge- walt gebracht Hatte, gegen zwei Brüder, welche allein von den Genoſſen Heinrichs geflüchtet und dieſem treu geblieben waren, bei der Burg Ballei ein Lager hielt, wurde er unverſehens — von Heinrichs Bruder Welf angegriffen und vermochte kaum ſelbſt nad) dem Verluſt des größten Theiles feines Gefolges 1) Es find deren aber 11: 6 Söhne und 5 Töchter.
Kollar 27—28. Das Leben Otto von Freijing. . 37
fh durch die Flucht zu retten. Und auch aus Regensburg, ua wo ein Aufitand ausbrad und an mehreren Punkten der Stadt Heuer angelegt wurde, jah er ſich genöthigt, mit Schimpf und Schande zu entweichen. Von Zorn entbrannt hierüber, ſammelte er ein gewaltige Heer und zog gegen die Regensburger. Nach— dem er das Land rings um die Stadt verwüſtet Hatte, unter: warfen ſich ihm die Bürger, denen er eine bedeutende Eontri- bution auferlegte. Dann die Donau überjchreitend, und ſich gegen Welf wendend, rüdte er bis zum Lechfluß vor. Alle Flecken und Dörfer im Umkreiſe ließ er plündern und anzünden und die Befejtigungen der Feinde auf weite Streden hin zer- Hören; fiegreih und mit Beute beladen kehrte er nad) Haufe zurüd, aber wenige Tage danad) jtarb er im Gebiet von Paſſau!. Sein Leichnam wurde nad) Defterreich gebracht und fein Grab- mal im Kloſter Heiligenkreuz, das, wie erwähnt, von feinem Bater gejtiftet worden war, errichtet.
Conrad aber, der den Bilchofsftuhl der Paſſauer Kirche beitieg, alterte, bei Clerus und Vol beliebt, in dem ihm an- vertrauten Wirkungsfreis ?.
Dtto jedoch, deſſen von uns jchon oft im Voraufgehenden Erwähnung gejchehen ift? umd weiter unten noch gejchehen wird, fand bereit als Knabe an mönchiſchen Studien Ge— fallen®. Sobald er die lateinifche Sprache erlernt, ward er Eifterzienfer Mönch, legte im Kloſter Morimund das Ge— fübde ab® und lebte nad) der Ordensregel. Bald darauf wurde er nad) Paris gejhidt und ftudierte auf dieſer trefflichen über den ganzen Erdfreis berühmten Univerfität die freien Künfte und vornehmlich die Philofophie, die Lehrmeilterin des ganzen
1) Bu Nieder · Altaich 1141, Detober 18.
2) 1164 warb er jedoch auf den erzbiihöflihen Stuhl von Salzburg erhoben,
3), Eiche S. 35. — #) Er war jhon früßzeitig zum Propft des von feinem
Bater gegründeten Chorherrenſtiftes Klofterneuburg beitimmt. 5) Otto trat erft nad) feiner Studienzeit in Paris in das Klofter Morimund ein.
1147
38 Kollar 283—29. Otto von Freifing.
Lebens; fchließlich widmete er fi) ganz und gar der Ergrün— dung der Geheimnifje der höchſten Gottesgelahrtheit!. Und da er hierin jogar jelbjt feine gelehrtejten Zeitgenofjen zu über: treffen jchien, verdiente er e8, daß er unter den Mönchen, deren Schüler er vorher gewejen war, die Stelle eines Lehr- meifterd einnahm. Er wurde im Kloſter Morimund zum Abt erwählt und Hinterlieg hier manche Spuren feines überaus jegengreichen Wirkens. Schließlich ward er an die Kirche von Sreiling berufen und bewährte ſich als vortreffliher Biſchof. Die entfremdeten Güter zog er ein, jtellte die verfallenen Gebäu— lichkeiten wieder her und richtete den Gottesdienjt, der gänzlich vernachläfjigt worden, wieder in der früheren Weile ein. So jegensreich wurde feine Thätigfeit für jene Kirche, daß er mehr als der Gründer, denn al der Wiederherjteller derjelben gelten fünnte.
Bon den beiden Kaifern, die zu feiner Zeit regierten, war aber Dtto des einen Bruder, des anderen Oheim. Mit feinem Bruder Conrad zog er nach Griechenland und Syrien, nahm an allen Kämpfen Theil, welche mit den Türfen und Sara zenen geführt wurden, modten fie glüdli oder unglücklich ausfallen und fürderte die Sache der Chriftenheit mit Rath That. Er ſah Jeruſalem und das heilige Grab des Leich— nams des Herrn und wurde jelbjt gewürdigt, ji im Jordan baden zu dürfen. Und troß folder Sorgen und Mühen ver: gaß er feine wiſſenſchaftlichen Studien nicht; in der Zeit der Muße ſuchte er Beihäftigung und in der Beichäftigung fand er Muße. Er hat nämlich eine ſehr brauchbare Geſchichte von der Entjtehung der Welt bis auf feine Zeiten herab gejchrieben und in acht Bücher eingetheilt . Sieben davon jchildern Die
1) Vergl. hierzu und zu der folgenden Eharafterijtif Otto's Überhaupt Rahewini Geſta IV, 14 nebit der Praefatio von Watt zu ber Ausgabe der Geſta SS, rer. Germ. in usum scholarum Hannoverae 1884; ferner Geſchichtſchrelber XII. Jahrh., Rahewins
Thaten Friedrichs. 2) S. Geſchichtſchreiber des XII, Jahrhunderts, Dttos Chronil.
Kollar 29—30. Otto von Freifing. 39
Thaten der Sterblichen und liefern und eine treffliche Kennt» niß der deutjchen Geſchichte; das achte jtellt den Gottesitaat Ehrifti in herrlicher und funftgemäßer Weile dar. Auch einige auf die Dialectif und die Philoſophie bezügliche Schriften hat er veröffentlicht und als der erjte die der arijtoteliichen Doe— trin entlehnte Methode jcharffinniger Erörterungen den Baiern und Defterreihern vermittelt. Im Sirchenftreit hat er die Unterhandfungen geführt. Mündel, Wittwen und überhaupt alle Bedrängten jeder Art hat er an dem faiferlichen Gericht unermüdlich vertheidigt. Schließlich hat er die Thaten Kaijer Friedrichs zu jchreiben begonnen, aber nicht vermocht, das Werf zu Ende zu führen. Sein Schüler Radewich, Propſt der reis finger Kirche, unternahm es dann, die lebte Hand an das Verf! zu legen, aber adud) er jegnete vor Friedrich das Zeit: lihe. Das aber verdient vor allem an Dtto lobend hervor: gehoben zu werden: Er, der die Geſchichte feined Bruders und Neffen, die beide Feinde der römischen Päpſte waren, ge— ſchrieben hat, verjtand doc das oberjte Geſetz der Gejchicht- ſchreibung derart zu wahren, daß weder die Verwandtichaft der Wahrheit, noch die Wahrheit der Verwandtſchaft Eintrag zu thun vermochte. Als er während des zweiten Zuges Kaiſer Öriedrih8 nad) Italien von diefem zur Berathung berufen wurde, entjchuldigte er fi) mit feinem hohen Alter. Wäre er doh jeinem Neffen gefolgt, er hätte zweifellos dem Streit, der nachher zwifchen jenem und dem Papſte ausbrach, ent= gegentreten fünnen!
Dtto begab fi) dann aber zu einer Berfammlung des Ciiterzienfer Ordens, die in Morimund abgehalten wurde. Als ihn hier eine heftige Krankheit befallen hatte, berief er die Mönde an fein Bett, und fprad vor ihnen des Längeren in
') S. Geſchichtſchreiber XII. Jahrh., Rahewin.
1158 Sept. 21.
— =
Chron.
VII, 26.
40 Kollar 30—31. Markgraf Heinrich Jaſomirgott.
eindringlicher und höchſt verſtändiger Rede über das Gut der Religion, die Unfterblichfeit der Seele, die Strafe der Ver— dammten und den Ruhm einer jeden geretteten Seele. Schließ— (ich legte er den Vätern die PVerbefferung der von ihm ges jchriebenen Werke ans Herz. Hierauf empfing er das Sacrament de3 heiligen Abendmahles® und mit dem heiligen Dele gejalbt befahl er feine Seele ihrem Schöpfer. Für feinen Leichnam wurde neben dem Hochaltar ein Grabmal errichtet, dad von den Brüdern jenes Ordens hoch in Ehren gehalten wird.
Bon den Schweitern Ottos, den Töchtern Leopolds III, heirathete ‚die Gertrud den Herzog von Böhmen !; Bertha ver- mählte ſich mit einem polnischen Fürften?. Jutha wurde dem Markgrafen von Montferrat? ehelic verbunden. Der Scid- ſalslauf Heinrich® aber, der dem Bater in Oeſterreich gefolgt war, war folgender:
AL in Sachſen Heinrih von Baiern, ehedem der Schwie- gerſohn Lothars ſtarb und einen jungen Sohn ſeines Na— mens zurück ließ, legte er die Fürſorge für denſelben den Sachſen angelegentlichſt ans Herz. Dieſe erbarmten ſich des Knaben, des Sprößlings der Tochter des Kaiſers und ihres angeſtammten Herrſchers und ergriffen gegen Kaiſer (!) Conrad, der Heinrich Baiern entzogen und es den Oeſterreichern ge— geben Hatte, die Waffen. Mancherlei Kämpfe mit wechſeln— dem Ausgang wurden mit demjelben geführt. Schließlich Fam man im Frieden dahin überein: Gertrud, die Tochter Lothars und Mutter des jungen Heinrichg, räth ihrem Sohne, daß er lieber dem Herzogthum Baiern entjagen, al3 des Kaijerd Un— gnade erproben möchte. Hierauf heirathet fie jelbit den Mark—
1) Wladiflaw II,
2) Vielmehr mit Burggraf Heinrih von Regensburg. Vergl. Rahewini Geita IV, 14. (S. Geſchichtſchreiber 107 Note 4.) Die Gemahlin des Herzogs Wlabiflam (II) von Polen ebenfalls eine Tochter Leopolds MW, hieß Agnes.
3) Wilhelm IV, mit dem Beinamen „ber Alte‘.
Kollar 31. Defien Kämpfe mit Herzog Welf. 41
grafen Heinrich von Dejterreih!. Diejer Umjtand ficherte ihrem Gemahl das Herzogthum Baiern aufd neue zu.
Indeſſen Welf, der fi) nah dem Tode jeined Bruders Heinrich al3 den rechtmäßigen Erben in Baiern anjah, be ruhigte ſich dabei nicht, drang mit Waffengewalt in das Land ein umd richtete mit Feuer und Schwert arge Berheerungen unter der Bevölferung und den Wohnjtätten an. Heinrich aber, Durch dieſe Schmach gereizt, eilte auf die Kunde davon, dag in Freifing fich eine Anzahl dem Welf anhängender Bürger befände, jchleunigft mit einem Heere herbei, verwüſtete die 1143 Befigungen feiner Altvordern und der heiligen Kirche und zeritörte jogar die Befejtigungswerfe der Stadt Freifing jelbit. Unmittelbar danad) griff er die Stadt ded Grafen Conrad ?, der zu den Welfen hielt, an, nahm fie, durch Faiferlihe Hülfs- völfer umterftüßt, ein und zündete fie an. Nachdem dann Geſt. 1,45, jpäter Heinrich’, der Enkel Lothar von der Tochter Her und unſeres Heinrichs ‚Stiefjohn, herangewachſen war, trat er doch noch allzu jung und verführt durch die Schmeicheleien der Mutter, ohne jelbjt bei feiner Jugend zu wifjen, was er that, als Conrad in Frankfurt mit den verfammelten Fürjten wegen des Krieges gegen die Türken und Sarazenen verhandelte, auf und erklärte, daß weder jeinem Vater das Herzogthum Baiern rechtmäßig abgeſprochen jei, noch auch fein Verzicht darauf gelten könne. Er forderte daher das väterlihe Erbe mit trogigem Muthe zurüd. Conrad jedoch jhühte den Zug nad) Afien vor, ermahnte den Jüngling, daß er nicht einem jo nothwendigen Unternehmen Hindernd in den Weg träte; er möge nicht unwillig darüber fein, daß er ſich noch ein Weil- hen getröften müfje, habe er doc) jchon länger gewartet. Nach
1) Die Heirath (1142 Mai) fällt vor die Verzichtleiftung (1143 Anfang). Aeneas
folgt feiner Quelle nicht genau. — 2) von Dadau. 5), Es ift Heinrich der Löwe. Der Tag zu Frankfurt fand 1147 im März ftatt.
1152 Februar 15
@eft.II,48 ff.
42 Kollar 31—32. Die Schlihtung des Streite® um Baiern.
der Rückkehr jtehe der Unterfuchung der Sache nicht mehr im Wege. Zugleich machte er die beiten Hoffnungen auf eine güt— liche Auseinanderjegung. Conrad ftarb jedoch jehr bald nad jeiner Rückkehr aus Aſien und vermochte nicht den Streit endgültig zu jchlichten. Sein Nachfolger Friedrich, der erjte Kaifer dieſes Namens, legte denjelben indes bei. Als er mit der Krone geſchmückt! aus Stalien heimgefehrt war, berief er jchließlich, nachdem bereit3 an verjchiedenen Orten mehrmals erfolgloje Zuſammenkünfte in diefer Angelegenheit jtattgefunden hatten, einen Fürjtentag nad) Regensburg, der eriten Stadt DBaiernd. Es war eine zahlreihe Verſammlung. Zugegen waren beide Heinriche, um ſich den Beſitz des Fürſtenthums Baiern ftreitig zu machen. Die Sade wurde dem Herzog Bolejlam von Böhmen zur Unterfuchung übertragen. Die in der Rechtswiſſenſchaft erfahrenjten Advocaten treten auf; die Anmwätle ziehen ihrer Gewohnheit gemäß den Streit in die Länge. Die einen behaupten, daß dem Prinzen ein Recht auf Baiern zuftehe, die anderen beftreiten das; und natürlich fehlt e3 dem einen jo wenig wie dem anderen an Argumenten, Rechtsſätzen und gelehrten Gutachten. Denn das ijt das Wejen der Geſetze, daß fie, an und für ſich ſtumm, nad) des Aus— legers Gutdünfen fprechen; und gar erſt dann erhalten fie die verjchiedenartigjte Deutung, wenn der Streit um eine reiche Herrfchaft geht. Selten nod haben die Gerichte den Zwiſtig— feiten der Machthaber ein Ziel gejeßt. Entweder der Freunde Vermittlung oder das Schwert jchlidhtet die Streitigkeiten der Fürſten. Daher berief Friedrich, jobald er merkte, daß die
1) 1155 Dctober, 1156 Juni und befonder8 September. Der Ausfall gegen die Advolaten und die Gejehesauslegung Überhaupt iſt völlig Aeneas Eigenthum. Die verjhiedenen Verhandlungen zu Regensburg zieht unjer Autor zujammen. Be: nugt ift auch von ihm daß fogenannte Privilegium Majus für Herzog Heinrid d. d. 1156 September 17. Vergl. W. Wattenbach, Die öſterreichiſchen Freiheitsbriefe im Arhiv für öfterr, Geſch. VIIL, ©. 77 ff. Der Wortlaut des Privilegs ©. 118—114.
Kollar 32—33. Die Öfterreichiihen Privilegien. 43
Verhandlungen durch der Advocaten Kniffe nur länger hinaus- gezogen würden, Die jtreitenden Parteien perjönlich zu ſich, und endete den Proce nah Recht und Billigfeit in folgender Weiſe:
Baiern erſtreckte ſich damals vom Lechfluß bis zur Enns. Die Enns aber iſt ein Fluß, der von den ſteieriſchen Alpen fommt und jich bei Lorch, einer jett wüſten Stadt, in die Donau ergießt, in einer Entfernung von etwa zwei Tagereijen vom Inn, der einjt Noricums Grenze bildete. Dieſes Land num zwiſchen Inn und Enns ri Kaiſer Friedrich damals von Baiern los, ſchlug es zu Defterreich und übergab es Markgraf Heinrich zu dauernden Beſitz. Das übrige Baiern, vom Inn bis zum Led) fich erjtredend, gab er Heinrich, dem Enfel Lo— thars zurüd. Und damit e8 nicht jchiene, al3 ob einer der Streitenden vor dem anderen einen Vorzug erhielte, jchaffte er die Bezeihnung „Markgrafichaft“ ab und erhob das Ge— biet von Dejterreich zu dem höheren Rang eines Herzogthums; und das Land jelbjt jtattete er in bevorzugter Weiſe mit be— deutenden Privilegien aus. Es dürfe angemefjen fein, jie an diejer Stelle einzureihen; es find folgende!:
So oft ein römischer Kaiſer einen Kriegszug gegen Die Ungarn ausjchreibt, joll ihm der Herzog von Defterreich zwölf Ritter, welde einen Monat im Feldlager dienen, zuſchicken; von allen übrigen Laften joll er frei fein. Zum Lehensem— pfang braucht er nicht aus dem Lande Defterreich hinaus zu gehen, es jei denn, daß er e3 aus freien Stüden thue. Wenn der Kaiſer auf dreimalige jchriftlihe Muthung Hin die Be—
1) Freiere, wenngleich inhaltlih richtige Wiedergabe des Privilegtum Majus. ©. Battenbad a.a.D., wo man auch die Frage der Echtheit diejes und der folgen: ben von Aeneas aufgeführten Privilegien erörtert findet. Ueber die Zeit der Fälſchung der Privilegien handelt Huber in den Sigungdberichten der Wiener Akademie von 1860. Aeneas ift Zeuge ber Beftätigungsurfunden Kaiſer Friedrichs III vom 6. Jar. 1453 geweien.
44 Kollar 33—34. Die öſterreichiſchen Privilegien.
fehnung verweigert, ſoll er auch jo als rechtmäßiger Reichs— fürjt gelten. Wird er aus irgend einer Urjadhe vor ein kaiſer— fihe8 Gericht geladen, jo ſoll er durchaus nicht zur Folge verpflichtet fein. In Defterreih fol der Kaiſer feine Lehen haben!. Wenn irgend ein anderer dajelbit Zehen beſitzt, jo joll er diejfe von dem Landesherzog nehmen. Wer dem ent» gegen Handelt, ſoll derjelben verluftig gehen, und wenn fie nicht Eigenthum der Kirche find, follen fie dem Herzog anheim- fallen. Kommt es vor, daß irgend welche Prozefje gegen den Herzog von Defterreich angejtrengt werben, jo foll ein von ihm aus feinen Vaſallen Ausgewählter Richter fein. Zum Zwei— fampf herausgefordert, darf der Fürſt von Oeſterreich an jeiner Statt bejtellen, wen er will, ausgenommen jedoch einen Ehr— (ofen. Was ein Solcher in feinem Herrſchaftsgebiet eingerichtet oder angeordnet hat, fann weder der König noch der Kaiſer umjtoßen. Gtirbt einer von ihnen ohne Hinterlafjung männ- liher Nachkommen, jo erhält die ältefte Tochter das Herzog— thum. Für den Fall jedoh, daß mehrere Söhne am Leben find, jollen die Uebrigen dem Aeltejten Gehorjam leiften und dejjen erjtgeborner Sohn fol wieder das Erbe überfommen. So lange noch directe Nachkommen Heinrich vorhanden find, joll das Fürſtenthum unter feinen Umftänden an ein anderes Gejchlecht übergehen und nie foll e8 eine Theilung erleiden. Wer dem Herzog Nadjitellungen bereitet, fol wie ein Maje— jtätsverbrecher bejtraft werden. Gegen alle, welche ihm Scha— den zugefügt haben, müfjen die jeweiligen Kaifer Krieg führen, jolange, bis jene Genugthuung geleiftet haben. So oft der Herzog don Oeſterreich vom Kaifer fein Lehen empfängt, muß er den Mantel, wie er Fürſten zufommt, tragen, ferner den Fürſtenhut mit der Zinfenfrone; zu Pferde hat er den Fürjten- tab in der Hand. Für die von ihm PVerurtheilten giebt es 1) Statt „‚sinito‘‘ bei Kollar tft „sunto‘ zu leſen.
Kollar 34. Die öfterreihifchen Privilegien. 45
keine höhere Anftanz. Juden und Wucherer dürfen joviele, als es dem Herzog beliebt, in Oeſterreich wohnen. Sobald der Öfterreichifche Fürft an den Hof des Kaiſers kommt, er- hält er feinen Sit unter den erzherzoglichen Palatinen. Auf jeden Fall aber muß er zumächjt nach des Reiches Kurfürſten rechts vom Kaiſer den erjten Plab einnehmen. Stirbt er ohne Kinder oder legitime Erben, jo joll das Fürſtenthum der in feinem Tejtamente eingejeßte Erbe erhalten.
So bedeutende Privilegien übertrug Kaiſer Friedrich, der Erfte dieſes Namend, auf die Herzöge von Oeſterreich! und ſpäter hat fie deſſen Enkel Friedrich IL beftätigt und noch ver— mehrt?. Bor diejen hat auch Kaiſer Heinrid IV, der Sohn Heinrichs III, dem Markgrafen Ernſt von Defterreich, der, wie wir berichtet, bei den Sachſen umgefommen ijt?, Urkunden aus- geitellt*, in denen die Privilegien des Julius Cäſar und Claudius Nero ungefähr in folgender Weife wiedergegeben werden. Julius hat nämlich jeinem Oheim, den er nicht nennt, das Diterland zu Lehen aufgetragen und dabei bejtimmt, daß diefer und feine Nachfolger im Rathe des Kaiferd die Bedeutung haben follen, daß ohne fie nichts erledigt werden könnte, was num freilich Doch al3 eine unbequeme und Täftige Beitimmung eriheinen dürfte. Darauf beſchenkt Nero das Diterland mit dauernder Unabhängigkeit, und verhängt über alle Bedränger dejielben den Bann des römischen Reiches. Indeß ift es er: wiejen, daß diefe Urfunden erdichtet und erlogen find, aus- gebedt von einem weniger gelehrten, al3 vielmehr böswilligen Kopf. Es ift eine Meinigfeit, feine Angaben zu widerlegen 5. denn wer hat das Wort „Lehen“ oder „Bann“ bei jenen
N) Angeblich 1156 Septbr. 17. — 2) 1245 im Juni. Wattenbach a.a.D. ©. 117.
S. oben S.32. — +) 1058 Dctober 14. Wattenbach ©. 108—110,
°) Und bo war, wie Wattenbad a. a. D. ©. 82 bemerkt, Aeneas Zeuge, als Baijer Friedrich 1453 Januar 6. die obenerwähnte Urkunde Heinrichs IV, in welcher de Privilegien Julius Cäfars und Neros enthalten find, beftätigte. Wahrſcheinlich
46 Kollar 35. Heinrichs Kloftergründungen.
Kaifern der grauen Vorzeit nennen hören? Wer unter den Römern hat das als das „Djterland“ bezeichnet, welches jebt Deiterreich genannt wird? Für die Römer liegt dieje Gegend im Norden und bei den Alten Hatte fie nicht den Namen Deiterreich, jondern galt al3 ein Theil von Panonnien und Noricum, wie oben angeführt ift!. UWeberdieß jagt Heinrich, die Privilegien der Kaiſer ſeien in der Sprade der Heiden abgefaßt gewejen und er ſelbſt habe fie erjt in die lateinische Sprache überjegen lajjen. Zweifellos eine wunderbare und höchſt glaubwürdige Geſchichte! Briefe römischer Cäſaren jollen deutjche Kaiſer erjt ind Lateinifhe haben übertragen lafjen. Als ob die Lateiner barbarifch, die Barbaren aber lateinifch iprächen! Und was ſoll man dazu jagen, daß er verfichert, Julius habe jenes Privileg im erjten Jahre feiner Herrichaft ertheilt? Iſt es doch allgemein befannt, daß Julius Cäſar fich nie des königlichen Titel3 bedient hat; diefer war den Römern verhaßt! Aus diejen Gründen möchte ich daher glauben, da die Briefe Heinrich entweder geradezu verfäljcht find, oder diefer Fürſt durd feines Kanzlers Leichtfertigkeit getäufcht wurde. Die Friedriche und die Uebrigen, die nad) Jenem regiert haben, thun, wenn fie die Freiheitöbriefe für Oeſterreich außftellen, diejer Urkunden mit feinem Worte Erwähnung.
Heinrich) nun, der dieſe Privilegien erworben hat, gründete, jobald er fi) des Friedens erfreuen durfte, das berühmte ſo— genannte Schottenklofter bei Wien? und räumte demfelben be- deutende Güter ein. In Ddiefem wurde die Objerbanz der Klojterregel lange Zeit mit großer Strenge eingehalten. Eine ganze Anzahl Mönche hat jih Hier durch gottgefälligen Wandel und hervorragende Gelehrjamkeit ausgezeichnet. Aber
hat er e8 damals nicht gewagt, jeine Bedenken offen zum Ausdrud zu bringen. Dieje Partie unſeres Geſchichtswerles ſchrieb er ald Gardinal in Italien, da mochte er fih unabhängiger von faiferliher Gunjt fühlen. — 1) ©. oben ©. 127.
2) 1158 rejp. 1161. ©. Meiller, Regeften der Babenberger unter den betr. Jahren
Kolar 35—36. Das Scottenflofter in Wien. 47
wie in allen übrigen Dingen, jo überfam auch jchließlich die Menihen bezüglich) des religiöjen Eifer ein gewifjer Ueber- druß. Findet man doc überhaupt Feine Neligion, die die Sapungen der erjten Gründungszeit ohne Veränderung treu bemahrte. Als daher bei den Schotten der Eifer für ein gott- jeliged Qeben erfaltet war, warfen fic) die Mönche dem Luxus in die Arme und in Kurzem waren die reichen Schäbe des Kofterd aufgezehrt. Und bis zu einem ſolchen Grade ftieg bier die Armut, daß faum acht Mönche, den Abt eingefchlofien, in dem Kfofter ihren Unterhalt finden fonnten, in dem früher ſechzig reichlich Nahrung gefunden hatten. Ya, es fam joweit, daß, nahdem alle übrigen Güter zum Pfand gegeben waren, ſchließlich auch die große Glode im Thurm unter der Be- dingung einem jüdischen Wucherer verpfändet wurde, daß, wenn jie einmal der Abt an Feittagen läuten laſſen wollte, er für jeden Schlag dem Gläubiger eine Silbermünze, die man böh— mühe Grofchen nennt, zahlen mußte. Aber auch dazu fehlte den üppig Lebenden das Geld, weshalb denn jelbit am Djfter- feit, an dem es ſonſt Brauch war, die Glocke nicht geläutet wurde und das Klofter gleihjam jtumm erjchien. Als die Bürger: Ihaft fragte, was das Schweigen zu bedeuten hätte, da fam dann jchlieglich das Abkommen zwifchen dem Juden und dem Abte an den Tag. Nun wurde die Sache an die Oberen ge draht, der Abt entfernt und ein anderer eingeführt. Das KHofter ſelbſt wurde allmählich reformirt. Unter Albert endlich), dem Vater des Ladislaus, von dem noch feiner Zeit berichtet werden wird 2, gelangte es wieder zu feinem früheren Zuftand.
!) Dieje Notiz bezieht fich offenbar auf den Auszug des Abtes Thomas mit den Rönden von irländifcher Nationalität im Auguſt 1418 aus dem Stlofter, durh deren Mißwirthſchaft daffelbe jehr verarmt war. Es wurde nunmehr mit deutſchen Ordensbrüdern beſeht und fein Woßlftand hob ſich mit der Zeit wieder. Bergl. Hormayr, Wien und feine Geſchicke III, 3, ©. 90.
®) Dazu ift Aeneas nicht mehr gelommen, er erzählt nur Albrechts Tod; j. unten.
Geſt. I, 8.
Geſt. I, 1 f,
48 Kollar 36—37. Die Gedichte der Staufer.
Heinrich aber jchied hochbetagt, mit Hinterlafjung eines Sohnes Leopold, des Fünften dieſes Namens unter den öſterreichiſchen Füriten, in ein beſſeres Jenſeits.
Da nun einmal die Rede auf die Friedriche gekommen ift, deren Ruhm faſt bei allen Nationen ein bedeutender iſt und deren Name einen hellen Klang hat, wird es nicht unange- mefjen fein, über die Herkunft derjelben an dieſer Stelle, wo wir die Geſchichte der Herzoge von Defterreich fchreiben, Die doc mütterlicherjeitd von jenen abjtammen, zu berichten. Die lateiniſchen Schriftjteller nämlih, welche über die Friedriche ſchreiben, berühren deren Abſtammung nicht. Uns aber jcheint e3 der Mühe wert zu fein, den Urjprung einer jo bedeutenden Yamilie zu überliefern.
Zu den Zeiten Kaiſer Heinrich III (IV) ! gelangte Friedrich von der Burg Stauphen, die in Schwaben gelegen ift, ein waderer und in den Waffen geübter Mann, zuerjt aus diefem Gefchlechte zu einer rühmlichen Stellung, wenngleich auch feine Vorfahren ihon die Grafenwürde beffeidet hatten. Als er an den faijer- fihen Hof fam, jtand er in den beiten Jahren und es ging ihm bereit3 ein Ruf voraus. Nachdem er bedeutende Helden- thaten im Kriegshandwerk verrichtet hatte, ward er vornehmlich bon Heinrich gern herangezogen, mochte es fi) um ein Friege- riiches Unternehmen oder Friedensvermittelungen handeln. Eben damals bejtand heftige Feindſchaft zwiſchen dem römischen Bi- ihof Gregor VII und Heinrid. Denn Gregor verjuchte, Hein- rich, den er aus der Gemeinjchaft der Gläubigen ausgefchlofien, auch der Würde als NeichSoberhaupt zu entjeßen. Dagegen
1) Aeneas legt von bier an wieder Dtto von Freifing feiner Darftellung zu Grunde und zwar „Die Thaten Friedrichs‘ (Geſta) I Kap. ı ff.
Kollar 37—38. Die Geſchichte der Staufer. 49
hatte nun Heinrih aus Stalien, Deutfchland und Frankreich eine große Zahl don Biſchöfen und Fürſten zujammenberufen, die Wahl Gregord umzuftoßen, da fie gegen den Befehl des Kaiferd gejchehen wäre und es jchließlich durchgeſetzt, daß Erz- biſchof Guibert von Ravenna in Haft zum römijchen Biſchof erhoben wurde und den Namen Clemens ſich beilegte!. Her— zog Rudolf von Schwaben aber, der auf Gregor? Macht: “n.Lt. fpruch Hin die Kaiferwiirde angenommen hatte, war bereits in einem Treffen, das er den Anhängern Heinrich& geliefert hatte, gefallen ?, und Schwaben Hatte deſſen Schwiegerfohn Berthold®, der ebenfall3 unter den Edlen Alemanniend berühmt war, in Beſitz genommen. Diefer ergriff muthig die Partei feines, wenngleich gejtorbenen, Schwiegervaterd gegen Heinrih. Ihn num zu unterwerfen, dazu erjchien Friedrich dem Kaiſer unter Geſt. I, 8. Allen allein im Stande, da er eine hervorragende Erfahrung im Kriegshandwerk Hatte und überdies in Schwaben mächtige Freunde zählte. Er räth ihm daher in einer Verfammlung feiner vertrautejten Rathgeber zu einem Einfall in Schwaben. Und damit er diefen mit um jo größerem Muthe und Zuver— fiht unternähme, verlobte er ihm jeine einzige Tochter mit Namen Agnes und bemilligte ihm als Mitgift das dem Lehn- recht nad) dem Reich heimgefallene Herzogthum in Schwaben. Er zog denn auch fjofort mit Heeresmacht gegen den Yeind, ichlug Berthold in mehreren Treffen und nöthigte ihn inner- halb weniger Tagen, um Frieden zu bitten‘. Dieſen erhielt er unter der Bedingung, daß er ganz Schwaben bis auf die berühmte Stadt Thuregum (Zürich) Friedrich überließ. Einige meinen, daß Thuregum für Duregum zu nehmen fei, weil es
V Elemen® III 1080 Juni auf der Synode zu Briren.
2) 1080 October 15. in der Schladht bei Hohenmölſen.
9) Berthold I von ARähringen.
9 Berthold ſchloß Frieden mit dem Staifer zu Unfang 1098,
Geſchichtſchr. d. deutſch. Vorz. XV. Jahrh. 2. Bd, 1. Thl. 4
50 Kollar 38. Die Geſchichte der Staufer.
einft als Grenzitadt zweier Reiche von zwei Königen regiert jei, von dem von Arelat und dem von Deutichland.
Die herrliche Stadt liegt an einem anmuthigen See. Den aus diefem austretenden Fluß nennt man heutzutage die Lim— mat, einige ältere Schriftjteller bezeichnen ihn als Lemannus und meinen, daß don ihm Alemannien den Namen führe. Diejen jtimmt Dtto von Freifing zu, indem er die Verſe des Zucan! hierher zieht:
„Sie verließen die Zelte, errichtet am tiefen Lemannus.“
Andere glauben, daß der Genfer See, den die Rhone durch— fließt, Lemannus genannt worden jei. Ihnen jchließt ſich Gio- vanni Boccacio an, dem auch wir beiftimmen, wie gleichfalls Julius Cäſars Commentarien? dafür fprechen, in denen Die Grenzen der Helvetier folgendermaßen bejcdhrieben find: „Bon der einen Seite durch den breiten und tiefen Rhein, der das Gebiet der Helvetier von dem der Germanen jcheidet, auf der anderen Geite durch das hohe Juragebirge, das fi auf der Grenze zwijchen dem Gebiete der Sequaner und Helvetier hin- zieht; auf der dritten Geite durch den Lacus Lemannus und den Rhonefluß, welcher unjere Provinz von Helvetien trennt.“
Friedrich aber, nachdem er die ausgedehnte und reiche Herr- ſchaft Schwaben erlangt, bewältigte ringsumher die benachbarten Stämme, und jchenkte damit der ihm untergebenen Bevölkerung die erwünjchte und fichere Ruhe. Und nachdem er dann noch mit Agnes zwei Söhne, Friedrid) und Conrad, gezeugt hatte,
Geſt. 1,9. jegnete er das Zeitliche 3. Die verwittwete Agnes aber heirathete den Markgrafen Leo— Seit. 1,10. pold von Oeſterreich, dem fie, wie erwähnt, eine zahlreiche und edle Nachkommenſchaft gebar. Ihr Sohn Friedrich ftand, al3 der Vater begraben wurde, im fünfzehnten Jahre,
1) Phars. I, 396. — ?) De bello Gallico I, 2. — 9) Er jtarb 1105. 9 Siche oben ©. 36.
Kollar 39. Die Geſchichte der Staufer. 51
Conrad war zwei Jahre jünger. Damald war gerade Hein-
ri III (IV) in Lüttich, einer Stadt Belgiens, gejtorben! und
fein Sohn Heinrich IV (V) Hatte die Kaiferwürde übernommen,
der, von Herrſchſucht entflammt, jogar mit dem Vater um die Chron.
Kaiferkrone geftritten hatte. Diefer hatte nun zwar, fo lange 1
jein Vater noch am Leben war, mit der Kirche im Einver-
ſtändniß gelebt und ſich den religiöfen Vorjchriften gefügt, als
jener jedoch gejtorben und er nun allein an der Spibe des
Reiches jtand, da lenkte auch er in die väterlichen Spuren ein.
Denn es iſt das durchaus feine nothwendige Yolge, daß eine
durch Schlechte Mittel erlangte Herrichaft nun von guten Grund-
fügen aus geleitet wird. Heinrich lehnte ſich gegen die Kirche
auf; er, der an feinem Vater in der jchändlichjten Weije ge:
handelt Hatte, wollte auch nicht als ein guter Sohn gegen feine
Mutter erjcheinen. Er wurde daher vom römijchen Bijchof
ercommunicirt? und gerieth, da die Großen de3 Reiches ihn
im Stich ließen, in Mißachtung; und nicht eher vermochte er
fein Eaijerliches Anjehen wieder herzuftellen, al3 bis er fich vor
einer VBerfammlung der Fürjten in Worms mit der Kirche aus—
geföhnt und die Inveſtitur der Bijchöfe, um die fi) der Streit
handelte, dem Bapfte Calixt II zugeitanden Hatte?. Als Legat
war an ihn abgeordnet gewejen der Cardinal der römischen Kirche
Lambert, der Calixt jpäter folgte und Honorius genannt wurde. Aber bevor fih noch Papſt und Kaijer über das Concordat
geeinigt hatten, zu der Zeit, wo alle Uebrigen den Kaiſer im
Stiche gelafjen, Hatte Friedrich in umerjchütterliher Treue Seit. I, 12
bei feinem Oheim ausgehalten. Da er Erfahrung im Kriegs—
handwerk hatte, und allgemein für einen jehr verjtändigen Mann
galt, überdies auch mit dem Geld nicht zu geizen ſchien, jo
hatte er bald die Blüthe der gejammten deutjchen Ritterjchaft
2) 1106 Auguſt . — 9 1119 von Ealirt II. 3, Im Wormjer Eoncordat 1122 September. Vergl. Ehron. VII, 16.
4*
Geſt. I, 18. 1117
52 Kollar 39—40. Die Geſchichte der Staufer.
um fich gefammelt, und nachdem er gegen die Feinde des Kai— fer mehrere glüdliche Treffen geliefert, hatte er die ganze Ge— gend, welche zwiſchen Mainz und Bajel zu beiden Seiten des Rheins Liegt und in der vorzüglich die Stärke des deutſchen Reiches beruhte, dem Oheim wieder unterworfen. Und an jo viel geeigneten Punkten hatte er zum Schuß des Reiches Bur- gen erbaut, daß es unter der Bevölkerung jener Gegend zum Sprihwort wurde: „Wo aud Friedrich hinziehe, im Schweif ſeines Rofjes führe er eine Burg mit!“
Darnach überzog er den Erzbiſchof Albert von Mainz mit Krieg. Denn auch diefer hatte ſich, wie billig, mit der römi— ihen Kirche gegen den Kaiſer erklärt?. Friedrich verwüſtete zunächjt die Ländereien im Umkreiſe, dann ſchloß er die Stadt Mainz jelbjt mit feinem Belagerungdheer ein. Der Erzbiſchof aber, ein Schlaufopf und Meijter im Trugfpiel, bittet, da er fih immer heftiger bedrängt fieht und dem Wolfe nicht recht traut, um Waffenjtillitand zur Beilegung der Streitigkeiten und bejtimmt Tag und Ort, an dem er ſich dem Kaiſer jtellen werde. Man fommt unter diefer Bedingung überein, die Be— lagerung wird aufgehoben, Friedrich entläßt fein Heer und be— giebt fi) mit wenigen ©etreuen, nichts Böſes ahnend, auf den Heimweg. Aber wer wird feinem Feinde Treue halten? Der Erzbiichof ſammelt eine- Schaar von Rittern, rüdt eilends vor und fällt Friedrich unverjehens feindlih an. Diefer dagegen in der Erfenntniß, daß feine Rettung ausſchließlich auf feiner Kühnheit beruhe, ermahnt feine Begleiter, der Kürze der Zeit entiprechend, mit wenigen Worten und wendet fich in heftigem Angriff und mit noch größerem Born gegen die Feinde. Lange kämpfte man mit Heftigfeit. Auf beiden Seiten fielen
1) Selbſt dieſe geflügelten Worte bat Aeneas verändert. Dito von Freiſing: Dux Fridericus in cauda equi semper trahit castrum. Aeneas dagegen: Frideri- cum quocunque iret in cauda equi castellum portare.
2) Ein Zufah des Aeneas.
Kollar 40—41. Die Gejhichte der Staufer. 53
die rüftigften Kümpen; unter ihnen fand aud der berühmte Graf Emicho ! den Tod. Aber ſchließlich wankte die Schaar der Mainzer und ergriff die Flucht. Friedrich ſetzte den Fliehen- den bis an die Thore der Stadt nach, immer die Hinterjten niederhauend, und nachdem er fo eine ganze Anzahl gefangen und getödtet hatte, kehrte er nad) Haufe zurüd. Die Mainzer aber konnten nur mit Mühe an der Ermordung Erzbiichof Alberts, durch deſſen Treulofigfeit fie in die größte Gefahr ge- fommen waren, verhindert werden.
Niht lange danad) jedoch unternahm es der Mainzer Erz- Geſt. I, 14. biihof wieder?, mit Zuziehung des Herzogs Lothar von Sach— 1116 jen, des jpäteren Kaiſers, und mit Unterftüßung vieler anderer Fürften, die Stadt Limburg im Gebiet von Speier?, die zu Kaifer Heinrich hielt, zu erobern. In diefer Stadt war ein angejehenes und reiches Klofter, und in demfelben unterirdijche Gänge und ganz verborgene Schlupfwintel, in welchen die Mönche eine große Menge Nahrungsmittel verborgen hielten, aus Furcht, es möchte fich die Belagerung allzu lange hin— ziehen, und dann die Bewohner der Stadt, nachdem fie ihre Vorräthe aufgezehrt, zu ihnen fommen. Und was fie ängjtlich bejorgt hatten, traf ein. Ulrich von Horningen nämlich, ein ſchneidiger Kopf, der der Stadt und zugleich der Beſatzung vorſtand, als er merkte, daß die Städter arg von Hunger ge- quält wurden, ermahnte die Mönche zunächſt mit den eindring- lichſten Bitten, fie möchten Nahrungsmittel herausgeben. Als er dann aber fehen mußte, da man feiner nicht adhtete, indem jene vorgaben, fie hätten nicht3 für fich zu efjen, da erffärte er: „Wir unfererfeitS find nicht gewillt, durch Hunger oder das feindliche Schwert umzukommen, fo lange ihr Mönche noch vor-
!) von Leiningen, Bannerträger von Mainz. 2) ©. Hierzu die Einleitung zur Ueberſezung. ©. XXXII. ®) Limburg in der Hardt, bei Dürkheim,
54 Kollar 41—42. Die Geihichte der Staufer.
handen jeid, die wir eſſen fünnen. Liefert aljo zunächſt einmal den Feilteften unter Euch aus, fo nämlich) werdet Ihr durch Euer Martyrium den Himmel gewinnen, und wir, mit Eurem Fleiſche genährt, werden leicht Hülfe abwarten können.“ Durd) jolde Rede auf den Tod erjchroden, öffnete der Mönche Schaar die Speijebehälter. Dadurd fand die Kriegsmannſchaft für eine ganze Anzahl von Tagen Unterhalt und fonnte die Stadt ver— theidigen. Friedrich hatte nämlich inzwijchen ein ſtarkes Heer zujammengezogen und fam nun zur Stelle, griff die Belagerer an, tödtete eine große Zahl der Feinde oder machte fie zu Ge— fangenen, bemächtigte ſich des Lagers und befreite Die Belagerten. Diejer Sieg verhalf nicht nur Kaifer Heinrich zu einem erträg- liheren Abkommen mit der römijchen Kirche !, fondern war auch
die Haupturſache des Wiederaufblühens der Kaifermadt. Hein 1185 rich ſelbſt jedoch erkrankte nicht lange danad) in Utrecht, einer
Rat 23. Stadt Frieslands, und ftarb.
Get.L,16. Auf die Kunde davon famen die deutfchen Fürften nach —— Mainz zuſammen und wählten auf Anrathen Erzbiſchof Alberts Herzog Lothar von Sachſen zum Kaiſer. Dieſer war zwar auch ein hochherziger Mann und der Kaiſerkrone würdig, nur hörte er allzuviel auf die Einflüſterungen Alberts. Auf deſſen Anſtiften verfolgte er die Brüder Friedrich und Conrad mit unverſöhnlichem Haſſe und führte gegen ſie mit wechſelndem Glück einen zehnjährigen Krieg. Die Stadt der Noriker, die heute Nürnberg heißt, eine reiche und ſtark bevölkerte Stadt, war in den Händen Friedrichs und ſeines Bruders. Lothar ihloß fie mit einem großen Heere ein, verwüſtete das Ge— biet rings herum mit Feuer und Schwert, und da er fie im Sturm nicht nehmen fonnte, zog er die Belagerungsfette völlig
1127 dicht, in der Abficht, die Einwohner durch Hunger zur Ueber- gabe zu zwingen. In feinem Heere befand fih Herzog Hein-
1) Bufaß des Aeneas.
Kollar 422—43. Die Gejchichte der Staufer. 55
rih ? von Baiern, der Böhmen- Fürft Ulrich und außerdem viele Grafen und Edle des Reiches. Da jedoch dem Herzog von Böhmen aud eine große Schaar Barbaren gefolgt war, und Dieje, noch unbefannt mit der chriftlichen Religion, die ge- mweihten Kirchen anzündeten, ja ſelbſt die Reliquien der Heiligen mit Füßen traten, jo wurden die böhmischen Hülfsvölfer zurüd- geſchickt.
Sobald dies die Brüder Friedrich und Conrad erfahren weit. 1, 15. hatten, boten fie fofort Kriegsvolk auf, ermunterten zugleich durch Schreiben die Nürnberger und eilten, während Lothar gänzlih ohne Bejorgniß war, daß jene den belagerten Bürgern Entſatz bringen könnten, in Eilmärſchen vor die Stadt; und nachdem ſie jich durch Zeichen mit den Nürnbergern verftän- digt hatten, brachen fie von der einen, jene bon der anderen Seite in wilden Ungeftüm in das Lager der Feinde ein. In furzer Zeit hatten fie dasfelbe gänzlich zerjtört und verfolgten nun den fliehenden Kaiſer bis vor Würzburg. Unter den Mauern diejer Stadt lieferten jie den Anhängern Zothars einige ernite Treffen. Hierauf zogen fie über den Rhein und wurden in Speier mit offenen Armen aufgenommen. Denn dieje Stadt, 1128 da3 Andenken der Kaiſer, die in ihr begraben liegen, hochhal— tend, zeigte fi) immer allen denen Freund, welche den Kaijern mit Namen Heinrich ımerjchütterlichde Treue bewahrten. Fried— rih und Conrad wurden dann in diefer Stadt wieder bom Erzbiihof von Mainz beunruhigt und ſchließlich jogar förmlich belagert. Doc, von den häufigeren Ausfällen, die fie machten, fehrten fie niemal3 ohne Beute heim und zwangen jchließlic) den Feind mit Hinterlafjung feine Lagergeräthes zu jchimpf- liher Flut und gänzlicher Aufgabe der Belagerung ?.
Herzog Heinri von Baiern, der, wie berichtet, mit Lo— Geſt. I, 19.
1) Der Stolze. — 2) Weber bie fttliftiiche Ausihmidung des Berichtes feiner Duelle vergl. die Einleitung. S. XXXI.
1127 Herbit
Weit. I, 20.
56 Kollar 43—44. Die Gejchichte der Staufer.
thar vor Nürnberg in die Flucht gejchlagen wurde!, hatte zwei Kinder, einen Sohn, nad) ihm Heinrich benannt, und ein Mäbd- hen mit Namen Judith. Heinrich führte Gertrud, die Tochter Kaifer Lothard, als Gemahlin heim, Judith aber Heirathete eben unjeren Herzog Friedrih von Schwaben. Heinrich jedoch, fei es num, daß ihn fein verwandtichaftliches Verhältnig zum Kaiſer zur Ueberhebung veranlaßte oder daß ihn die Luft an= wandelte, die Scharte, die jein Vater auf dem Schlachtfelde vor Nürnberg davongetragen, auszuwetzen, jammelte dag Auf— gebot von ganz Baiern, zog ſonſt noch überall her Hülfstruppen an fi und fiel mit einem mächtigen Heer in Schwaben ein. Und fchon hatte er die Werniß, die ſich in die Donau ergießt, überjchritten, al3 ihm gemeldet wurde, daß Friedrich mit einem gleichſtarken Heere heranrüde. Bon beiden Seiten griffen die Mannſchaften zu den Waffen und rüſteten ſich Fampfbereit zur Schlacht. Aber Heinrich, voll trogigen Muthes, folange er den Feind noch nicht zu Geficht befommen, hatte, als er jeßt die flatternden Fähnlein Friedrich erkannte, in voller Beſtürzung nichts eiligeres zu thun, als fein Heil in der Flucht zu juchen. In eiligem Laufe kehrte er daher zum Fluß zurüd, und da es ihm zu lange dünfte, wenn die Truppen ſämmtlich über die Brüde zögen, befahl er, daß die Reiter durchſchwimmen jollten ; aber die Wernitz, die durch die legten jtarfen Regengüſſe an— geihwollen war, riß den größten Theil derjenigen, die ji in ihre reißenden Fluthen geftürzt hatten, mit fich fort?. Fried— rich ließ e8 ic) daran genügen, den Feind in die Flucht ge= ſchlagen zu haben und führte fein Heer zurüd.
Da nahm nun Heinrich, nachdem er gejehen, daß er mit den Waffen im offenen Kampfe nichts ausrichten Fonnte, zu
1) Ein Irrtum des Aeneas; es ift das nicht Heinrih IX, fondern Heinrih X der Stolze gewejen, eben der Gemahl der Gertrud, der Toter Lothars. 2) Webertreibung des Aeneas; feine Quelle fagt davon nichts.
Kollar 44. Die Gejchichte der Staufer. 57
Hinterhalt und Lift feine Zufluht. Er war alemannijchen Urſprungs, aus der altberühmten Familie der Welfen. Daher bejaß er eine Anzahl Städte in jenen Gegenden, wo die Höhen der italienischen Alpen an Alemannien angrenzen. Heinrich be— gab ſich alſo hierhin, und ermahnte Friedrich mit dringenden BVorten, nicht ferner mehr dem Kaifer Feind zu fein. Es ſei jedem Fürften und jelbft dem mächtigiten, jo führte er aus, ſchwer, e8 mit ded Reiches Macht aufzunehmen und gegenüber einer jo gewaltigen Kriegsmacht Stand zu halten. Ungern ehe er den Untergang eines Mannes, der feine Schweiter zur Frau babe, der, aus edlem Blute entjprojjen, durch jeine Thaten feinen Ruhm nod erhöht habe; er werde ihm die Gunſt Lo- thars auswirken, wenn er zur Unterredung in das Kloſter, Bwifalten genannt, fommen wolle. Friedrich vertraut darauf, daß jeiner Gattin Bruder der Eidſchwur heilig fei und begiebt fh ohne Die geringjte Bejorgniß dor irgend einem Hinterhalt an der Spibe von nur wenigen Begleitern an den verabredeten Ort‘ den Uebrigen hatte er befohlen, ihm erſt am nächſten Tage zu folgen. Tief in der Nacht aber, als Friedrich bereit3 jchlief, kommt plößlic Heinrich mit einer außerlefenen Schaar von Rittern an, dringt in feindjeliger Abſicht in das Hoster ein und ftürmt in voller Haft auf Friedrich Schlaf: gemah zu. Beſtürzt jpringen die Mönde auf, werden Friedrichs Begleiter und fordern fie zum Tode erjchroden auf, daß fie ihren Herrn retten möchten. Es giebt einen unge— heuren Tumult; die erjten, die von Friedrich Gefährten in Heinrih8 Hände fallen, werden niedergemeßelt. Friedrich, aus dem Schlafe aufgejchredt, erkennt jofort die Größe der Gefahr denn der Feind hielt bereit8 die Thüre zum Gemach be- jeßt. Während er jedoch umhertappt, ungewiß, was er thun, wohin er ſich wenden joll, findet er ſchließlich einen ganz ge— heimen Zugang, durch den er in die Kirche gelangt; von da
58 Kollar 45. Die Geſchichte der Staufer.
jteigt er oben auf den Glodenthurm Hinauf, in der Hoffnung, daß er hier bis zum Sonnenaufgang fein Leben vertheidigen fünne, da der Aufitieg jteil war und nur Raum für einen Mann bot. Heinrich dagegen, nachdem er in das Gemach ein- gedrungen und Friedrich nicht gefunden hatte, ließ alle Zellen und Gelafje der Mönche erbrechen und drohte den weinend da— ftehenden Mönchen mit gezüdtem Schwerte mit dem Tode, wenn fie nicht ihren Gaſt auslieferten. Inzwiſchen aber, als der Tag bereit3 graute, näherte ſich Friedrich! Reiterſchaar, der er ihm zu folgen befohlen hatte, dem Kloſter. Als diefe Friedrih vom Thurme aus erblict hatte, da rief er Heinrich von der Luke au an und ſprach zu ihm folgende Worte:
„Im Bertrauen auf Deine Zuverläffigkeit, Heinrich, bin ich hierher gefommen. Statt ald Schwager, bit Du mir als Feind entgegengetreten, und gegen Necht und gute Sitte han— delnd, Haft Du Dich der Abftammung von Deinen berühmten Eltern ummwürdig gezeigt. Diefer Tag hat Dih um Deinen ehr- lihen Namen gebracht; ganz Deutjchland wird Dih von nun an als einen Eidbrüchigen meiden. ch könnte Dir den ver— dienten Lohn für Deine verbrecheriichen Abfichten heimzahlen, wenn ich wollte. Denn dort find meine Ritter, die die Strafe für Deine Verrätherei an dir vollziehen könnten. Aber es ijt befjer, daß Du ewig daran denfit, daß du durch den gerettet bift, den Du Iiftiger Weife tödten zu Können geglaubt haft.“ Als er das gehört, war des Bleibens für Heinrich nit mehr und er entfloh erjchredt aus dem Kloſter. Von da ab war jein Ruhm bei den Deutjchen dahin, wenn auch noch einige ihn zu vertheidigen wagten, die der Meinumg waren, daß des Neiches Majeftät auch durch Zug und Trug ‚gewahrt werden müſſe und denen jener Ausſpruch Virgils? vortrefflih paßte: „ — v v Trug oder Tugend, wer forfht da noch lange beim Feinde ?“ 1) Vergils Aen. II, 390.
Kollar 45—46. Die Geſchichte der Staufer. 59
Richtiger jedoch dürfte es fein, den Satz aufzuftellen, daß man au; dem Feinde den Eid halten muß.
Doc kehren wir wieder zu Friedrich und Conrad zurücd. Leßterer, welcher bereit3 von einigen Fürjten zum König bon Ehren. Deutjchland defignirt, nach Ztalien gezogen und dort vom Erz. Y e. biſchof Anſelm!, der diejerhalb feiner Würde entjeßt wurde, ge 1135 frönt war, hatte von dort, ohne viel ausrichten zu können, zu- Juni 29. rüdfehren müfjen. Beide waren dann von Honorius, weil fie ſich wider Kaiſer Lothar aufgelehnt hatten, exrcommunicirt wor- den. Nachdem fie jedoch theild dadurch, daß fie ſelbſt ſchwere Niederlagen erlitten, theil3 dadurch, daß fie foldhe ihren Geg- nern beigebracht hatten, das römische Neich bedeutend geſchwächt batten, wurden fie jchließlich durch die Intervention des hei- Esron. ligen und überaus gelehrten Mannes Bernhard, des Abtes des in Kloſters Clairvaur?, der damald die hriftlihen Könige gegen die Schaaren der Türken und Saracenen zur Befreiung des heiligen Landes unter die Waffen zu bringen verjuchte?, mit dem Kaiſer ausgejöhnt und erhielten vom Bapfte die Abjolution.
Hierauf zog Lothar, der nicht lange zuvor aus Stalien zurüdgefehrt war, wiederum dahin und führte Conrad mit fidh, 1136 desgleihen feinen Schwiegerfohn, den Herzog Heinrih von Baiern. Mit deren Hülfe unterwarf er fich nicht nur die Lon— gobarden, jondern befiegte auch Roger von Sicilien, gegen den chron. er auf Bitten des Papftes ind Feld gezogen, in einer Schlacht, YIT 20. jagte ihn in die Flucht und nahm demfelben mehrere Städte in